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Mario Rönsch wird nach der Wohnungsdurchsuchung von ungarischen Beamten abgeführt. Auf unsere Frage, ob er Migrantenschreck und Anonymous.Kollektiv betrieben habe, antwortet er nicht | Bild: Michael Körner | Motherboard

Mutmaßlicher Betreiber von Migrantenschreck und größter deutscher Hetzseite festgenommen

VonDaniel Mützel,Max HoppenstedtundSimon Hurtz

Ein 34-jähriger Erfurter soll zwei der wichtigsten rechtsextremen Online-Portale Deutschlands betrieben haben. Zwei Jahre lang versteckte er sich in Budapest vor der deutschen Polizei. Wir waren bei seiner Festnahme dabei.

Mario Rönsch wird nach der Wohnungsdurchsuchung von ungarischen Beamten abgeführt. Auf unsere Frage, ob er Migrantenschreck und Anonymous.Kollektiv betrieben habe, antwortet er nicht | Bild: Michael Körner | Motherboard

Mittwochmorgen 5:59 Uhr im vornehmen Budapester Stadtteil Pasarét: Spezialkräfte der ungarischen Antiterroreinheit TÉK stürmen eine Altbauwohnung im Haus mit der Nummer 4, keinen Steinwurf von der malaysischen Botschaft entfernt. Unmittelbar hinter den ungarischen Beamten mit kugelsicheren Westen folgen Ermittler des Berliner LKA. Denn der Verdächtige, der hier festgenommen wird, soll einer von Deutschlands meistgesuchten Rechtsextremen sein: Mario Rönsch. Es ist das Ende einer über zwei Jahre andauernden Jagd.

Nach Recherchen von Motherboard, NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung hält die Staatsanwaltschaft Berlin Rönsch für den Betreiber des rechten Waffenhandels "Migrantenschreck". Der Vorwurf: Rönsch soll in 193 Fällen Waffen an deutsche Kunden verschickt haben. In dem Online-Shop, der seine Waffen als "Verteidigung" gegen "Ficki-Ficki-Fachkräfte" bewirbt, deckten sich Hunderte Deutsche mit Schusswaffen ein. Die Berliner Staatsanwältin Susann Wettley spricht von einem "erschreckenden Ausmaß" der Waffenverkäufe, insbesondere weil Rönsch mit seinem Shop "scheinbar unbescholtene Bürger" erreicht habe.

Außerdem soll der 34-jährige Erfurter zwei der größten deutschen Hetzseiten betrieben haben: zunächst die berüchtigte Facebook-Seite Anonymous.Kollektiv, die mit rassistischen Posts und Verschwörungstheorien fast zwei Millionen Likes sammelte; später die Fake-News-Schleuder Anonymousnews.ru, deren Beiträge allein im Februar mehr als 400.000 Mal auf Facebook geteilt, gelikt und kommentiert wurden. Dass Rönsch tatsächlich hinter den Seiten steckt, dafür sprechen zahlreiche Indizien, die SZ und Motherboard vorliegen. Darunter Aussagen von Weggefährten, E-Mails und interne Screenshots aus dem Administratorenbereich von Anonymous.Kollektiv und Migrantenschreck.

Im Netz sind "Migrantenschreck" und "Anonymous.Kollektiv" allgegenwärtig, doch Rönsch selbst bleibt ein Phantom. Schon Anfang 2016 soll er untergetaucht sein und sich nach Budapest abgesetzt haben. Trotz der zahlreichen Beweise, die auch die Staatsanwaltschaft kennt, bleibt Rönsch jahrelang unbehelligt. Mehrfach wechselt er seitdem Adressen und narrt die deutschen Ermittler. Migrantenschreck soll in dieser Zeit Waffen im Wert von mehr als 100.000 Euro verkauft haben, Hunderttausende Deutsche lesen die rassistischen Falschmeldungen der Anonymous-Seiten.

