Erleuchtete Cyborgs: Biohacker implantieren sich LED-Chips unter die Haut

Tim Cannon und seine DIY-Cyborg-Kollegen haben in Düsseldorf die nächste Stufe der Selbstaufrüstung gezündet.

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Nov. 9 2015, 6:00am

Wir befinden uns in einem schmucklosen Seminarraum abseits des Treibens der Düsseldorfer Cyborg-Messe. Jowan hat seine Utensilien auf einem Tisch ausgebreitet. Die Stimmung unter den drei Biohackern im Raum ist angespannt, leichte Nervosität macht sich breit.

„Alles muss hygienisch sauber und steril sein", betont Jowan, der sonst in Schweden ein Tattoo-Studio betreibt. Er zieht Handschuhe und Mundschutz an. Dann desinfiziert Jowan Shawns Haut und rasiert ihm die Armhaare rund um den Bereich, wo das Implantat eingesetzt wird. Jowan markiert die Stelle für den Schnitt mit einem Strich. Er führt Shawn an einen weiteren Tisch und breitet ein OP-Tuch aus. Während Shawn scheinbar gelassen auf den Eingriff wartet, läuft Jowan zwischen den Tischen hin und her und bereitet die Skalpelle vor. Er reiht alle Instrumente fein säuberlich neben Shawns Hand auf dem OP-Tuch auf. Dann setzt sich Jowan neben Shawn, es geht los.

Mit einem schmalen Skalpell ritzt Jowan Shawns Haut auf und hebt sie an, um Platz für das daumendicke Implantat zu machen. Shawn zuckt immer wieder zusammen. Blut tritt aus dem offenen Schnitt und Jowan schiebt das Implantat in den Arm. Dann wird die Wunde zugenäht und eine Folie über das Implantat geklebt.

Jowan Österlund, der im schwedischen Linköping das Tattoo- und Piercing-Studio Federal City betreibt, führt am 7. November 2015 die Implantation in Düsseldorf durch.

Jowan und Shawn (links) unmittelbar vor dem Eingriff.

Der Northstar wurde erfolgreich in Shawns Arm installiert. Alle Bilder: Anna Neifer / Motherboard.

Nach 15 Minuten ist alles vorbei und die Premiere in Deutschland ist geglückt. Shawn ist der erste Mensch, der das neueste Implantat des Biohacker-Kollektivs Grindhouse Wetware in seinem Körper trägt. Das Leucht-Implantat ist etwa so groß wie ein 2 Euro Stück und somit deutlich kleiner, als das Vorgängermodell, das sich Tim Cannon vor zwei Jahren in Essen implantieren ließ. Motherboard begleitete den Grindehouse-Chef damals vor und nach dem Eingriff mit der Kamera. Diesmal sind wir exklusiv dabei, als sich gleich zwei Biohacker in Düsseldorf den Northstar V1, das neueste Implantat aus der Pittsburgher Cyborg-Schmiede einsetzen.

Schon als Tim uns vor Monaten das erste Mal vom Northstar erzählt, betont er stolz, dass der Chip diesmal so ausgereift und sicher sei, dass er gleich mehreren Testpersonen eingepflanzt werden könne: „Unser erster Prototyp, der Circadia, war so krass, da konnte ich mich nur selbst guten Gewissens als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen. Aber vom Northstar produzierten wir gleich eine Miniserie, so dass auch andere Teammitglieder und Leute aus unserem Umfeld in den Genuss des Chips kommen." Tatsächlich findet am Samstag zeitgleich zur Düsseldorfer Operation auch eine dreifache Implantation des Chips in Pittsburgh statt.

„Die Stiche sind extrem unangenehm, du hängst regelrecht am Faden", erzählt mir Shawn nach dem Eingriff. Jetzt will er mir zeigen, was der Chip kann: Er legt einen Magneten an das Implantat und es leuchtet hell auf. Der Magnet aktiviert fünf kleine rote LEDs in dem Implantat und der Unterarm von Shawn erstrahlt. Nach zehn Sekunden erlischt das Licht wieder. „Wir schätzen, dass es 10.000 Mal aufleuchtet, dann sind die Batterien leer und können auch nicht wieder aufgeladen werden. Deshalb haben wir alles stromsparend angelegt. Nach zehn Sekunden Leuchten geht das Implantat automatisch in den Schlafmodus."

