Motherboardhttps://motherboard.vice.com/deRSS feed for https://motherboard.vice.comdeMon, 15 Oct 2018 12:40:11 +0000<![CDATA[40 Jahre lang galt diese 'Star Wars'-Doku als verschollen – jetzt ist sie online]]>https://motherboard.vice.com/de/article/8xjbwz/verschollene-star-wars-doku-das-imperium-schlaegt-zuruck-the-empire-strikes-back-youtubeMon, 15 Oct 2018 12:40:11 +0000Unter Fans gilt diese Doku als der verloren geglaubte Schatz einer längst vergangen Ära: The Making of The Empire Strikes Back – die Doku eines französischen Filmemachers, der ganz nah dabei war, als Carrie Fisher, Mark Hamill, Harrison Ford und Regisseur Irvin Kershner Filmgeschichte schrieben. Angeblich nur zwei Mal wurde die Doku vor fast 40 Jahren ausgestrahlt: ein Mal im französischen, ein Mal im holländischen TV. Es hat jahrelange Recherche gebraucht und einen Star der Star-Wars-Fan-Community – jetzt ist die verschollene Doku auf YouTube.

Der etwa 56-minütige Doku-Film gibt bisher unbekannte Einblicke hinter die Kulissen der Entstehung von Star Wars V: Das Imperium schlägt zurück, den legendären Teil der Reihe, in dem Darth Vader die Wahrheit über Lukes Abstammung verrät. Die Doku zeigt die Crew bei den Filmarbeiten an der Schlacht um den Eisplaneten Hoth im norwegischen Schneegestöber, während im Hintergrund zahlreiche Künstler an Modellen und Spezialeffekten arbeiten.

Zu sehen sind auch Interviews mit den Stars der Reihe: Ein begeisterter Mark Hamill erzählt vom intensiven Schwertkampf-Training; Carrie Fisher vergleicht die Liebesgeschichte zwischen der von ihr gespielten Prinzessin Leia und dem von Ford verkörperten Schmuggler Han Solo mit den großen Hollywood-Love-Stories der 50er und 60er. Und Harrison Ford versucht Fans hinters Licht zu führen, indem er den wohl düstersten Film der Saga so zusammenfasst: "Das Gute siegt über das Böse. Han ist ein Guter." Spannend sind auch die Einblicke des 2010 verstorbenen Regisseurs Kershner: "Star Wars ist ein Märchen, keine Science-Fiction", sagt er in der Doku.

Wie das Making-Of seinen Weg ins Netz fand

Hinter dem Film steckt der französische Fernseh-Journalist Michel Parbot, der vor etwa zehn Jahren verstorben ist. Einen Namen machte er sich vor allem mehrere Jahre nach der Doku, als er der einzige Reporter mit Filmkamera war, der die Invasion der Insel Grenada durch US-Truppen dokumentierte, das berichtete 1983 die Nachrichtenagentur UPI. Zusammen mit Hubert Henrotte gründete er 1974 die Agentur Sygma TV, in der auch seine Star-Wars-Doku entstand.

Dass die Doku jetzt online ist, haben wir jedoch Superfans von Star Wars zu verdanken. Seit über sechs Jahren sucht das Team der französischen Fansite Mintinbox.net nach dem verschollenen Video. Immer wieder berichteten sie von verschiedenen Funden verloren geglaubter Szenen, die verschiedene Fan-Sites bereits zu einer etwa halbstündigen Doku schneiden konnten. Doch dann wurden die Fans, das schreiben sie auf Französisch auf Mintinbox.net, von einer anonymen Quelle kontaktiert. Diese Quelle hätte selbst jahrelang nach diesem Film gesucht – und sei irgendwann auf eBay fündig geworden. Die Redaktion der französischen Fansite bekam eine Kopie und schrieb einen vierteiligen Bericht über die Inhalte der Doku.

Vor kurzem wurde jedoch klar, wer wahrscheinlich hinter diesem Fund steckt: Adywan. Das ist der YouTube-Kanal, auf dem die Doku von Michel Parbot jetzt zu sehen ist. In der Fan-Community ist dieser Name wohl so bekannt wie Obi-Wan Kenobi. Hinter dem Accountnamen stecken die Macher des Projekts Star Wars Revisited. Das ist ein Versuch, die alte Trilogie so originalgetreu wie möglich wiederherzustellen, dafür wurden nachträglich von George Lucas hinzugefügte Spezialeffekte und Farbbearbeitungen korrigiert. Die Fans bauten hierzu teilweise selbst Szenen und Modelle nach. "Eine Version, die faszinierend und oft überlegen ist im Vergleich zur offiziellen Fassung und den vielen Fan-Versionen im Netz", urteilte Polygon 2017, als Star Wars Revisited nach Jahren der Arbeit erschien und über Filesharing-Seiten verbreitet wurde.


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Wie lange The Making of The Empire Strikes Back nun online bleiben darf, ist unklar. Die Rechtslage um die Doku, das schreiben die Autorinnen von Mintinbox.net, ist komplex. Die Agentur Sygma ging 2011 bankrott, laut Mintinbox.net müssten die Rechte am Film jetzt also beim französischen und holländischen TV-Sender liegen. Diese jedoch würden sich nicht mehr auf Anfragen melden. Auch LucasFilm müsste eine Kopie des Films haben, doch Mintinbox.net zufolge wird auch dieses Archiv Fans nicht zugänglich gemacht.

Für Fans von Star Wars ist die Aktion von Adywan ein Grund zum Feiern: "Jeder sollte dieses Video jetzt speichern", schreibt ein Fan auf Reddit. Dass die einst verschollene Doku so schnell wieder in den Tiefen des Internets verschwindet, ist also unwahrscheinlich.