März 2014: Mario Rönsch beginnt seine politische Karriere bei "Mahnwachen für den Frieden"

Mario Rönsch Festnahme Migrantenschreck Montagsmahnwache Erfurt
"Ich find's traurig, dass ich mittlerweile schon russisches Staatsfernsehen gucken muss, damit ich mich objektiv informieren kann." Mario Rönsch tritt im Mai 2014 auf einer der von ihm mitorganisierten Mahnwachen für den Frieden in Erfurt auf; später redet hier auch Jürgen Elsässer | Screenshot aus einem YouTube der Montagsdemo Erfurt

Im März 2014 tritt Mario Rönsch bei den sogenannten Montagsmahnwachen in Berlin als Redner auf. Hier versammelt sich Woche für Woche eine Mischung aus linken Friedensaktivisten, antisemitischen Verschwörungstheoretikern und Russlandfreunden – es ist der Beginn der Querfront-Bewegung, die in den folgenden Wochen in ganz Deutschland Anhänger findet. "Hallo, ich bin der Mario", ruft Rönsch ins Mikro vor dem Brandenburger Tor. Es folgt eine Wutrede gegen die US-amerikanische Geld- und Wirtschaftspolitik: "Früher war ich Banker, heute bin ich Vollzeitaktivist." Seine Zuhörer jubeln ihm zu.

Schnell entwickelt sich die Facebook-Seite Anonymous.Kollektiv (AK) zum Sprachrohr und zur wichtigsten Werbeplattform der sogenannten "Mahnwachen für den Frieden". Mit dem Hacker-Kollektiv Anonymous hat die Seite nur den Namen gemein. Nur vorgeblich geht es AK um Meinungsfreiheit und Protest gegen Internetzensur. Tatsächlich machen die Betreiber Stimmung gegen Flüchtlinge, Muslime und das "BRD-System". Zu diesem Zeitpunkt verzeichnet die Seite 400.000 Likes, später werden es knapp zwei Millionen sein.

Beamte der ungarischen Spezialeinheit TÉK bringen nach dem Zugriff die Ramme, mit der sie das Wohnhaus von Rönsch gestürmt haben, zurück zu ihrem Einsatzwagen | Bild: Michael Körner | Motherboard

Rönsch selbst bleibt im Hintergrund, offiziell will er nichts mit AK zu tun haben. Zu diesem Zeitpunkt achtet er noch penibel darauf, seine Rolle in der neurechten Szene geheim zu halten. Journalisten, die behaupten, Rönsch betreibe die Facebook-Seite, lässt er abmahnen. Motherboard und andere Medien kassieren Unterlassungserklärungen.

Die Vorgeschichte: Wie Mario Rönsch vor Gericht gegen Motherboard vorging

Ermittlungen gegen die Hintermänner verlaufen im Sande, weil die Behörden nicht wissen, wie sie die Administratoren der Seite ermitteln sollen. Nachdem der Grünen-Politiker Volker Beck Anzeige gegen den Seitenbetreiber wegen Volksverhetzung und Verleumdung erstattet, schreibt die Staatsanwaltschaft Erfurt Rönsch Anfang 2016 zur Fahndung aus – ohne Erfolg: Rönsch hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits nach Ungarn abgesetzt. Monate später wird Motherboard und der SZ ein Screenshot zugespielt, der den internen Administratoren-Bereich von AK zeigt. Einer der drei Namen dort: Mario Rönsch.

