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Wir haben Schüler gefragt, wie das Darknet den Drogenkonsum verändert

Bayern glaubt, dass das Darknet Schüler zum Drogennehmen verführt – aber stimmt das überhaupt? Wir haben die Behörden gefragt, welche Grundlage diese Auffassung hat, und mit Schülern darüber gesprochen, wie sie Tor und Darknet-Schwarzmärkte nutzen.

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10 Februar 2017, 2:29pm

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Fast überall in Deutschland nehmen die Drogendelikte an Schulen zu. Das geht aus Statistiken der Landeskriminalämter und der Innenministerien hervor. Eine besonders krasse Entwicklung kann man zum Beispiel in Baden-Württemberg beobachten: Zwischen 2011 und 2015 hat sich die Zahl fast verdreifacht. Einzig das Saarland meldet einen leichten Rückgang. Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, denn nicht jeder Drogen-Vorfall an Schulen wird angezeigt und die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Klar ist aber: Die meisten Anzeigen hatten mit Cannabis zu tun.

All das wirft auch in der Politik die Frage auf, warum es plötzlich so viel mehr Drogen an Schulen gibt—und wer dafür verantwortlich sein könnte. Das bayerische Innenministerium findet jedenfalls: Das Darknet ist schuld.

In einer im vergangenen Monat vielzitierten dpa-Meldung hieß es aus dem Ministerium, dass vor allem die Verfügbarkeit von Drogen über das Darknet, einem anonymen Bereich des Internets, Jugendliche zum Drogenmissbrauch verführen würde. Doch wie kommt das bayerische Innenministerium eigentlich zu dieser Einschätzung?

Wer genauer nachbohrt, stellt fest: Die Faktenlage dazu, ob das Darknet wirklich den Drogenkonsum befeuert, ist nach wie vor dünn – das Innenministerium verweist uns direkt ans Landeskriminalamt Bayern. Um besser zu verstehen, wie Online-Schwarzmärkte den Konsum junger Menschen verändern, haben wir also dem LKA Bayern unsere Fragen gestellt, beim BKA nachgehakt und Schüler selbst nach ihren Erfahrungen gefragt.

Wackelige Faktenlage: Selbst das BKA führt keine Statistik über Jugendliche im Darknet

Das bayerische LKA verweist auf Nachfrage von Motherboard auf die jährlich durchgeführte „Global Drug Survey"-Studie. Dort gaben 2016 6,7 Prozent der Befragten an, im letzten Jahr übers Darknet Drogen gekauft zu haben—ein Anstieg von nicht ganz so beeindruckenden 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Auch wenn die Studie die Altersgruppen der Darknet-Käufer nicht aufschlüsselt, führt das bayerische Innenministerium die Global Drug Survey trotzdem als Argument für seine These an. „Die Studie ist auch für den Teilbereich der o.a. Fragestellung (Jugendliche) übertragbar und damit hinreichend aussagekräftig", teilt uns das bayerische Innenministerium mit.

Wir fragen nach: Woher die Sicherheit, dass das Darknet für den Anstieg der Drogendelikte an Schulen verantwortlich sei? Die Antwort: Es sei schließlich nur ein PC und ein sehr überschaubares Know-How für den Drogenkauf notwendig, das würde die Verfügbarkeit von Drogen erhöhen. Wie einfach oder schwierig eine Substanz zu beschaffen ist, habe, so das LKA Bayern, „direkten Einfluss auf das ,Kaufverhalten' und damit proportional Einfluss auf den Anstieg an Drogendelikten an Schulen. Das ergibt sich unter anderem aus wissenschaftlichen Erklärungsansätzen, wie zum Beispiel zur Suchtentstehung und darf als schlüssig angenommen werden".

Das bayerische Innenministerium arbeitet also in Sachen Darknet und jugendlicher Konsum nur mit einer Hypothese. Wir suchen also weiter nach einer Statistik, die auch das Alter von Darknet-Usern aufzeigt, und fragen beim Bundeskriminalamt an. Aber wir werden enttäuscht: „Eine statistische Erhebung, in wie vielen Fällen Rauschgift durch Jugendliche über das Darknet erworben/bestellt wurde, führt das Bundeskriminalamt (BKA) nicht durch", schreibt uns das BKA. Und auch die Drogenbeauftragte des Bundes, Marlene Mortler (CSU) konnte uns auf Anfrage nicht weiterhelfen.