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<![CDATA[Ich habe versucht, den Bürojob ohne Laptop zu bestreiten]]>https://motherboard.vice.com/de/article/wj9bdm/smartphone-laptop-ersetzen-bluetooth-tastatur-buerojob-technik-minimalismusMon, 15 Oct 2018 09:37:22 +0000Jedes Smartphone, das heute auf dem Markt ist, ist um ein Vielfaches leistungsfähiger als der Bordcomputer der Apollo 11 – der verfügte nämlich gerade mal über 4 KB Arbeitsspeicher.

Dabei habe ich nicht mal vor, mit meinem Pixel 2 in den Weltraum zu fliegen – ich will nur meine E-Mails checken, durch Newsfeeds scrollen, ein paar Textnachrichten und Tweets schicken. Warum sollte ich über über 1.000 Euro für ein MacBook Pro ausgeben, wenn ich bereits einen voll funktionsfähigen Computer in der Hosentasche trage?

Da mein alter Laptop kurz davor ist, den Geist aufzugeben, stellte ich mir die Frage, ob ich ihn nicht einfach durch mein Smartphone ersetzen kann. Darum habe ich zwei Wochen lang mein Smartphone anstelle eines Laptops benutzt.

Mit einer Bluetooth-Tastatur starte ich das Experiment

Ich hatte mir das vorher sehr schön ausgemalt: Ich sah mich mühelos zwischen E-Mails und Word-Dokumenten wechseln, nebenbei entspannt an an einem Kaffee nippen: das wahr gewordene Stockfoto des hippen Business-Menschen. Ich wollte der perfekte digitale Nomade sein, der nie mehr Technologie als nötig mit sich rumschleppt – ohne dabei an Produktivität einzubüßen. Doch so wie bei vielen Tech-Utopien, sah die Realität trostloser aus.

Der Autor bei der Arbeit im Flugzeug
Bei der Arbeit | Bild: Autor

Um mein minimalistisches Experiment zu starten, kaufte ich mir eine drahtlose Tastatur für unter 20 Euro. Mit nur 215 Gramm fiel sie in meinem Rucksack kaum ins Gewicht. Auch die Gebrauchsanleitung war sparsam gestaltet und enthielt nur die Information, wie ich meine Geräte über Bluetooth verbinden konnte, sowie eine Liste mit Tastenkombinationen, um beispielsweise eine neue E-Mail oder ein Browser-Fenster zu öffnen.

Für das Experiment nutzte ich mein Pixel 2, aber meine Tastatur ist sowohl mit Android- als auch iOS-Geräten kompatibel. Auch die Apps, die ich am häufigsten nutze, laufen auf allen Smartphone-Typen in etwa gleich gut: Google Docs, Twitter, Spotify und Gmail.

Doch meine selbstgebastelte Arbeitseinheit kam im Praxistest weit weniger gut an, als ich es mir vorgestellt hatte. Im Café erntete ich einige verwunderte Blicke, als ich emsig auf meiner Tastatur tippte – vermutlich erkannten die Leute nicht, dass sie mit meinem Smartphone verbunden war.

Minuspunkt: Die Tastatur beherrscht nicht alle Befehle

Auch war die Kombi aus Smartphone und Tastatur in einigen Punkten weniger benutzerfreundlich, als ich gehofft hatte. Es gab zu wenige Tastatur-Shortcuts, beispielsweise um einen Schritt in der App zurückzugehen. Ich konnte zwar über die Tastatur von einem Google Doc in mein E-Mail-Programm wechseln, aber ich konnte nicht zur Ablage in Google Docs zurückkehren und ein anderes Dokument auswählen – dazu musste ich mein Smartphone zur Hand nehmen. Also musste ich ständig zwischen Tastatur und Telefon hin und her wechseln. Mit einer Maus hätte ich dieses Problem zwar beheben können, aber ich wollte schließlich mit so wenig technischem Zubehör wie möglich auskommen.

Ich fand es bei der Arbeit mit Smartphone und Tastatur angenehmer, Inhalte zu produzieren als sie zu konsumieren. Ich fand es sehr angenehm, am Smartphone zu schreiben, solange ich nicht mehrere Tabs öffnen musste, um meinen Text zu verlinken – dafür musste ich das Telefon nämlich in die Hand nehmen. Hingegen fand ich es weniger praktisch, um Videos anzuschauen oder durch Social-Media-Feeds zu scrollen, da man nicht so leicht mehrere Dinge parallel tun kann und der Bildschirm sehr viel kleiner ist als beim Laptop.

Laut Produktbeschreibung sollte der Akku meiner Tastatur sechs Monate halten, wenn man sie nur zwei Stunden am Tag benutzt. Bei mir ließ die Akkuleistung jedoch nach wenigen Tagen stark nach. Das machte sich dadurch bemerkbar, dass die Tastatur verzögert reagierte, was mich beim Tippen auf eine echte Geduldsprobe stellte.


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Verspannter Nacken, Finger auf der Pfeiltaste

Außerdem tat mir nach ein paar Tagen der Nacken weh. Ich versuchte beim Tippen zwar geradeaus in die Ferne zu gucken, um eine rückenfreundliche Haltung beizubehalten. Wenn ich jedoch zwischen verschiedenen Apps wechseln musste oder ein Dokument redigierte, musste ich nach unten auf meinen Bildschirm schauen – und diese Kopfhaltung war alles andere als Ideal.

Das nächste Mal würde ich also definitiv in einen Smartphone-Ständer investieren, um mir die Zeit in der Physiotherapie zu sparen.

Besonders enttäuscht war ich von der App, die ich in der Freizeit und auf der Arbeit am meisten nutze: Twitter. Statt bequem auf dem Touchscreen zu scrollen, musste ich ständig die Pfeiltaste drücken. Irgendwann kam ich mir vor wie eine Laborratte, die wiederholt einen Knopf drückt, um eine Belohnung zu erhalten. Darum nutzte ich Plattformen wie Twitter, Instagram und Reddit, bei denen man viel scrollen muss, während meines Experiments seltener als ich es normalerweise tue.

