Sechs angebliche Klimasünden, die du trotzdem bedenkenlos begehen kannst

Dein Auto ist ein alter Benziner, deine Geräte sind immer auf Standby und dein Geschirr räumst du am liebsten in die Spülmaschine? Halb so wild: Diese Dinge sind nicht so schlimm fürs Klima, wie sie klingen.

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Sep. 20 2018, 5:00am

Bild: Shutterstock || Dusche: Olly || Auto: Vladyslav Starozhylov || Steckerleiste: rtbilder || Collage: Motherboard

Wer im Netz nach Alltagstipps gegen den Klimawandel sucht, bekommt schnell ein schlechtes Gewissen. Klar, wer will schon gern ein Klimasünder sein, der aktiv dazu beiträgt, dass unser Planet zu einem weniger lebenswerten Ort mit Stürmen, Dürren und Überschwemmungen mutiert? Andererseits: Müssen wir jetzt alle so schnell wie möglich einen energiesparenden Kühlschrank kaufen – und sollten wir ernsthaft bei Geräten auf Standby den Stecker ziehen?

Die schlechte Nachricht: Unterm Strich müssen wir tatsächlich weniger Treibhausgase produzieren. Sie entstehen zum Beispiel bei der Fleischproduktion in der Landwirtschaft, beim Flug in den Urlaub, beim Heizen und Autofahren. Die gute Nachricht: Einige Klimasünden stellen sich bei näherer Betrachtung als gar nicht so schlimm heraus. Motherboard hat sechs verpönte Gewohnheiten recherchiert, die du guten Gewissens beibehalten kannst.

1. Einen alten Kühlschrank verwenden

Ein Kühlschrank läuft 24 Stunden am Tag und verbraucht deshalb jede Menge Strom, und natürlich brauchen alte Modelle sehr viel mehr Strom als neue. Trotzdem müsst ihr euch allein deshalb keinen neuen Kühlschrank kaufen und den alten entsorgen. Denn das würde der Umwelt mehr schaden als nützen.

Die Herstellung eines Kühlschranks ist für die Umwelt nämlich deutlich belastender als der Betrieb. Forschende der Schweizer Agentur für Energieeffizienz haben ermittelt: Ein Fünftel der Energie, die ein Kühlschrank im Laufe seines Lebens verbraucht, stammt aus der Herstellung. Es lohnt sich also, auch einen weniger sparsamen Kühlschrank so lange zu behalten, bis er zu alt ist.

Genau das gilt für viele Elektrogeräte: Wenn sie noch gut funktionieren, ist es besser, sie nicht übereifrig auszutauschen. Wenn es dann doch Zeit für einen neuen Kühlschrank wird, sollte er aber die beste Energieklasse haben: A+++. Auch wenn die Energieklasse A+ gar nicht so übel klingt, verbrauchen Geräte mit A+ schon mehr als doppelt soviel Strom. Kühlschränke der Klasse A und schlechter dürfen sogar gar nicht mehr neu verkauft werden. Ab 2019 wird übrigens die Energieskala durch eine neue EU-Regelung vereinfacht.

2. Geräte auf Standby lassen

Auf Standby verzichten und den Stecker ziehen: Diesen Tipp hat wohl jeder schonmal gehört. Prinzipiell lässt sich damit immer noch Strom sparen. Aber die Zeiten sind wohl vorbei, in denen allein für die Standby-Funktion von Geräten in Deutschland die Energie von bis zu zwei großen Kraftwerken nötig ist. Denn die EU erlaubt Geräten im Standby-Modus inzwischen nur noch einen sehr geringen Stromverbrauch: Im Jahr 2010 war es 1 Watt, seit 2013 ist es nur noch ein halbes Watt.

Wer noch eine Hifi-Anlage oder einen Plasma-Fernseher aus dem letzten Jahrzehnt benutzt, kann sich zum Energiesparen also durchaus eine Steckerleiste mit An- und Ausschalter besorgen. Aber ansonsten sind Geräte auf Standby bei Weitem nicht das Wichtigste, um das du dich fürs Energiesparen sorgen musst.

3. Ein altes Benzin- oder Diesel-Auto fahren

Wenn du noch einen alten Benziner fährst, solltest du dir genau überlegen, wann du auf ein Elektroauto umsteigst: Denn der CO2-Ausstoß eines Elektro-Autos ist nach Zahlen des Umweltministeriums zwar etwas niedriger als der eines Benziners – aber in etwa vergleichbar mit dem eines Autos, das auf Hybrid, Diesel oder Gas setzt. Das liegt unter anderem daran, dass die Hälfte des Stroms in Deutschland noch immer durch Kohle, Gas und Öl gewonnen wird. Erst wenn sich das ändert, werden Elektroautos in Deutschland klimafreundlicher.

