Der Fall Miguel Pablo: Was wir vom heftigsten YouTuber-Absturz Deutschlands lernen können

"Ich muss meine Psychose regeln." Miguel Pablos neuste Videos zeigen: Die Sensationsgier von uns Zuschauern setzt YouTuber massiv unter Druck.

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31 Januar 2019, 9:09am

Bild: Screenshot | YouTube | DerTomekk

"Ich schaff's nicht mehr", spricht Miguel Pablo in seine Handykamera. "Das Video heute ist das letzte Video von mir für die nächsten Wochen." Er trägt eine rosafarbene Strickmütze und schaut wie jemand, der mit aller Kraft versucht, nicht zu weinen. Unter seinen Augen prangen neuerdings Tätowierungen, links der Schriftzug "Fresh & Nice", rechts ein geflügelter Stern. Der Stern hat einen traurigen Mund. "Ich muss meine Psychose regeln", sagt Pablo. "Ich bin schizophren. Ich hoffe, ihr versteht das."

Pablo ist 21 Jahre alt, viele kennen ihn als den aufgedrehten Typen in YouTube-Videos wie "24 Stunden ins Freibad einbrechen! (nachts)" oder "Ich rasiere mir meine Haare ab!". Mehr als 750.000 Abonnenten verfolgen Pablo, wie er Sneaker kauft, in Chicken Wings badet oder vom Dach pinkelt – und dabei nicht aufhören kann zu grinsen. Doch in der Instagram-Story vom 27. November 2018 verkündet er das vorläufige Ende seiner Internet-Karriere. Dass es dem YouTuber grade überhaupt nicht gut geht, wissen seine Fans zu diesem Zeitpunkt schon lange.

Der Fall Miguel Pablo zeigt mehr als das Schicksal eines einzelnen YouTubers. Er zeigt, wie die Beziehung zwischen Influencern und Fans durch soziale Medien eskalieren kann und wie die Neugier der Fans YouTuber unter Druck setzt. Der Fall zeigt auch, wie es ist, wenn Influencer nicht aufhören können, viel von sich zu zeigen – selbst, wenn sie sich mit ihrer Selbstentblößung schaden.

In zahlreichen Videos auf Instagram und YouTube hatte Pablo über viele Wochen hinweg von seiner Krankheit erzählt. Unter den YouTube-Videos, die er Ende November und Dezember veröffentlicht, schreibt er: “2017 war ich ein halbes Jahr in der Psychiatrie. Seitdem fühlte ich mich über 1 einhalb Jahre vom Teufel verfolgt." Eine Zeit lang habe er sich sogar für den "Sohn Gottes" gehalten.

In seinen Videos sagt Pablo, er habe zu viel Stress gehabt und zu viel Drogen genommen. Er spricht auch von einer Überdosis Medikamente, die er versehentlich geschluckt habe, von verstorbenen Menschen in seinem Umfeld, von zu viel YouTube-Fame. Als er sich Wochen später, Ende Januar, wieder mit einem Video zurückmeldet, bezeichnet er seine jüngste Krankheit nicht mehr als Psychose, sondern als manische Depression. In der Zwischenzeit haben ihm Zehntausende Fans über Monate hinweg besorgte Nachrichten geschrieben.

Es ist gewiss nicht das erste Mal, dass es einem deutschen Influencer echt mies geht. Aber es ist das erste Mal, dass Millionen Menschen über mehrere soziale Netzwerke hinweg detailliert daran mitwirken. Der Fall Miguel Pablo entwickelt sich im November zu einer Art Reality-TV auf Steroiden. Denn was da geschieht, ist tatsächlich real. Und zugleich ein Medienereignis.

Die Fans schreiben Pablo massenhaft Nachrichten

Allein Pablos sechs noch verfügbare YouTubeVideos aus dieser Zeit wurden mehrere Millionen Mal abgerufen. Hinzu kommen jede Menge Videos von anderen YouTubern, die auf Pablos Videos reagieren. Und zahlreiche YouTube- und Instagram-Videos von Bekannten und Freundinnen, die über die Besuche bei ihrem kranken Kumpel berichten.

