Diese Inselstaaten wird der steigende Meeresspiegel verschlucken

Hunderttausende Menschen aus kleinen Inselstaaten drohen nach neuesten Berichten zur Eisschmelze ihre Heimat zu verlieren.

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Mai 28 2014, 8:00am

Männer in Tarawa, Kiribati. Bild: KevGuy4101 / Flickr | CC BY 2.0

Die Straße in der du lebst steht knietief unter Wasser. Soweit dein Auge reicht wird von der Flut alles langsam zerstört. Nun stell dir vor, dass diese Flut sich nicht mehr zurückzieht und statt dessen das Wasser immer weiter steigt—bis dein Haus und schließlich dein ganzes Land untergegangen ist. Genau dieses Szenario droht nach den neuesten Berichten zur unaufhaltsamen Eisschmelze in der Antarktis und in Grönland nun tatsächlich mehreren Inselstaaten.

„Wir haben bereits einige Atolle verloren. Auf anderen zerstört das ansteigende Meer das Zuhause von Menschen und spült Särge und Skelette aus den Gräbern." erzählte mir Tony de Brum, Aussenminister der Marshall Inseln:

„Mit jedem Vollmond bringt die Springflut Salzwasser in unsere Straßen. Wir ziehen weiter landeinwärts, aber bald sind wir am höchsten Ort angelangt."

Die Marshall Inseln liegen im nördlichen Pazifik und sind die Heimat von etwa 70.000 Menschen, die über 24 tiefliegende Korallenatolle verteilt leben. Tiefliegend heisst in diesem Fall zwei Meter über Normalnull. Nicht nur erodieren die Fluten die Küsten, sie versalzen auch das Grundwasser und vergiften so das Ackerland. Nicht einmal Kokospalmen wachsen inzwischen mehr in manchen Teilen des Landes.

Nachdem kürzlich der Zusammenbruch des Westantarktischen Eisfeldes begonnen hat, kann inzwischen ein Anstieg des Meeresspiegels um mindestens drei Meter als garantiert gelten. Eine Studie besagt, dass die Eisschmelze heute 31% schneller verläuft als zwischen 2005 und 2011. Und einem neuen Bericht in Nature Geoscience zufolge geschieht im hohen Norden Grönlands das gleiche. Obendrein verkündete auch die kürzlich veröffentlichte nationale Klimaeinschätzung der USA, dass die Gletscher Alaskas und Kanadas weiterhin große Mengen Wasser ins Meer pumpen. Auch das Pentagon hat inzwischen seinen eigenen Guide mit dem es sich auf die gravierenden Veränderungen durch den Klimawandel vorbereitet.

Für kleine Inselstaaten wie die Marshall Inseln bedeuten all diese Entwicklungen schlicht und einfach nur, dass sie vom Meer verschluckt werden—und ihnen das gleiche Schicksal droht wie auch den Bewohnern der Malediven, von Tuvalu, Mikronesien, Kiribati Palau und anderen Inselstaaten.

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Tony de Brum (links) bei der UN Klima COP 19 in Warschau mit US Chef-Unterhändler Todd Stern. Bild: US State Dept / Flickr | Lizenz: US Government Works

„Wo sollen wir hingehen? Wie sollen wir überleben? Was geschieht mit unserer Kultur? Werden wir zu einem Bezirk innerhalb eines anderes Staates?" fragte de Brum. „Die Nachrichten über die Antarktis sollten bei jedem für Ernüchterung sorgen, der auf diesem Planeten an in einer Küstenregion wohnt." sagte Marlene Moses. Sie ist Botschafterin der Republik Nauru, einer kleinen Insel im Südpazifik, und vertritt die weniger als 10.000 Menschen auf dem diplomatischen Parkett.

Wir werden Jahrzehnte brauchen, um unsere Dörfer umzusiedeln. Das sprengt fast meinen Verstand.

Moses ist auch die Vorsitzende der Allianz Kleiner Inselstaaten, eine Koalition aus 43 tiefliegenden Inseln und Küstennationen, die hart darum kämpfen, Staaten wie die USA, Kanada, China, Japan und Australien dazu zu bringen, ihren CO2-Ausstoß zu senken und die künftige Erderwärmung unter 1.5 Grad Celsius zu halten. Alles darüber, dass glauben sie fest, wird den Untergang der meisten dieser Staaten bedeuten:

„Ich kann aus persönlicher Erfahrung sagen, wie erschütternd es ist die Gleichgültigkeit zu sehen, mit der der Misere kleiner Inselstaaten begegnet wird."

Claire Anterea, eine Gemeindearbeiterin aus der kleinen Inselnation Kiribati im Pazifik, reagiert auf die neuen Prognosen für die Antarktis verzweifelt: „Mein Gott, das ist nicht fair! Wenn die Welt den Kollaps der Gletscher nicht stoppen kann, wer rettet dann mein Land?" Kritibati besteht aus etwa 30 Atollen am Äquator, die flach sind wie Pfannkuchen.

„Wir haben hier ein schönes Leben", sagte sie, „ein Leben mit einfachem Auskommen. Du kannst nicht erklären, wie es ist zu wissen, dass diese geliebte Heimat verschwinden wird!"

