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    Viele Pfeile und rote Schrift sind der erste Schritt zur Erkenntnis. Screenshot via Facebook / TruthFrequencyRadio

    Digitale Verschwörungsfreunde erklären Charlie Hebdo-Attentat zu False-Flag-Fake

    Autor

    Max Hoppenstedt

    Chefredakteur Motherboard Deutschland

    Als am Mittwoch laufend weitere Details des grauenvollen Attentats auf das französische Satire-Magazim Charlie Hebdo bekannt wurden, gesellte sich zur ersten Fassungslosigkeit bald auch die bange Frage, was die Ereignisse für die hasserfüllte, islamfeindliche und xenophobe Stimmung bedeuten würden, die wir insbesondere in den vergangenen Monaten vermehrt erleben mussten. Neben Trauer und Grauen angesichts der schieren Brutalität durften wir auch die unmittelbar ansteigenden Like-Zahlen des Front Nationals und zahllose dummdreiste Instrumentalisierungen der Tragödie durch all die Pegidas und fremdenfeindlichen Idioten jeglicher Couleur beobachten.

    So weit, so vorhersehbar wie unangenehm. Dass sich aber schließlich auch noch zahllose virtuelle Wahrheits-Wichtel berufen sehen, das Geschehen in Paris als geheimdienstliche Inszenierung zu enttarnen, ist endgültig zuviel des Unguten. Scheinbar gibt es diverse Erdenbürger mit Internetanschluss, die sich beim Betrachten der fürchterlichen Bilder sofort reflexartig gezwungen sehen, die wirklich entscheidende Frage zu stellen: Cui Bono? Wem nützt all dies?

    „Wir gehen auch davon aus, dass die Geschichte in Paris Geheimdiensthintergrund hat.“

    Als Antwort sind sich die Facebook-Mahner und YouTube-Enthüller auch angesichts der Tragödie mit allen Besonderheiten nicht zu schade, ihre üblichen Verdächtigen herunterzubeten: Mossad, CIA und überhaupt irgendwas mit Geheimdiensten. Unter dem Hashtag #FalseFlag werden schon seit dem frühen Abend des 7.1. frei von jeglichen handfesten Erkenntnissen die verschiedensten echten Drahtzieher und Schuldigen ausgemacht: Wahlweise im isrealischen, türkischen oder US-amerikanischen Geheimdienst—oder das ganze war doch ein Inside-Job; so ganz sicher ist sich die ermittelnde Schwarmintelligenz doch noch nicht.

    Antisemitischer Reflex. Bild: Screenshot Facebook.com/Anonymous.Kollektiv.

    Auf der Facebook-Page von Anonymous.Kollektiv hieß es beispielsweise schon kurz nach dem Attentat gewohnt sieges- und dativsicher: „Wir gehen auch davon aus, dass die Geschichte in Paris Geheimdiensthintergrund hat. […] Wem nützt also so ein Attentat im Moment? Der USA!“

    Noch vor wenigen Wochen hatte die größte deutsche Facebook-Seite, die meint, unter dem Banner von Anonymous auftreten zu müssen, überraschend bekannt gegeben, sich selbst abzuschalten. Von diesem guten Vorsatz ist bei den antisemitisch, rechts- und verschwörungstheoretisch geneigten Anons nichts mehr geblieben: Nach dem Charlie Hebdo-Attentat lief man endgültig wieder zu Hochform auf—und die treue Facebook-Gefolgschaft in bester All-Caps-Manier gleich hinterher:

    „FALS FLAGG DER NWO IN FRANKREICH - ZIEL BÜRGERKRIEG IN FRANKREICH.“

    (Falls ihr nicht mit dem Wahrheitsjargon vertraut seid: NWO steht natürlich für New World Order.)

    Unterdessen haben in dieser Woche andere deutsche Anonymous-Aktivisten zur Operation Pegida aufgerufen und verschiedene Seiten des Pegida-Netzwerkes angegriffen. Ihr Plädoyer für aufklärerische und antirechte Anon-Strategien verdeutlicht einmal mehr, dass es nicht wenige deutschsprachige Anonymous-Aktivisten gibt, die sich für eine, wie es auf Anon News heißt, „aufklärende und informative“ Ausrichtung des offene Hacktivisten-Kollektivs in Deutschland einsetzen.

