Anonymous.Kollektiv ist offline: Das Ende von Deutschlands größter Hetz-Seite

Nach einem turbulenten Wochenende ist die Seite, die mit Verschwörungstheorien und Rassismus fast zwei Millionen Likes erreichte, weg vom Fenster—natürlich nicht ohne eine Portion „Lügenpresse“-Bashing.

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Mai 23 2016, 10:16am

Das Titelbild der neu aufgesetzten Anonymous.Kollektiv-Seite wirbt erneut mit Anonymous-Symbolik—die Inhalte haben jedoch weiterhin wenig mit dem zu tun, was viele Anonymous-Aktivisten ursprünglichen mit der Netzbewegung verbinden. Screenshot: Facebook.

Freitag, der 20. Mai, war eigentlich ein Tag wie jeder andere auf Anonymous.Kollektiv. Mit der bewährten Mischung aus verschwörungstheoretischer, rassistischer und „Lügenpresse"-Rhetorik hetzte die größte deutsche Facebook-Seite, die unter dem Namen von Anonymous agiert, gegen Politiker, das deutsche Grundgesetz und die Medien: „Wussten Sie, dass Ihr Personalausweis oder Ihr Reisepass gar nicht Ihre deutsche Staatsangehörigkeit bestätigt und fast alle Deutschen in ihrem eigenen Land staatenlos sind?; „Steile Karriere: IM Larve ist jetzt Bundespräsident", ist ein Post überschrieben, während ein anderer mal wieder das neurechte Compact-Magazin bewirbt: „Lügenmedien und Zensur bestimmen die veröffentlichte Meinung in Deutschland. Rüsten Sie sich und Ihre Freunde und Familie daher noch heute mit einem COMPACT-Abonnement."

Tatsächlich könnte der 20. Mai einen groben Einschitt für die Seite mit fast zwei Millionen Facebook-Likes markieren—denn nach einigen weiteren wirren Posts verschwand sie keine 24 Stunden später aus dem Netz. Verantwortlich für den Umzug macht eine Facebook-Seite, die unter dem Namen von Anonymous.Kollektiv agierte, einen am Freitag vom Focus veröffentlichten Artikel, der zu den Hintermännern der Seite recherchiert hat: „Nachdem uns die von Lügen zehrende Systempresse […] in Gestalt von FOCUS Online diffamiert hat und unschuldige Bürgerrechtler mit Dreck bewirft, sind wir umgezogen " heißt es auf einer neu aufgesetzten Facebook-Seite, die allerdings bisher nur wenige hundert Likes aufweist. (Update: Inzwischen hat die Seite Anonymous.Kollektiv3, die zunächst als Nachfolgeseite auftrat bekannt gegeben, dass sie nicht direkt in Verbindung mit der ursprünglichen Seite stünde.)

Die Vorgeschichte der Hetze: Was ist eigentlich bei Anonymous.Kollektiv schiefgelaufen?

Auf Anonymous.Kollektiv wurde unterdessen am Samstag schweres Geschütz gegen die „Lügenpresse" in Stellung gebracht: So veröffentlichte die Facebook-Seite einen Kontoauszug, der beweisen soll, dass das Blog Mimikama Geld vom Spiegel, der ARD und VICE Deutschland für „Gefälligkeitsberichterstattung" erhält. Mimikama hatte wiederholt kritisch über Anonymous.Kollektiv berichtet—wie auch VICE und der Spiegel, die wegen der Seite in einen Rechtsstreit gerieten.

Das Problem mit dem Kontoauszug, den die Seite angeblich von einem „Whistleblower" der Bank Austria erhalten hat: Er enttarnte sich aufgrund eines Fehlers selbst als Fake, denn er bezeichnete den angeblichen Geldempfänger als „Mimikama e.V."—dumm nur, dass es rechtlich in Österreich, wo der Verein seinen Sitz hat, keinen e.V. gibt.

Screenshot: Mimikama

Nachdem Leser von Anonymous.Kollektiv auf den Fehler aufmerksam machten, tauchte kurzerhand ein leicht verändertes Bild mit einem neuen Empfänger auf. VICE Deutschland kann an dieser Stelle gerne bestätigen, dass es die aufgeführte Zahlung an Mimikama nie gab. Tatsächlich ist Mimikama zwar Mitglied von VICE Digital, einem von den VICE-Redaktionen separaten Netzwerk mit verschiedenen unabhängig agierenden Blogs und Magazinen; jedoch ist die Seite Teil des österreichischen Netzwerkes und würde, falls es zu etwaigen Kooperationen käme, auch von VICE Österreich bezahlt werden—dass es eine Kooperation oder gar eine Zahlung von Seiten der deutschen VICE Media GmbH gab, wie es der von Anonymous.Kollektiv veröffentlichte Screenshot behauptet, schließen wir aus.

Die Facebook-Seite Anonymous.Kollektiv ist in den vergangenen zwei Jahren zur mit Abstand reichweitenstärksten Hetz-Seite des deutschen Internets aufgestiegen. Immer wieder hetzte die Seite gegen Flüchtlinge oder verbreitete Antisemitismus: Beispielsweise behauptete die Seite, dass hinter den Ausschreitungen gegen Flüchtlinge in Heidenau nicht Rechte steckten, sondern dass es sich eigentlich um eine Inszenierung von Medien und Antifa gehandelt hätte. Kurz nach den Anschlägen gegen Charlie Hebdo gab man sich in mehreren Posts überzeugt, dass es sich tatsächlich um eine False Flag-Operation handle. Hinter dem Anschlag würden nicht Islamisten, sondern Israel oder die USA stecken, raunte man schon damals routiniert: „Wir gehen auch davon aus, dass die Geschichte in Paris Geheimdiensthintergrund hat. […] Wem nützt also so ein Attentat im Moment? Den USA!" Besonders gegen Flüchtlinge hetzt die Seite immer wieder in scharfen Tönen—sie werden als Kriminelle, Terroristen oder „pädophile Migrantenrotte" beschimpft.

Mit den Themen, für die die Anonymous-Bewegung bekannt wurde, hatte die Seite nichts mehr gemein, weshalb sich deutsche Anonymous-Aktivisten auch immer wieder von ihr distanzierten.

Anonymous.Kollektiv stellt fälschlicherweise Flüchtling als Brüssel-Terroristen an den Pranger

Unterdessen postet Anonymous.Kollektiv fleißig weiter auf seiner Dependence im russischen Netzwerk VK—dort veröffentlichte man unter anderem auch die Telefonnummer von einem der an der Recherche beteiligten Focus-Journalisten. (Es handelt sich nicht um die Telefonnummer des Chefredakteurs, wie fälschlicherweise behauptet wurde).

Zu den Details der Löschung von Anonymous.Kollektiv werden jedoch keine weiteren Aussagen gemacht. Auch Facebook selbst wollte sich auf Anfrage von Motherboard zu der Frage, ob die Seite von einem Administrator oder von Facebook abgeschaltet wurde, nicht äußern.

Update: Die Facebook-Seite Anonymous.Kollektiv3, die ursprünglich als Nachfolgeseite aufgetreten ist und die wir in einer vorherigen Version auch so bezeichnet hatten, hat inzwischen bekannt gegeben, dass sie nichts mit der inzwischen gelöschten Seite Anonymous.Kollektiv zu tun hat. Wir bedauern die Ungenauigkeit in dem vorherigen Artikel und haben den Text entsprechend aktualisiert.