Warum es ein Fehler ist, dass Hersteller ihre Laptops immer schlanker machen

Die Performance von Laptops ist im Alltag oft geringer als die Hersteller versprechen – weil sie sich zum Schutz vor Überhitzung automatisch drosseln. Dabei gibt es für das Problem eine einfache Lösung.

von Owen Williams; Übersetzt von Sandra Sauerteig
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27 Juli 2018, 9:07am

Bild: Apple

Vergangene Woche hat Apple das neue MacBook Pro 15 herausgebracht und erntete sofort viel Kritik. Denn das Gerät, das dank optionalem i9Core so leistungsstark wie nie zuvor sein soll, drosselt die Leistung sobald es unter hoher Auslastung zu heiß läuft – und diese hohe Auslastung ist erschreckend schnell erreicht.

Vor allem ein Video des YouTubers David Lee wurde viel diskutiert. Im Video demonstriert Lee, dass man die von Apple beworbene Leistung offenbar nur erreichen kann, wenn man das MacBook Pro im Tiefkühler aufbewahrt. Apple hat bereits auf die Kritik reagiert und ein Firmware-Update angekündigt, dass das frühzeitige temperaturbedingte Drosseln mindern soll. Doch auch diese Maßnahme wird das grundsätzliche Problem der immer dünner werdenden Laptops nicht beheben können, das auch die Geräte anderer Hersteller betrifft.

In den letzten Jahren haben sich unsere Erwartungen an Computer geändert: Inzwischen sollen auch die anspruchsvollsten Aufgaben wie Videobearbeitung, Software-Entwicklung und professionelles Gaming mit Laptops erledigt werden können. Laptops können inzwischen Erstaunliches leisten, wie beispielsweise Virtual-Reality-Videos abspielen oder animierte Grafiken rendern. Doch diese Weiterentwicklung hat unser Verständnis davon verzerrt, was "Performance" eigentlich bedeutet.

Wieso die Performance von neuen Laptops automatisch gedrosselt wird

Desktop-Computer sind in den letzten zehn Jahren zunehmend unbeliebt geworden. Das haben wir auch großen Unternehmen zu verdanken: Statt jeden Arbeitsplatz mit einem festen Desktop auszustatten, erhalten die Mitarbeitenden Laptops, die sie an jedem Sitzplatz und natürlich auch unterwegs nutzen können.

Doch viele anspruchsvolle Aufgaben benötigen eigentlich die Leistungsstärke eines Desktops, die Laptops auf absehbare Zeit nicht werden erreichen können. Das Problem ist vor allem auf Wärme zurückzuführen: Es gibt bei Laptops zu viel davon und nicht genug Raum, um sie loszuwerden.

Das Problem wird dadurch verstärkt, dass viele Hersteller, allen voran Apple, immer schmalere Laptops herstellen, die besonders stylisch aussehen sollen, aber noch weniger Platz für Kühlsysteme haben. All das führt dazu, dass wir uns zwar neue, teure Technik kaufen, aber auf Performance verzichten.

Hersteller tricksen, indem sie Laptops mit der maximalen Performance anpreisen

Nicht nur die Geräte von Apple leiden unter dem sogenannten Thermal Throttling, also dem Drosseln der Leistung bei hohen Temperaturen. Jeder Laptop stößt irgendwann an sein Temperaturlimit und wird zu seinem Schutz gedrosselt. Doch welche Auswirkungen das hat, hängt von verschiedenen Faktoren wie der Form und den Kühlsystemen ab.


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Wenn man auf der Suche nach einem neuen Laptop ist, merkt man schnell, dass Hersteller wie Apple mit Begriffen wie "Turbo Boost" oder "bis zu 4,8 GHz" werben, ohne prominent zu erklären, was das bedeutet. Die Prozessorgeschwindigkeit von 4,8 GHz, mit der Apple etwa für das 15-inch MacBook Pro wirbt, hört sich zwar sehr hoch an – ist aber lediglich die Höchstgeschwindigkeit, die der Prozessor nur unter bestimmten Bedingungen erreicht.

Wenn ihr beispielsweise Fortnite spielt, fordert das Spiel eine höhere Performance und der Prozessor wird versuchen, seine Arbeitsfrequenz graduell zu erhöhen bis die maximal mögliche Performance erreicht ist. Wo dieses Maximum liegt, wird dadurch bestimmt, wieviel Power euer Gerät hat und wie es mit Wärme umgehen kann. Hier fangen die ersten Probleme an: Laptops laufen schnell heißt, weil sie relativ dünn sind und daher wenig Platz haben, um die Wärme durch etwa Lüfter zu senken.