Was läge näher, als Schüler selbst zu befragen?

Ob also Schüler wirklich wegen des Darknets eher kiffen und andere Substanzen nehmen, kann niemand mit Sicherheit sagen. Was liegt also näher, als Jugendliche direkt nach ihrer Deepweb-Expertise zu fragen?

Wir versuchen es in einer Facebookgruppe von Fans eines bekannten Youtubers, der sich in seinen Videos mit Drogen beschäftigt. Einige Gruppenmitglieder melden sich bei uns, sind dazu bereit, uns anonymisiert ein paar Fragen zu beantworten. Die meisten Personen sind drogenaffin und kennen sich mit dem Darknet aus. Nicht verwunderlich: Wer Fan eines Youtubers ist, der sich in Videos auch schon mit dem Online-Drogenkauf auseinandergesetzt hat, wird auch eher Erfahrung damit haben. 

Deswegen fragen wir auch Schüler eines Gymnasiums nach ihrer Einschätzung. Die Befragten dort haben zwar auch schon vom Darknet gehört, die meisten beschäftigen sich jedoch nicht so intensiv mit Themen rund um Drogen und Deepweb wie viele Mitglieder der Facebookgruppe. Natürlich kann und will unsere kleine Stichprobe nicht für alle Jugendlichen sprechen. 

Trotzdem zeigt sich, dass die Erfahrungswerte mit dem tatsächlich Kauf durchaus extrem unterschiedlich ist – und auch nicht jeder Wissen von Hörensagen-Theorien über das Darknet unterscheiden kann:

Nico, 18 (via Snapchat): 

MDA und MDMA, das bei Maximilian S. alias Shiny Flakes sichergestellt wurde. Bild: Theresa Locker/Motherboard

Hast du schon mal Drogen im Darknet bestellt?

Meine Freundin hat für mich mal Drogen über Shiny Flakes bestellt. Damals war ich 17 und sie 19. Über ihr Bankkonto hat sie für mich Bitcoins gekauft.

Welche Drogen waren das?

MDA und Ecstasy.

Wie sicher schätzt du den Drogenkauf übers Darknet ein?

Da wir davon ausgegangen sind, bei Shiny Flakes auf der sicheren Seite zu sein, haben wir uns die Bestellung zu ihr nach Hause liefern lassen. Ein halbes Jahr später kriegte sie eine Vorladung, weil Shiny Flakes Buch über seine Kunden geführt hat. Natürlich habe ich dann zugegeben, dass ich es war. Ich bekam als Strafe zwei Wochen Jugendarrest und 50 Sozialstunden, weil das in ein Verfahren gebracht wurde, bei dem ich wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr angeklagt war. Ich rate nur jedem, der etwas Illegales im Darknet bestellt, es sich nicht an seine eigene Adresse liefern zu lassen. Früher oder später kommt das raus.

Viktor*, 16

LSD, das bei Maximilian S. alias Shiny Flakes sichergestellt wurde. Bild: Theresa Locker/Motherboard

Hast du schon mal Drogen im Darknet bestellt?

Ja, allerdings immer mit Freunden als Sammelbestellung. Der niedrige Preis für die hervorragende Qualität sind die größten Faktoren. Auch die Verfügbarkeit (selbst für Berliner Verhältnisse) spielt oft eine Rolle. Sachen wie Mephedron oder DMT sind fast ausschließlich im Darknet verfügbar.

Welche Drogen waren das?

Amphetamine, Mephedron (Scheißzeug), Butan-Haschöl, Hasch, Koks, LSD 25

Wie sicher schätzt du den Drogenkauf übers Darknet ein?

Da ich selber nie die Transaktion getätigt hab kann ich das nicht zu allzu gut einschätzen, würde aber sagen, dass es auf jeden Fall sicherer ist als in irgendeiner dunklen Einfahrt.

Wie schwer ist es deiner Meinung nach für Jugendliche, übers Darknet Drogen zu kaufen?

Unterschiedlich, pauschal sagen, dass es immer schwierig oder immer einfach ist, kann ich nicht. Wir hatten das Glück, Zugang zu einem Postfach zu haben, an das geliefert wurde, daher konnten wir den ganzen Kram mit den Eltern umgehen. Wenn man solche Möglichkeiten hat, ist es nicht schwer. Aber die hat halt nicht jeder.

