Für manche ist es ein schönes Herbstfoto—für Chemtrail-Trolle der letzte Beweis

Wie ein harmloses Facebook-Bild der Mitteldeutschen Zeitung eine Lawine des Wahnsinns lostrat.

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Okt. 29 2015, 2:51pm

HÖRT AUF, UNS ZU BESPRÜHEN!!11! Bild: MZ / Facebook

Man mag von der Lokalpresse-Tradition, belanglose Bilder vom Wetter als Füller in Zeitungen zu drucken (bitte wen interessiert das, wenn doch jeder aus dem Fenster gucken kann?), halten was man mag. Die Mitteldeutsche Zeitung jedenfalls hält sie auch im Online-Zeitalter aufrecht und postete am vergangenen Samstag ein gutgemeintes, harmloses Herbstbild aus Halle auf Facebook. Darauf zu sehen: leuchtende Blätter, blauer Himmel und ein paar Kondensstreifen.

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Bild: Facebook

Doch dann passierte etwas Unglaubliches, wie die Kollegen von heftig.co jetzt vielleicht schreiben würden. Spontan segelte nämlich aus der dünnen Luft des nicht allzu informativen Posts ein Geschwader hochengagierter Verschwörungsfreunde auf die Seite der Mitteldeutschen Zeitung. Auftrag: Die „Schlafschafe" in der Kommentarspalte aufzurütteln und ihnen zu erklären, was da „wirklich" auf dem Bild zu sehen sei.

Natürlich bestünden die weißen Streifen aus „hochgiftigen Aluminium-Barium-Nano-Partikeln", die die Regierung versprühe, um uns alle zu vergiften und vielleicht auch, um irgendwie das Klima zu beeinflussen. Kondensstreifen?? Die gäbe es doch gar nicht! Wach auf, Deutschland!

Will die Zeitung ihre eigenen Leser vergiften, weil sie zum Atmen auffordert?

Die Mitteldeutsche Zeitung muss sich im Verlauf der Kommentarschlacht nicht nur als Lügenpresse verunglimpfen lassen, ihr wird auch noch vorgeworfen, fahrlässig gehandelt zu haben—will die Zeitung ihre eigenen Leser vergiften, weil sie zum Atmen auffordert? Das legt eine empörte Wahrheitsritterin nahe:

„...wenn es sich denn um ein wundervolles Herbstfoto handeln würde, dann wären jene, die über das größte Verbrechen in der Menschheitsgeschichte aufklären sicherlich nicht vor Ort. Aber nein, hier wurde extra ein Bild von einem mit Chemtrails behangenen Himmel gemacht, und auch noch dazu aufgefordert, die chemische Luft einzuatmen. Nicht zu fassen!"

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Schon Loriot wusste: Früher war mehr Lametta. Deshalb sind auch die Erleuchteten überzeugt, dass ein klarer, blauer Himmel eigentlich ein schmerzlich vermisstes Relikt der guten alten (sprich: chemtrailfreien) Zeit sei, wie es Facebook-Aufklärer Robert poetisch zusammenfasst:

„Heute kommt oft kaum noch Sonnenenergie durch was jeder selbst erfahren kann, wenn er sich mal zum Sonnen nach draussen begibt oder Sonnenmeditation oder Sungazing praktiziert. Die Luft stinkt an Sprühtagen immer wieder nach Metallen/chemisch und die Sonne ist aufgrund der Metallpartikel, welche offensichtlich wie ein Spiegel wirken, um die Strahlung zurückzuwerfen so grell, dass man extrem davon geblendet ist. "

Ein weiterer warnt, dass in den Wolken „Unmengen an Dihydrogenmonoxid" sei, „und das ist eindeutig nachweisbar!" Dass dieser bedrohlich kompliziert wirkende Stoff nur eine etwas umständliche chemische Umschreibung für eine uns allen bekannte stoffliche Verbindung ist, von dem schon Kindergartenkinder wissen, dass sie in Wolken gehört (Wasser—H2O!), lässt er selbstverständlich nicht gelten. Kritiker? Alle gesteuert:

„Es hat keine zehn Minuten gedauert und [die] Chemtrails gibt es nicht-Sekte ist vor Ort. Respekt! Dafür gibt's sicherlich einen Obolus von euren Finanziers." Zur endgültigen Umstimmung des „Wasserdampf-Konspiratisten-Denunziantenstadls" bindet ein User noch ein Video eines gescheiterten Ex-SPD-Ortsrats an, schließlich werde der „als ehemaliger Kickbox-Weltmeister sehr ernst genommen".