So könnt ihr das Temperatur-Maximum eures Laptops ermitteln

Wo das Temperaturmaximum liegt variiert von Chip zu Chip. Intel bezeichnet diesen Grenzwert als "TCC-Aktivierungstemperatur". Diese Einstellungen können nicht verändert werden und sind für den Nutzer nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Auch die detaillierten Produktbeschreibungen von Intel lassen diesen Wert aus.

Abhängig davon, welchen Laptop ihr nutzt, kann der Wert unterschiedlich sein. Mit Tools wie HWInfo for Windows könnt ihr prüfen, wann die TCC-Aktivierungstemperatur bei eurem Gerät eintritt. Bei den meisten Laptops ist das der Fall, wenn über einen längeren Zeitraum Temperaturen von 26 bis 32 Grad Celsius erreicht werden. Die Grenze kann aber auch deutlich darunter liegen. Das bedeutet, dass euer Gerät früher langsamer wird, wenn es sich aufheizt.

Wer ein MacBook Pro hat, kann diesen Vorgang mit dem kostenlosen Tool Intel Power Gadget nachvollziehen. Der YouTuber Linus Sebastian hat mit diesem Tool entdeckt, dass das Gerät ab etwa 32 Grad seine Leistung drosselt, gerade mal 20 Minuten nachdem es ausgepackt wurde. Wenn man einfach nur ein bisschen im Netz surft, ist die Grenze wahrscheinlich nicht so schnell erreicht. Aber wenn ihr das Gerät auch nur für eine kurze Zeit einer hohen Belastung aussetzt, werdet auch ihr gedrosselt werden.

Wie der Schlankheitswahn der Laptop- Performance schadet

Thermal Throtteling ist bei Laptops üblich, gibt aber Grund zum Ärger, wenn Hersteller wie Intel die im Alltag nutzbare Performance durch gut klingende Worte wie "Turbo Boost" oder "Quad Core" überhöhen. 4,2 GHz hören sich schnell an, aber wenn man am Ende ständig gedrosselt wird, nützen sie einem wenig.

Die Drosselung macht sich zum Beispiel dadurch bemerkbar, dass Games ihre Framerate nicht mehr halten können oder es wesentlich länger dauert, Videos zu rendern. Das ist der Grund, warum Gaming-Laptops so riesig aussehen: Sie brauchen unter anderem mehr Platz für Lüfter.

Apples Streben, iPhone und MacBook immer dünner zu gestalten, wirkt sich demnach negativ auf die Produkte aus. Die neue Hardware ist zwar auf dem Papier die bisher leistungsstärkste, kann dieses Potenzial aber kaum entfalten.

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Das MacBook Pro von Innen | Screenshot: YouTube | iFixit Video

Ein Blick ins Innere des 2018er MacBook Pro, wie oben im Bild von iFixit zu sehen, macht das Problem deutlich: Jeder Zentimeter des Geräts ist mit Hardware vollgepackt, die die kleinen Lüfter kühlen müssen. Bei etwas dickeren Laptops, die eine ähnliche Leistung wie das 2018er MacBook erbringen, ist die thermische Verlustleistung etwas besser, wie beispielsweise beim Dell XPS 15.

Warum unser Wunsch nach schlanken Laptops ein Problem ist

Auch wenn Laptop-Hersteller diese Einschränkungen kaum transparent machen, liegt ein weiteres Problem bei den Erwartungen vieler Laptop-Nutzer. Ob Software-Entwicklerinnen oder Filmemacher, viele verlangen, dass anspruchsvolle Arbeitsprozesse auf besonders dünnen Laptops erledigt werden können – obwohl eigentlich nur Desktops dafür optimal geeignet sind.

Heute erscheint es uns wohl fast absurd, einen klobigen PC-Tower unter den Schreibtisch zu stellen, wenn selbst das Smartphone in der Tasche ein kleiner Computer ist. Windows- und Linux-Nutzer können sich ihre eigenen PCs zusammenstellen, wenn sie mehr Leistung benötigen. Doch macOS-Fans haben keine Alternative zu Apples Produktstrategien.

Das sind besonders für Apple-Fans mit hohen technischen Anforderungen schlechte Nachrichten. Da es in nächster Zeit wohl keine neue Version des Mac Pro geben wird, ist das einzige Gerät, dass nicht unter Throtteling leidet, der hochpreisige iMac Pro.

Es gäbe natürlich noch eine andere Möglichkeit: Größere Laptops. Wenn Apples Zielgruppe die professionellen Nutzer wären, könnte der Konzern das Design des dickeren MacBook Pro von 2015 wieder aufgreifen. Durch den zusätzlichen Platz im Gehäuse und ein paar Verbesserungen beim Prozessor könnte die Hardware, die beim neuesten MacBook verwendet wird, ausreichend gekühlt werden und höhere Leistungen erbringen. Doch es sieht Apple wohl eher nicht ähnlich, zu einem alten, vergleichsweise klobigen Design zurückzukehren.

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