Die Fans schreiben in diesen Wochen die Kommentarspalten mit Zehntausenden Nachrichten voll. "Miguel, ich weine. Ich gucke dich seit 3 Jahren, war auf jedem Fantreffen", schreibt eine Person unter eines von Pablos Videos. "Aber ich habe Angst um dich." Viele schicken Pablo auch private Nachrichten, er zeigt Screenshots davon in seinen Instagram-Storys. "Alles Gute, Bro", schreibt ein Fan. Miguel Pablo antwortet: "Bruder, bete nicht für mich. Bete für deine Familie." Es ist die eine Sache, mit den Kandidatinnen im Dschungelcamp mitzufiebern. Die Geschichte von Pablo dagegen hat kein Fernsehsender gecastet und geskriptet.

Der YouTuber DennisBro hat insgesamt drei Videos zu Pablos Krankheit veröffentlicht. "Mein bester Freund, Miguel Pablo ist schizophren und hat wieder eine Psychose. Ihr wisst nicht wie hart die letzte Woche für mich war", schreibt DennisBro in eine Video-Beschreibung. Im Video sagt er, dass er sich eigentlich nicht öffentlich zu all dem äußern wollte: "Ich finde sowas postet man einfach nicht." Aber er habe eben "unendlich viele Nachrichten bekommen, wo ich bin, wieso ich Miguel nicht helfe". Und dann erzählt er doch minutenlang von seinem kranken Freund.

Stress durch Fans kann eine Psychose aufrecht erhalten

Die Fans beschwören auch Pablo, immer weitere Videos über seine Krise zu drehen. "Miguel, bitte mach mal ein Video darüber, was vorgefallen ist, dass wir ein bisschen klarer sehen können <3", schreibt einer auf YouTube. Palbo antwortet: "Mach ich für euch <3".

Klar, Pablo und seine Influencer-Kollegen haben die Videos selbst gedreht und selbst hochgeladen. Aber dahinter standen Zehntausende Fans und ihre Kommentare. Ständig sprechen wir davon, wie Influencer ihre Zuschauer beeinflussen. Sehr selten sprechen wir aber darüber, wie der Druck der Zuschauer und Zuschauerinnen die Leben von Influencern beeinflusst.

Sollten Fans also besser gar nichts schreiben, wenn es dem Lieblings-YouTuber gerade sehr schlecht geht? Der Psychologe Andreas Baranowski von der Universität Gießen sieht da ein ethisches Dilemma. Einerseits würden Menschen während einer Psychose eine Reizüberflutung erleben. "Zu viele Kommentare, Interaktionen und persönliche Nachrichten sind da eher schädlich", sagt Baranowski im Gespräch mit Motherboard.

Andererseits könnten nette Nachrichten auch hilfreich sein. "Wenn die Person sich die Kommentare anschaut und sieht, es gibt viele Leute, die sie unterstützen, ist das tendenziell positiv für den Krankheitsverlauf." Ein Fan-Kommentar wie "Ich hoffe, dir geht's bald besser" oder "Alles Gute" sei prinzipiell nicht schädlich. "Alles darüber hinaus kann potenziell problematisch werden", sagt der Psychologe. Das könne unter anderem Stress auslösen, und Stress wiederum könne eine Psychose aufrechterhalten.

Auch junge Fans kommen drauf klar, wenn es ihrem Idol sehr mies geht

Der Höhepunkt des medialen Dramas ist ein Fan-Treffen am Brandenburger Tor. Pablo lädt seine Zuschauer per Instagram-Story dazu ein, wenige Tage nach dem angeblich "letzten" Video. Bei dem Treffen will er teure Kleider und Schuhe verschenken, die er über Jahre hinweg in seinen YouTube-Videos abgefeiert hat. "Ich brauch das alles nicht mehr", sagt er in einer Instagram-Story, während er einen Kleiderhaufen filmt. "Ich schenk euch alles. Scheiß drauf."

Der YouTuber und Journalist Tomasz Niemiec fährt an diesem Abend mit einem Kameramann zum Brandenburger Tor. Etwa 70 bis 100 Kinder und Jugendliche haben sich nach der Dämmerung versammelt, um ihr Idol zu treffen, sagt Niemiec im Gespräch mit Motherboard. Er schätzt die meisten zwischen 11 und 17 Jahren alt. Als Pablo im schwarzen Auto vorfährt, schließt sich die Menschentraube um den Wagen. Pablo lässt die Autoscheibe runter und brüllt statt einer Begrüßung die Lines seiner neuesten Single in die Teenie-Gesichter: "Berlin lebt nicht, Berlin stirbt!", rappt er, ein Diss gegen Capital Bras Album "Berlin lebt". Eine Videoreportage von diesem Abend veröffentlicht Niemiec kurz darauf auf YouTube.