Ohne Laptop macht das Internet weniger Spaß

Insgesamt merkte ich, dass ich meine Arbeit am Computer in den zwei Wochen auf das Wesentliche reduzierte – weil es einfach weniger Spaß machte, online zu sein. Auch wenn ich diesen Effekt nicht beabsichtigt hatte, könnte der Wechsel vom Laptop aufs Smartphone mir dabei helfen, weniger vorm Bildschirm zu hängen.

Ein Gitarrist beschrieb einmal in einem Interview (wenn ich mich recht erinnere, war es John Mayer im Magazin Guitar Player, das Magazin hat auf meine Anfrage leider nicht geantwortet), wie es sich anfühlte, als er seine Elektrogitarre in die Hand nahm, nachdem er auf einer Akustikgitarre gespielt hatte: Als ob er wieder mit beiden Lungenflügeln atmen könne, sagte er. Ich fand diesen Vergleich auch für meinen Selbstversuch treffend.

Man könnte sagen, die Kombination aus Smartphone und Tastatur ist die Akustikgitarre der Technik-Welt: Ihre Leistung ist ausreichend, sie verbraucht weniger Energie und Leute verdrehen die Augen, wenn man sie an öffentlichen Orten auspackt.

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Dieser Artikel ist zuerst auf der englischsprachigen Seite von Motherboard erschienen.

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<![CDATA[Sechs Dinge, die wir aus Mesut Özils erstem 'Fortnite'-Stream gelernt haben]]>https://motherboard.vice.com/de/article/gye3wm/was-wir-aus-mesut-oezils-erstem-fortnite-stream-gelernt-habenFri, 12 Oct 2018 11:44:12 +0000Wie geht es weiter für Mesut Özil? Mit dieser Frage beschäftigen sich Journalisten, Fußballfans, Politikerinnen, Facebook-Kommentar-Autoren. Spätestens nach Özils Tweets, in denen er seinen Ausstieg aus der Nationalelf bekanntgab und dabei dem Deutschen Fußballbund und deutschen Medien Rassismus vorwarf. Der Fußballer, der 2018 mit einem gemeinsamen Erdoğan-Foto polarisierte, hat gestern Abend endlich gezeigt, was als Nächstes ansteht: Mesut Özil wird Twitch-Streamer.

Am Abend des 11. Oktober startete der ehemalige Star der Fußballnationalmannschaft den Stream. Etwa zwei Stunden lang spielt Özil Fortnite. Mit dabei ist ein anderer Gamer sowie zwei weitere Fußball-Profis: Dele Alli, Mittelfeldspieler für Tottenham und aufsteigender Star im englischen Fußball; sowie Sead Kolašinac, Özils Mitspieler bei FC Arsenal. Zwischen 20.000 und 30.000 Twitch-User haben dem Fußballer dabei zugeschaut.

Wie aus einem Tweet von Özils Account hervorgeht, hat Twitch ihm beim Setup des Kanals geholfen. Ob dabei Geld geflossen ist, können wir aktuell nicht sagen. Eine E-Mail-Anfrage von Motherboard hat die deutsche Pressestelle von Twitch bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht beantwortet. Bei einer Antwort werden wir diesen Artikel updaten. Wir haben uns den Stream angeschaut, die Aufzeichnung ist noch auf Mesut Özils Kanal online. Zu den Skandalen um seine Person äußerte sich Özil nicht, doch wer den Fortnite-Stream genau verfolgte, konnte sechs überraschende Dinge über den Fußballstar lernen.

1. Mesut Özil ist nicht der beste Anführer

Mesut Özil: stilsicher und modisch eingedeckt im neuen Halloween-Kostüm | Screenshot: Twitch

Jeder Gaming-Pro wird bestätigen: Nicht nur Skills am Scharfschützengewehr sind der Schlüssel zum Erfolg, sondern Kommunikation. Man muss reden, reden, reden. Alles melden, was passiert, jede Situation schnell und effizient besprechen. Nur: Mesut Özil ist da eher der Schweigsame.

Seine taktisch ausgefeilte Anweisung ans Team lautet: "Jungs, nicht direkt sterben, ne?" Danach schweigt Özil vor allem. Zu hören ist die meiste Zeit das Klackern von Tasten. Während im Hintergrund Dele Alli und die anderen Spieler über Waffen und Gegnerpositionen sprechen, gibt Özil nur gelegentlich knappe Kommentare ab.

Im Vergleich mit Twitch-Superstar Ninja schneidet Özil so eher schlecht ab. Ninja ist im Dauerquasselmodus. Das hilft nicht nur dem Team, es macht auch den Stream unterhaltsam. Dafür beeindruckt der Fußballer mit Treffsicherheit am Sturmgewehr und schnellen Bau-Skills. Özil macht also eine schlechte Figur als Entertainer und Kommunikations-Boss, aber Fortnite kann er.

2. Mesut Özil ist Team PlayStation

Mesut Özil spielt 'Fortnite'. Und 'Call of Duty' | Screenshot: Twitch

Özil spielt PlayStation. Und das war eigentlich schon vorher klar. In einem Video-Interview zeigt Özil 2017 nicht nur, dass er ein eigenes Sneaker-Zimmer hat, sondern dass auch die Konsole einen eigenen Raum bekommen hat. Im Twitch-Stream sieht man das Zimmer mit der gigantischen Leinwand aber nicht. Özil scheint vor einem kleinen Bildschirm zu sitzen. Sein Account-Name: "M10__88". Die Zehn dürfte für seine Trikotnummer stehen, die 88 für sein Geburtsjahr.

