Anonymous zettelt epischen Rosenkrieg gegen Compact an

Gefälschte E-Mails, V-Mann-Intrigen und „Prügel für die Frau“: In der neuen Rechten geht es fast zu wie bei „Verbotene Liebe“. Wer was gesagt hat und cui bono—wir haben das mal analysiert.

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Okt. 6 2016, 10:21am

Mit diesem—tatsächlich schon ein paar Jahre alten—Foto bewarb die gefälschte E-mail die Migrantenschreck-Waffen. Screenshot: Compact-E-Mail.

Die Nerven liegen blank im deutschen Verschwörungslager. Nachdem die Website AnonymousNews.ru bereits im August gegen das rechte Compact-Magazin heftig ausgeteilt hatte—unter anderem wurde Compact-Chef Jürgen Elsässer als „Maulwurf des BRD-Regimes" bezeichnet, der „Oppositionelle gezielt ans Messer liefert"—geht der rechte Rosenkrieg nun in die nächste Runde.

In einem kürzlich auf der Seite veröffentlichten Interview mit einem „Insider" sendet der selbsternannte Nachfolger der ehemals größten deutschen Facebook-Hetzseite Anonymous.Kollektiv weitere Anschuldigungen an die Adresse Elsässers: Dieser sei ein feiger Demagoge und Behörden-Spitzel, zudem eine „große Gefahr für die patriotische Bewegung", warnt der Informant. Leser des Magazins werden dazu aufgerufen, ihr Abo zu kündigen und dem „V-Mann" so die finanzielle Grundlage zu entziehen. (Zahlreiche deutsche Anonymous-Aktivisten distanzierten sich in der Vergangenheit immer wieder von Anonymous.Kollektiv und betonten, dass die Seite nichts mit den zentralen Inhalten und Anliegen der Anonymous-Bewegung zu tun habe.)

Der Insider stellt sich vor

Der „Insider" wird als Mario Rönsch vorgestellt und ist in der Szene kein Unbekannter: Sein Name tauchte im Zusammenhang mit dem flüchtlingsfeindlichen Waffenversand Migrantenschreck auf, auch trat ein gewisser Mario Rönsch aus Erfurt im Jahr 2014 mehrfach als Redner der rechts unterwanderten „Mahnwachen für den Frieden" auf.

In dem Interview auf dem Blog AnonymousNews.ru wird mutmaßlich von Beteiligten eine Kooperation zwischen Compact-Chef Elsässer und Rönsch bestätigt, zumindest von Letzterem. Anonymousnews.ru stellt sogar mutmaßliche Screenshots eines Kontoauszugs und seines damaligen Compact-Arbeitsvertrages („Vereinbarung COMPACT und Mario": 2.000 Euro pro Monat plus Boni) online, um das Engagement der als Rönsch bezeichneten Person für das Magazin zu belegen.

Mit den neuesten Angriffen von AnonymousNews auf Elsässer eskaliert nun der Streit zwischen zwei prominenten Figuren aus dem rechten Lager, die scheinbar einmal Verbündete gewesen sind. Als Grund für den Bruch gibt Anonymousnews.ru an, Elsässer mache gemeinsame Sache mit den deutschen Strafverfolgungsbehörden, um Rönsch aus dem Weg zu räumen: Sogar den Wohnsitz von Rönsch, der mittlerweile laut eigenen Angaben im Ausland lebe, habe Elsässer der Polizei verraten, heißt es in dem mutmaßlichen Interview—„inklusive eines Zahlen-Codes, der zum Öffnen von Eingangs- und Wohnungstüren notwendig ist."

Die Entwicklung einer „hippen Premiummarke"

Auf diese Weise wolle man sich wohl eines „potentiell gefährlichen Konkurrenten und Mitwissers" entledigen, orakelt es in dem auf Anonymousnews.ru veröffentlichten Text. Laut dem Interview habe Rönsch selbst eine Weile die PR-Abteilung des Magazins gemanagt, bis er gemerkt habe, dass „irgendwas mit Elsässer nicht stimmt" und angedroht habe, sein eigenes Printmagazin zu gründen. Sein damaliges Wirken bei Compact bezeichnet Rönsch als entscheidend für das Überleben der Zeitschrift, die lange mit tiefroten Zahlen gekämpft habe. Nur durch sein Zutun habe sich Compact vom „rechten Schmuddelmagazin" mit „trauriger" Auflage zu einer „hippen Premiummarke" entwickelt. Ob das auf Anonymousnews.ru veröffentlichte Interview echt ist und wirklich mit Mario Rönsch geführt wurde, lässt sich nicht unabhängig bestätigen.