Die Fans sind auffällig still, kein Jubeln und Kreischen, stattdessen gespannte Blicke. Ein Begleiter Pablos filmt das Spektakel auch und verwendet das Videomaterial später für ein Musikvideo zu Pablos Single. "Dass sie in einem Musikvideo landen, war den Fans am Anfang überhaupt nicht bewusst", sagt Niemiec. Irgendwann sitzt Pablo im Kofferraum des Autos und wirft die mitgebrachten Kleider in die Menge, dabei rappt er immer noch Zeilen seiner Single. Zwischendurch verfällt er in Schimpftiraden. Er spricht von Jesus, Gott und dem Satan: "Ich habe mit dem Satan gefickt, ich hab mit dem Satan Koks gezogen, Bruder." Viele Fans, berichtet Niemiec, hätten das Treffen verstört verlassen.

Wie gut kommen Teenager darauf klar, wenn ihr Lieblings-YouTuber so eine Krise vor ihren Augen auslebt? Der Psychologe Andreas Baranowksi sieht das eher gelassen: "Der gewöhnliche, gesunde Zuschauer wird sich, wenn er davon irritiert ist, einfach abwenden und keinen Schaden nehmen, auch wenn er erst elf Jahre alt ist", sagt er. Und tatsächlich: Noch während Pablos zweistündiger Show vor dem Brandenburger Tor, sind laut Niemiec mehr als die Hälfte der Fans vorzeitig gegangen.

Über psychische Krankheiten zu sprechen ist besser als schweigen

Das eigentliche Problem sieht Baranowski woanders. Viele Zuschauer könnten über die Videos stolpern, ohne zu begreifen, warum sich der YouTuber plötzlich komplett anders verhält. "Kontext ist für junge Menschen besonders wichtig, um das einzuordnen", sagt Baranowksi.

Pablo hatte diesen Kontext geliefert – durch seinen Infotext ganz oben in der Videobeschreibung. Die Kommentare unter den Videos zeigen: Sehr viele Fans haben kapiert, was passiert, und wollten dem YouTuber helfen. "Ich finde, es war sowieso ein Fehler, dass du so kurz nach deiner Krankheit alleine nach Berlin ziehst", schreibt einer unter ein Video. "Du brauchst deine Familie". Ein anderer Zuschauer schreibt: "Gönn dir bitte eine Auszeit".

Der Psychologe Andreas Baranowski sieht im Fall Miguel Pablo sogar eine positive Geschichte. "Es ist gut, wenn Menschen bereit sind, über psychische Erkrankungen zu sprechen". Denn wer öffentlich über zum Beispiel seine Psychose spreche, könne anderen Betroffenen Mut machen, sich selbst professionelle Hilfe zu suchen. "Psychosen und andere Krankheiten sind nach wie vor stigmatisiert. Dabei kann das jedem passieren. Und keiner muss damit allein gelassen werden".


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Kurz nach dem Treffen am Brandenburger Tor berichten mehrere YouTube-Kollegen aus Pablos Umfeld, dass er jetzt tatsächlich Hilfe bekomme. Sie wiederholen das in mehreren Videos, denn natürlich verlangen die Fans beharrlich nach Neuigkeiten. Und als der YouTube-Star mit dem "Fresh & Nice"-Tattoo unter dem Auge am 29. Januar plötzlich wieder ein Video postet, wendet er sich genau an diese ungeduldigen Fans: "So viele haben auf ein neues Videos von mir gewartet", sagt er. Angeblich gehe es ihm besser. "Ich kann endlich wieder Videos für euch drehen. Und ich bin wieder für euch da."

Bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder bei akuten Suizidgedanken gibt es zahlreiche Stellen, die professionelle Hilfe anbieten und das eigene Leid lindern helfen. Die Hotlines sind Tag und Nacht erreichbar.

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