Der Straßenprediger Kevin Campbell

in der Lobby des Embassy Suites Hotel mit seiner Frau und seiner Tochter | Alle Bilder von Rajiv Golla

Zwei Tage mit 500 Menschen, die glauben, dass die Erde eine Scheibe ist

Die Flat-Earth-Bewegung ist der Traum aller Verschwörungstheoretiker – von der Form der Erde bis hin zur Mondlandung wird hier alles angezweifelt. Warum sich in den letzten zwei Jahren immer mehr Menschen zu dieser Ideologie hingezogen fühlen.

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05 Januar 2018, 2:15pm

Der Straßenprediger Kevin Campbell

in der Lobby des Embassy Suites Hotel mit seiner Frau und seiner Tochter | Alle Bilder von Rajiv Golla

Wir stehen auf dem Parkplatz und schauen 20 Minuten lang hoch in den Himmel. Watsun Atkinsun hat sich gerade eine Menthol-Zigarette angezündet. Er hält sie zwischen zwei Fingern und zeichnet mit ihr die Kondensstreifen von Flugzeugen am Himmel nach. Dabei redet er in einem fort über Chemtrails, Strahlenwaffen und weitere Schikanen, die sich die allmächtige Elite seiner Meinung nach ausgedacht hatte, um die Menschheit zu unterjochen.

Der Tätowierer aus Portland ist von Kopf bis Fuß mit okkulten Zeichen und Iron Maiden-Schriftzügen tätowiert. Seinen Hals ziert der Spruch: Not afraid to ride. Not afraid to die. Atkinsun zieht an seiner Zigarette und wendet sich dann wieder unserem Gespräch zu.

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"Nichts ist einfacher, als die Theorie einer runden Erde zu widerlegen", sagte er. "Wir wissen, dass die Erde flach ist. Aber was kommt als nächstes?"

Das weiß ich gerade auch nicht. Daher nicke ich höflich und gehe wieder nach drinnen.

Es ist bereits der zweite Tag der weltweit ersten "Flat Earth International Conference" und mir brummt der Schädel. Die letzten 48 Stunden habe ich in dem Veranstaltungssaal eines Hotels mit 500 Menschen verbracht, die fest daran glauben, dass die Erde eine Scheibe ist. Ich habe mir stundenlang Vorträge von apokalyptischen Predigern, dubiosen Podcast-Produzenten und selbsternannten Wissenschaftlern angehört. Jede Unterhaltung mit anderen Teilnehmern war in etwa so abgelaufen, wie das Gespräch mit Atkinsun auf dem Parkplatz.

Watsun Atkinsun, ein Tätowierer aus Portland, präsentiert sein fahrbares Heim

Ich bin zu der Konferenz, die vom 9. bis 10. November 2017 stattfand, nach North Carolina gereist, um Flat-Earther persönlich zu treffen. Ich will besser verstehen, inwiefern die Sozialen Medien und das aktuelle politische Klima in den USA dazu beitragen, dieser uralten und doch hochaktuellen Verschwörungstheorie neues Leben einzuhauchen.

Uralte Verschwörungstheorie erlebt Renaissance – dank YouTube und Twitter-Schlammschlachten

Wie die meisten Menschen hatte ich durch den Online-Beef zwischen Flat-Earth-Promis wie B.o.B. und Basketball-Star Kyrie Irving auf der einen und seriösen Wissenschaftlern wie Bill Nye und dem Astrophysiker Neil DeGrasse Tyson auf der anderen Seite von den Flat-Earthern gehört. Auf den ersten Blick wirkte die Bewegung wie eine weitere absurde, aber harmlose Verschwörungstheorie, wie sie im Internet zuhauf kursieren.

Doch je tiefer ich in die geschlossenen Facebook-Gruppen, YouTube-Kanäle und Blogs der Flat-Earther vordrang, desto weniger harmlos erschien mir die ganze Geschichte. Schließlich sprechen wir hier von einer Menschengruppe, die ihr gesamtes Weltbild aus Misstrauen vor Autoritäten umgekrempelt hat. Es ist ein geschlossenes Weltbild, das keine Gegenstimmen akzeptiert und in dem der eigene Stolz wichtiger als Fakten sind. Die Flat-Earth-Bewegung gibt einen kleinen Vorgeschmack, wie eine postfaktische Zukunft aussehen könnte. Bei dieser Konferenz wagt sich die stetig wachsende Community nun aus ihren Online-Foren heraus und kommt erstmals in der echten Welt zusammen.

