Ich habe eine Woche lang so wenig CO2 wie möglich produziert

Und ich habe mich nicht immer nur gut dabei gefühlt.

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30 November 2015, 9:43am

Die Autorin beim wütenden Möhrenessen.

An diesem Montagmorgen bin ich so aufgeregt, dass ich schon vor dem Wecker aufwache. The Game is on: Ich werde in dieser Woche möglichst wenig CO2 produzieren. Noch bevor in Paris die Politiker um das Weltklima ringen, werde ich meine ganz persönliche Emissionsreduzierung ohne zähle Verhandlungen diktatorisch durchziehen. So ist zumindest der Plan. CO2 ist ein „Klimakiller", macht unseren Planeten kaputt und zerstört die Zukunft unserer ungeborenen Kinder—es ist also, um es mal klar auszudrücken, ein ziemliches Arschloch.

Ehrlich gesagt bin ich nicht nur aufgeregt, sondern habe auch ein bisschen Bauchweh. Am Abend vorher war mir plötzlich klargeworden, auf was ich mich mit dieser Kohlenstoffdioxid-reduzierten Woche vor allem einlassen würde: Konsumverzicht. In einem Panikanfall habe ich daher alles, was in meinem Kühlschrank irgendwie nach viel CO2 aussah, in mich hineingestopft: Eine Tiefkühlpizza, den restlichen Käse auf Brot, den halben Liter Milch und zwei Bananen. Um auf Nummer sicher zu gehen, habe ich auch gleich noch geduscht—um es nicht am nächsten Morgen machen zu müssen. Wie mein Wasser erhitzt wird, und ob ich lieber kalt duschen sollte, weiß ich nämlich nicht.

Dass ich nun nichts mehr zu essen habe, folglich einkaufen gehen muss und damit alles nur noch schlimmer mache, ist mir völlig klar. „Konsum ist einer der größten Emissionstreiber in Deutschland. Der private Konsum von Waren und Dienstleistungen ist verantwortlich für ca. 40 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland", belehrt mich die Plattform für klimaverträglichen Konsum. Und ich kurbele ihn also erstmal so richtig an.

Die Autorin an einer Fabrik auf dem Weg zur Arbeit. Alle Bilder: Nicola Staender

Um etwas Absolution zu erfahren, schwinge ich mich auf mein Rad und düse ohne Frühstück zur Arbeit. Und weil die Arbeit am PC sowieso schon schlecht für die Umwelt ist (der Ausstoß aller Serverfarmen ist höher als der aller Fluggesellschaften zusammen), installiere ich eine Suchmaschine, die angeblich 80 Prozent ihres Profits in das Pflanzen von Bäumen steckt.

„Wenn du deinen Konsum jetzt extrem einschränkst, wirst du es irgendwann satt haben und dann nur umso mehr konsumieren, um zu kompensieren."

Meine Kollegen wissen von meinem Selbstexperiment (das ist untertrieben, tatsächlich haben sie mich dazu verdonnert). Weil sie so nett sind, gehen sie mittags mit mir umweltfreundlich essen. Im Salat- und Suppenschuppen frage ich die Verkäuferin, was sie als besonders klimafreundliches Essen empfehlen würde. Die Frage lässt mich ein bisschen wie eine dieser überbesorgten Menschen klingen, die gar nicht wirklich laktose- und glutenintolerant sind, es aber denken und deshalb überall nachfragen. Aber da muss ich jetzt wohl durch. Die Verkäuferin deutet als Antwort auf die Suppe aus „Herbstgemüse". Neben Kürbis, Kartoffel und Rosenkohl ist da allerdings Fleisch drin, und Fleisch darf ich natürlich nicht essen, weil bei der Fleischproduktion wahnsinnig viel Kohlenstoffdioxid ausgestoßen wird. Die Lösung: Ein Salat mit karamellisierten Walnüssen, Äpfeln, Sellerie und Sauerrahm. Wird schon passen.

Bild: Suppengrün. Mit freundlicher Genehmigung

Der Nachmittag verläuft normal. Immer wieder rufe ich mit einem kleinen Schmerzen im Herzen auch Google auf, denn der Algorithmus meiner neuinstallierten Suchmaschine zeigt mir oft nicht genau an, was ich sehen will.

Um 17:10 Uhr bekomme ich plötzlich richtig Hunger. Doch ich beschließe, stark zu bleiben: Hätte ich mir normalerweise jetzt schnell irgendwo irgendetwas geholt, entscheide ich, am Abend einzukaufen und zuhause mit Zutaten zu kochen, die unter möglichst wenig CO2-Ausstoß produziert wurden. Das sind vor allem regional und biologisch angebaute Lebensmittel, die gerade Saison haben: Allerlei Rüben, Äpfel, Birnen, Champignons oder Kohl. Mein Abendessen besteht deshalb unter anderem aus Möhren, Brokkoli und Linsen, die ich um 20 Uhr endlich und leider etwas wütend verschlinge, weil ich zu lange Hunger hatte.