„Ab sofort wird der Himmel von uns nur noch im Dunkeln fotografiert—ohne Chemtrails, dafür mit Aluhut"

Selbstverständlich liefert niemand in der Runde substanzielle Beweise für die Vorwürfe, die sich nicht im Kreis der ewigen Selbstreferenzialität drehen. Die Wahrheit für Verschwörungsfreunde liegt wie so oft irgendwo zwischen roten Kringeln aus MS Paint und vielen bedrohlichen Pfeilen. Plötzlich ergießt sich im Kommentarfeld der Mitteldeutschen Zeitung, wie alles mit allem zusammenhängt: Warum hat wohl Monsanto ein „ein Patent auf aluminium-resistentes-genmanipuliertes Saatgut angemeldet?" Natürlich wegen dem Fallout der Aluminuim-„Nanopartikel" aus der Luft. Da bleibt dann nur noch der „Aufruf an die Venusianer und die Meister der Wahrheit", von dem sich der optimistische Chemtrailer eine „positive Unterstützung" durch „feinstoffliche Raumbrüder" erhofft.

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So ergiebig sprudelte der Weisheitsquell der Erwachten, dass sich die vermutlich völlig entgeisterte Mitteldeutsche Zeitung heute entschloss, einen Artikel über ihre Leser und die Chemtrails-Vorwürfe zu schreiben.

„Das ist, gelinde gesagt, Quatsch", muss die Zeitung tatsächlich nochmal klarstellen. „Weder dem Umweltbundesamt noch dem Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR), dem Deutschen Wetterdienst, der Deutschen Flugsicherung GmbH, der US-Luftwaffe und der World Health Organization (WHO) liegen Erkenntnisse zu den beschriebenen Thesen und Behauptungen vor."

Bereits im Mai kapitulierte das Bundesumweltministerium in Dessau entnervt vor dem Wahnsinn: „Als steuerfinanzierte Behörde wäre es unangemessen, sich weiterhin mit dieser Art Fiktion zu befassen", schrieb das Social-Media-Team, nachdem ein verschwundener Post über Chemtrails nicht mehr auffindbar war und die Freunde der alternativen Wahrheit direkt eine üble Absprache witterten.

Selbst nach permanenten Entgleisungen durch Pegida, neurechte Whistleblower wie Halle-Leaks und Anonymous.Kollektiv ist schwer zu begreifen, dass es nichts weiter als ein kleines Bildchen eines Himmels in Halle braucht, um eine derartige Lawine an hysterischer Fehlbildung loszutreten. Uns stehen im Internet-Zeitalter so viele Informationen wie nie zur Verfügung und es wäre ein Leichtes, diese Theorien als Quatsch zu enttarnen. Da es aber doch eine gewisse Herausforderung darstellt, sich der Komplexität der Welt zu stellen, flüchten erschreckend viele an die Youtube-Universität.

Letztlich steckt hinter dem Zulauf zur Pseudowissenschaft auch der Wunsch nach Vereinfachung, die Sehnsucht nach Erklärungen durch die Benennung klarer Feindbilder und nicht zuletzt auch der Drang, dem Gefühl der eigenen Ohnmacht etwas entgegenzusetzen. Das unverfängliche Herbstbild ist ein weiterer Beweis dafür, wie sehr die sozialen Medien zum Brutkasten und außer Kontrolle geratenen Multiplikator für die absurdesten unbelegten Scheinzusammenhänge werden können.

Immerhin, die Mitteldeutsche Zeitung hat aus dem Fauxpas schon gelernt: „Ab sofort wird der Himmel von uns nur noch im Dunkeln fotografiert - ohne Chemtrails, dafür aber mit Aluhut."