2015: Rönsch arbeitet mit dem Compact-Magazin zusammen und radikalisiert sich

Mario Rönsch drängt sich bei einer AfD-Demonstration im Oktober 2015 vor das Mikrofon von Dunja Hayali | Screenshot: ZDF Morgenmagazin

Lange bevor Rönsch auf dem Radar deutscher Ermittler auftaucht, arrangiert er eine lukrative Kooperation mit Kameraden aus dem rechten Spektrum. Im Jahr 2015 beginnt er für das islam- und fremdenfeindliche Compact-Magazin zu arbeiten, eine der wichtigsten Publikationen der Neuen Rechten. "Er kam als Fan zu uns, hat dann seine Hilfe angeboten und sich langsam reingearbeitet", sagt ein leitender Mitarbeiter aus dem dahinter stehenden Verlag, der viel mit Rönsch zu tun hatte. Rönsch unterstützt das Magazin als freier Mitarbeiter und steigt zum Verantwortlichen für das Online-Marketing auf. Regelmäßig bekomme er mehr als 1.000 Euro im Monat für seine Dienste überwiesen, bestätigen Compact-Kreise entsprechende im Netz veröffentlichte Screenshots. Nahezu täglich verbreitet AK jetzt auf Facebook Compact-Artikel und fordert Nutzer auf, Abos abzuschließen.

Währenddessen werden die Inhalte auf AK immer extremer. "Er hat sich immer weiter radikalisiert", sagt ein hochrangiger Compact-Mitarbeiter. Das zeigt vor allem ein neues Projekt von Rönsch. Anfang Mai 2016 wird der Webshop Migrantenschreck auf eine Erfurter Adresse und den Namen "Mario Roensch" registriert. Die Seite ruft offen dazu auf, die dort angebotenen Waffen gegen Flüchtlinge einzusetzen. Die Gaspistolen und -gewehre, die in Deutschland illegal sind, werden unter anderem als "Meinungsverstärker gegen rotzfreche Antifanten" beworben.

Mai 2016: Facebook sperrt Anonymous.Kollektiv, kurz darauf startet das Nachfolgeprojekt Anonymousnews.ru

Im Mai 2016 beendet Compact die Zusammenarbeit mit Rönsch, "weil wir jede Form von Gewalt in politischer Auseinandersetzung ablehnen". So schreibt es zumindest Compact-Chefredakteur Jürgen Elsässer in seinem Magazin. Warum es wirklich zum Bruch zwischen Compact und Rönsch kam, bleibt unklar. Ehemalige Weggefährten stellen Rönsch als schwierigen, egomanischen Typ dar, der seine Partner regelmäßig vor den Kopf stoße.

Zum Krach mit Compact kommt Ärger mit Facebook hinzu: AK wird auf der Plattform gesperrt, und der mutmaßliche Betreiber Rönsch verliert auf einen Schlag ein Millionenpublikum. Unmittelbar darauf startet als Nachfolgeprojekt Anonymousnews.ru (AN), ein Blog, der sich "als scharfes Schwert gegen die systematische Manipulation, Propaganda und Volksverdummung durch den politisch-medialen Komplex" versteht. Tatsächlich verbreitet die Seite Falschmeldungen, Rassismus und Verschwörungstheorien.

Auch ohne eigene Facebook-Präsenz wächst die Seite rasant und etabliert sich in der rechten Szene. Die teils dreist von anderen Medien kopierten, teils schlampig verfassten Texte finden dankbare Leser und verbreiten sich viral. Glaubt man den Angaben von AN, werden die Inhalte im Jahr 2017 mehr als 13 Millionen Mal aufgerufen, fast 4,5 Millionen Menschen sollen die Seite besucht haben. Angesichts der Resonanz in sozialen Medien scheint diese Zahl realistisch. Im Februar erzielte die Seite mehr Facebook-Interaktionen als Tagesschau, ZDF Heute oder die NZZ. Der Analysedienst Similarweb geht allein für diesen Monat von mehr als 1,4 Millionen Besuchen aus.