Bei der Flat-Earth-Bewegung geht es noch um viel mehr, als die Form unseres Planeten. Sie ist ein Aufbegehren gegen jegliche Form von Autorität.

Das Treffen unterscheidet sich in mancherlei Hinsicht nicht von anderen Konferenzen: Im Gang stehen Aussteller, im Festsaal finden die Vorträge statt, zwischen den Programmpunkten gibt es Pausen und abends einen Empfang mit Gratisgetränken. An einem der Stände bietet ein Kunsthandwerker mit schulterlangen weißen Haaren hölzerne Modelle der Scheibenerde an. Ein paar Tische weiter verkaufen ein paar ältere Damen selbstverlegte Bücher über Verschwörungstheorien.

Bei den Konferenzbesuchern handelt es sich vorrangig um weiße Männer mittleren Alters, von denen jeder mehr als 100 US-Dollar für die Teilnahme gezahlt hatte. Als sie herausfinden, dass ich Journalist bin, fragen mich viele Teilnehmer scherzhaft: "Sehen wir nicht ganz normal aus?"

Die Preise der Scheibenerde-Modelle des Künstlers Chris Pontius gehen bei 500 US-Dollar los

Für den Veranstalter ist es der Auftakt einer Revolution

Für den Organisator der Veranstaltung, den Filmemacher Robbie Davidson, markiert das Treffen den Beginn einer Revolution. In seiner Eröffnungsrede zieht Davidson direkte Verbindungen zwischen seiner Arbeit und der Martin Luthers, der seine 95 Thesen fast genau 500 Jahre zuvor an die Kirchentür genagelt hatte.

"Das hier ist der Beginn einer neuen Reformation. Dieser Tag wird sich auf Millionen von Menschen auswirken", verkündet Davidson stolz.

Wie ich schon vor dem Treffen gelernt hatte, geht es bei der Flat-Earth-Bewegung noch um viel mehr, als die Form unseres Planeten. Sie ist ein Aufbegehren gegen jegliche Form von Autorität. Jedes erneute Aufflammen der Ideologie lässt sich mit bedeutenden Momenten der Geschichte in Verbindung bringen, in der die Gesellschaft an der Schwelle zur einer grundlegenden Veränderung stand: die Reformation, die industrielle Revolution – und offenbar ist jetzt wieder ein solcher Zeitpunkt des Umbruchs gekommen.


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Atkinsun sieht die Situation wie folgt: "Der Dritte Weltkrieg hat bereits begonnen. Der wird nicht etwa gegen Nordkorea geführt, sondern gegen souveräne Bürger auf der ganzen Welt." Anhänger der "souveränen Bürgerbewegung" sind, ähnlich wie sogenannte "Reichsbürger" in Deutschland, der Ansicht, dass die Regierungen ihrer jeweiligen Staaten illegitim seien. "Wir erleben einen Frontalangriff auf unsere Freiheit, unsere Gedanken und auf unsere Erde", sagt Atkinsun weiter. "Zu erkennen, dass die Erde eine Scheibe ist, ist nur der erste Schritt, die Täuschung zu durchschauen."

Die meisten Konferenzteilnehmer, mit denen ich spreche, hatten sich erst vor zwei Jahren der Flat-Earth-Bewegung angeschlossen, nachdem Eric Dubay "The Flat Earth Conspiracy" veröffentlicht hatte und damit ein YouTube-Phänomen auslöste. Insgesamt bringen es die Hauptredner der Konferenz auf über 680.000 YouTube-Abonnenten und über 90 Millionen Views. Der Bewegung ist es in den USA anscheinend gelungen, an das gleiche Gefühl der Desillusionierung zu appellieren, das Donald Trump 2016 auch zum Wahlsieg verholfen hat. Hochgeputscht durch Echokammern im Internet versucht die Bewegung nun sogar, rationale Stimmen im wissenschaftlichen und politischen Diskurs zu übertönen. Für die Flat-Earther spielt es dabei natürlich keine Rolle, wer im Weißen Haus sitzt – denn schließlich erkennen sie die Regierung der USA sowieso nicht an.