    So vorauseilend geschmackvoll, nur Stunden, nachdem zwölf Menschen gestorben sind. Aber immerhin ist jetzt trotz vorgeschobener Entrüstung das eigene Kernpublikum bekannt. Bild: Anonymous.Kollektiv Facebook-Screenshot

    Andere Wahrheitssuchende vermissten beim Betrachten des brutalen Augenzeugenvideos, in dem ein wehrloser Polizist auf dem Bürgersteig gerichtet wird, schlicht die Blutspritzer beim Kopfschuss. Na, wenn das kein Grund ist, eine Reddit-Diskussion vom Zaun zu brechen—in der die falsche These einer Inszenierung aber immerhin auch gründlich widerlegt wird.

    Weitere Reddit-Nutzer beschäftigen sich mit der Frage, wie maskierte Angreifer mit im Fluchtauto gefundenen Pässen zusammen gehen oder warum einer der Angreifer zu einem bestimmten Zeitpunkt noch seelenruhig einen Turnschuh aufgehoben habe. Außerdem muss wohl dringend darüber sinniert werden, dass eigentlich niemand auf Asphalt schießen würde, weil ja da die Kugel zu einem selbst zurückprallen könnte.

    Da dank Web 2.0 die Werkzeuge medialer Verbreitung inzwischen jedem zur Verfügung stehen, der schlau genug für den PC-Kauf ist, kann man als stichhaltigen Beleg ja einfach noch eine Slow Motion-Version des ursprünglichen Videos hochladen.

    All das beweist zwar nichts, aber bietet wirklich einen tollen Mehrwert zum Ursprungsvideo. Allerdings zeigt es sehr wohl die Fetischisierung von Macht- und Gewaltfantasien auf, die so vielen politischen Verschwörungstheorien eigen ist.

    Auf YouTube machte sich ein Nutzer unterdessen die Mühe, einen France24-Bericht einer ausgiebigen Review zu unterziehen—inklusive enthusiastischer Jubelschreie ab 4:10 (keine Angst, euch entgeht nichts, wenn ihr da nicht hinskippt). Endgültig aus dem Häusschen ist der Enthüller mit dem Nutzernamen „dutchsinsinati“ als er merkt, dass in dem Video tatsächlich geschnitten wurde:

    „Waaaaiit a second. Really, really? Had time to edit this up real quick guys.“


    Beitrag von Michael F Rivero.

    Beizeiten kann ich das Anschreiben gegen neurechten Schwachsinn als wirksame Therapie gegen all die grausame Idiotie da draußen nur empfehlen. (Abgesehen davon, dass es nur gut ist, konspirative Pseudokritik zu enttarnen.) Aber angesichts all der #FalseFlag-Reaktionen auf das Charlie Hebdo-Attentat wird mir einfach nur schlecht.

    Ob vielleicht alles nur eine Inszenierung sei, ist nicht die erste, sondern , die sich nach einem sehr realen Terrorangriff wie diesem stellen sollte. Erst recht, wenn die Täter zum Zeitpunkt der Veröffentlichung immer noch auf der Flucht sind und es in Frankreich derweil schon zu kommt. Es gilt nun, die offiziellen Ermittlungen abzuwarten (und dies dann, wenn nötig, auch kritisch begleiten), aber auf ein Attentat mit den immergleichen verschwörungstheoretischen und teils antisemitischen Reflexen zu reagieren, entlarvt höchstens den Wahn der virtuellen Pseudo-Enthüller.

    Wenn wir von irgendetwas mehr als genug haben, dann sind es Fantasien von Gewalt, Macht und dunkler Unterdrückung. Da ist jedes ewig gleiche Mossad-Antisemitismus-Amerika-New-World-Order-Gesülze ein Stück verschwendeter Internet-Speicher zu viel.


    Max ist auf Twitter. Wenn ihr mögt, könnt ihr versuchen, ihn @M_Hoppenstedt mit weiteren konspirativen Wahrheiten in den Wahnsinn zu treiben.