Birnen und Äpfel haben gerade Saison.

Die Autorin beim Möhrenputzen.

Dienstag

Anders als gestern bin ich heute Morgen wieder super müde und wache nicht vor dem Wecker auf. Da passt es gut, dass ich mir heute vorgenommen habe, so schnell zu duschen, wie ich kann, damit ich möglichst wenig warmes Wasser verbrauche. Ich habe mich gestern informiert und weiß nun, dass unser Wasser zentral mit Gas erhitzt wird.

Und das braucht viel Energie: Um die 36 Liter Wasser, die der Deutsche laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung im Durchschnitt pro Tag verduscht. Um es auf 40 Grad Celsius zu erhitzen, werden 460 Gramm CO2 ausgestoßen. Ich brauche etwas weniger als die sechs Minuten deutscher Durchschnittsduschzeit und beschließe, dass ich in den kommenden Tagen das Schnellduschen noch weiter trainieren werde.

Mit dem Rad fahre ich wieder zur Arbeit. Am Nachmittag will ich mich dort der großen Wahrheit stellen. Bin ich ein Klimasünder oder nicht? Stoße ich mehr CO2 aus, als mir eigentlich zusteht? Die Fragen, die ich auf einer Internetseite für den „CO2-Klimarechner" beantworten muss, geben mir schon eine ganz gute Vorahnung, wo meine persönlichen Kohlenstoffdioxid-Problemzonen liegen: Zwar nutzt meine WG Ökostrom aus erneuerbaren Energiequellen, doch bestelle ich viel im Internet, statt in den Laden zu gehen und esse sehr gerne auch spontan draußen. Außerdem schlagen allerlei Wochenendreisen zu Buche: Wie blöd, dass ich nach München neulich den günstigen Flug gebucht habe (na ja, so günstig war er leider gar nicht) anstatt mit der Bahn zu fahren.

Ist ihr Fußabdruck groß oder klein? Die Autorin findet es gleich raus.

Der CO2-„Fußabdruck" der Autorin

Etwas unter dem Durchschnitt, aha. Vor allem mein WG-Leben und die Tatsache, dass ich kein Auto besitze, dämmen meine Lifestyle-Kosten etwas ein, aber als überzeugte Radfahrerin schmerzen mich meine hohen Transportemissionen trotzdem.

Ich vergesse das Problem, bis mich am Abend die nächste CO2-Entscheidung erwartet. Normalerweise würde ich wie jeden Dienstag ins Fitnessstudio gehen. Auf einem Spinning-Rad zu sitzen und in einem geheizten und hell erleuchteten Raum einen Trainer auf einem großen Bildschirm nachzumachen, ist keine CO2-neutrale Variante, Sport zu treiben. Lieber sollte ich draußen joggen, mit dem Rad übers Tempelhofer Feld fahren oder am Felsen klettern gehen, denke ich. Es ist aber schon dunkel und kalt. Ich entscheide mich deshalb fürs Studio—auch, weil ich dort eine gute Freundin treffen kann, die ich gerne sehen will. Ich habe das Gefühl, dass mich zu krasses CO2-Sparen sozial abschotten kann.

Nach dem Training habe ich Hunger und würde mir gerne beim Vietnamesen um die Ecke ein Curry holen. Weil ich aber nicht weiß, wie sich das auf meine Bilanz auswirken würde, esse ich widerwillig zuhause ein Brot. Und damit die Trainingseffekte nicht gleich sichtbar werden, trinke ich danach noch ein Bier: Lokal in München gebraut und von mir selbst nach Berlin importiert.

Die Autorin beim Bier- und Karottensafttrinken.

Mittwoch

Mein Mittwochvormittag ist geprägt von Reue. Aber nicht, wie ihr jetzt wahrscheinlich denkt. An diesem Tag rufe ich nämlich Jacob Bilabel, den Geschäftsführer eines Berliner Think Tanks an, der für einen sozialen Wandel und für klimafreundliches Leben agitiert. Er trifft mein Problem auf den Kopf: „Wenn du deinen Konsum jetzt extrem einschränkst, wirst du es irgendwann satt haben und dann nur umso mehr konsumieren, um zu kompensieren."