Alles begann mit Kopernikus

Für die Anhänger der flachen Erde begann das große Täuschungsmanöver vor ungefähr 500 Jahren mit Nikolaus Kopernikus. In seiner Dokumentation ImpossiBall beschreibt Davidson, wie die Theorie des heliozentrischen Weltbildes, die die Sonne als Mittelpunkt des Universums etablierte, von der herrschenden Elite instrumentalisiert wurde. Mark Sargent, ein prominenter Flat-Earther auf YouTube, formuliert es auf der Bühne wie folgt: "Ich möchte hier keine bestimmten Namen nennen, egal ob es um die Illuminaten, die Bilderbergs, die Trilaterale Kommission, den Vatikan oder jemand anderen geht. Auf jeden Fall reden wir von einer kleinen, gruseligen Gruppe rauchender Männer, die um einen langen Tisch versammelt sitzen."

Die Flat-Earther glauben, dass diese Elite die "Lüge" verbreitete, dass die Erde rund ist und in einem unendlichen Universum mit Milliarden von Planeten existiert, auf denen es sogar außerirdische Lebensformen geben könnte. Diese Lüge wurde ihrer Meinung nach in die Welt gesetzt, um die Menschheit von Gott zu distanzieren und dessen Position auf der Erde für sich zu beanspruchen.

"Sie wollen Gott verstecken", heißt es mehrfach vom Rednerpult, ein Ausspruch, der fast immer Applaus vom Publikum erntet. Flat-Earther sehen nur eine Möglichkeit, die Identität und Freiheit der Menschheit zurück zu erobern: Sie müssen sich jedweder Autorität widersetzen und die Erde – und somit auch den Menschen – wieder als Mittelpunkt des Universums etablieren.

Der YouTuber Focker will die Bewegung mit seinen Geldscheinen voran bringen

Mondlandung, 11. September – Alles Lüge, sagen Flat-Earther

Für die Anhänger der Flat-Earth-Bewegung ist die "Lüge" über eine runde Erde nur die Spitze des Eisbergs der ultimativen Verschwörung. Denn wenn es den elitären Strippenziehern gelingt, die Menschen über den Boden, auf dem sie stehen, anzulügen – was kann man dann überhaupt noch glauben?

Für Flat-Earther stellen die Mondlandung und die Terrorangriffe des 11. Septembers den Knackpunkt dar, ob sich ein sogenannter "Globehead" zu ihrem Glauben an die flache Erde konvertieren lässt. "Wenn jemand die offizielle Erklärung für eines dieser Ereignisse glaubt, dann vergiss es gleich. Rede mit ihnen lieber über Sportergebnisse oder so", sagt Rob Skiba auf der Bühne. Skiba ist ein bekannter Kreationist, der sich vor allem durch seine Nachforschungen zu altertümlichen Riesen einen Namen machte, die im alten Testament beschrieben werden.

Die Flat-Earth-Bewegung ermutigt Menschen, alles zu hinterfragen, was ihnen gesagt wird, ihre eigenen Nachforschungen anzustellen und ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. An und für sich sind das durchaus sinnvolle Ratschläge. Wenn man sie jedoch mit konspirativer Paranoia kombiniert, kommt schnell eine völlig verzerrte Realität dabei heraus.

"Es gibt viele Bezeichnungen, die du jemandem an den Kopf werfen kannst, sei es Höhlenmensch, Spinner oder Idiot", sagte mir der Maschinenbauer Rob Munroe bei der Konferenz. "Aber wenn man jemanden als Flat-Earther betitelst, ist es das Schlimmste. Das beweist ganz klar, dass man etwas zu verbergen hat."