Und um dem Gezeter noch den Charme einer persönlichen Vendetta aufzugießen, bescheinigt Rönsch in dem mutmaßlichen Interview seinem alten Kameraden außerdem massive charakterliche Schwächen: Elsässer sei bloß ein Opportunist, der eigentlich gar keine eigenen politischen Ziele verfolge, sondern die Proteste nur benutze, um sein Magazin zu verkaufen. „Ihm geht es ausschließlich ums Geschäft"; er würde sich auch mit „20.000 Linksradikalen gemein machen, solange diese ihm eine Plattform bieten". Außerdem schlage er seine Frau „grün und blau, wenn keiner hinsieht".

„Infokrieg": Compact schlägt zurück

Auf der anderen Seite des Schützengrabens besteht kein Zweifel an der Natur des Angriffs: Der „Infokrieg" habe begonnen! Eine Verleumdungskampagne, „vermutlich aus Geheimdienstkreisen", werde gegen das Magazin gefahren—gerade jetzt, wo es so rund läuft mit dem Laden: Erst kürzlich habe Elsässer in Dresden vor „5.000 begeisterten Menschen" gesprochen, auch der eine Artikel über Bautzen wurde richtig oft geklickt und jetzt das. Andererseits sei es vor diesem Hintergrund auch „logisch", einen „Sprecher des außerparlamentarischen Widerstandes" (Elsässer) gerade jetzt beschädigen zu wollen. Jedenfalls stehe Compact unter „schwerem Beschuss" und brauche Unterstützung, am besten in Form eines neuen Abos.

Gefälschte E-Mails im Namen von Compact

Der Hilferuf ereilt die Follower indes nicht nur wegen der mutmaßlichen Verbal-Attacken des angeblichen Ex-Mitarbeiters. Auch die IT-Infrastruktur des Magazins stehe unter Beschuss. Tatsächlich wurden tags zuvor (17.9.) gefälschte E-Mails an die Compact-Kunden verschickt: In der Nachricht mit dem alarmistischen Titel „Wichtiger Hinweis: Ihre Familie ist in Gefahr! Schützen sie sich jetzt!" werden Waffen der Website Migrantenschreck beworben, unter anderem die „DP120 Professional Bautzen Edition". Und in einer zweiten Mail wird die Absage der Jahreskonferenz des Magazins verkündet, die zu diesem Zeitpunkt offiziell noch stattfinden sollte. Absender der Emails waren Jürgen Elsässer und der Compact-Geschäftsführer Kai Homilius.

Die Klarstellung erfolgt wenige Stunden später. Schnappatmend warnt Elsässer in einer Stellungnahme seine Leser, die E-Mails stammten „natürlich NICHT von mir!". Er würde „NIE" zur Bewaffnung aufrufen. Die Aktion komme „offensichtlich aus dem Geheimdienstsumpf."

Woher hat der heimliche Sender die Adressen?

Wieviele Mails tatsächlich verschickt wurden, lässt sich nicht genau sagen. Compact selbst allerdings spricht in einer Stellungnahme von Tausenden Empfängern. Ebenfalls unklar: Woher kamen die Daten überhaupt, die der Absender der gefälschten Mails genutzt hat. Es scheint sich bei dem Datensatz allerdings nicht um die Adressen der Newsletter-Abonennten zu handeln: Mehrere Compact-Newsletter-Empfänger bestätigten gegenüber Motherboard, die Migrantenschreck-E-Mail gar nicht erhalten zu haben.

Vieles deutet darauf hin, dass die verwendeten Adressdaten woanders herkommen: So erklärte einer, der die Mail tatsächlich empfangen hat, nie im Newsletter von Compact eingetragen gewesen zu sein, aber sehr wohl mit der Empfängeradresse im Compact-Webshop eine Bestellung abgewickelt zu haben.