Das Implantat soll Biolumineszenz nachahmen, also die natürliche Lichterzeugung von Tieren, wie man sie zum Beispiel von Leuchtkäfern oder Glühwürmchen kennt. Auch unter der Haut strahlen die LEDs sehr stark, wie Grindhouse Wetware in einem Vorabtest schon mit Schweinehaut erprobt hat.

Video: DIY-Cyborg: Als sich Tim Cannon in Essen den Prototypen seines Open-Source-Chips implantierte

Wozu aber braucht man ein Implantat, das unter der Haut leuchtet? „Na ja, Leute aus der Biohacking-Community haben sich das gewünscht. Sie haben uns kontaktiert, weil sie ihre Tattoos zum Leuchten bringen wollten. So generieren wir unsere Implantate, wir lassen uns von der Community inspirieren", erklärt mir Shawn. Er arbeitet im Entwickler-Team von Grindhouse Wetware, davor war er beim Militär, der US Air Force. „Wir haben uns bei dieser ersten Version vom Implantat darauf konzentriert, es so einfach wie möglich zu machen. Es ist kleiner, dafür sehr simpel. Wir planen das Implantat ein Jahr lang zu tragen."

Dann ist Tim dran. Er hält überwiegend die Augen geschlossen und schaut nicht hin. Das Implantat passt zunächst nicht in den Arm. Jowan muss nochmal nachschneiden, dann lässt sich das runde Implantat unter die Haut schieben. Zunähen und auch Tim ist fertig zum Leuchten.

Die Anspannung und Konzentration fällt von Jowan ab. Er ist froh, das alles gut verlaufen ist. „Wir sind mit dem, was wir hier tun, immer noch eine Minderheit. Du musst 100 % sauber arbeiten. Wenn du nur einen Fehler machst, dann gefährdest du die gesamte Branche."

Bei Tim dauert der Eingriff länger als geplant, aber schließlich gelingt es Jowan doch, ihm das Implantat unter die Haut seines Unterarms zu schieben.

Tim trägt auf dem linken Arm noch die Narbe vom letzten Eingriff. „Da ich beim letzten Mal ein Implantat so groß wie eine Zigaretten-Packung im Arm hatte, sind jetzt alle begeistert, wie klein der Northstar V1 ist. Dabei ist auch der noch viel zu groß. Wir wollen noch kleinere Implantate hinbekommen", sagt Tim. Er zählt sich zur Bewegung der Grinder.

„Wir wollen, dass sich Science-Fiction in Realität verwandelt. Dazu brauchen wir nicht zwingend ein jahrzehntelanges Studium. Wir bei Grindhouse Wetware sind keine langgedienten Akademiker. Es geht auch mit Leidenschaft und Citizen Science."

Auch in Deutschland ist Citizen Science im Kommen: In Berlin basteln DIY-Biologen an eigenen Gen-Entwicklungen und der Cyborg e.V. arbeitet an der Verschmelzung von Mensch und Maschine

Während Wearable Technology von Fitnessarmbändern bis zur Apple Watch das Tragen von Gadgets immer alltäglicher macht, arbeiten die Biohacker in ihrer kleinen Pittsburgher Werkstatt mit DIY-Ethos an etwas spezielleren Entwicklungen, die ihre Vision der Verschmelzung von Mensch und Maschine vorantreiben sollen.

Auf die Unterstützung von Ärzten und medizinischer Forschung können die Biohacker nicht hoffen, allein schon weil eine Implantation wie an diesem Novemberwochenende in Düsseldorf wohl kaum mit dem hippokratischen Eid oder gar der modernen Medizinerethik zu vereinbaren ist.

Die Eingriffe werden stattdessen von erfahrenen Piercern und Body-Hackern wie Jowan durchgeführt. Ursprünglich sollte auch die Implantation des Northstar wieder in Essen auf der BMXnet, Europas größter Body Modification-Konferenz, stattfinden—doch Anfang September war die Einkapselung des Chips, die diesmal aus einer besonders stabilen und verträglich Materialmischung besteht, noch nicht aus den Testlaboren zurück. Die Kapselung der Implantate ist eine der sensibelsten Baustellen der Biohacker, denn ein direkter Kontakt des Chips mit dem Körper muss unbedingt verhindert werden.