Die Regierung Kiribatis hofft darauf, für die Umsiedlung ihrer 115.000 Einwohner mehrere Quadratkilometer Land auf einer der Fiji-Inseln zu erstehen. Während ein solcher Umzug zwar das Überleben sichert, so bedeutet das sprichwörtliche Verschwinden der Inseln, dass auch die Kultur und Identität der Inselbewohner massiv bedroht ist. Wenn du auf einem kleinen Flecken mitten im Pazifik wohnst bekommt der Begriff Land einfach eine andere Bedeutung.

„Wie kann ich ohne unser Land meinen Kindern Ihre Herkunft erklären?" fragt Anterea.

Obgleich die meisten der 332 Inseln von Fiji nicht unter den steigenden Wogen verschwinden werden—jedenfalls nicht in den nächsten 100 Jahren—sind viele Küstendörfer bedroht. Ein Dorf wird bereits in höhere Lagen umgesiedelt. Anpassung und Rückzug sind die Zukunft vieler der 850.000 Bürger Fijis.

„Wir werden jahrzehntelang Dörfer umsiedeln müssen. Das sprengt dir fast den Verstand", sagte Alifereti Tawake, der bei einem lokal organisierten Netzwerk zur besseren Nutzung des Meeres arbeitet. Ungefähr 80 Prozent aller Dörfer liegen an der Küste, sagte er in einem Interview in der Hauptstadt Suva. Tawake's Heimatdorf Daku auf Kaduva, einer kleinen abgelegenen Insel wird bereits heute bei hoher Flut überspült. Eines Tages wird es ganz umsiedeln müssen.

Die Menschen haben eine starke Bindung an ihr Heimatdorf. Alles im Dorf hat eine starke familiäre, kulturelle und spirituelle Bedeutung. Es ist die Wurzel der Identität der Dorfbewohner. Dörfer, die seit Jahrhunderten stolz, unabhängig und selbstversorgend gelebt haben, müssen plötzlich um Hilfe von außen bitten.

„Die Leute sagen: Sogar wenn wir alles richtig machen, können wir das nicht stoppen". sagt Tawake.

Wenn der Rest der Welt diese Krise bemerkt, dann sind wir längst ertrunken. Wir sind wie Kakerlaken, die versuchen, Hirten für Elefanten zu sein.

Die kleine Insel Hatohobei und das Helen Reef Atoll in Palau erodieren bereits aufgrund der steigenden Meeresspiegel. „Bald werden wir dazu gezwungen sein, unsere Häuser zu verlassen", erzählt Wayne Andrew aus Palau, einem Land mit 22.000 Einwohnern, die über 250 Inseln im Westpazifik verteilt leben.

„Um ganz ehrlich zu sein: ich habe echt Angst", sagt Andrews, der eine Riffschutz-Organisation in Paulu leitet. Die Menschen von hier fragen sich was sie falsch gemacht haben, und „warum sie diesen hohen Preis zahlen müssen, während andere Länder von der Entwicklung profitieren", sagt er mit Bezug auf die CO2 Emissionen der wohlhabenden Nationen.

Auch momentan finden wieder schmerzhafte Gespräche über neue Umsiedlungen statt, die inklusive traditioneller Pflanzungen der Wasserbrotwurzel und sogar ganzer Gärten durchgeführt werden. Auch wenn Andrews weiß, dass hart an Lösungen zur Anpassung an das veränderte Klima gearbeitet wird, fällt es sehr schwer mit dem Wissen zu leben, „dass ein grosser Teil unseres Landes verschwinden wird."

Schmerzhaft ist auch der Begriff, der die 20-jährigen UN-Klimadebatten am besten beschreibt, die diese Inseln vielleicht hätten retten können. Eigentlich müssten sich die Länder doch nur darauf einigen CO2 Emissionen, die die Erwärmung der Atmosphäre vorantreiben, zu reduzieren. Ein Klima-Rettungs-Vertrag soll Ende 2015 ausgearbeitet sein. Es wäre eine Untertreibung zu sagen, dass die Verhandlungen nicht gut laufen.

„Es gibt kein Gefühl für die Dringlichkeit des Problems. Es ist frustrierend", sagt Außenminister de Brum, der gerade von einer informellen Klimagesprächsrunde bei der UN auf die Marshall Inseln zurückgekehrt ist. Die Länder mit den höchsten CO2 Emissionen sind mehr an ihrer Wirtschaft interessiert als am Überleben kleiner Inselstaaten, schüttelt de Brum den Kopf.

„Wenn der Rest der Welt die Krise bemerkt sind wir längst ertrunken. Wir sind wie Kakerlaken, die versuchen Hirten für Elefanten zu sein."

Der Drei-Korallen-Atollstaat Tokelau ist übrigens seit Anfang Oktober 2013 das erste Land der Erde, dass zu 100% erneuerbare Energie nutzt. Die 1400 Tokelauaner leben formal im Hoheitsgebiet Neuseelands—und sie sind kämpferisch. In diesem März protestieren Aktivisten aus Tokelau und 15 anderen Pazifiknationen gegen die fossile Energiewirtschaft mit der Kernaussage: „Wir ertrinken nicht. Wir kämpfen."

„Unsere Heimat zu verlassen ist keine Option", sagte Mikaele Maiava aus Tokelau, eine Aktivistin von 350.org. „Wir sind Krieger, und unser Land ist ein Teil von uns."