Migrantenschreck-Werbung in der gefälschten Compact-E-Mail. Screenshot Compact-E-Mail.

Bislang ist weiter unklar, ob jemand die Mailserver des „hippen Premiummagazins" Compact wirklich gehackt hat—oder ob der Absender der Mails die Zugangscodes, etwa aus einem früheren Engagement bei dem Magazin, bereits besaß. Auffällig ist jedenfalls das Datum der E-Mails: Am 17. September ging die Nachricht mit der Migrantenschreck-Werbung raus, am 18. wird die zweite E-Mail verschickt. Das mutmaßliche Rönsch-Interview erscheint am 18. September auf AnonymousNews.ru.

Doch wie könnte es überhaupt zu einem Bruch zwischen mutmaßlichen Weggefährten gekommen sein? Noch bis vor kurzem war der Zusammenhalt von Seiten wie Anonymousnews.ru und Compact eine der wenigen Gewissheiten in diesen unruhigen Zeiten. Nun werfen ausgerechnet zwei wichtigen rechtspopulistische Magazine sich gegenseitig vor, für den Geheimdienst zu arbeiten. Cui bono?

Maximale Verwirrung bei der Schwarmintelligenz

Natürlich könnte man sich jetzt entspannt zurücklehnen, die Popcorn-Maschine anschmeißen und genüsslich dabei zusehen, wie sich zwei rechte Magazine selbst demontieren. Andererseits könnte das aber auch eine Chance für den ein oder anderen national Erleuchteten sein, zu begreifen, dass sich ein gegen alles und jeden gestreuter V-Mann-Vorwurf irgendwann gegen seinen Schöpfer richtet.

Denn da der Vorwurf ja nicht auf Belegen, sondern nur auf anhaltlosen Anschuldigungen, und damit: auf der Glaubwürdigkeit des Sprechers beruht, fällt er wie ein Kartenhaus in sich zusammen, sobald der Sprecher selbst in Verruf gerät. Wer also permanent versucht, seine politischen Gegner durch V-Mann-Gerüchte zu diskreditieren, wird irgendwann selbst zum Opfer. Man könnte auch sagen: Die Verschwörungsideologie frisst ihre eigenen Kinder.

Im besten Fall zerbricht der Vorwurf, für die andere Seite zu arbeiten, an seinen inneren Widersprüchen und der geneigte Beobachter ist zurückgeworfen aufs eigene Denken. Eine Art versehentliche Dekonstruktion des eigenen Geschwurbels, oder auch: ein ungewolltes Perpetuum Mobile emanzipatorischer Entlarvung.

Ob die Schlammschlacht zwischen den zwei Organen solch eine geradezu revolutionäre Entwicklung anstoßen kann, ist natürlich sehr optimistisch gedacht. Und doch scheinen derzeit auch eingefleischte Anhänger die Lust am Spitzel-Spiel verloren zu haben.

Der Nutzer Dennis D. etwa gibt sich nachdenklich, was man denn schon über Compact wisse, oder über irgendwen, um resigniert zu dem Schluss zu kommen, das „ganze Thema Politik ist für mich ein einziges Theaterstück". Und der Kommentator Vordem Abgrund auf der VK-Seite von Anonymous bewertet die Enthüllungen um Elsässer zwar als „starken Tobak", doch „ob das jetzt alles so stimmt", möchte er erst mal offen lassen, um nicht „paranoid zu werden in dieser hässlichen Zeit".

Natürlich lässt sich auch der gegenteilige Trend beobachten: Das noch tiefere Absinken im Verschwörungsdschungel. Manche sehen in dem neurechten Rosenkrieg gar nur eine weitere Bestätigung dafür, dass die „Diktatorin Merkel" alles tue, um Andersdenkende zu beseitigen. Er würde sich nicht wundern, „wenn der Geheimdienst Kritiker demnächst umbringen lässt", schreibt einer—während andere „dem Jürgen" einfach mal digital auf die Schulter klopfen.

Kommentatoren auf der Compact-Facebookseite.