In einem kurzen Moment, bevor das eigentliche Spiel losgeht, ist im Stream zu sehen, was Özil sonst noch auf der PlayStation zockt. Aktuell wohl nur ein einziges Spiel: Call of Duty: Black Ops 3. Vielleicht hat er auch hier seinen Fortnite-Mitspieler "Turkishtorressss" gefunden. Ein PSN-Account mit diesem Namen wird von einer inoffiziellen Tracking-Seite als aktiver Spieler von Call of Duty: Black Ops 3 gelistet.

3. Mesut Özil ist ein schlechter Verlierer

Mesut Özil ist nicht happy, wenn sein Team verliert | Screenshot: Twitch

Bereits in der ersten Runde landet Team Özil auf Platz Drei. Ein "Victory Royale" ist das nicht, aber ein ziemlich guter Start in den Abend. Aber Özil motzt. Er hätte einfach keine Rohstoffe mehr gehabt, um wichtige Verteidigungsmauern zu bauen. Und sowieso, warum sei das lebensrettende Medpack nicht schneller gekommen?

Diese Situation wiederholt sich im Laufe des Abends mehrmals. Nach etwa einer Stunde Stream erwischt es Özils Squad immer wieder unglücklich. In Runden, die nur wenige Minuten dauern, wird Özil teils sofort abgeschossen. "Das gibt's doch nicht, ey!", Özil ist frustriert. Wo Ninja grinst und einen flapsigen Kommentar abgibt, um sein Team und seine Zuschauer zu motivieren, guckt Özil grimmig, ärgert sich. Profi-Gamer empfehlen an dieser Stelle: Fehler eingestehen, nachdenken, besser werden. Macht Özil nicht. Özil verliert nicht gerne. Özil will gewinnen. Und tut das auch.

4. Du willst Mesut Özil in deinem Team

Sieg fürs Fußballer-Team | Screenshot: Twitch

Ja, er ärgert sich, wenn er verliert, er ist nicht der Gesprächigste, aber was ist Mesut Özil nur für ein genialer Team-Player? Nach etwas über einer Stunde Stream kommt es zu einer Reihe intensiver Gefechte in einem verwinkelten Wohnturm. Özil und seine Gang hasten Treppen hoch und runter, beleben sich gegenseitig wieder, Schüsse durchschlagen Wände und Decken. Irgendwann ist das gegnerische Team besiegt, aber Özil ist der letzte Überlebende. Und: Er hat nur einen einzigen Lebenspunkt. Ein Windhauch, eine verirrte Kugel aus der schwächsten Waffe im Spiel reicht, um ihn aus dem Spiel zu werfen.

Aber sein Team ist noch nicht ganz aus dem Spiel. Sie liegen verletzt am Boden und können wiederbelebt werden – wenn sich Özil beeilt. In seinem Inventar sind Verbände, mit ihnen könnte er sich selbst heilen. Doch dem Fußballer ist das egal. Das Team kommt an erster Stelle. Er sprintet los, hüpft passgenau zwischen schwindelerregenden Türmen auf dem Weg zur verletzten Mannschaft. Nur ein unglücklicher Absturz, ein paar Meter, die er zu viel fällt, könnten sein Ende bedeuten. Aber Özil liefert. Er schafft den Sprint zu seinem Team, hilft ihnen auf. Zehn Sekunden dauert das, zehn Sekunden Hochspannung. Wird er abgeschossen? Gibt es noch Gegenspieler in der Gegend? Özil behält die Nerven, hilft den Spielern auf. Erst danach heilt er sich selbst – und schmeißt sofort Verbandszeug auf den Boden, damit auch seine Freunde wieder gesund werden. In Fortnite ist Özils Teamgeist ungebrochen.

5. Mesut Özil spielt international

Mesut Özil bringt die Moves | Screenshot: Twitch

Etwas zwischen 20.000 und 30.000 Zuschauer hatte der erste Stream des Profifußballers. Im Chat herrschte Chaos. Die häufigsten Kommentare: "Sprich Englisch", "sprich Deutsch", "sprich Türkisch". Und Mesut Özil macht alles davon. Gleichzeitig.


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Mit seinem Fußballkollegen Dele Alli spricht Mesut Englisch. Mit einem anderen Mitspieler Türkisch und Deutsch. Das klingt ziemlich ungezwungen und bis auf den Chat scheint das niemanden zu stören.

6. Mesut Özil sind Kommentare egal

Im Chat prasseln Hunderte Kommentare im Sekundentakt auf Özil ein | Screenshot: Twitch

Auf der Livestreaming-Plattform Twitch kann der Live-Chat fast sowas wie ein eigener Charakter neben dem Streamer sein. "Was sagt Chat?", das ist ein Spruch, der immer wieder in Streams gebracht wird. Er soll aussagen: Wie ist die Stimmung bei den Kommentatoren? Gibt's Fragen, Wünsche, Anregungen? In Mesut Özils Stream passiert das nicht. Özil ist der Chat sowas von egal. Während selbst die größten Streamer auf Fragen aus dem Chat eingehen, gelegentlich sogar mit einzelnen Leuten ins Gespräch kommen, zockt Özil einfach vor sich hin.

Während Kommentare reinrollen wie "LOL Özil playing Fortnite" und andere Nutzerinnen wissen wollen, wie es Özil so geht, wo er gerade ist, was er vorhat, spielt Özil stoisch weiter. Die Kommentare kümmern nicht. Özil steht über dem, was irgendwelche Leute im Netz erzählen.