Mit solchen Posts bewirbt AN auf dem russischen Netzwerk VK das Angebot von Migrantenschreck. Parallel schürt die Seite Angst mit Gerüchten und Verschwörungstheorien | Screenshot: Facebook | Collage: Motherboard

Den Aufstieg von AN erlebt Rönsch in Budapest. Ob er nach Ungarn geflüchtet ist, weil er erfährt, dass nach ihm gefahndet wird, oder ob er schon immer mal an der Donau leben wollte, ist unklar. Fest steht: Rund 800 Kilometer von Erfurt und Berlin entfernt, wo Staatsanwälte gegen ihn ermitteln, scheint er sich vor dem Zugriff deutscher Behörden sicher zu fühlen. Er bezieht mit seiner Freundin eine herrschaftliche Wohnung, berichten Leute, die ihn in dieser Zeit besucht haben. Laut Staatsanwaltschaft besitzt Rönsch auch mehrere Grundstücke und Wohnungen in seiner neuen Wahlheimat.

Oktober 2016: Der Onlineshop "Migrantenschreck" verkauft zahlreiche illegale Waffen an besorgte Bürger

Eine der Waffen, die der Frankfurter Zoll im Januar bei Razzien sicherstellte | Bild: Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt

In Ungarn verdient der mutmaßliche Betreiber von Migrantenschreck an der Angst, die er verbreitet. Jahrelang hetzte Anonymous.Kollektiv gegen "kriminelle Flüchtlinge", regelmäßig warnt die Nachfolgeseite Anonymousnews.ru vor "vergewaltigenden Migrantenhorden". Wer sich von der Panikmache anstecken lässt, dem bietet Migrantenschreck seit Anfang Mai 2016 Waffen an. "Wenn Sie sich nicht gefallen lassen wollen, dass Ihre Stadt zum gesetzlosen Tummelplatz von Asylforderern wird, wenn Sie Ihre Frauen schützen und Ihre Fußgängerzonen zugänglich halten wollen – dann handeln Sie jetzt!", ruft der Waffenshop zum Kauf seiner Ware auf.

Menschen aus einem Dutzend Ländern, darunter Hunderte Deutsche, bestellen Gewehre, Pistolen, Revolver und Munition. Allein im Oktober 2016 setzt Migrantenschreck mehr als 35.000 Euro um. Das zeigt ein interner Screenshot des Webshops, der SZ und Motherboard vorliegt. "Brachiale 140 Joule Mündungsenergie befördern die 19,3 mm Hartgummigeschosse ohne Umwege ins Ziel und lassen jeden Angreifer alt aussehen", wirbt Migrantenschreck für das "Präzisionsgewehr Deluxe". Das reicht, um Menschen tödlich zu verletzen. Für die Kunden bedeutet das potentiell: Geldstrafe oder bis zu fünf Jahre Haft wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz. Die Ermittler glauben, dass dem Betreiber der Seite klar gewesen sei, wie gefährlich die Waffen sein können. "Dem Verkäufer war die hohe Energieleistung der Waffen und die damit einhergehende Gefährlichkeit aus unserer Sicht bewusst", sagt Staatsanwältin Wettley

"Einfach, schnell und diskret – das ist das Motto von Migrantenschreck", heißt es auf der Webseite. Einfach und schnell mag die Abwicklung sein, diskret ist sie nicht. Der Betreiber der Seite begeht schwere Fehler. Eine gravierende Schwachstelle gibt Dritten Zugriff auf die Datenbank der Bestellungen und Käufer, eine Passwortliste mit dem Namen "Zugangsdaten.txt" konnte zeitweise mit einer einfachen Google-Suche gefunden werden. Die Kundendaten gelangen in die Hände von mehreren Staatsanwälten und Verfassungsschützern.

Sie werden auch Journalisten zugespielt. Zeit Online und auch ein Rechercheteam von Motherboard und SZ besuchen ein Dutzend Migrantenschreck-Kunden in ganz Deutschland: Männer und Frauen, Junge und Alte, Arbeiter und Akademiker, FDP-Wähler und AfD-Mitglieder. Ein Ex-Polizist erzählt, er habe sich über die Seite einen Ersatz für seine Dienstwaffe besorgt. Eine alleinerziehende Mutter sagt, sie wolle mit der Waffe ihr kleines Kind vor Flüchtlingen schützen – obwohl sie noch nie schlechte Erfahrungen mit Zugewanderten gemacht habe. Einige sind wütend auf die Politik, andere fühlen sich benachteiligt, wieder andere sind verängstigt. Ein Kfz-Mechaniker aus dem Berliner Umland sagt: "Ich will ja keine Flüchtlinge töten. Es geht um einen Denkzettel."

