Verschwörungstheorien

Genervte Forscher räumen mit Chemtrail-Verschwörung auf

Das steckt wirklich hinter „Chemtrails“

Sarah Emerson

Sarah Emerson

Bild: Wikimedia Commons | Pixabay | CC-BY SA 3.0

Wer in einer Großstadt öfters mal gen Himmel blickt, dem wird das Phänomen gut bekannt sein: lange, dünne Wolken—die sogenannten Kondensstreifen—, die normalerweise entstehen, wenn wasserdampfhaltige Triebwerksabgase von Luftfahrzeugen auf relativ kalte Luft treffen. Es gibt allerdings noch eine etwas weniger technische Erläuterung für dieses Phänomen—nämlich die Ausführungen von Chemtrail-Verschwörungstheoretikern: Sie werden nicht müde, zu behaupten, dass hinter den Kondensstreifen von der Regierung durchgeführte geheime Sprühprogramme stecken, in denen Chemikalien in der Luft versprüht würden, die das Klima beeinflussen und die Menschen vergiften sollen.

Als Beweis für die Theorie gilt unter Chemtrail-Gläubigen die Beobachtung, dass die angeblich mit gefährlichen chemischen Substanzen geladenen Wolken länger am Himmel zu sehen sind als die „normalen" Kondensstreifen. Wissenschaftliche Indizien für die Existent solcher längerer Kondensstreifen gibt es bisher nicht. Da es aber bislang auch keine von Experten begutachtete Studie gab, in der das Gegenteil bewiesen wurde, haben sich einige renommierte Wissenschaftler, die von der Chemtrail-Verschwörungstheorie langsam, aber sich ziemlich genervt sind, zusammengetan, und eine erste umfassende Studie zum Thema veröffentlicht.

Warum sie so genervt sind, machen sie in der Veröffentlichung auch gleich deutlich: Sie finden, dass unsere Gesellschaft mit deutlich wichtigeren Problemen zu kämpfen hat wie Umweltverschmutzung, den Problemen im Gesundheitssystem oder der apokalyptische Bedrohung des Klimawandels—all diese Herausforderung aber geraten durch die Panikmache der Chemtrail-Gläubigen oft in den Hintergrund.

„Ich fand es wichtig, die Meinung von Experten, die sich mit Kondensstreifen und Aerosolen auskennen, mit zu berücksichtigen", so Ken Caldeira, Co-Autor und Professor für Umweltforschung vom Carnegie Institut für Naturwissenschaften. „Wir werden es damit vielleicht nicht schaffen, eingefleischte Anhänger davon zu überzeugen, dass ihre geliebten geheimen Sprühprogramme nichts weiter als paranoide Fantasien sind, doch hoffentlich werden zumindest ihre Freunde die Tatsachen für sich sprechen lassen."

Laut einer internationalen Studie aus dem Jahr 2011 sind etwa 2,6 Prozent der Bürger in den USA, Kanada und Großbritannien felsenfest von einem geheimen, umfassenden Programm, das unsere Atmosphäre beeinflussen soll, überzeugt, und rund 14 Prozent glauben, dass an diesen Vermutungen etwas Wahres sein könnte.

Chemtrails oder Kondensstreifen? Bild: Wikimedia Commons

Zum Ärger der Wissenschaftler haben sich auch diverse Berühmtheiten wie beispielsweise das Model Kylie Jenner, der vor kurzem verstorbene Musiker Prince und die Schauspielerin Roseanne Barr als Anhänger der Chemtrail-Verschwörungstheorie geoutet. Und auch Moderatoren von Fox News haben die Vermutungen mit gelegentlichen Spekulationen über bedrohliche „Gifte am Himmel" in der Vergangenheit angeheizt.

„Wir wollten den vielen Vermutungen und Behauptungen eine wissenschaftlich fundierte Studie gegenüberstellen, um der Panikmacherei entgegenzuwirken und die Leute aufzuklären", so Steven Davis, Co-Autor der Studie und Erdsystem-Wissenschaftler von der University of California in Irvine.

Die Studie—die erste ihrer Art—ist eine Umfrage unter den weltweit angesehensten Atmosphärenforschern und wurde vergangene Woche in der Fachzeitschrift Environmental Research Letters veröffentlicht. Zu den Befragten zählten auch Atmosphären- und Geochemiker, die sich besonders gut mit Kondensstreifen und den Auswirkungen von chemischen Substanzen auf unser Klima und auf die Erde auskennen.

Eine der Fragen war beispielsweise: „Haben Sie während Ihrer Arbeit oder in Ihrem Privatleben jemals Hinweise auf das Vorhandensein eines geheimen, umfassenden Sprühprogramms gefunden?"

Von den 77 Experten, die diese Frage beantworteten, sagten 76 einstimmig, dass sie keinerlei Hinweise auf ein Chemtrail-Regierungsprogramm gefunden hätten.

Den Wissenschaftlern wurden ebenfalls Fotos vorgelegt, die die Verschwörungstheoretiker als Beweise anführen. Sie sollten diesbezüglich zwei Fragen beantworten: Ob Sie der Meinung seien, dass auf den Bildern ein Chemtrail zu sehen sei, und mit welchen anderen Ursachen das Phänomen erklärt werden könne. Zum Schluss sollten die Fachleute auch mehrere Materialproben untersuchen, die laut den Verschwörungstheoretikern die Existenz der Chemtrails beweisen.

Die Studie ergab, dass Wissenschaftler grundsätzlich nicht glauben, dass in der akademischen Literatur stichhaltige Beweise für Chemtrails vorliegen. Außerdem hat keiner der Forscher die auf den vorgelegten Fotos zu sehenden Wolken als Chemtrails identifiziert.

Was die Materialproben angeht, war die Gruppe von Wissenschaftlern sich nicht mehr ganz so einig. Zwischen 80 und 89 Prozent der Befragten sagten, sie könnten nicht einfach nach dem Ausschlussprinzip als Chemtrails ausgelegt werden. Weitere 39 Prozent gaben an, dass sie weitere Informationen brauchen würden, um zu einem endgültigen Fazit zu kommen. Von den Experten, die eine Analyse vornahmen und die Ergebnisse zur Verfügung stellten, sagten die meisten, dass es sich um ganz normale Substanzen wie Schlamm, Bodensatz und Staub handele.

Bild: Shearer et al./Environmental Research Letters

Die Erklärung dafür, was Chemtrails tatsächlich sind, ist eigentlich ganz rational. Der Großteil der Wissenschaftler geht davon aus, dass der Klimawandel als auch sich verändernde Flugzeugtechnologien dazu führen, dass die Kondensstreifen länger als üblicherweise am Himmel zu sehen sind.

„Trotz der anhaltenden falschen Theorien über Atmosphären-Sprühprogramme hat es bisher keine von Experten begutachtete Studie gegeben, die belegt, dass das, was manche Leute als ‚Chemtrails' bezeichnen, in Wirklichkeit nur normale Kondensstreifen sind, von denen es mit zunehmendem Flugverkehr immer mehr gibt", fügte Caldeira hinzu.

„Zudem ist es möglich, dass der Klimawandel dazu beiträgt, dass die Kondensstreifen länger als früher am Himmel bestehen bleiben."

Da habt ihr es also: Wie Bigfoot oder das Ungeheuer von Loch Ness sind auch Chemtrails mit Sicherheit nicht echt. Wir sollten lieber auf die zahlreichen Wissenschaftler hören und unsere Aufmerksamkeit auf Themen wie den Klimawandel, die Ozeanversauerung und das Massensterben diverser Tierarten richten, statt nebulösen Spekulationen nachzugehen.