Ein beliebter Hotspot befindet sich vor dem Hotel Habana Libre, ursprünglich, vor der Beschlagnahmung durch Fidel, als Hilton Hotel gebaut. Foto: David Osit für Motherboard

Wie es sich anfühlt, zum ersten Mal das Internet zu benutzen

Kubaner können das Internet nur an einigen wenigen Hotspots in Havanna nutzen und müssen nicht selten einen beschwerlichen Familienausflug daraus machen. Wir waren vor Ort in Havanna.

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27 August 2015, 9:21am

Ein beliebter Hotspot befindet sich vor dem Hotel Habana Libre, ursprünglich, vor der Beschlagnahmung durch Fidel, als Hilton Hotel gebaut. Foto: David Osit für Motherboard

Wenn du dich in Kuba plötzlich fast wie zuhause fühlst, dann befindest du dich sicher an einem der wenigen Hotspots des Landes. In den unübersichtlichen Straßen Havannas treffen sich noch immer Nachbarn zum Plaudern auf der Straße, spielen ältere Herren Domino im Park und junge, verliebte Paare freuen sich übereinander. Doch in das chaotische Treiben der Hauptstadt haben sich mittlerweile ein paar vereinzelte Wifi-Hotspots geschlichen: Orte, an denen Menschen starr auf ihren Bildschirm starren.

Parque Fe del Valle im Zentrum Havannas. Bild: David Osit für Motherboard

An den brandneuen Hotspots finden Hunderte von Kubanern Zugang zum Netz. Uhrzeit und Wetter spielen für sie keine Rolle. Es ist ein wenig gespenstisch, wenn nachts die Gesichter der User durch das indirekte kalte Licht der Laptops und Smartphones erhellt werden. Der Platz bekommt fast etwas cyberpunk-mäßiges. Bei Regen holen die Internetnutzer einfach ihre Regenschirme raus oder suchen Schutz in Nischen, unter Markisen und in Eingängen. Überall sind Überwachungskameras angebracht. Wenn du ins Internet gehst, warnen Sicherheitsmeldungen davor, dass die Verbindung überwacht wird. Webseiten, die als anti-kommunistisch gelten, werden einfach blockiert.

Das Habana Libre-Hotel. Bild: David Osit für Motherboard

Man muss sich nur zu helfen wissen: Diese jungen Kubaner bauen ihrem Land ein unabhängiges Intranet über den Dächern Havannas, das Streetnet

Aber wofür nutzen die Menschen, die so lange vom Rest der Welt abgeschnitten waren, das Internet überhaupt? Wir wollten diesen Menschen gern eine Stimme geben, die so lang vom Rest der Welt abgeschnitten lebten.

Wilson hilft seiner Nichte und seinem Neffen zum ersten Mal online zu gehen. Foto: David Osit für Motherboard

Wilson


"Wir brauchen eine halbe Stunde mit dem Auto, bis wir hier das Internet nutzen können. Es ist wirklich ein großer Aufwand, aber es ist uns sehr wichtig. Meine Nichte und mein Neffe sollen sich mit ihrem Vater in Miami unterhalten können. Sie sollen auch wissen, dass es außerhalb von Kuba noch etwas anderes gibt. Das Internet wird immer größer und irgendwann wird es nicht mehr so schwierig sein, online zu gehen. Ein Anruf in die USA ist aber sehr teuer. Das kostet gewöhnlich um die zwei Dollar pro Minute. Hierher fahren wir zwar 30 Minuten, aber dann können wir uns für zwei Dollar eine ganze Stunde lang unterhalten. Chatten ist immer noch besser als das teure Telefonat. Das können wir uns einfach nicht leisten."

Nelson und seine Schwester waren heute zum ersten Mal online. Bild: David Osit für Motherboard

Nelson (mit Jennifer)

"Ich hatte schon sehr lange vom Internet gehört, aber ich war noch nie online. Es war echt lustig und ich hoffe, dass ich das mal wiederholen kann. Bisher konnte ich das Internet nicht nutzen. Ich weiß nicht mal, wofür ich es nutzen soll. Ich weiß, dass es riesig ist. Ich möchte es nicht nur dafür nutzen, um mich mit meinem Dad zu unterhalten. Aber wofür sonst? Ich weiß nicht, was es da sonst noch gibt. Ich denke, ich muss das einfach rausfinden. Es ist echt aufregend."

Luis' Freunde helfen ihm dabei, seinen ersten Facebook-Account zu erstellen. Foto: David Osit für Motherboard

Luis

"Meine Freunde sprechen schon lange vom Internet. Deshalb habe ich sie begleitet, um herauszufinden, was es damit auf sich hat. Ich bin heute zum ersten Mal online. Alle sagen mir, ich muss eine Facebook-Seite einrichten, damit ich Freunde in anderen Ländern finde. Sie haben ein Foto von mir gemacht und jetzt eröffne ich einfach einen Account. Ich weiß eigentlich gar nicht, was das ist. Aber ich dachte, es lohnt sich sicher, hierher zu kommen. Einfach mal schauen. Etwas lernen, verstehst du?"