Januar 2017: Die Polizei besucht Kunden von Migrantenschreck – kurze Zeit später bietet "Patriotenshop" die gleichen Waffen an

Anfang 2017 bekommen die ersten Besteller nicht nur Besuch von Journalisten, sondern auch von Uniformierten. Mehrere Razzien folgen, die Gerichtsverfahren laufen teilweise noch. Bis heute werden immer wieder Waffenkäufer verurteilt. Die Seite Migrantenschreck wählt indes einen Ausweg, der den meisten Kunden verwehrt bleibt: Sie verschwindet spurlos. Auf dem russischen Netzwerk VK postet Rönsch ein Foto, das ihn an der Schwarzmeerküste der Krim zeigen soll. Er grinst in die Kamera und kommentiert das Bild mit: "Viele Grüße aus Jalta! Merkel: Fuck u!"

Deutsche Ermittler halten das für ein Ablenkungsmanöver. Sie gehen davon aus, dass Rönsch Ungarn nie verlassen hat. Im Juli 2017 taucht ein neuer Waffenshop im Internet auf, der Migrantenschreck optisch ähnelt und die gleichen Waffen im Sortiment hat: Der "Patriotenshop" verspricht, Waffen "ohne bürokratische Hürden" unter anderem nach Deutschland verschicken zu können. Im Impressum ist eine noble Züricher Adresse angegeben, vor Ort findet man jedoch weder Klingelschild noch Briefkasten. Die Seite ist bis heute online.

An dieser noblen Adresse in Zürich soll 'Patriotenshop' laut Impressum seinen Sitz haben. Vor Ort finden sich allerdings keinerlei Hinweise auf die Seite | Bild: Max Hoppenstedt

Auch AN verbreitet bis zuletzt weiter fremdenfeindliche und antisemitische Inhalte. In einem Newsletter behauptet die Seite, Flüchtlinge erhielten "Luxus-Häuser" und "die Juden" übernähmen die Macht im Kanzleramt, weil der ehemalige Goldman-Sachs-Banker Jörg Kukies nun als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium arbeitet. Außerdem fällt seit dem Bundestagswahlkampf auf, dass Rönsch im Kontakt zu AfD-Mitgliedern stehen muss. So verbreitete er etwa kurz vor der Bundestagswahl das im rechten Flügel der Partei nur im kleinen Kreis bekannte Gerücht, dass die inzwischen aus der AfD ausgetretene Frauke Petry im Kanzleramt vorstellig gewesen sei, um eine Spaltung der Partei vorzubereiten.

Der AN-Newsletter enthält auch Werbung für Bücher und andere Produkte aus dem Onlineshop des Kopp-Verlags. Es handelt sich um sogenannte Affiliate-Links aus dem Kopp-Partnerprogramm. Wenn Kunden über diesen Link bei Kopp bestellen, erhält AN einen kleinen Teil des Kaufpreises. Später verschwinden die Links, und AN behauptet, dass Kopp die Finanzierung beendet habe. Verleger Jochen Kopp bestreitet auf Anfrage, dass er oder der Verlag jemals "einen Newsletter von irgendjemand" finanziert hätten. Warum AN Kopp-Partnerlinks verbreitet, bleibt offen.

