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Neurechte betreiben eigene „Whistleblower-Seite“, um gegen Flüchtlinge zu hetzen

Wenn Leaks und populistischer Rassismus Hand in Hand gehen.

Seit Juni machen in Halle und Umgebung ungeheuerliche „Enthüllungen" die Runde, die so gar nicht zur Wirklichkeit der aktuellen Flüchtlingspolitik passen wollen: Über die Facebook-Seite Halle-Leaks.de verbreiten „besorgte Bürger", dass Flüchtlinge die Klos von Reisebussen zerstören, Bundeswehrsoldaten aus ihren Kasernen verdrängen, deutsche Frauen vergewaltigen und möglicherweise sogar die Krätze an deutsche Schulen bringen.

Viele der bösen Gerüchte und Schreckensmeldungen basieren auf Zuschriften, die über die Website Halle-Leaks.de anonym eingereicht werden können. Technisch ist zwar nicht ganz verständlich, wieso die Einsendungen bei den Betreibern sicher sein sollen—zu diffus sind die genauen Details—ideologisch ist aber völlig klar, was läuft: Werde ein Held! „Wir haben ein Recht auf Transparenz", prangt es in eindringlicher Schrift auf dem Facebook-Banner. Du fühlst dich verarscht—decke irgendwas auf! Bekämpfe die „Refugees-Welcome-Mafia" und prangere an, worüber die „gelenkte Lügenpresse" nicht berichtet! So wird Whistleblowing ad absurdum getrieben und zum Sprachrohr für populistische fremdenfeindliche Klischees.

Diese Anonymous-Seite führt ebenfalls einen rechten Infokrieg und deutet Nazi-Ausschreitungen gerne mal zu linker Inszenierung um

Registriert ist die Seite gemäß Impressum auf Sven Liebich—ein laut eigener Aussage in einem Interview ehemaliges Blood & Honour-Mitglied, das sich inzwischen aber als angeblich geläuterter Ex-Nazi wie die Leipziger Internetzeitung berichtet bei der Linken einordnet und auf den Endgame-Demos gegen „korrupte Eliten" predigt. Eine klassische deutsche Querfront-Karriere also? Nicht ganz: der Mann fährt nämlich auch Skateboard.

Auf Facebook und Youtube inszeniert sich der Hallenser gern als Zorro und ermuntert Bürger via Halle-Leaks, „den Sumpf der Korruption offenzulegen und auszutrocknen". Mit „Korruption" meint Liebich wohl eigentlich eher: Zuwanderung.

Aber wie könnte man dieses Gedankengut nur möglichst subtil im neuen Gewand verkaufen? Nein zum Heim? Zu ausgelutscht. Da hat sich Liebich, Betreiber eines T-Shirt-Shops (30% Rabatt auf ein Lügenpresse-Shirt mit dem Code HALMAFIA!), etwas einfallen lassen: Warum nicht einfach unter dem Deckmantel des hehren Whistleblowertums gegen die ganze „Intransparenz" und die „Refugee-Welcome-Kriminellen", wie er sie nennt, mal kräftig in die Pfeife pusten und ein paar angebliche Skandale erfinden?

Heraus kommt eine Website, die sich wie ein Paradebeispiel für die aktuell weit verbreitete Hetze gegen Flüchtlinge liest und mit einem Posting-Dauerfeuer von mehreren Dutzend alarmistischen, üblen Stimmungsmache-Stories am Tag über 8000 Likes abgestaubt hat. Mit ausgewogener Berichterstattung oder einem der Wahrheit verpflichteten Kampf für Transparenz, wie man ihn beispielsweise von Edward Snowden kennt, hat der Inhalt von Halle-Leaks eher weniger zu tun.

Besonders angetan ist die Halle-Leaks-„Redaktion" vom angeblichen Skandal der Abwicklung eines früheren Maritim-Hotels, welches laut der Seite „für Flüchtlinge geräumt" wurde. Dass die Maritim-Gruppe das Haus 2016 sowieso schließen wollte —geschenkt. Halle-Leaks lässt die Geschichte so klingen, dass die 59 Mitarbeiter des früheren Viersternehotels ihren Arbeitsplatz aufgrund der Flüchtlinge verloren hätten.

