Heißzeit statt Eiszeit: Warum sich unser Planet gerade radikal verändert

Uns bleiben nur 10 bis 20 Jahre, um das Ruder herumzureißen. Das schreiben Klima-Forschende in einer neuen Studie – und erklären, wie wir das am besten schaffen.

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Aug. 8 2018, 8:00am

Bild: Shutterstock

Diesen Sommer leiden zahlreiche Regionen auf der Welt unter einer besonders drückenden Hitzewelle. Durch die hohen Temperaturen und dadurch entstehende Waldbrände sind sogar schon viele Menschen gestorben. Die vergangenen drei Jahre waren die heißesten, die je aufgezeichnet wurden – und 2018 wird das nicht ändern. Was wir in den nächsten 10 bis 20 Jahren machen, wird entscheidend dafür sein, ob unser Planet bewohnbar bleiben wird oder sich weiter in Richtung "Hothouse Earth", einer Treibhaus-Erde, entwickelt. Mit diesem Begriff bezeichnen Wissenschaftler das Worst-Case-Szenario der Erderwärmung in einer neuen Studie.

Der Klima einer Treibhaus-Erde sähe so aus: Die globale Durchschnittstemperatur ist vier bis fünf Grad Celsius höher als heute. In Regionen wie der Arktis sind es sogar zehn Grad mehr. Der Meeresspiegel ist um 10 bis 60 Meter gestiegen, weil der Großteil des weltweiten Eises geschmolzen ist. In vielen einst bewohnten Regionen der Erde kann niemand mehr leben. So steht es in einer Studie von US-Forschenden, die vor Kurzem in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht wurde.

Im Pariser Klimaabkommen haben sich die führenden Politiker der Welt darauf geeinigt, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu beschränken, indem weniger CO2 ausgestoßen wird. Das sei aber nicht genug, um die Entwicklung zu einer Heißzeit abzuwenden, sagt Johan Rockström, Mitautor der Studie und Geschäftsführer des Stockholm Resilience Centres. "Die globale Temperatur wird nicht nur durch von Menschen verursachten CO2-Ausstoß beeinflusst", erklärt er. Auch natürliche Ökosysteme wie Wälder oder Ozeane würden eine große Rolle spielen.

Wie Kettenreaktionen die Erde nur noch mehr aufheizen könnten

"Wenn die globale Erwärmung einen Temperaturanstieg um zwei Grad Celsius verursacht, könne das einen sogenannten Kipppunkt auslösen und die Erwärmung noch stärker vorantreiben", sagte Rockström im Gespräch mit Motherboard. Das heißt, eine durch zwei Grad Celsius bedingte Änderung in Ozeanen und Wäldern könnte den Planeten in einem zweiten Schritt radikal verändern. Zum Vergleich: Die aktuellen Hitzewellen und Waldbrände lassen sich Forschern zufolge aktuell dadurch erklären, dass die globale Durchschnittstemperatur bereits um nur ein Grad Celsius gestiegen ist.

"Wir müssen innerhalb der nächsten zehn Jahre zu verantwortungsbewussten Erdbewohnern werden"

In der Studie haben die Forschenden mehrere schwer berechenbare Reaktionen des Ökosystems untersucht. Eine davon ist das Auftauen von Regionen, die sich bisher im Dauerfrost befanden. Dauerfrost betrifft fast ein Viertel des Erdbodens auf der Nordhalbkugel. Wenn davon große Bereiche auftauen, könnte das den Forschenden zufolge große Mengen an Kohlenstoff und Methan freisetzen und die Erderwärmung beschleunigen.

Eine andere Reaktion der Umwelt auf die Erderwärmung: Durch Dürren könnten große Waldflächen wie etwa der Amazonas-Regenwald verschwinden. "Solche Kipppunkte können einen Dominoeffekt auslösen. Ein Kipppunkt führt dann automatisch zum nächsten", erklärt Rockström. Die Folgen ließen sich dann schwer aufhalten.

"Wir müssen innerhalb der nächsten zehn Jahre zu verantwortungsbewussten Erdbewohnern werden, denn uns steht die größte Bedrohung der weltweiten Sicherheit bevor, die es überhaupt gibt", warnt Rockström.


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Es ist nicht bekannt, wie warm das Klima werden muss, bis eines der beschriebenen Szenarien eintritt. Eins steht aber fest: Je höher die globale Durchschnittstemperatur, desto größer ist das Risiko. "Es gibt allerdings auch gute Nachrichten, denn wir wissen, wie man die Entwicklung hin zur Treibhaus-Erde aufhalten kann", sagt Katherine Richardson von der University of Copenhagen, auch sie ist eine Mitautorin der Studie. "Wir besitzen das nötige Wissen und auch die nötigen Fähigkeiten. Es liegt in unserer Hand."

Die Forschenden benennen drei Wege aus der Klima-Krise

Das Forschungsteam benennt drei Lösungswege. Im kommenden Jahrzehnt sei es zunächst am wichtigsten, dass wir den CO2-Ausstoß massiv reduzieren und unsere Energiesysteme so schnell wie möglich von Kohlenstoff befreien. Diese Entwicklung läuft bereits, da umweltfreundlichere Alternativen wie Wind- oder Solarenergie in vielen Teilen der Welt schon günstiger sind als fossile Energie.

Als zweites müsse der Fokus darauf liegen, dass wir nicht mehr die Wälder abholzen, um etwa neue Ackerflächen zu erschaffen. Wälder und andere Naturgebiete gleichen derzeit etwa ein Viertel unseres CO2-Ausstoßes aus. Dieser Wert müsse weiter nach oben gehen. Drittens raten die Forschenden zu Technologien, mit denen wir CO2 aus der Atmosphäre entfernen und sicher einlagern können. Diese Technologien stehen aber noch am Anfang und sind voraussichtlich sehr teuer.

Ein paar dieser Bemühungen klappen auch schon, obwohl sich noch immer einige Regierungen dieser Welt beim Thema Klimawandel querstellen. Viele Menschen, Gemeinden und Unternehmen hätten begriffen, dass wir handeln und unseren negativen Einfluss auf die Erde einschränken müssen, erklärt Richardson gegenüber Motherboard. Mehrere US-Bundesstaaten, Städte und Organisationen, die miteinander mehr als die Hälfte der US-Wirtschaft ausmachen, haben sich bereits zu einer Koalition zusammengeschlossen, um die Pariser Klimaziele zu erreichen – unabhängig von US-Präsident Donald Trump, die den Klimawandel schon als Hirngespinst bezeichnet hatte.

Warum Feminismus auch gegen den Klimawandel helfen könnte

Die Co-Autorin der Studie Diana Liverman sieht in der weltweiten Emanzipation von Frauen einen weiteren Schritt, um den Klimawandel aufzuhalten – wenn auch durch ein paar Zwischenschritte. Die Argumentation: Sobald Frauen weniger fremdbestimmt leben und beispielsweise problemlos verhüten könnten, würden im Durchschnitt weniger Kinder geboren. Sobald die Weltbevölkerung dadurch weniger wächst, würden weniger Ressourcen benötigt, weniger Nahrung, weniger Äcker, weniger abgeholzte Wälder.

Wenn man die Entscheidungsfreiheit von Frauen unterstützt, könne das die Bevölkerungszahl der Welt stabilisieren, so die Wissenschaftlerin in einem Interview. "Wir dürfen uns jetzt aber nicht selbstgefällig zurücklehnen", sagt Liverman. "Wenn wir nicht die nötigen Schritte einleiten, haben wir schon bald sehr große Probleme".

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