Wirrer deutscher Forscher verbietet Asylstaaten die Nutzung seiner Software

„Wer auch immer Migranten einlädt oder willkommen heißt, ist mein Feind“ heißt es in Gangolf Jobbs Statement.

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30 September 2015, 9:47am

Die Software Treefinder im Einsatz in der Analyse. Wikimedia | CC BY 3.0

Als er noch einen Job am Imperial College in London hatte, entwickelte der deutsche Wissenschaftler Gangolf Jobb im Jahr 2004 die kostenlose Software Treefinder und hat damit seitdem vielen Genetikern und Biologen ein wichtiges Tool für ihre Forschung zur Verfügung gestellt. In den vergangenen Jahren ist die Software, die mittels Baumdiagrammen die wahrscheinlichsten evolutionären Ursprünge von Lebewesen zu visualisieren hilft, in 781 Studien zitiert worden.

Jetzt aber hat Jobb verkündet, dass seine Software ab dem 1. Oktober nicht mehr in Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Großbritannien, Schweden und Dänemark benutzt werden darf. Warum er die Lizenz änderte? „Diese Länder nehmen zusammen die meisten nicht-europäischen Immigranten auf."

Bereits im Februar machte Jobb die Nutzung der Gratis-Software in den USA illegal—mit der Begründung, dass die USA „unser schlimmster Feind" seien und von dort eine kleine Elite an der Unterjochung der Welt arbeite. Selbstredend fehlen in seinen wirren Anti-New World-Order Anklagen auch die Phrasen um EU-Tyrannei und Imperialismus nicht. „Ich darf das, weil Treefinder mein geistiges Eigentum ist", schließt sein Statement im Brustton der Überzeugung.

„Einwanderung verzögert den Kollaps des Kapitalismus — seiner letzten Krise."

Korbinian Strimmer vom Imperial College in London, der auch als Co-Autor des ursprünglichen Treefinder-Papers fungierte, erklärte gegenüber dem US-amerikanischen Sciencemag der AAAS, dass Jobb schon früher durch „groteske Mails mit rassistischen Slogans" an deutsche Professoren aufgefallen sei. „Seine neuen Hetzreden gegen Flüchtlinge sind unglaublich", verurteilte Strimmer, der den Kontakt zu Jobb schon vor Jahren abgebrochen hat, die Aussagen seines ehemaligen Kollegen.

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Ein tieferer Blick auf die Website von Jobb und seiner Software Treefinder macht die Sache nicht besser, sondern offenbart noch wirrere Abgründe.

„Einwanderung in mein Land schadet mir, schadet meiner Familie, schadet meinem Volk. Wer auch immer Migranten einlädt oder willkommen heißt, ist mein Feind", heißt es in Jobbs Statement. „Einwanderung verzögert den Kollaps des Kapitalismus — seiner letzten Krise." Und weiter: „Ich bin gar nicht dagegen, Flüchtlingen zu helfen, aber sie sollten strikt getrennt von uns Europäern gehalten werden."

Neben einer langen Linkliste voller fragwürdiger Quellen zwischen RT, dem rechtsextremen Heimatforum und Reichsbürger-Websites gibt Jobb, der sich offenbar als verkannter, subversiver Außenseiter wahrnimmt, ein paar seiner Erfindungen zwischen Outdoor-Fotos von sich selbst zum Besten, auf denen er sich in der heimeligen Wärme seines Automotors ein improvisiertes Gericht in einem Campingkocher zusammenwokkt (gern hätten wir die werte Leserschaft an dieser exquisiten Bildauswahl teilhaben lassen, doch möchten wir nicht auch wir uns der Gefahr von Lizenzrechtsverletzungen aussetzen).

„Ich werde Treefinder jetzt schon aus Prinzip nicht mehr benutzen, selbst wenn wir wieder auf Zettel und Stift zurückgreifen müssten."

Als roter Faden durch den gesamten Webauftritt des Bioinformatikers und „Zelt-Plattform"-Erfinders zieht sich eine anprangernde Trotzhaltung sowie der sich wiederholende Hinweis, er sei für seine „jahrelange, harte Arbeit noch immer nicht ausreichend entlohnt worden".

Derweil bleibt offen, wieso Jobb seine sicherlich nicht komplett unbezahlte Stelle am Londoner Imperial College nicht mehr innehat, und wieso er sein Doktorat abgebrochen hat. Auf seiner Website erwähnt Jobb nur, dass er „unterdrückt" würde und „nicht als Wissenschaftler arbeiten kann, weil meine traditionellen Werte und Ansichten nicht der Doktrin der Elite entsprechen".

Glücklicherweise wird die Welt der biologischen Forschung nun trotz Jobbs Lizenzfaschismus nicht stillstehen. Nicht nur wurde das Programm seit mehreren Jahren nicht mehr weiterentwickelt, es gibt auch bereits eine ganz Reihe an Alternativen, die sich auf den analytischen Softwareunterbau Consel stützen.

Das gilt auch für Wissenschaftler, die die Software für ihre Forschung kürzlich eingesetzt haben: „Ich werde Treefinder jetzt schon aus Prinzip nicht mehr benutzen, selbst wenn wir wieder auf Zettel und Stift zurückgreifen müssten", knirscht zum Beispiel Forscherin Sandra Baldauf von der Universität Uppsala. Politische Haltung in der Wissenschaft ist nämlich überhaupt nicht tabu.