Olli*, 17 (via Telegram):

Bild: Screenshot Darknet-Schwarzmarkt

Hast du schon mal Drogen im Darknet bestellt?

Ja, da ich mir dort sicher bin, was ich kaufe. Bei Freunden von Freunden oder auf der Straße kann man nie wissen, was man dort angedreht bekommt. Durch Online-Rezensionen der Dealer kann man einfach herausfinden, wer vertrauenswürdig ist. Durch klarere und gleiche Marktverhältnisse gibt es im Deepweb auch einen Preisdruck und man bekommt als User meistens ein besseres Preis-Leistungsverhältnis.

Welche Drogen waren das?

Habe mit Gras angefangen, mittlerweile bestelle ich auch Speed und MDMA.

Wie sicher schätzt du den Drogenkauf übers Darknet ein?

Kann ich nicht genau beurteilen. Aber durch ein asymmetrisches Verschlüsselungsverfahren deiner Adresse, VPN-Schutz deiner IP und den Tor Browser ist das online shoppen nicht besonders gefährlich (Voraussetzung: Man kennt sich ein wenig mit PCs aus).

„Effektiv sind es trotzdem sehr wenige Jugendliche, die Zeug im Deepweb bestellen."

Ich denke, die größere Gefahr besteht beim Versand. Vor allem bei internationalem Handel kann es sein, dass der Zoll ein paar verdächtige Briefe kontrolliert. Wer aber schon mal etwas bestellt hat weiß, wie gut die Substanzen verpackt sind. Ich vermute mal, die Chance, dass deine Lieferung nicht ankommt, liegt zwischen 0,5% und 0,1%.

Wie schwer ist es deiner Meinung nach für Jugendliche, übers Darknet Drogen zu kaufen?

Ich würde sagen, dass von den unter 18- jährigen vielleicht 50% überhaupt in der Lage sind, Drogen zu bestellen. Von denen würden jedoch 80% überhaupt nicht auf die Idee kommen, sowas zu konsumieren. Und dazu kommt auch noch, dass es auch bestimmt welche gibt, die etwas bestellen wollen, aber es lassen –  aus Angst, die Eltern würden es mitbekommen oder dass das Paket bei der Polizei landet.

Bei mir Zuhause ist es grundsätzlich so, dass meine Eltern wirklich nie ein Paket oder Brief von mir öffnen, also geht von dort keine Gefahr aus. Meistens fragen meine Eltern mich noch nicht mal was drin ist, da ich mir so gut wie alles im Internet bestelle.
Effektiv sind es trotzdem sehr wenige Jugendliche, die Zeug im Deepweb bestellen.

Tony, 18

Bild: Screenshot Darknet-Schwarzmarkt

Hast du schon mal Drogen im Darknet bestellt? 

Ich nicht, in erster Linie weil ich nie das Bedürfnis hatte, mir etwas zu besorgen, was ich nicht auch so bekommen könnte. Wenn, dann würde ich bei einem Bekannten ganz analog mitbestellen und sicherlich auch nicht auf meine Adresse. Freunde von mir haben allerdings schon übers Darknet Drogen gekauft, weil sich die Möglichkeit geboten hat und sie selber einen Eindruck davon gewinnen wollten, inwiefern diese Variante besser, günstiger, seriöser und so weiter sein könnte.

Welche Drogen waren das?

Soweit ich weiß, Ecstasy und Cannabis.

Wie sicher schätzt du den Drogenkauf übers Darknet ein?

Je nachdem. Was strafrechtliche Verfolgung betrifft ist man doch recht sicher, da man anonym bleibt. Durch regelmäßiges Einkaufen und Erhalten der Ware kann man aber leicht auf sich aufmerksam machen und dadurch identifiziert werden. Wenn ich zu einem Dealer gehe kann es natürlich sein, dass das ein Bulle sieht. Aber der Dealer und ich haben dann noch die Möglichkeit, wegzurennen, während man im Darknet nur darauf spekulieren kann, dass alles gut läuft - bis es zu spät ist. 

„Ich denke, dass im Darknet in erster Linie Personen mit mehr Erfahrung unterwegs sind, auch wenn der Zugang grundsätzlich keine große Hürde ist."


Auch was die Produkte betrifft, halte ich das Darknet für recht unsicher, da man, wenn man anonym ist, als Verkäufer wesentlich weniger Hemmungen hat, jemanden abzuziehen oder, besonders bei Drogen, ziemlichen Dreck zu verkaufen. Dagegen überlegt sich ein Dealer, den man persönlich kennt, zweimal, ob er dir etwas verkauft, was dir erhebliche Schäden zufügen könnte.

