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Rechte Anonymous-Aktivisten und HoGeSa rufen zum EnDgAmE gegen Pegida auf

Verschwörung gegen das Abendland: Weil Pegida Amerika-hörig unterwandert sei, mobilisieren Anons am nächsten Montag zur PegAda-Demo in Erfurt. Schafft das selbsternannte Volk sich jetzt mit neurechten Spaltungen selbst ab?

Wenn ihr glaubt, dass nach drei Monaten neurechter Dresdener Demos schon alles zu Pegida gesagt wurde, dann habt ihr euch gehörig getäuscht, ihr systemkonformen Schäfchen! 

Ist euch nie aufgefallen, dass Pegida das Volk nur ablenkt, um die wirkliche Bedrohung des Abendlandes zu verschleiern? Was, wenn nicht die Islamisierung, sondern die Amerikanisierung unser drängendstes Problem ist? Willkommen beim EnDgAmE bzw. bei Pegada (Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlandes).

Wann immer auf der ​like-stärksten deutschen Anonymous-Seite die Frage „Cui bono?" (lat.: Wem nützt es?) gestellt wird, ist eine unterhaltsame Verschwörungstheorie nicht weit. Angeblichen politische Enthüllungen wird mit Ausrufezeichen und Großbuchstaben zu angemessener Sprengkraft verholfen und der Drahtzieher Israel wird hinter allem Bösen aufgedeckt (Ja, ​selbstverständlich auch hinter dem Charlie-Hebdo-Attentat). 

„Tschüss BND-AFD-Lutz Bachmann"

So wird Facebook zu dem „demokratischen" Alles-kann-gepostet-werden-Medium, das das Abendland mit konspirativer Anti-Logik zugrunde zu richten droht. Und während Pegida sich ​seit der Demo-Absage im Lichte von eigenen Pressekonferenzen sonnt, versuchen neurechte Anons und Ex-Mahnwachler, die Dresdener Massendemos jetzt noch einmal rechts zu überholen. 

Inzwischen hat sich übrigens auch Hogesa dem absolut logischen Aufruf für Pegada ​angeschlossen und auch noch ein bisschen weitere „Wahrheiten" über Pegida verbreitet. Natürlich erst nach einiger „Recherche hinter verschlossenen Türen" und nachdem ihnen „Informationen [über Pegida-Spitzel] aus der Motorrad-Szene zugespielt wurden", wie man auf ​Hogesa.info erklärte.

Wem nutzt es? Immer dem, der fragt, natürlich

Die Facebook-Seite von Anonymous.Kollektiv hat sich spätestens 2014 als loyalste „Informations"-Quelle für Querfront-Aktivisten und Montags-Mahnwachler hervorgetan. Nach dem zu den Themen der Pegida-Demos im vergangenen Jahr noch wohlwollende bis begeisterte Beiträge gepostet wurde, meinen die selbsternannten Anons nun erkannt zu haben, dass die Pegida-Organisatoren in Wirklichkeit „staatlich subventioniert" seien.

Bild: Karl H. ​Einz Qu​itschboy via Endgame Facebook-Veranstaltung.

Am 14. Januar erklärte man, dass hinter Pegida im Grunde die USA stecke. Eine klare Beweisführung folgte natürlich auf dem Fuß (belegt mit „Querverweisen", wie es auf der Seite stilecht-germanisch heißt): 

Erstens: Organisator Bachmann besitzt einen US-Pass. Zweitens würden antiamerikanische Wortbeiträge und Plakate auf der Demo nicht geduldet. So interessierte sich ​nur der YouTube-Upload-Button für die Anliegen der US-kritischen „Friedensaktivisten", die in einem Guerilla-Streifzug mit ihrem einsamen Banner durch die Dresdener Menschenmassen zogen, aber nicht auf die Bühne gelassen wurden. Außerdem hätte Pegida CNN ein Interview gegeben—ein glasklarer Beweis für die Amerikafreundlichkeit!

Pegida ist in Wirklichkeit staatlich subventioniert.

Abschließend verwehren die Anons sich in ihrem Post noch dagegen, die Bewegung spalten zu wollen. Die „Erklärung" richte sich nicht gegen die Demonstranten, sondern „gegen die Organisatoren und deren Auftraggeber im Hintergrund." Konsequenterweise entzog man Lutz Bachmann dann auch gleich noch die Kommentarfunktion, da er auf keine der Anschuldigungen einginge. „Tschüss, BND-AfD-Lutz."

Grundsätzlich begrüßte Anonymous.Kollektiv es zwar, dass man in Dresden gegen „die Selbstgefälligkeit der Berliner Politamöben" demonstrierte, und eigentlich passen die fremdenfeindlichen Ziele von Pegida auch gut zum allgemeinen Deutschland-Fetisch der speziell gesinnten Anons. Daher kann über die tatsächlichen Gründe der jüngsten „Anon-Aufklärung" nur spekuliert werden. Für dezidiert unterstützenswert befindet man jedenfalls nur noch die etwas nazi-offenere Legida-Bewegung, Jürgen Elsässer und eben Pegada, wo es mit äußersten Photoshop-Mitteln gegen den Ami geht:

Nur echt mit hochwertig gephotoshoppten und logisch vereinnahmten Wappentieren. Screenshot (Ausschnitt): ​Facebook.com/EnDgAmEEU.


Anonymous versus Anonymous

Auch mit den jüngsten Erklärungen steht Anonymous.Kollektiv wieder einmal diametral anderen deutschen Anons gegenüber, die erst kürzlich in einem Video erklärten, nunmehr auch mit Hacktivisten-Methoden gegen Pegida vorgehen zu wollen. Mit der ​#OperationPegida rief man zum Kampf gegen die rassistisch und intolerant wahrgenommene Bewegung auf. 

