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Forschern gelingt Durchbruch beim Löschen von Erinnerungen

Kann die Wissenschaft bald auf Knopfdruck schlechte Erinnerungen entfernen? Ein Experiment mit Schnecken lässt diesen medizinischen Traum nun etwas näher rücken.

Lisa Cumming

Lisa Cumming

Jeder Mensch schleppt Erinnerungen mit sich herum, die er am liebsten aus seinem Gehirn löschen würde – zum Beispiel an den peinlichen Theaterauftritt in der fünften Klasse, eine schmerzhafte Trennung oder aber auch einen schweren Unfall.

Was wir bisher nur aus Filmen wie Vergiss mein nicht kannten, ist dank einer neuen Studie nun zumindest ein Stück weit näher an die Realität gerückt: Neurowissenschaftlern gelang es, bestimmte Erinnerungen zu löschen – in Experimenten mit Schnecken.

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Auch bei Menschen sollen solche Gedächtnismanipulation mit dem passenden Medikament künftig möglich sein, so hoffen zumindest die beteiligten Forscher.

Um zu verstehen, wie der Ansatz der Forscher funktioniert, lohnt sich ein Blick darauf, wie Erinnerungen im Gehirn überhaupt verarbeitet werden: Die Speicherung im Langzeitgedächtnis läuft über Synapsen ab – jene neuronalen Verknüpfungen, über die die Nervenzellen im Gehirn miteinander kommunizieren. Die Übertragungen der Synapsen können jedoch unterschiedlich stark oder schwach ausfallen. Eben diese Synapsenstärke ist „verantwortlich dafür, die Erinnerung zu erhalten", erklärt Co-Autor Samuel Schacher gegenüber Motherboard in einer E-Mail. Den Forschern ist es nun gelungen, die Synapsenstärke umzukehren und so bestimmte Erinnerungen zu blockieren.

Hier wird das PKM-Molekül im Gehirn der Schnecke blockiert. Bild: Schacher Lab | Columbia University Medical Center

Damit gelang den Forschern der McGill University und Columbia ein Durchbruch: Die Studie, die vergangene Woche im Fachmagazin Current Biology veröffentlicht wurde, beschreibt, wie es den Forschern gelang, bestimmte Langzeiterinnerungen bei der Meeresschneckenart Aplysia zu löschen. Dazu muss man wissen, dass es unterschiedliche Arten von Erinnerungen gibt: aktive Erinnerungen an ein bestimmtes Ereignis und spontane Erinnerungen, die durch Assoziationen ausgelöst werden. Die Neurowissenschaftler stellten fest, dass zwei unterschiedliche Typen des PKM-Moleküls für die Ausprägung von aktiven und spontanen Erinnerungen verantwortlich sind. Indem sie eines dieser Moleküle blockierten, konnten sie auch beeinflussen, welche Art der Erinnerung ausgeblendet wurde.

"Bei neuronalen Schaltkreisen ist es nicht einfach, festzustellen, welche Zellen für die Codierung einer bestimmten Erinnerung verantwortlich sind – noch schwieriger, ist es, zu untersuchen, ob sich ihre Stärke verändert", erklärt Schacher." In dieser Studie ist es uns gelungen, die langfristigen Veränderungen der Synapsenstärke umzukehren, die nachgewiesenermaßen zu Erinnerungen beitragen, die mehrere Wochen anhalten."

Die Forschungsergebnisse könnten auch für die Anwendung beim Menschen sehr nützlich sein: So könnte die selektive Auslöschung bestimmter Erinnerungen Menschen helfen, die unter Angstzuständen, einer Posttraumatischen Belastungsstörung oder einem anderen Trauma leiden. Allerdings wurde diese At der Gedächtnismanipulation bisher nur bei Schnecken durchgeführt. In vielen Fälle lassen sich die Ergebnisse von Tierversuchen nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen. Außerdem wissen die Forscher bisher nicht mit Sicherheit, ob die Erinnerungen dauerhaft gelöscht bleiben.

Trotzdem sind die Wissenschaftler überzeugt, dass ihre Studie den Weg für weitere Forschungen ebnet. So sollen ihre Ergebnisse dabei helfen, ein Medikament für Traumapatienten zu entwickeln. Mit dem Medikament sollen angstauslösende Erinnerungen entfernt werden können – ohne dabei andere, wichtige Erinnerungen zu beeinträchtigen.

Bei einem traumatischen Ereignis werden oft viele verschiedene Erinnerungen miteinander verknüpft. Dazu können auch neutrale Faktoren zählen, die eigentlich gar nichts mit dem Ereignis zu tun haben. Als Beispiel berichten die Forscher von dem Fall einer Person, die in einer dunklen Gasse überfallen wird, in der zufälligerweise ein Briefkasten steht. Obwohl der Briefkasten eigentlich gar nichts mit dem Überfall zu tun hat, könnten beim Opfer auch später noch Angstzustände ausgelöst werden, wenn es beispielsweise einen Brief abschicken möchte, so die Forscher.


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Allerdings ist es nicht das Ziel von Schacher und seinen Kollegen, alle Erinnerungen an ein traumatisches Ereignis aus dem Gedächtnis zu löschen. Vielmehr sollen überflüssige assoziative Erinnerung von dem Ereignis losgelöst werden. "In unserem Beispiel ist die Angst vor dunklen Gassen beispielsweise eine assoziative Erinnerung, die wichtige Informationen enthält: Dunkle Gassen könnten auf die Möglichkeit eines weiteren Überfall hindeuten. Sie stehen unmittelbar mit einem früheren Ereignis in Verbindung", erklärt Schacher. "Die Angst vor Briefkästen hingegen ist eine zufällige Assoziation, die nichts mit dem Ereignis zu tun hat. Daher wäre es vorteilhaft, diese Art von Erinnerung löschen zu können."

Den Forschern ist sehr wohl bewusst, dass es gewisse Risiken mit sich bringt, an den Schaltkreisen des menschlichen Gehirns herumzudoktern: "Natürlich kommt es vor, dass Medikamente missbraucht werden. Beispielsweise werden heutzutage Opioide missbraucht, die als Betäubungsmittel oder Schmerzmittel gedacht sind", schreibt Schacher. "Daher ist es eine wichtige Aufgabe der Regierung, die Zulassung und den Vertrieb von Medikamenten zu regulieren, und dafür zu sorgen, dass sie von medizinischen Fachkräften richtig eingesetzt werden."

Als nächstes wollen die Neurowissenschaftler erforschen, wie die Moleküle entstehen, die Erinnerungen verstärken können. So möchten sie herausfinden, mit welchen Medikamenten sie blockiert werden können – es bleibt also noch viel zu erforschen bei der Therapierung von Erinnerungen.