Daher rollt er keck mit seinem Skateboard und einer Kamera durch die Hallenser Innenstadt, um beispielsweise wartende Menschen vor einer Infoverstaltung ein bisschen anzupöbeln (in der Hallenser Händelhalle hat Liebich laut der Lokal-Website Halle Spektrum Hausverbot, seitdem er eine Veranstaltung mit Peer Steinbrück gestört hat—daher behilft er sich nun mobil) zum Zwecke der heißen Materialsammlung für halle-leaks.de und seines zweiten Facebook-Outlets, In Svens Welt.

Die neue anti-amerikanische Querfront steht: Die Endgame-Bewegung rührt wirre Thesen an

Beim Einzug der Flüchtlinge in den Klotz ist er selbstverständlich mit der Kamera dabei (irgendein Skandal wird sich doch sicher finden lassen?) und knurrt aus dem Off: „Das ist doch ein Schauspiel für die Presse hier. Die gestern Nacht waren doch ganz andere!" Buddelt ein Bagger einen Spielplatz vor dem Betonkasten, ist Sven live vor Ort, berichtet über die Quadratmeterzahl und whistleblowt zuverlässig: „Auf einmal geht ALLES."

Zwei Tage später folgt die große „Enthüllung" per „anonymer Zuschrift":

„Im Ex-Maritim ist ansteckende Krätze aufgetreten. Es gibt schon 2 Sperrzimmer. Alle die im Ex-Maritim arbeiten - egal von welcher Firma mußten dafür unterschreiben, nichts zu sagen, also bitte annonym!" Für diesen Post am 20. Oktober kassiert Halle-Leaks Applaus und die üblichen Stammtischparolen „besorgter Bürger", die erklären, das Unheil selbstverständlich bereits antizipiert zu haben: „dafür das sie alles mit bringen bekommen sie von uns noch Geld,klasse", kommentiert etwa eine Userin in treffsicherer Rechtschreibung. Kurz darauf muss Halle-Leaks selbst in einem Update zurückrudern; die eigenen Thesen sind nicht haltbar.

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Bild: Screenshot Facebook

Behauptungen stützen die Wahrheitsritter von Halle-Leaks gern auch mit verlinkten Videos der Identitären Bewegung („habe das Video nirgendwo anders gefunden"). Gegendemonstranten oder Flüchtlingsunterstützer werden durchweg wahlweise als „Refugees-Welcome-Mafia", „RefWel-Kriminelle" oder—in bester Bild-vor-der-Springer-Affäre-Manier—gleich als „Chaoten" bezeichnet. Mutmaßliche Schweinereien werden selbstverständlich auch untermit Hilfe zahlreicher von MS-Paint-Pfeilen und roten All-Caps-Worten aufgedeckt.

Eine weitere schier unglaubliche Enthüllung durch einen wackeren Whistleblower:

"Heimliche Essen Anlieferung von gestern Abend in der Wolfgang Burchard Straße mit diesem t5 werden auch nachts heimlich Leute gebracht. Uhrzeit gestern Abend war so gegen 23:00 Uhr der Hammer war: eine Familie bekommt 2 große Bananenkisten voll Lebensmittel." Kommentar des Admins: „Keiner wird anzweifeln, dass die Einwanderer auch Essen brauchen, welches sie sich auf andere Weise organisieren werden, wenn wir es ihnen nicht geben. Aber warum passiert das alles immer nur nachts? Ist das die versprochene Transparenz?"

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Nicht nur scheint die technische Sicherheit des „Whistleblower-Systems" nicht ganz ausgereift (vor allem im Vergleich zu Open-Source-Alternativen wie SecureDrop), auch die Brisanz der „Leaks" auf der dazugehörigen Website hält sich ebenfalls in Grenzen:

Bei einem bestimmten Amt (das mit „Grün…" beginnt, der Rest des Wortes ist mysteriös wegredigiert) seien alle faul und würden Bäume verunstalten, behauptet ein Whistleblower, eine große Baufirma lagert kommunal genehmigte Fässer auf einem Grundstück, ob deren Inhalt vielleicht giftig sei, sollte mal jemand untersuchen, findet ein zweiter.

Etwas kleinlauter heißt es auf Halle-Leaks dann von redaktioneller Seite:

„Die Rubrik Gerüchteküche ist das erste, was wir euch liefern können. (…) Wir müssen natürlich hier einige Stellen umschreiben bzw. unkenntlich machen, da wir außer der Gerüchte auch möglichst Beweise brauchen."