März 2018: Zugriff in Budapest

In diesem Wohnhaus im Budapester Stadtteil Pasarét fand der Zugriff statt. Auf der Klingel taucht der Name Rönsch nicht auf | Bild: Michael Körner | Motherboard

Im November 2016 fährt ein leitender Mitarbeiter des Compact-Magazins von seinem Büro im brandenburgischen Werder nach Berlin-Tempelhof. Nach eigenen Angaben packt er beim LKA Berlin ausführlich gegen Mario Rönsch aus.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss den Ermittlern klar sein, dass Migrantenschreck in großem Stil illegale und potenziell tödliche Waffen verschickt. Monate später beginnen in Deutschland die ersten Razzien gegen die Kunden, während der Verkäufer der Waffen weiter frei in Budapest herumläuft.

Warum es bei den Ermittlungen zu Verzögerungen kommt, erklärt die ermittelnde Berliner Staatsanwältin Susann Wettley unter anderem mit der abweichenden Rechtslage in Ungarn. Die Gaspistolen und -gewehre, die auf Migrantenschreck angeboten wurden, sind nach deutschem Waffenrecht verboten. In Ungarn dagegen kann man sie legal erwerben und besitzen. Migrantenschreck konnte die Ware bei der ungarischen Waffenschmiede Keserű kaufen und für das Doppelte anbieten, ohne mit dem ungarischen Gesetz in Konflikt zu geraten. Dass die Waffen massenhaft und mit enormem Gewinn illegal nach Deutschland weitervekauft wurden, war für die örtlichen Behörden lange Zeit kein Grund einzugreifen.

Mario Rönsch wird nach der Razzia von ungarischen Beamten abgeführt. Auf unsere Frage, ob er Migrantenschreck und Anonymous.Kollektiv betrieben habe, antwortet er nicht | Bild: Michael Körner | Motherboard

Am Ende werden Rönsch nicht nur seine mutmaßlichen Waffendeals zum Verhängnis, sondern wohl auch eine kreative Buchführung. Laut der Berliner Staatsanwaltschaft nutzt Rönsch mehrere Konten, um das Geld aus den Migrantenschreck-Verkäufen zu verschleiern. Da Wettleys Ermittlerteam nachweisen kann, dass die Einkünfte aus illegalen Quellen stammen, ergibt sich für die ungarische Staatsanwaltschaft zusätzlich der Verdacht auf Geldwäsche. Während Wettley akribisch weiter Beweise sammelt und bereits die Anklage vorbereitet, mobilisieren die ungarischen Kollegen vor Ort immer mehr Kräfte. Sie observieren Rönsch, folgen ihm bis in die Kleinstadt Barcs an der kroatischen Grenze, wo er ein Haus besitzt, schicken aktuelle Fotos von Rönsch per E-Mail nach Berlin, und versichern noch am Tag vor der Razzia: "Keine Sorge, wir haben ihn." Dann greifen sie zu.

Derzeit sitzt Rönsch in Untersuchungshaft in Ungarn und wird verhört. Die Anklageschrift der Berliner Staatsanwaltschaft ist bereits vorbereitet. Bei einer Verurteilung droht Rönsch für den Waffenhandel mindestens sechs Monate und höchstens fünf Jahre Haft. Bis er von Berliner Polizisten nach Deutschland zurückgebracht wird, dürften Wettley zufolge nur wenige Wochen vergehen. Ob sie sich Sorgen macht, dass bei der Auslieferung nach Deutschland etwas schiefläuft? Überhaupt nicht, gibt sich die Staatsanwältin siegessicher, und witzelt: "Wenn deutsche Behörden den Puigdemont ausliefern, können die Ungarn den Rönsch ausliefern."

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Update (28.3.2018, 11:35 Uhr): Wir haben den Text um weitere Zitate der Staatsanwältin ergänzt. Außerdem haben wir das Strafmaß, das Rönsch droht, hinzugefügt. In einer früheren Version des Textes hieß es, dass Rönsch 33 Jahre alt ist, tatsächlich ist er inzwischen bereits 34 Jahre alt.

Redaktionelle Mitarbeit: Silvio Duwe