Freedom of Information in Reverse

Wir haben auf dem Berliner Festival mit Sarah Harrison von Wikileaks, der Aktivistin Jesselyn Radack und den NSA-Whistleblowern Thomas Drake und ​William Binney über den Kampf gegen die digitale Kontrollgesellschaft gesprochen.

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11 Februar 2015, 7:00am

Alle Bilder: Grey Hutton | VICE

Friedrich Kittler hat die Arbeit der NSA schon 1986 mit einem bemerkenswerten Satz zusammengefasst: „Der Staat [wird zur] Stätte aller Klartexte." 

Für den deutsche Medientheoretiker definiert sich ein Staat nicht mehr nur durch Armee, Parlament und Justiz sondern auch als potentiell gesamtgesellschaftlicher Entschlüsselungs- und Aufzeichnungsapparat. Die NSA arbeitet dabei an vorderster Front an der Entstehung einer Welt, in der Algorithmen und Daten die Steuerung der Gesellschaft übernehmen: HUMINT—Human Intelligence, also klassische menschliche Spionagearbeit—wird durch SIGINT—datenverarbeitende Signals Intelligence—abgelöst.

Während die Konsumgesellschaft für jeden Alltag die passenden Maschine und Geräte bereitzuhalten scheint, werden Informationen zur wertvollsten und umkämpften Ware, die trotz der allgegenwärtigen Verdatung der Welt längst nicht jedem zur Verfügung stehen: „Wir bekommen alles, was wir wünschen, von Compact Discs bis zum Kabelfernsehen. Nur nicht, was wir brauchen: Information über Information", schreibt Kittler in seinem kurzen Beitrag in der taz, in deren Berliner Redaktionsbüro sich wenige Jahre zuvor der Chaos Computer Club gründete.

Drei Jahrzehnte später scheint das informationelle Ungleichgewicht zwischen Staat und Bürgern prekärer als je zuvor. Auf der diesjährigen transmediale (mit dem programmatischen Titel CAPTURE ALL) haben wir deshalb gemeinsam mit dem Berliner Medienkunstfestival zu einem Panel über Whistleblowing und den aktuellen Stand im allgegenwärtigen Informationskrieg eingeladen: Freedom of Information in Reverse.

Einführende Worte von Max Hoppenstedt im Theatersaal des HKW.

Einführende Worte von Max Hoppenstedt im Theatersaal des HKW. Alle Bilder: Grey Hutton / VICE.

Das Panel.

Nach einem Screening der faszinierenden Dokumentation SILENCED diskutierten die Juristin und Aktivistin Jesselyn Radack, der Filmemacher James Spione und die NSA-Whistleblower Thomas Drake und William Binney, mit der Wikileaks-Mitarbeiterin und Courage Found Leiterin Sarah Harrison im Haus der Kulturen der Welt. Leider konnte der eingeladene CIA-Whistleblower John Kiriakou nicht in Berlin sein, da er erst Anfang Februar aus seiner Haftstrafe für Geheimnisverrat entlassen wurde.

Alle Panel-Gäste verbindet, dass sie enorme Risiken und persönliche Nachteile in Kauf nehmen mussten, um die Öffentlichkeit über Ungerechtigkeiten im Kampf gegen den Terror aufzuklären—in einem Informationskrieg, der sich nach 9/11 noch einmal vehement verschärft hat. Gleichzeitig können sie so detailliert wie nur wenige ander über die Paradigmen gegenwärtiger Geheimdienstarbeit, deren Folgen Thomas Drake in unserem Panel prägnant auf den Punkt gebracht hat:

„Die NSA will den digitalen Raum militarisieren. Und sie glauben, dass das Internet zu diesem Geltungsbereich gehört, den sie meinen, regeln zu können. Das ist ein enormes Risiko. Ironischerweise wurde das Internet eigentlich [während des Kalten Krieges] als rasantes Informationssystem im Gefahrenfall entwickelt—doch jetzt wollen die Regierungen diesen Raum wieder für sich zurückerobern. Das machen sie als großes Partnernetzwerk mit zahlreichen Geheimdiensten—zu denen auch der BND gehört."

Friedrich Kittlers knapper Text „No Such Agency" erschien kurz nachdem durch James Bamefords Buch „The Puzzle Palace" das erste Mal überhaupt mehr über die Arbeit der NSA öffentlich wurden. Letztlich nur dank einiger mutiger Whistleblower sind heute Informationen über das Innere moderner Geheimdienste bekannt geworden. Spätestens seit den Snowden-Enthüllungen sollte endgültig klar sein, dass diese technischen Systeme keine nebensächliche Nerd-Frage sind, sondern zentrale Diskurse, die unsere Gesellschaft definieren und über die wir dringender denn je öffentlich diskutieren müssen. (Die politischen Forderungen nach einem Verschlüsselungsverbot von de Maizière bis Obama aus den vergangenen Wochen sind da nur das jüngste Beispiel.)

Kittlers Theorie sich wandelnder Mediensysteme kann, abgesehen von all ihrer techno-zentristischen Fixierung, eine wertvolle Erinnerung daran sein, dass unsere technisierte Gesellschaft immer auch von kulturellen Praktiken, Ideologien, historischen Entwicklungen und politischen Strategien angetrieben wird—trotz der Allgegenwart der Apparate. Das mag auf den ersten Blick dystopisch klingen, aber es bedeutet auch, dass wir den Lauf der Dinge ändern können.