Im hohen Norden Spitzbergens steht der größte Pflanzenspeicher der Menschheit

Gesichert in einem Fels nördlich des Polarkreises steht eine Art Arche Noah für Gemüse und Obst, die auch in Zukunft eine vielfältige Nahrungsversorge garantieren soll. Erst kürzlich wurden 100.000 weitere Sorten eingelagert.

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Feb. 2 2015, 7:00am

​Die Samen-Datenbank in der norwegischen Einöde. Alle Bilder: ​Global Crop Trust Fund | Mit freundlicher Genehmigung

Auf einer verlassenen Insel nur wenige hundert Kilometer vom Nordpol entfernt, im norwegischen Archipel Svalberg, hinter dicken Mauern in einem Berg schlummert das ernährungtechnische Gedächtnis der Menschheit: die Svalbard Global Seed Vault (SGSV). 

Das futuristisch aussehende Gebäude ist ein gigantischer Speicher, der 2008 als Versicherung gegen den Verlust der genetischen Vielfalt von essbaren Pflanzen rund um den Globus gebaut wurde. In einer Gegend, in der die Eisbären die menschlichen Einwohner zahlenmäßig weit übertreffen, lagern über 800,000 Samenproben von allen Orten der Erde—und seit dem vergangenen World Food Day im Oktober sind es noch einmal über 100,000 mehr.

Irgendwas zwischen Lüftungsschacht und Kristallschatz: Die Arche Noah für Nutzpflanzen. Alle Bilder: Global Crop Trust Fund | Mit freundlicher Genehmigung

Dann bekam die weltweit wichtigste Samendatenbank Zuwachs durch vier Lieferungen mit neuen Samen, die die Vielfalt aus über 100 Ländern der Erde repräsentieren. In wenigen Tagen wird der Speicher nun die nächste Sammellieferung aufnehmen.

Obwohl noch weitere ähnliche Speicher existieren, ist der SGSV bei weitem der Vollständigste und Sicherste Bio-Archiv, dass bis heute errichtet wurde. Das liegt auch daran, dass er in einer viel sichereren Gegend steht als die meisten anderen Getreidesamenspeicher.

Momentan lagern in dem glitzernden Bunker rund 1,5 Millionen Samenproben—und dabei bietet er immernoch Platz für die dreifache Menge. Durch den Permafrost Spitzbergens, der seismischen Stabilität der Region und einem hochkomplexen Sicherheitssystem ist der SGSV nicht nur eine der sichersten Strukturen, die je gebaut wurden, sondern sieht auch noch fantastisch aus. Verwaltet wird die Samenbank vom Global Crop Diversity Trust.

Dabei ist der Samenspeicher nicht der einzige Bunker, in dem unser Essen von morgen lagert. Weltweit gibt es noch über 1700 weitere, allerdings viel kleinere Speicher, in denen Saatgutproben schlummern und die entweder auf nationaler oder internationaler Ebene verwaltet werden. Noch vor einigen Jahrzehnten gab es auch in Afghanistan und Irak große Samenbanken von unschätzbarem Wert, doch viele wurden in den Kriegen des 20. Jahrhunderts zerstört—Vandalen wollten die Glasbehälter versetzen und schütteten den viel wertvolleren Inhalt achtlos weg.

Der globale Speicher in Norwegen ist mit seinem weltweiten Sicherungsanspruch der einzige seiner Art. In einem über hundert Meter langen Tunnel ist er dabei direkt in den Stein gebaut und ragt tief in den Berg hinein, wo die Samen eingeschweißt bei -18 Grad Celsius schlummern.

Außer eine möglichst diverse Reserve unserer Nahrung bei plötzlichen Naturkatastrophen zu bieten, sollen die Proben im Speicher auch gentechnisch untersucht werden. So soll ein Sorten-Katalog erstellt werden, damit Menschen in Zukunft für weitere Zuchtprojekte darauf zugreifen können—ein sich ständig erweiterndes Museum für angewandte Landwirtschaftgeschichte, das in Zeiten von Monsansto-dominierter Einheitlichkeit und Temperaturanstiege durch den Klimawandel mit jedem Tag wichtiger wird.

Die Proben der Samensorten sollen mit einem Fokus auf 25 Hauptgetreide die ernährungstechnische Versorgung der Menschheit in Zukunft sicherstellen. Dabei achtet der Global Crop Diversity Trust darauf, dass die eingelagerten Sorten möglichst an ihrem Ursprungsort gesammelt werden (also z.B. Maissorten aus Mexiko). Die Regale im Speicher enthalten unter anderem schon Backups für Weizen, Kichererbsen, Mais, Erdnuss und eine Menge ganz besonderer afrikanischer indigener Pflanzen wie Spinnenpflanze und Jute.

Für den Fall eines plötzlichen oder schleichenden Verlusts unserer Nahrungsvielfalt befinden sich in dieser Arche Noah für Obst und Gemüse dank der letzten Lieferungen zumindest schon Okra, Amaranth und zum Glück auch scharfe Chilis für unsere geschmacklich vielfältige Zukunft. Nie mehr lasches Essen—ich hoffe nur, jemand denkt noch an die Himbeeren.​