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<![CDATA[Macht genetisch verändertes Essen krank? Das sagt die Wissenschaft]]>https://motherboard.vice.com/de/article/zm98dj/macht-genetisch-verandertes-essen-krank-das-sagt-die-wissenschaftFri, 12 Oct 2018 05:00:00 +0000"Pfui! Ekelhaft!" Das ist die erste Reaktion vieler Menschen, wenn es um Gentechnik geht. Hat das nicht mit unappetitlichen Experimenten zu tun, in denen Wissenschaftler mit Gott-Komplex die DNA von Lebewesen vermischen, bis Frankenstein-Zombies entstehen? Wissen wir nicht spätestens seit Jurassic Park, dass die Sache mit den Genen irgendwie gefährlich ist?

Wie bei jeder neuen Technologie muss man auch bei der Gentechnik Vorteile und Risiken sorgsam abwägen. Aber das ist mittlerweile geschehen. Das Wissen über genetisch modifizierte Organismen ist sehr umfassend, ernste Gefahren hat man nicht entdeckt. Trotzdem warnen Umweltschutzorganisationen noch immer vor Genfood und besorgte Konsumenten machen sich Sorgen über mögliche Gesundheitsgefahren. Dabei hat die Wissenschaft auf viele dieser Genfood-Mythen klare Antworten.

Mythos 1: Gentechnik ist gefährlich, weil sie völlig neue Lebewesen hervorbringt

Genetisch veränderte Nahrungsmittel werden von Genfood-Gegnern als "Frankenfood" bezeichnet. Gentechnik wird als viel zu starker eingriff in die Natur empfunden. Dabei greift der Mensch drastisch in die Gene von Tieren und Pflanzen ein, seit es Ackerbau und Viehzucht gibt. Die Pflanzen, die wir heute essen, haben mit ihren Vorfahren aus prähistorischer Zeit kaum noch etwas zu tun. Ihre Gene sind von Menschen durch Züchtung und Kreuzung mit anderen Sorten radikal verändert worden.

Die Gentechnik macht etwas Ähnliches – nur auf zielgerichtete und schnellere Weise. Egal ob wir Pflanzen züchten oder gentechnisch verändern: Das Ergebnis ist ein Organismus mit einer Kombination von Genen, die es vorher nicht gegeben hat, und der ohne menschlichen Einfluss wohl auch nie entstanden wäre. Beim gewöhnlichen Züchten geschehen genetische Veränderungen eher zufällig, bei Gentechnik gezielt. Warum sollte das gezielte Verändern eines Gens schädlich sein, wenn man dieselbe Veränderung als harmlos betrachtet, sofern sie durch bloßen Zufall entstanden ist?

Besonders kurios erscheint die Angst vor neuen Methoden der Gen-Veränderung, wenn man bedenkt, auf welche Weise bisher viele neue Pflanzensorten entwickelt wurden: Man kann zum Beispiel Obst gezielt radioaktiv bestrahlen oder chemisch behandeln, um genetische Mutationen auszulösen. Diese Technik bezeichnet man als Mutagenese. Welche Gene dabei verändert werden, lässt sich nicht vorhersagen. Es ist ein reines Glücksspiel.

Manche der mutierten Pflanzen-Nachkommen können durch puren Zufall positive Eigenschaften aufweisen – vielleicht eine längere Haltbarkeit oder besseren Geschmack. So entstanden neue Sorten, die in jedem Bioladen verkauft werden dürfen, auch wenn niemand ganz genau weiß, welche Gene durch die Bestrahlung oder Chemie-Behandlung geändert wurden und welche Konsequenzen das haben kann. Verglichen damit ist die Gentechnik eine präzise Methode, um Pflanzen zu verbessern, robuster zu machen oder den Ertrag zu erhöhen.

Mythos 2: Gentechnik ist nicht ausreichend erforscht

Klar, mit neuen Technologien sollte man vorsichtig sein. Doch die Gentechnik ist nichts völlig Neues mehr: Gentechnisch veränderte Pflanzen werden in der Landwirtschaft in vielen Ländern der Welt seit Jahrzehnten eingesetzt. Es gibt inzwischen umfangreiche Studien über verschiedene Sicherheitsfragen rund um Genfood – und die Studien geben Entwarnung.

"Alle seriösen wissenschaftlichen Studien, also jene, die in angesehenen Journalen veröffentlicht wurden, zeigen, dass die Pflanzensorten, die durch gentechnische Methoden hergestellt wurden, nicht gefährlicher sind als die, die durch traditionelle Züchtung verfügbar gemacht wurden", schreibt Richard Roberts, Molekularbiologe und Nobelpreisträger. "Wenn überhaupt, dann sind gentechnisch veränderte Sorten wahrscheinlich sicherer als herkömmlich gezüchtete Sorten, weil sie viel genauer kontrolliert werden."

Roberts verfasste einen offenen Brief an Greenpeace, die Vereinten Nationen und die Regierungen der Welt, in dem er sich für Gentechnik in der Landwirtschaft ausspricht. Dieser Brief wurde inzwischen von insgesamt 134 Nobelpreisträgern unterzeichnet.

Mythos 3: Gentechnik bedeutet mehr Pflanzengift

Ein wichtiges Anwendungsgebiet der Gentechnik ist heute die Produktion pestizidresistenter Pflanzen: Man kann gentechnisch Pflanzen herstellen, die gegen bestimmte Pflanzengifte immun sind. So gibt es Mais, Weizen und Reis der Firma Monsanto, denen der aggressive Giftstoff Glyphosat nichts ausmacht. Wenn Bäuerinnen und Bauern also ihr Feld mit Glyphosat besprühen, stirbt jedes Unkraut ab und nur die genmanipulierte Nutzpflanze bleibt übrig.

Im Einzelfall könnte das Bauern tatsächlich dazu verleiten, noch mehr Gift zu versprühen. Doch insgesamt sieht die Sache anders aus: Die Gentechnik hat dazu geführt, dass Bauern sehr viel weniger Pestizide verwenden.