Ich bereue, ihn nicht schon früher angerufen zu haben. Denn eigentlich weiß ich genau, dass ich nervige Regeln gerne breche—und dann so richtig. Dass das im Fall des CO2-Einsparens super ineffizient ist, war mir eigentlich auch schon vorher völlig klar. Ich habe es aber trotzdem versucht.

„Du kannst dir überlegen, was du ohne viel Aufwand ändern kannst, und was gleichzeitig einen hohen Einfluss hast", empfiehlt Bilabel. Weil ich schon auf Fleisch verzichte und Ökostrom nutze, schlägt er mir vor, meine Konsummuster hinterfragen. „Du kannst dir überlegen, was du wirklich brauchst, bevor du einkaufst", sagt er. „Und wo du kaufst. Am wichtigsten ist es nämlich, Einfluss zu nehmen." Ich solle also in Firmen investieren, die CO2 einsparen. Und so Druck auf Hersteller auszuüben. „Eigentlich ist das CO2-Sparen auch nicht deine Aufgabe", sagt Bilabel, „sondern die von Firmen—und von der Regierung."

Ich darf also sogar ins Fitnessstudio gehen. „Wenn es dir gut tut, und du dich danach gut fühlst, mach es. Vielleicht musst du dir danach kein T-Shirt bei Primark kaufen, um dich wohlzufühlen." Auf CO2-Mission mit Wohlfühlfaktor? Vielleicht geht das tatsächlich.

Am Abend treffe ich einen Freund auf ein Bier. Ich erzähle ihm von meinem Experiment. Und stecke ihn an: So trinkt auch er Berliner, das einzige lokale Bier der Kneipe.

Jaja, das Flensburger hatte der Freund der Autorin vor seiner Bekehrung getrunken.


Donnerstag

Weil ich gestern Jacob Bilabel gefragt habe, ob es nicht klimafreundlicher wäre, in einer Mensa zu essen und er das bejaht hat („Natürlich. Fast alles, was du in Massen produzierst, kann mit weniger CO2 hergestellt werden."), versuche ich heute, nur zu essen, was andere auch gerade produzieren lassen. Mittags bestelle ich deshalb das gleiche Risotto wie mein Kollege. Zum Glück nimmt er das mit Roter Bete—die wächst nämlich auch gerade.

Am Abend gehen wir in der Redaktion noch etwas trinken. Statt mir Abendessen zu kochen, trinke ich also zwei Bier. Auch in Ordnung, es sind nämlich lokal produzierte Schultheiss-Biere. Zwar habe ich auf dem Heimweg noch Hunger, aber weil ich wieder nichts kaufen will, halte ich nirgendwo an. Zuhause springe ich mit frischer Motivation noch unter die Dusche und nach rekordverdächtigen 4:27 Minuten wieder heraus. Mit Haarewaschen. I rock this shit.

Dusch-Bestzeit der Autorin.

Freitag

Einige Methoden zum CO2-Sparen fallen mir mittlerweile so leicht, dass ich morgens gar nicht mehr richtig darüber nachdenken muss. Wenig warmes Wasser nutzen, radeln, darauf achten, was ich konsumiere—ich könnte das längerfristig in meinen Alltag integrieren. Mit Ausnahmen: Abends habe ich Lust auf Papayasalat. Papaya in Deutschland zu essen, ist ein ziemlich klimafeindlicher Move, schließlich werden Papayas vor allem in Ostasien und Südamerika angebaut. Aber irgendwie macht es mir auch Spaß, sie trotzdem zu essen. Immer nur Äpfel und Birnen sind langweilig—und außerdem habe ich die Woche über schon genug CO2 gespart.

Die Autorin beim Papaya-Salat essen.

CO2-Sparen kann ich also theoretisch mit ein paar einfachen Änderungen. Hochgerechnet auf ein Jahr würde ich damit sogar 2,6 Tonnen CO2 einsparen. Würde ich mir dafür Emissionsrechte kaufen, würde mich das bei einem Marktwert von 8,01 Euro pro Tonne CO2 also 16,02 Euro kosten.

Der CO2-Verbrauch der Autorin, wenn sie sich Mühe gibt, zu sparen.

Vielleicht würde ich das sogar investieren. Nicht immer habe ich nämlich Lust darauf, mich an Regeln zu halten. Ich glaube, das liegt auch daran, dass das Sparen kaum ein sofortiges Belohnungsgefühl schenkt. Deshalb werde ich es sicher nicht schaffen, immer Wasser zu sparen, regional zu essen und weniger zu reisen. Aber solange ich dort kaufe, wo sich auch andere Menschen Gedanken um die Umwelt machen, ist das vielleicht auch okay und ich kann mich gut fühlen, auch wenn ich manchmal Tiefkühlpizza im Eisfach und Bananen in der Küche habe.