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Zu Besuch bei den Kunden von Migrantenschreck

Drei Protokolle von drei sehr unterschiedlichen Hausbesuchen.

SZ.de und Motherboard veröffentlichen heute eine monatelange Recherche zu Migrantenschreck, jenem rechten Online-Shop, der seit Mai 2016 Schusswaffen in mehrere europäische Länder verschickt. Wir haben ein Dutzend Kunden der Website besucht, die unverhohlen dazu aufruft, ihre mit Hartgummikugeln bestückten Gaspistolen gegen „Asylforderer" und „Ficki-Fick-Fachkräfte" einzusetzen.

Manche Käufer haben sich nur zögerlich unseren Fragen gestellt, andere haben uns in ihre Wohnung gebeten, wieder andere haben uns die Tür vor der Nase zugeschlagen, sobald wir das Wort „Journalisten" nur erwähnten. Die Recherche soll helfen, die Beweggründe der Menschen zu verstehen. Warum bestellen sie Schusswaffen auf einer Seite, die offen zu Gewalt gegen Flüchtlinge aufruft?

Der Aufstieg und Fall von Migrantenschreck — Lest hier unsere gesamte Recherche zum rechten Waffenshop und wie Ermittler den Kunden schließlich auf die Schliche kamen

Die Käufer, die wir teils zuhause, teils am Arbeitsplatz antrafen, gaben unterschiedliche Motive an, weshalb sie ausgerechnet bei Migrantenschreck gekauft haben: Manche versuchten sich damit herauszureden, dass sie sich ausschließlich für die Waffen interessieren, andere wetterten in Wutbürger-Manier gegen die „Invasion der Migranten" und raunten von dem angeblich kommenden Bürgerkrieg in Deutschland. Wieder andere sprechen davon, ihre Familie vor Flüchtlingen schützen zu müssen – obwohl sie in ihrem Alltag noch nie Probleme mit Geflüchteten hatten.

Waffen, die bei einer Razzia gegen Migrantenschreck-Kunden beschlagnahmt wurden

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft präsentiert Ende Januar Waffen, die bei Razzien gegen Kunden von Migrantenschreck beschlagnahmt wurden

Neben unserer Recherche über den Betreiber und die Hintergründe der Ermittlungen, die gerade dafür sorgen, dass sich die Schlinge um den Shop enger zieht, veröffentlichen wir an dieser Stelle einige Protokolle von den Besuchen, die uns in den vergangenen Wochen in die brandenburgische Provinz, zu verschneiten Klempner-Betrieben und niederbayrischen Ingenieurbüros führten. (Wir haben die Gesprächsverläufe für die Protokolle zur besseren Lesbarkeit redigiert und gekürzt.)

Wutbürger mit KFZ-Werkstatt südlich von Berlin

Wie sind Sie auf Migrantenschreck aufmerksam geworden?

Na über die Waffen. Auf Facebook sieht man ja ständig solche Angebote. Die Waffen sind schon geil. Ich wollte welche haben.

Welche Waffen haben Sie gekauft?

Ich habe für knapp 1.400 Euro bestellt, aber beim Bezahlen gab es Probleme: Ich wollte per Nachnahme bezahlen, denn wer weiß, ob die Waffen nicht vom Zoll abgefangen werden. Aber der Shopbetreiber hat das nicht akzeptiert. Daher habe ich die Bestellung zurückgezogen. Ich werde mir auch keine Waffen mehr kaufen. Ich habe Pfefferspray, das reicht. Ich kann meine Familie selbst beschützen. Ich habe keine Angst.

Auf der Website von Migrantenschreck wird davon gesprochen, die Waffen gegen Geflüchtete einzusetzen. Aus welchem Grund wollten Sie dort bestellen?

Ich will ja keinen töten damit. Es geht darum, denen einen Denkzettel zu verpassen. Es gibt zwar kein Flüchtlingsheim hier in der Nähe aber wer weiß, wenn die mal hierher kommen und einbrechen. Da muss man vorbereitet sein. Es ist ja traurig, dass man sowas braucht. Ich hab' Frau und Kinder!

An wen denken Sie beim Thema Denkzettel?  

Ich will keine Menschen erschießen. Das Problem ist die Merkel. Es muss sich etwas ändern hier, sonst gibt's Bürgerkrieg. Wem ich meine Stimme bei der Bundestagswahl gebe, ist klar.

Wem denn?

Na der AfD!

Ihre Kinder sind dunkelhäutig. Fürchten Sie nicht, dass ein weiteres Erstarken der AfD nachteilig für sie sein könnte?

Es kommt immer wieder vor, dass meine Kinder wegen ihrer Hautfarbe Probleme bekommen. Sowas trifft mich natürlich auch. Aber die Invasion von Migranten, die wir hier gerade erleben, ist etwas anderes. Deutschland wird momentan überrannt von Flüchtlingen. Die Medien berichten nicht, was wirklich passiert. Das wichtigste für mich ist Frieden. Deswegen brauchen wir auch gute Beziehungen zu Russland. Putin ist ein besonnener Führer. In Russland gibts nämlich auch andere, viel radikalere Kräfte. Nur Putin kann die zurückhalten.

Alleinerziehende Mutter aus München

In Ihrem Nachttisch liegt eine „Migrantenschreck MS55 Lady". Warum?

Damit fühle ich mich sicherer.

Wovor fürchten Sie sich?

Dass uns jemand von denen überfällt. Mein Kind ist noch so klein, wir können uns doch nicht wehren.