Schon lange werden sogenannte "Bt-Sorten" hergestellt – das sind Pflanzensorten, in die man Gene des Bakteriums "Bacillus thuringiensis" eingebaut hat. Dieses Bakterium produziert nämlich ein Protein, das zwar für Menschen ungefährlich ist, im Magen von bestimmten Insektenarten aber in ein Insektengift umgewandelt wird.

Dieses Bakterium wird auch im Bio-Landbau eingesetzt, um Insekten zu bekämpfen. Dank Gentechnik können nun auch Nutzpflanzen wie Mais oder Baumwolle dieses Protein herstellen. So schützt sich die Pflanze aus eigener Kraft vor gefährlichen Insekten, es ist nicht mehr nötig, größere Mengen an Insektengift am Feld zu versprühen.

Aber wenn die Pflanze nun ihr eigenes Gift produziert – kann sie dann nicht vielleicht auch für Menschen gefährlich werden? Nein. Insektengifte in Pflanzen sind etwas völlig Natürliches und Normales. Auch wenn wir uns von Bio-Obst ernähren, nehmen wir jeden Tag viele verschiedene Gifte auf, die von den Pflanzen produziert werden, um Insekten zu bekämpfen. In großen Studien konnte gezeigt werden: gentechnisch veränderte Bt-Sorten stellen kein Risiko dar, nicht für Mensch und nicht für Umwelt.

Mythos 4: Genfood schadet der Gesundheit

Über gesundheitliche Gefahren im Zusammenhang mit Gentechnik wird oft gesprochen. Viel seltener wird diskutiert, wie man mit Gentechnik die Gesundheit verbessern kann – dabei eröffnen sich hier hochinteressante Möglichkeiten.

Gentechnik kann zum Beispiel dabei helfen, die Menge an Schimmelpilz-Giften in unserer Nahrung zu verringern. Schimmelpilze können sich etwa bei Getreide bilden, das von Schädlingen angeknabbert wurde. Sie können Allergien auslösen und sogar Krebs fördern. In "Gen-Mais" sind deutlich weniger Pilzgifte zu finden, weil sie weniger stark von Schädlingen befallen werden,.

Dass es problematisch sein kann, Gentechnik völlig abzulehnen, zeigt auch das Beispiel vom "Goldenen Reis": Ein schwerwiegendes Gesundheitsproblem in Entwicklungs- und Schwellenländern ist Vitamin-A-Mangel. Davon sind kleine Kinder am schlimmsten betroffen. Weltweit sterben oder erblinden jedes Jahr Millionen Kinder, weil sie nicht genug Vitamin A bekommen.


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Die Biologen Ingo Potrykus von der ETH Zürich und Peter Beyer von der Universität Freiburg beschlossen, dagegen etwas zu unternehmen. Sieben Jahre lang arbeiteten sie daran, Reispflanzen gentechnisch so zu verändern, dass sie Beta-Carotin produzieren. Dieses Provitamin, das beispielsweise auch in der Karotte vorkommt, wird vom menschlichen Körper in das lebenswichtige Vitamin A umgewandelt – der "Goldene Reis" war erfunden. Die Idee der beiden Erfinder war, den Reisbauern in den betroffenen Gebieten die neue Reissorte zur Verfügung zu stellen, und so den Vitamin-A-Bedarf zu decken, ganz ohne teure Vitaminpräparate. Es handelt sich nicht um ein profitorientiertes Projekt. Die Bauern hätten keine Lizenzgebühren zahlen müssen; sie hätten den Reis ernten, im nächsten Jahr wieder aussäen, verkaufen und tauschen dürfen.

Doch der lebensrettende Reis darf derzeit nicht angepflanzt werden. Gentechnik-Gegner wie Greenpeace sehen im Goldenen Reis ein "Trojanisches Pferd", das bloß die Akzeptanz von genveränderten Pflanzen erhöhen soll. Auf den Philippinen wurden versuchsweise angelegte Felder mit dem Goldenen Reis von Gentechnik-Gegnern gestürmt und verwüstet. Patrick Moore, einer der Gründerväter von Greenpeace und ehemaliger Chef von Greenpeace Kanada, hat sich nicht zuletzt wegen der Gentechnik-Diskussion von Greenpeace abgewandt. Heute setzt er sich vehement für den Goldenen Reis ein – die Politik von Greenpeace konnte er damit bisher aber auch nicht ändern.

Mythos 5: Gentechnisch veränderte Pflanzen verursachen Krebs

Es waren entsetzliche Bilder, die 2012 um die Welt gingen: Vom Krebs deformierte Mäuse wurden gezeigt, sie hatten grauenvolle Tumore entwickelt, nachdem sie vom Molekularbiologen Gilles-Éric Séralini mit gentechnisch verändertem Mais gefüttert worden waren. Die Studie veröffentlichte er in einem wissenschaftlichen Journal, die internationale Aufregung war groß. Hatte Séralini den Beweis erbracht, dass Gentechnik Krebs verursachen kann?

Nein, das hatte er nicht. Die Studie wurde bald von anderen Forschenden heftig kritisiert. Sowohl Séralinis Studiendesign als auch seine Schlussfolgerungen entsprachen nicht den wissenschaftlichen Standards. Das Journal selbst zog die Studie ein Jahr später wegen schwerer Mängel wieder zurück – doch die Bilder von den Krebsmäusen blieben im Gedächtnis, auch heute noch argumentieren Gentechnik-Gegnern immer noch mit der Séralini-Studie.

Genfood, Handystrahlung, E-Zigaretten – wie schädlich ist all das wirklich? Hier findest du alle Texte unserer Reihe "Was die Forschung sagt".

