Wissenschaftlich erklärt

Warum Chemtrails Quatsch sind und Leute trotzdem daran glauben

Giftige Chemikalien und geheime Kampagnen der Regierung – das vermuten Verschwörungstheoretiker hinter sogenannten Chemtrails am Himmel. Forscher haben uns erklärt, was wirklich dahinter steckt.

Kaleigh Rogers

Kaleigh Rogers

Bild: PublicDomainPictures.net

Es ist eine der hartnäckigsten Verschwörungstheorien: Viele Menschen glauben, Regierungen lassen mit Flugzeugen schädliche Chemikalien versprühen. Damit wollen sie angeblich das Wetter beeinflussen, Menschen vergiften und anderen Unfug treiben. Den Beweis dafür sehen Verschwörungstheoretiker in sogenannten Chemtrails, den weißen Streifen, die hinter Flugzeugen am Himmel zu sehen sind.

Forscher fanden kürzlich heraus, dass jeder zehnte US-Amerikaner von der Existenz von Chemtrails überzeugt sind und dass 30 Prozent zumindest einen wahren Kern der Theorie vermuten. Vergleichbare Zahlen aus Deutschland liegen nicht vor, doch auch hier glauben viele Menschen an die giftigen Chemikalien am Himmel und gehen sogar dagegen auf die Straße. Dabei gibt es eine simple, wissenschaftliche Erklärung für die weißen Streifen. Wie kann es also sein, dass die Theorie um die giftigen Chemikalien sich so hartnäckig hält?

Wasserdampf und kalte Luft – so entstehen Kondensstreifen

Die sogenannten Chemtrails entstehen, wenn wasserhaltige Abgase von Flugzeugen auf kalte Luft treffen und das Wasser durch die Kälte kondensiert. Die dadurch entstehenden künstlichen Wolken werden als Kondensstreifen bezeichnet. Das Wasser ist ein Abfallprodukt des Flugzeug-Treibstoffs Kerosin.

"Kerosin ist ein Kohlenwasserstoffgemisch", erklärt Ken Caldeira im Gespräch mit Motherboard. Caldeira ist Klimaforscher am Carnegie Institut für Naturwissenschaften. "Wenn man den Wasserstoff verbrennt, oxidiert er, um Wasser zu formen. Verbrennt man Kohlenstoff, entsteht Kohlendioxid. Man sieht am Himmel also vor allem Wasserdampf, der hauptsächlich aus Triebwerken kommt und zu künstlichen Wolken kondensiert."

Flugzeuge mit einer Flughöhe von unter acht Kilometern erzeugen normalerweise keine Kondensstreifen, weil die Luft hier nicht kalt genug ist. Das erklärt, warum wir nicht hinter allen Flugzeugen Kondensstreifen sehen und warum die Streifen manchmal sehr schnell wieder verschwinden. Verschwörungstheoretiker sehen in diesen Beobachtungen jedoch eine Bestätigung für ihre Theorie, dass es sich um ein geheimes Sprühprogramm der Regierung handelt. Dabei beweist es lediglich, dass Lufttemperaturen je nach Flughöhe und geographischer Lage schwanken.


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"Ich bin schon in Alaska geflogen. Dort kann man im Winter auch mit einem kleinen Flugzeug Kondensstreifen erzeugen, weil es auf die Temperatur der Luft ankommt und nicht auf den Flugzeugtyp", sagt Mick West, ein ehemaliger Videospielprogrammierer und Pilot. West betreibt die Website MetaBunk, auf der er mit verbreiteten Verschwörungstheorien aufräumt. "Wenn du mit einem Auto auf dem Gipfel des Mount Everest fahren würdest, könntest du auch mit diesem Auto Kondensstreifen erzeugen."

Es gibt keine wissenschaftliche Beweise dafür, dass hinter den weißen Streifen mehr steckt. Im Jahr 2016 führte Caldeira eine Umfrage unter den weltweit führenden Atmosphärenforschern durch, darunter auch Atmosphären- und Geochemiker. Damals sagten 76 der 77 befragten Wissenschaftler, dass sie keine Hinweise auf ein Chemtrail-Regierungsprogramm gefunden hätten und dass gegenteilige Hinweise leicht durch andere Faktoren erklärt werden könnten.

Der eine verbleibende Wissenschaftler meinte, die Streifen seien durch "hohe Level an atmosphärischem Barium in einer abgelegenen Gegend mit eigentlich niedrigem Barium-Gehalt im Boden" zu erklären. Das Element Barium ist ein giftiges Metall, dass die Chemtrail-Community neben Alumnium in den Kondensstreifen vermutet. Auch hierfür fehlen aber wissenschaftliche Belege.

Hört euch in unserem englischsprachigen Podcast 'Science Solved It' weitere Hintergründe zu Chemtrails an:

Warum so viele Menschen an die Verschwörung glauben

Warum hält sich die Theorie der Chemtrails so hartnäckig? Manche Forscher halten den Glauben an Verschwörungstheorien für eine Art der Komplexitätsreduktion, oder einfacher gesagt: Einen Weg, um die Welt einfacher zu verstehen. Im Gespräch mit Motherboard erklärt Dr. Joel Gold von der New York University: "Die Welt ist so komplex, dass Verschwörungstheorien unseren Verstand ein wenig entlasten".

Ein weiterer Teil des Problems könnte sein, dass Regierungen nicht immer ehrlich zu ihren Bürgern waren, wenn es um gefährliche Substanzen oder auch geheime Experimente ging. So testete die US-Armee beispielsweise in den 1950er Jahren chemische Waffen in Kalifornien und an der Ostküste. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verharmloste die DDR-Regierung die Gefahren der Strahlenbelastung extrem: Während im Westen Spielplätze geschlossen und Jodtabletten verteilt wurden, wurden im Osten die Regale mit möglicherweise verseuchtem Obst und Gemüse gefüllt.

Die Chemtrail-Theorie bekam in den letzten Jahren weiteren Aufwind, als öffentlich über sogenanntes Geoengineering diskutiert wurde: die absichtliche, großflächige Beeinflussung von Umweltprozessen, um der globalen Erderwärmung entgegenzuwirken. Auch wenn diese Technologie derzeit nicht angewandt wird, haben Wissenschaftler wie Caldeira mit Modellen gezeigt, wie Geoengineering die globalen Durchschnittstemperaturen möglicherweise reduzieren könnte. Verschwörungstheoretiker glauben jedoch überzeugt, dass Kondensstreifen am Himmel den Einsatz von Geoengineering schon heute beweisen.

"Ich habe eine E-Mail von einer Frau erhalten, die ihre Kinder nicht mehr draußen spielen lässt. Sie hat Angst, dass die Chemikalien von Chemtrails ihre Kinder vergiften", sagte Caldeira gegenüber Motherboard. "Es ist sehr tragisch, wenn man sich vorstellt, dass Leute ängstlich in ihren Häusern sitzen und sich nicht in den Garten trauen. Ich möchte die Leute über Kondensstreifen aufklären, auch um diesen Kindern ein besseres, angstfreies Leben zu ermöglichen."

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