Expedition zum Ende der Welt soll Beweise bringen

Da sie Regierungsmitgliedern und Wissenschaftlern nicht vertrauen, suchen Flat-Earther in den eigenen Rängen nach Beweisen für ihre Theorien. In diesem Zuge wurde auch die Nonprofit-Organisation "FE Core" ins Leben gerufen, die weitere "wissenschaftliche" Untersuchungen des Sachverhalts unternehmen soll. Teil dieses Projekts ist auch eine 1,4 Millionen US-Dollar teure Expedition, die eine Crew an Flat-Earthern zum Eiswall, also dem äußersten Rand der Erde schicken soll – der ansonsten auch als Antarktis bekannt ist. Im November 2017 gab der kalifornische Stuntman "Mad" Mike Hughes außerdem bekannt, dass er sich mit seiner von Flat-Earthern mitfinanzierten selbstgebauten Rakete 550 Meter hoch in die Luft schießen wolle, vermeintlich um zu beweisen, dass es keine Erdkrümmung gibt.

"Wenn wir nicht selber da raus gehen, um zu testen und forschen, dann sind wir nicht besser als diese Physiker, die sich alles ausdenken", sagte Jeran Campanella, Podiumsredner und Betreiber des "Jeranism" YouTube-Kanals, der fast 85.000 Abonnenten aufweisen kann.

Es scheint fast so, als ob sich die antiautoritäre Haltung auch innerhalb der Flat-Earth-Bewegung fortsetzt. Eine Frau wurde von der Konferenz ausgeschlossen, nachdem sie einen fatalistischen christlichen Prediger wiederholt durch Zwischenrufe störte. Dieser Verweis ließ sofort Gerüchte und Spekulationen laut werden, dass Robbie Davidson und andere Redner in Wirklichkeit Marionetten der mysteriösen Elite seien.

Rob Skiba, ein Kreationist mit über 100.000 YouTube-Fans, hält einen Vortrag auf der Konferenz

Warum Menschen lieber an eine flache Erde glauben

Als wir auf dem Parkplatz stehen und die vermeintlichen Chemtrails beobachten, erklärt mir Atkinsun, dass Flat Earth ihn und andere Anhänge von dem Druck der modernen Welt befreie und ihnen die Möglichkeit gebe, die Dinge neu zu interpretieren. "Wir befinden uns in einer der dunkelsten Stunden der Menschheitsgeschichte. Daher ist die Flat-Earth-Theorie eine Illusion, die du ablehnst, bis du selbst Teil dieses erleuchteten Widerstandes wirst", prophezeiht er mir. "Du wirst Teil einer erwachenden Revolution. Das ist das höchste Gefühl der Freiheit."

So unverständlich die Flat-Earth-Theorie für Außenstehende auch sein mag, ihren Anhängern bietet sie eine Art sicheren Rückzugsort. Für die Mitglieder scheint die kategorische Leugnung von Fakten die einfachste Art zu sein, mit der grausamen Welt außerhalb von Online-Chatrooms umzugehen.

"Es gibt einen einfachen Grund, warum sie daran glauben, dass Ereignisse wie der Anschlag auf den Boston Marathon oder der Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule nie stattgefunden haben. Sie wollen nicht in einer Welt leben, in der unschuldige Schulkinder einfach so in ihrem Klassenzimmer erschossen werden", erklärte mir Ninamary Maginnis, die selbst keine Anhängerin der Flat-Earth-Bewegung ist. Sie erzählt, dass sie nur zu der Konferenz gekommen sei, um einen Versuch zu starten, ihrer Nichte wieder näher zu kommen, die von Verschwörungstheorien besessen ist und die sie seit Jahren nicht gesehen hat.

Auf eine gewisse Weise greift die Flat-Earth-Bewegung Ängste auf, die jeder von uns wohl schon einmal hatte – die Angst, dass man uns anlügt, was wohl das beste für uns sei. Die Angst, vor einer zu schnellen gesellschaftlichen Veränderung oder davor, als einziger außen vor gelassen zu werden. Flat-Earther rekonstruieren das Universum so, dass sie selbst wieder im Mittelpunkt stehen, da sie glauben, exklusives Wissen zu besitzen und die Wahrheit zu erkennen, die sonst keiner sieht. Diese Methode hat einen entscheidenden Vorteil für sie: Nun sind es all die anderen – nicht mehr sie selbst – die außen vorgelassen werden.