Wer ist denn „jemand von denen"?

Einbrecher, Kriminelle … Flüchtlinge.

Haben Sie schon mal schlechte Erfahrung mit Flüchtlingen gemacht?

Ja nee, ich nicht. Aber man hört und liest das ja ständig. Von Freunden, auf Facebook und so. Also dass die Frauen überfallen und angrapschen. Vergewaltigen. Das jagt mir schon Angst ein.

An den Klingelschildern hier im Haus stehen mehrere Namen, die ausländisch klingen. Haben Sie vor Ihren Nachbarn auch Angst?

Ach was, das sind alles ganz liebe Leute. Und mein Ex-Freund, der ist auch Türke. Also nicht der Vater meines Kindes, ein anderer. Ich hab ja auch gar nichts gegen Ausländer, wenn sie sich hier ordentlich benehmen. Und dass die Menschen fliehen, wenn zuhause Krieg ist, das verstehe ich schon. Aber dann sollen sie sich bitteschön auch integrieren.

Gibt es viele Flüchtlinge, die sich nicht integrieren wollen?

Na klar! Da müssen Sie doch nur mal ins Internet schauen. Da können Sie das überall nachlesen.

Was für Seiten lesen Sie da denn so?

Das ist nicht so wichtig. Darum geht es ja auch nicht. Medien. Journalisten, die ehrlich recherchieren. Und Facebook.

Der Landarzt aus Brandenburg

Wie haben Sie von der Website erfahren?

Ich habe einen meiner Patienten gefragt: Angenommen ich will eine Waffe bestellen, wie mache ich das? Der Patient meinte, über das Darknet. Ich sagte ihm, davon verstehe ich nichts und fragte ihn, ob er eine Alternative kenne. Ja, sagte er, da gebe es diese Internetadresse Migrantenschreck. Ich habe dann die Seite besucht und gesehen, dass man sich da alles Mögliche heraussuchen kann.

Warum haben Sie sich überhaupt eine Waffe bestellen wollen?

Der Grund war einfach der, dass ich mal herausfinden wollte, wie leicht oder schwer es ist, in Deutschland eine Waffe zu besorgen. Jetzt weiß ich: Es war wirklich extrem leicht, die zu bekommen. Der Seitenbetreiber hat nicht nach einem Altersnachweis gefragt, auch nicht, ob der, der das bestellt, auch wirklich der ist, der die Waffe haben will. Gar nichts. Abgesehen davon, dass die Webseite Migrantenschreck einen etwas fragwürdigen Namen hat und geschmacklos ist.

Warum haben Sie sich gerade das „Antifaschreck Komplettpaket" besorgt?

Ich habe mir rausgesucht, was nicht so viel kostet. Ich bin jetzt nicht der Waffenfanatiker, ich habe auch keine Ahnung von Waffen. Nach der Bestellung habe ich dann eine Weile nichts gehört und dachte mir zunächst: Scheiße um die paar hundert Euro, aber gut, dass es ja anscheinend doch nicht funktioniert. Dann kam aber ein paar Wochen später plötzlich dieses Paket mit der Waffe drin.

Für wie gefährlich halten Sie die Waffen?

Aus meiner Zeit in der Gerichtsmedizin weiß ich, dass auch die herkömmlichen Schreckschusswaffen tödlich sein können. Wenn man einen aufgesetzten Schuss macht, also etwa direkt an der Schläfe ansetzt und abdrückt, kann man damit die Schädeldecke eines Menschen zertrümmern. Insbesondere wenn man mit dem Gasdruck so eine Hartgummikugel verschießt wie bei den Waffen von Migrantenschreck, kann das schon gefährlich werden.

Der Shop präsentiert sich als Dienstleister für Menschen, die Angst vor Flüchtlingen haben und die glauben, sich nur mit einer Waffe beschützen zu können. Fühlen Sie sich da angesprochen?  

Ich habe gar kein Problem mit meinem Sicherheitsbedürfnis. Ich bin nicht mit allen Dingen, wie sie sich gerade in Deutschland abspielen, einverstanden. Aber ich bin nicht der Meinung, dass eine unkontrollierte Bewaffnung der Bevölkerung die Lösung der Probleme ist. Wir sind immer noch ein sehr reiches Land, wir haben auch eine historische Verantwortung, Menschen in Not zu helfen. Ich denke aber ganz entschieden, dass der Weg der hier beschritten wurde, überdenkenswert ist.

Der Shop legt in seinen Texten nahe, die Waffen gegen Geflüchtete einzusetzen. Stehen sie hinter solchen Aussagen?

Sicherlich haben Menschen, die aus anderen Ländern kommen andere Vorstellungen davon, wie man sich in der Gesellschaft benimmt. Ich denke auch, dass durch den Zuzug von Ausländern die Kriminalitätsrate steigt. Aber ich glaube nicht, dass das an den Ausländern per se liegt. Die Kriminalitätsrate steigt ja auch deswegen, weil die Bevölkerungszahl steigt. Ist ja ganz logisch. Trotzdem glaube ich, dass die unkontrollierte Zuwanderung ein Problem ist. Wir brauchen ein Umdenken in Deutschland. Eine 180-Grad-Drehung.

Was hätte denn anders laufen müssen?

Unsere Bundeskanzlerin hätte das besser abstimmen müssen mit ihren Kollegen. Merkel hat mit Zitronen gehandelt, man muss aber auch sagen, dass sie in der EU alleine gelassen wird.