Séralini hatte mit einem speziellen Rattenstamm gearbeitet, der eigens dafür gezüchtet wurde, eine hohe Krebsanfälligkeit aufzuweisen. Auf völlig natürliche Weise erkrankt ein großer Teil dieser Mäuse an Krebs – ganz egal, womit man sie füttert. Horror-Bilder lassen sich auf diese Weise sehr leicht erzeugen.

Für eine statistische Abschätzung, ob es durch die Fütterung mit gentechnisch verändertem Mais zu einer höheren Anzahl von Krebsfällen kommt, hatte Séralini viel zu wenige Mäuse untersucht. Um sicherzugehen hat man die Frage später in einem großen EU-Projekt noch einmal genau analysiert. Diesmal wurde ein wissenschaftlich solides Studiendesign entwickelt. Das Ergebnis: keine Krebsgefahr durch gentechnisch manipulierten Mais.

Mythos 6: Wenn ich Genfood esse, können sich meine Gene verändern

Könnte sich unsere DNA verändern, wenn wir gentechnisch veränderte DNA essen? Genau das befürchten manche Genfood-Kritiker noch immer. Argumente liefert scheinbar eine Studie, die behauptet, DNA-Bruchstücke könnten durch die Nahrung ins Blut gelangen.

Dabei ist diese Befürchtung schlicht Blödsinn. Wir werden auch nicht zu Bio-Äpfeln, wenn wir einen Bio-Apfel essen. Jedes Nahrungsmittel enthält Gene. Sie werden bei der Verdauung von unserem Körper zerlegt, nicht in unsere DNA eingebaut. Dabei ist es dem Körper völlig egal, ob die DNA durch natürliche Evolution entstanden ist oder technisch verändert wurde.

Mythos 7: Gentechnik nützt großen Konzernen und schadet kleinen Bauern

Früher wurde unsere Nahrung von vielen kleinen Familienbetrieben erzeugt, heute haben wir es mit großen Agrarkonzernen zu tun. Manche Genfood-Kritiker sprechen sogar von einer "Genfood Mafia" und vermuten: Die Gentechnik ist nur ein Trick, um die Interessen der Großkonzerne durchzusetzen und den kleinen Bäuerinnen und Bauern zu schaden.

Studien zeigen aber, dass Bäuerinnen mit genmanipulierten Pflanzen im Durchschnitt mehr Geld verdienen und weniger Pflanzengifte kaufen müssen. Für Bäuerinnen in entwickelten Ländern ist das erfreulich, für Bauern in weniger entwickelten Ländern kann Genfood sogar lebensrettend sein: Denn schon eine einzelne schlechte Ernte könnte eine ernste Hungersnot mit vielen Todesfällen zur Folge haben.

Fazit: Packt euch das Genfood ruhig auf den Teller

Längst sind noch nicht alle Fragen rund um die Gentechnik geklärt. Damit wir uns ein Urteil bilden können, müssen wir nämlich nicht nur gesundheitliche Fragen diskutieren, sondern auch noch ganz andere Themen anschneiden: Welche politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen kann Genfood haben?

Gentechnik ist aufwändig und teuer. Es mag also sein, dass weltweit nur eine kleine Zahl von Anbietern diese High-Tech-Methode anwenden können, um verbesserte Pflanzensorten auf den Markt zu bringen – ähnlich wie es nur eine recht kleine Anzahl von Automarken oder Computerchip-Hersteller gibt. Ist das ein Problem für Artenvielfalt und für die Machtverhältnisse in der globalen Agrarindustrie? Besteht die Gefahr von Monopolen, die ihre Marktmacht ausnutzen?

Es gibt noch mehr Fragen rund um Gentechnik, die ungeklärt sind: Wie gehen wir rechtlich mit den neuen Sorten um? Darf man DNA-Codes patentieren, auch wenn sie auf natürlichem Weg genauso entstehen hätten können? Welche Lizenzbedingungen sollen Bauern unterschreiben, wenn sie gentechnisch verändertes Saatgut kaufen? Welche Lizenz-Vorschriften sollten besser verboten werden?

Wenn wir auf diese Fragen heute noch keine echte Antwort haben, liegt das allerdings nicht an der Gentechnik selbst, sondern an der Art, wie die Agrarindustrie funktioniert. Probleme mit der gesetzlichen Reglementierung muss man ernst nehmen – aber sie sind kein Argument gegen die Gentechnik als solche. Man hat schließlich auch die Erfindung des Autos nicht mit dem Argument bekämpft, dass man nun eine Straßenverkehrsordnung ausverhandeln musste. Die Technik selbst ist aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll. Wie wir als Gesellschaft damit umgehen, ist Sache der Politik. Wenn die Politik noch nicht so weit ist, lässt sich das aber nicht der Gentechnik selbst vorwerfen.

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zm98djFlorian AignerSebastian MeineckScienceGesundheitgmomonsantogenmaisGenfoodWas die Forschung sagt
<![CDATA[Das steckt hinter den 'Fortnite'-Cheat-Videos auf YouTube]]>https://motherboard.vice.com/de/article/pa9vjn/das-passiert-wenn-du-einem-youtube-video-glaubst-und-fortnite-cheats-downloadestThu, 11 Oct 2018 11:37:24 +0000Der Trick ist so dreist, dass eigentlich niemand darauf reinfallen sollte: Gib deinen Nutzernamen und dein Passwort auf einer Seite an – dann regnet Gratis-Geld auf deinen Fortnite-Account. Das passiert natürlich nicht. Trotzdem sammeln Videos, die für solche Websites werben, Millionen Views auf YouTube. Darauf fallen viele, vor allem junge, Fortnite-Fans rein. Forschende einer IT-Sicherheitsfirma haben jetzt eine Fortnite-Betrugsmasche gefunden, die noch weitaus mehr Schaden anrichtet als Account-Diebstahl.