Jowan näht die Wunde mit mehreren Stichen zu.

Grindhouse Wetware konnte im vergangenen Jahr sogar ein wenig Kapital von einem Investor akquirieren und will sich jetzt zunächst voll auf die Body-Mod-Szene konzentrieren. Dort entsteht tatsächlich ein kleiner Markt für Cyborg-Chips Marke Eigenbau, der es den Pittsburghern langsam aber sicher ermöglichen könnte, die eigene Produktion hochzufahren und auch als Firma durchzustarten. „Schon bald werden wir hoffentlich viele Versuchskanninchen in der Body-Modification-Community haben", erzählte Tim Motherboard schon im Sommer in Berlin.

Das Implantat soll im kommenden Jahr auf den Markt kommen. Mehrere Dutzend, vielleicht sogar hundert Northstar-Chips sollen in den nächsten Jahren über Tattoo-Studios weltweit an geneigte Body-Modder verkauft werden. „Es gibt Leute, die schreiben mir teilweise viermal am Tag, nachdem ich auf Facebook irgendein Werkstattbild gepostet habe, dass sie endlich auch einen Chip in ihrem Körper haben wollen."

Shawn zeigt sein Implantat wenige Minuten nach dem Eingriff. Die Wunde wurde mit mehreren Stichen genäht und über die Haut hat Jowan eine Folie gespannt.

Eine spätere Version des Northstars, die auf dem nun implantierten Chip basiert, soll nicht nur aufleuchten, sondern seinem Träger konstant biometrische Daten aus dem Körper liefern—wie zum Beispiel die Höhe des Blutdrucks oder den Blutzuckerspiegel.

Tims Vision als Transhumanist ist es, sein Schicksal nicht nur seinem Bewusstsein und den menschlichen kognitiven Fähigkeiten zu überlassen. „Ich kann mich nicht wirklich auf mein Gehirn verlassen. Aber ich kann mich auf die Daten verlassen, die mein Körper produziert", erklärte er Motherboard vor der Implantation.

Die Philosophie eines Biohackers: Wie sich Tim Cannon bis zur Unsterblichkeit selbst aufrüsten will

„Heute mögen unsere Entwicklungen noch nach einem Nischenprodukt aussehen, aber wenn wir es erstmal geschafft haben, ein günstiges Herzimplantat zu entwickeln, das dich automatisch vor einem Infarkt warnt, dann will jeder unsere Gadgets haben."

Foto: Grindhouse Wetware

Bild: Anna Neifer/Motherboard

Die zweite Version der Northstar-Chipserie hat Grindhouse Wetware bereits fertig entwickelt. Mit dem Implantat möchte Tim Hände zu drahtlosen Motion-Controller umrüsten: Ähnlich wie ein Wii-Controller erkennt der Northstar-Chip menschliche Bewegungen und kann damit per Bluetooth das Smartphone fernsteuern—ein wenig wie Siri, nur per Gestensteuerung, die jeder Träger individuell programmieren kann.

„Du bewegst deine Hand, das Implantat erkennt das und gibt die Daten an dein Smartphone weiter. Auf deinem Smartphone hast du für diese Bewegung eine Information oder einen Befehl hinterlegt, zum Beispiel, Autotür öffnen. Das Smartphone kommuniziert dann mit deinem Auto und die Tür öffnet sich", erläutert mir Tim das Funktionsprinzip des Northstar 2.0, den er speziell für den Alltag im Zeitalter des Internet of Things entwickelt.

Es geht Tim und seinen Grinder-Kollegen nicht nur darum, pragmatische Gadgets für den Alltag zu entwickeln—auch ein Einsteiger-Biohack wie der Magnet im Finger ist noch immer Quelle neuer Cyborg-Erkenntnisse. „Warum soll ich nicht auch meine Sinne erweitern, wenn es doch geht? Ich habe in meinem Finger einen Magneten, mit dem ich elektromagnetische Felder spüren kann. Jetzt weiß ich, Strom fühlt sich in Europa anders an, als in Amerika. Aber das wüsste ich nicht, wenn ich nicht dieses Implantat hätte."