Es ist also grundsätzlich eine gute Idee, ein Elektro-Auto zu kaufen. Aber nur, wenn du sowieso ein neues Auto anschaffen musst. Denn fast die Hälfte des durchschnittlichen CO2-Ausstoßes eines Elektroautos geht bei der Herstellung drauf. Fürs Klima kann es also sehr wohl besser sein, die alte Karre zu fahren, bis sie wirklich Schrott ist. Grundsätzlich gilt: Am meisten Energie sparst du, wenn du gar kein Auto nutzt, sondern Fahrrad, Bus oder Bahn fährst.

4. Eine Spülmaschine verwenden

Häufig ist es eine gute Idee, die Arbeit von Hand zu erledigen und ganz auf energiehungrige Geräte zu verzichten – Wäschetrockner sind hier ein gutes Beispiel. Bei der Spülmaschine ist es aber anders. Für eine Studie der Universität Bonn haben die Forscher 200 europäische Haushalte beim Spülen beobachtet und den Energieverbrauch gemessen. Das Ergebnis: Die Spülmaschine ist effizienter und verbraucht 28 Prozent weniger Energie, jedenfalls wenn man sie richtig benutzt. Das heißt: Teller nicht vorher von Hand abspülen, kein Vorspülprogramm wählen, die Spülmaschine immer voll beladen und das Abflusssieb regelmäßig reinigen.

Das Greenpeace-Magazin kritisierte die Studie und kam zu dem Schluss, dass Menschen durchaus ähnlich energiesparsam abwaschen können wie eine Spülmaschine. Dafür müsstest du Greenpeace zufolge Folgendes tun: Du solltest das Geschirr nicht unter fließendem Warmwasser abspülen, sondern zuerst die Essensreste über dem Mülleimer wegkratzen. Dann füllst du zwei Becken, eines mit warmem Wasser zum Waschen und eines mit kaltem Wasser zum Spülen.

Auf diese Weise bist du demnach ähnlich sparsam wie eine Spülmaschine – musst aber auch viel Zeit in den Abwasch investieren. Dem Klima kann es ungefähr egal sein, immerhin vermeidest du Geschirrspül-Tabs und Klarspüler. Das Fazit: Spülmaschinen sind besser als ihr Ruf. Und von Hand abzuspülen ist wohl nur dann klimafreundlicher, wenn du in einem Single-Haushalt lebst und die Spülmaschine nicht wirklich voll kriegst.


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5. Viel Wasser verbrauchen

Für den Klimaschutz, kommt es nicht darauf an, wie viel Wasser du verbrauchst – sondern wie viel Wasser du erhitzt. Denn vor allem beim Erhitzen wird Energie benötigt und CO2 freigesetzt. Eine lange, heiße Dusche ist also nicht sehr gut fürs Klima. Eine kalte Dusche dagegen kannst du endlos ausdehnen, ohne dich um die Erderwärmung zu sorgen.

Auch mit Blick auf die Wasserversorgung gibt es in Deutschland wenig Grund zum Sparen, denn es ist genug vorhanden. In Südspanien oder Kalifornien mag das anders aussehen. Aber nach einer Recherche des Bayerischen Rundfunks ist übermäßiges Wassersparen in Deutschland sogar schädlich, weil Abwasserrohre nicht mehr ausreichend durchspült werden und zu wenig Wasser in den Klärwerken landet.

Langfristig könnte sich die Situation möglicherweise ändern, denn durch den Klimawandel werden besonders trockene Sommer wie der von 2018 wahrscheinlicher. Es könnte also sein, dass auch in einigen Regionen Deutschlands das Wasser in Zukunft knapp wird. Noch ist es in Mitteleuropa aber im Überfluss vorhanden und ihr könnt an heißen Sommertagen bis zum Umfallen mit dem Gartenschlauch herumspritzen.

6. Milch trinken

Es mag viele ethische Gründe geben, gänzlich auf tierische Produkte zu verzichten. Klimafreundlich ist es aber nicht unbedingt. So basieren viele Milch-Ersatzprodukte etwa auf importiertem Soja; und der massenhafte Soja-Anbau ist in Entwicklungsländern mit verantwortlich dafür, dass fürs Klima wertvolle Wälder in Ackerflächen verwandelt werden. Zugleich kann eine maßvolle Viehwirtschaft durch grasende Kühe für humusreiche Böden sorgen, die wiederum viel CO2 speichern.

Ein Latte Macchiato belastet das Klima also nicht unbedingt mehr als einer aus Soja-Milch. Wer maßgeblich CO2 sparen möchte, kann einfach seinen Fleischkonsum herunterfahren – denn im Vergleich zu Fleisch ist Milch schon fast ein Klimaretter. In einer schwedischen Studie hat Kuhmilch im Vergleich zu Soja- und Hafermilch sogar die beste Klimabilanz, wenn man den sehr viel höheren Nährstoffgehalt in der Gesamtrechnung berücksichtigt.

Wer aktiv etwas tun will, um den Klimawandel aufzuhalten, muss also nicht um jedes Watt im Stromverbrauch kämpfen – es reicht, auf ein paar wirklich relevante Klimasünden zu achten.

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