Wie schwer ist es deiner Meinung nach für Jugendliche, übers Darknet Drogen zu kaufen?

Einen Zugang zum Darknet bekommt man ja ganz leicht, indem man sich zum Beispiel den Tor-Browser runterläd. Es gibt es zwar keine Suchmaschinen, dafür aber Verzeichnisse, auf denen man auch nicht allzu lange suchen muss, um die richtigen Links zu bekommen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass man so blöd ist, sich mal einfach so (und dann vielleicht sogar noch bei der ersten Bestellung) etwas zu sich direkt nach Hause zu bestellen. Insofern glaube ich, dass die Leute, die im Darknet Drogen kaufen, auf jeden Fall ein ähnliches Umfeld haben wie die, die sich ihre Drogen auf der Straße besorgen. Deshalb denke ich auch, dass im Darknet in erster Linie Personen mit mehr Erfahrung unterwegs sind und keine 14-jährigen Kinder, auch wenn der Zugang grundsätzlich keine große Hürde ist.

Jamie*, 17

Bild: Screenshot Chemical Love

Hast du schon mal Drogen im Darknet bestellt? Wenn ja, warum?

Ja, das habe ich, aus dem einfachen Grund, dass ich hier in meinem Umkreis nicht so viele Dealer mit einem vielfältigen Angebot an Substanzen kenne. Cannabis ist bei mir kein Problem.

Welche Drogen waren das?

Bis jetzt habe ich erst zweimal über das Darknet bestellt. Einmal Ectsasy und LSD. Einmal auch im Clearnet AL-LAD, ein legaler LSD-Analog.

Wie sicher schätzt du den Drogenkauf übers Darknet ein?

Das kommt ganz darauf an, wie viel und woher. Wenn man zum Beispiel innerhalb Deutschland drei Ecstasy-Tabletten bestellt, werden diese in einem Brief versendet und die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Brief mal mit rausgezogen wird, ist sehr gering. (...) Dass aber immer mal was schief gehen kann, sollte einem trotzdem bewusst sein.

Wie schwer ist es deiner Meinung nach für Jugendliche, übers Darknet Drogen zu kaufen?

Die Frage ist, wohin damit, wenn man bei seinen Eltern wohnt: ganz einfach. Man geht zur  Postfiliale und holt sich sein Briefchen postlagernd ab, volljährig muss man dazu nicht sein.

Jonas *, 18

Hast du schon mal Drogen im Darknet bestellt?

Noch nie, dazu wird es auch nie kommen. In den letzten Jahren wurde das Thema in den Medien immer präsenter, somit, meiner Meinung nach, auch in den Büchern der deutschen Sicherheitsbehörden. Nicht nur in TV-Berichten über aufgeflogene, kartellähnliche Drogenoperationen aus Kinderzimmern, sondern auch auf Social Media-Plattformen wie YouTube sieht man das Wort „Darknet" immer öfter aufblitzen. 

„Schwer ist es an sich nicht, eben das macht es so gefährlich."

Jeder mit ein wenig gesundem Menschenverstand sollte sich nach NSA-Leaks und Co. darüber im Klaren sein, dass selbst das durch Tor „geschützte" Darknet heute nicht mehr als ein Honeypot ist.

(Anm. der Redaktion: Diese Auffassung deckt sich nicht mit unseren Recherchen)

Wie schwer ist es deiner Meinung nach für Jugendliche, übers Darknet Drogen zu kaufen?

Schwer ist es an sich nicht, eben das macht es so gefährlich. Vor allem junge Konsumenten laufen Gefahr, sich von einem Video oder Guide hinreißen zu lassen und entsprechend blauäugig an die Sache ran zu gehen. Weder Verschlüsselung der Adressdaten noch Verwischen der Bitcoin-Spuren werden bei dem Großteil der Jugendlichen angewandt, womit sie sich mehr oder weniger so tief ins Fleisch schneiden, dass sie gleich bei der nächsten Polizeiwache ihre Drogen abholen könnten. So gemein das nun vielleicht klingen mag, aber jeder einzelne, der wegen solcher Sachen Besuch von der Polizei bekommt, hat es mehr als verdient.

*Name von der Redaktion geändert