Diese Widersprüchlichkeit innerhalb von Anonymous liegt natürlich im Konzept der offenen Aktivisten-Bewegung begründet, die immer wieder stolz betont, dass eben jeder Anonymous sein könne. Und so gibt es in Deutschland das „Anonymous Kollektiv" auf der einen und die zum Beispiel unter ​Anonymous News Germany lose zusammengefassten Gruppen auf der anderen Seite, die vollkommen gegensätzliche Ziele verfolgen.

Nur zwei Tage nach dem eher niedlichen ​Online-Scharmützel der verschiedenen Anon-Fraktionen kündigte Anonymous.Kollektiv dann mal wieder Großes an: Man werde „dieses Land mit einem Massenprotest überziehen, den die Eliten seit 1989 nicht mehr gesehen haben, wir werden sehr viele sein und euch Korrupten Politdarstellern sei eins gesagt: Erwartet uns, denn wir erheben uns!"

Man glaubt es kaum, aber diese Revolution wird in Erfurt beginnen und mobilisiert mit wutentbrannter Schweine-Symbolik:

Screenshot: Pegada Facebook-Page


Mit amerikanischem Buzzword gegen die Amerikanisierung

Am 24. Januar ruft unter anderem ein gewisser Stephane Simone in Erfurt zur ersten Pegada-Kundgebung auf, und zwar ironischerweise unter dem englischen Demo-Motto „EnDgAmE", was für Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas steht.

Einem breiteren Publikum war Pegada-Mitorganisator Stephane Simon bekannt geworden, als er während einer Liveschaltung des heute journals einem Reporterteam mehrmals wutentbrannt vor die Linse stürmte. Angetan mit einem lustigen Flauschmützchen, brüllte er dabei—bis auf die Worte „Lügner!" und „Scheißbande"—dem ​überraschten Kamerateam nur Unverständliches entgegen.

Der Franzose Simone bezeichnet sich selbst als „ehemaliger Bundespolizist" und vertrat zunächst 2013 die Positionen der Leipziger Anti-Moschee-Bau-Bürgerinitiative „Gohlis sagt nein" ​gegenüber einigen Medien, bevor er sich ​auf Montagsdemos als Redner hervortat. Im Dezember 2014 hielt Stephane dann bei Pegida eine flammende Rede, in der er ​laut Berichten eine Linken-Politik​erin unter dem Beifall der Zuhörer als „blöde stalinistische Fotze" beichnete. (​Lutz Bachmann schlägt dabei auf der Bühne die Hände über dem Kopf zusammen.)

Pegada: Mit Facebook-Thesen zur Systemkritik

16 Punkte listen die Pegadianer als Forderungen auf. Einige ihrer Thesen wie „Friedensverträge und sofortiger Abzug der Besatzer" schmücken dabei auch das Repertoire der so genannten Reichsbürger. Kurze Auffrischung: Das sind die,  die der Verschwörungstheorie anhängen, dass es die Bundesrepublik Deutschland gar nicht gebe, und es sich bei Deutschland um ein besetztes Land handle. Zu dieser Nähe passt auch, dass im Februar 2013 auf einer Reichsbürger-Webseite dazu aufgerufen wurde, zu einem Prozess gegen Stephan Simone als Beobachter und Unterstützer zu kommen. ​Muss man wissen.

Hogesa fügte als Pro-Argument für Pegada ​noch hinzu, dass man, wenn man gegen Amerika kämpfe, natürlich auch gegen den Salafismus etwas tue—weil der IS ja von den Amerikanern aufgebaut wurde.

374 werden „vielleicht" teilnehmen.

Weitere Punkte im Pegada eigenen Thesenkatalog im Facebook-Format sind Volksentscheide, das „Ende des ständig ansteigenden Wachstums- und Konsumwahns", der Kampf gegen „die Vergiftung unserer Lebensmittel durch Monsanto, Nestlé, und Co.!" sowie „deutsche Goldreserven auf deutschem Boden." Falls die Fed auf Facebook ist, zittert sie sicher schon.

Screenshot: ​EnDgAmE

Im übrigen lüge Angela Merkel „ihrem eigenen Volk" mittels Russlandhetze „auf perverseste Art" ins Gesicht und lobe „das größte Untier dieser Welt." Damit meint Pegada nicht etwa die ​hochgiftige australische Seewespe „Chironex fleckeri" (Mordende Hand) sondern natürlich die USA. Mit vielen Ausrufezeichen geht es so immer weiter im Text.

Auf dem Plakat zur Demo steht folgerichtig „Schluss mit dem US-/Nato-Diktat!" und weiterhin „Für ehrliche Medien" und „Für Frieden unter den Völkern." Diese Forderungen erinnern nicht von ungefähr an die montäglichen Friedensdemos, die seit Pegida weitgehenend verschwunden sind: Die EnDgAmE-Rednerliste besteht laut der Facebook-Veranstaltung neben Stephane Simon aus Frank Geppert (Mahnwache Halle), Viktor Seibel (Mitbegründer der Montagsmahnwache Kassel), Konstantin Stößel (Anmelder der Montagsmahnwache Erfurt) und jemandem namens Robert Spitzner.

Legion scheinen die Pegada-Teilnehmer allerdings nicht zu werden: Von rund 13.000 Eingeladenen erklärten auf der FB-Seite der Amerikanisierungsgegner bis zum 19.1. lediglich 863 Personen, dass sie zur Demo kommen wollten—374 klickten auf „vielleicht."

Elke ist ​auf Twitter und liefert euch auf Nachfrage gerne zahllose bessere Argumente als verschwörerische Reflexe gegen Pegida.