Tian ist ein Medizinstudent aus China, der seit fünf Jahren in Havanna lebt. Foto: David Osit für Motherboard

Tian

"Ich bin vor fünf Jahren für mein Medizinstudium nach Kuba gezogen. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Medizinstudent, der ständig lernt. Deshalb habe ich eigentlich keine Zeit im Internet zu surfen. Es ist hier aber nicht anders als in China. Ich lebte dort in einer Kleinstadt, und da wir keinen eigenen Internetanschluss hatten, musste ich dazu auch in die Bibliothek gehen. Zuhause in China sind viele Seiten blockiert, genau wie hier. Heute Abend spiele ich ein Spiel, aber manchmal versuche ich über Weibo mit meinen Freunden zu chatten. Meistens ist die Seite aber blockiert oder es kann keine Verbindung hergestellt werden. Ich lebe gleich hier um die Ecke, und seit es diesen Hotspot gibt, ist es viel einfacher geworden, online zu gehen. Es ist jedoch immer noch etwas kompliziert, da das Internet nicht immer funktioniert."

Dennys (rechts) mit seinem Sohn David beim ersten Video-Chat mit einem Verwandten aus Florida. Foto: David Osit für Motherboard

Dennys & David

"Das war mein erstes Video-Telefonat mit meiner Tochter in den USA. Es war verblüffend, ein tolle Erfahrung. Siehst du dieses Telefon? Es war unglaublich. Sie zu sehen, war tausendmal besser, als zu telefonieren. Ich kann kaum glauben, dass es so gut funktioniert hat. Ich hoffe, dass wir das noch oft wiederholen werden. Ich hoffe, es wird etwas einfacher. Es wird doch einfacher, oder?"

Henry Constantin Ferreiro ist der Herausgeber einer illegalen Zeitschrift im kubanischen Camagüey. Er ist ein Aktivist, der sich für den unbegrenzten, unzensierten Internetzugang auf der Insel einsetzt. Foto: David Osit für Motherboard

Henry Constantin Ferreiro (ein Aktivist, der für zugänglicheres Internet kämpft)

"Global gesehen befinden sich junge Kubaner auf dem Boden im Vergleich zum Rest der Welt, der schon abgehoben ist. Wenn du in einer geschlossenen Gesellschaft lebst, dann ist dir das nicht bewusst. Man weiß ja nicht, wie der Rest der Welt lebt. Wenn man den Leuten Internetzugang gewährt, dann verbessert man nicht unbedingt ihre Situation. Jedoch gewährt man ihnen einen Blick in die Welt. Sie können ihre Position im Vergleich zur restlichen Welt sehen. Sie merken, dass es eine Decke gibt, während sie auf dem Boden festgehalten werden. Werden sie mithilfe des Internet zu den anderen aufschließen können? Ich hoffe es, aber wir brauchen mehr Internetzugänge. Die Leute, die nicht in der Stadt leben, werden niemals die Möglichkeit haben, online zu gehen."

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Bei Tag und Nacht sind die Hotspots überfüllt. Image: David Osit für Motherboard

Die Hotspots sind noch immer teuer und werden zensiert. Aber viele junge Kubaner machen so ihre erste Erfahrung mit der Welt da draußen. Vor dem Hotel Habana Libre (füheres Hilton, das Fidel Castro 1959 beschlagnahmte und nach der Revolution umfunktionierte) gibt es interessante Szenen zu beobachten: Kubaner aus allen Altersgruppen unterhalten sich mit dem amerikanischen Verlobten einer jungen Frau, Austauschstudenten spielen Computerspiele, einige Leute nutzen Google zum ersten Mal in ihrem Leben.

Bei Regen stellen sich die Jugendlichen einfach unter, anstatt nach Hause zu gehen. Foto: David Osit für Motherboard

Internetuser sind so vertieft in ihre Tätigkeit, dass sie sich nicht auch nur für eine Sekunde vom Bildschirm losreißen können. Die besagten Smartphones kommen übrigens von Verwandten aus dem Ausland. Wer Internet an den staatseigenen Hotspots nutzen will, muss zwei Dollar zahlen. Das sind zehn Prozent des von der Regierung festgelegten Durchschnittseinkommens. Wenn man einem Fremden hilft oder mit einem Freund quatscht, ist das womöglich eine nicht ganz unbedeutende Geldverschwendung.

„La Rampa" ist einer der beliebtesten Hotspots in Havanna. Foto: David Osit für Motherboard

Viele Leute müssen unzählige Stunden in Bussen verbringen, einzig und allein, um hier ins Internet zu gehen. Und jene, die auf dem Land leben, werden wohl niemals in den Genuss eines Internetbesuchs kommen. Die Menschen warten verzweifelt darauf, dass dieser Service ausgebaut wird, hoffen auf weitere Internetzugänge. Aber auch die wenigen Hotspots, die es bereits gibt, stellen einen Fortschritt dar. Schließlich nehmen Kubaner zum ersten Mal seit der Machtübernahme des Castro-Regimes am Weltgeschehen teil.