Malwarebytes Labs fand ein Video auf YouTube, das besonders effiziente Cheats für Fortnite versprach. Der Preis: bloß ein paar Klicks. Das ist zumindest auf den ersten Blick ein attraktives Angebot für Cheater. Denn Epic Games, die Entwickler von Fortnite, sind dafür berüchtigt, besonders schnell auf Nutzer von Schummel-Software zu reagieren und sie im Zweifelsfall sogar vor Gericht zu zerren. Vor kurzem drohte Epic Games einem deutschen Cheat-Entwickler mit Hunderttausenden Euro Strafe.

Screenshot eines Videos vom YouTube-Kanal, über den Malwarebytes berichtet. Im Videotitel wird offenkundig ein Cheat zum kostenlosen Download angepriesen | Screenshot | YouTube | Chill

Motherboard hat die aktuell verfügbaren Videos des YouTube-Kanals gesichtet, von dem Malwarebytes berichtet hat. In der Videobeschreibung der Videos stehen dutzende Suchbegriffe wie "Fortnite Aimbot", "Fortnite Hack" und "Fortnite Cheats". Offenbar hoffen die Personen hinter den Videos, durch Suchanfragen neugieriger Gamer entdeckt zu werden. Eine Mailadresse oder andere Kontaktmöglichkeiten zu den Kanalbetreibern konnte Motheboard allerdings nicht finden.

Dutzende Tags sollen offenbar die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Nutzer per YouTube-Suchanfrage auf die Videos stoßen | Bild: Screenshot | YouTube | Chill

Der Link in einem der YouTube-Videos führte das Team von Malwarebytes Labs zunächst auf eine externe Website, wo Nutzer einen "Subscribe"-Button klicken sollen. Dieser Button öffnet den YouTube-Kanal mit den Fortnite-Cheat-Videos in einem neuen Browser-Tab. Ein YouTube-Abo wurde durch den Klick allerdings nicht abgeschlossen. Motherboard hat diesen von Malwarebytes beschriebenen Klickweg bei einem eigenen Test am 11. Oktober nachvollzogen.

Der bit.ly-Link in einem 'Fortnite'-Cheat-Video auf YouTube führte Nutzer auf diese Seite. Motherboard hat den von Malwarebyte beschriebenen Klickweg nachvollzogen | Bild: Screenshot | sub2unlock.com

Nach diesem offenbar sinnlosen Vorgang ist der "Download"-Button entsperrt und Nutzer gelangen über weitere Klicks auf eine laut Malwarebytes professionell aussehende Seite, die Cheats verspricht. Diese Seite war allerdings zum Zeitpunkt des Motherboard-Tests nicht mehr verfügbar. Ein Screenshot von Malwarebytes zeigt einige der Funktionen des Cheats. So sollen Gamer etwa Gegner durch Wände hindurch sehen können. Für den Download werden die angehenden Cheater auf eine Download-Seite geführt; dort sollen sie eine Archivdatei im .rar-Format herunterladen.

Die Download-Website der angeblichen Cheat-Software war bei einem Motherboard-Test am 11. Oktober nicht zu erreichen. Diesen Screenshot hat das Team von Malwarebytes angefertigt | Bild: Screenshot | Malwarebytes

Das fanden die Forschenden im 'Cheat'-Archiv

Ob der Cheat wirklich funktioniert, konnte oder wollte das Malwarebytes Team nicht testen. Mussten sie auch nicht, denn der Inhalt des Archivs diente offensichtlich einem ganz anderen Ziel als naive Gamer auf den ersten Platz in Spielrunden zu bringen. Das Archiv enthielt den Sicherheitsexperten zufolge einen Trojaner, eine Schad-Software, die auf den Rechner zugreift, auf dem sie installiert wurde. Der Fortnite-Trojaner interessiert sich demnach insbesondere für Bitcoin Wallets und Steam-Accounts, sowie für alles, was im Browser gespeichert wurde. Diese Infos versuche der Trojaner dann weiterzuschicken, angeblich an eine russische IP-Adresse.


Bei Motherboard: 16-Jähriger hackt McDonald's Drive-in


Der anscheinende Zweck des Schadsoftware: Sie soll Informationen über Nutzerinnen und Nutzer stehlen und so mögliche Ziele für Hacking-Angriffe finden. "Ein Sieg in Fortnite ist super", schreibt Christopher Boyd im Blog von Malwarebytes Labes, "aber es lohnt sich nicht, dafür eine riesige Menge persönlicher Daten zu verlieren."

Betrügereien sind ein Problem für 'Fortnite' und YouTube

Der von Malwarebytes entdeckte Trojaner scheint eine der fortgeschritteneren Methoden zu sein, um Fans des erfolgreichen Multiplayer-Shooters zu bestehlen. Der Großteil der Betrugsmaschen ist simpler: Seiten, die einfach dreist nach dem Passwort von Spielerinnen fragen.

Diese Fortnite-Scams scheinen überraschend erfolgreich zu sein. Alleine in einem Zeitraum von zwei Tagen zwischen März und April diesen Jahres gab es in Großbrittanien 35 Berichte von Menschen, die Opfer dieser Fortnite-Maschen geworden sind, wie das Magazin Newsweek berichtet. Ein Opfer soll dadurch fast 6.000 Euro verloren haben.

Viele dieser Betrugsmaschen werden durch YouTube-Videos groß. Das geht aus einem Bericht des US-Magazins Polygon hervor. Die Videos und Livestreams, die für "Gratis V-Bucks" oder Cheats werben, generieren teils Millionen Views. YouTube gibt an, bereits jetzt gegen die Videos vorzugehen: "Mithilfe unserer Algorithmen entfernen wir Millionen Spam-Videos von YouTube", sagte ein YouTube-Sprecher zu Polygon. "Unsere hochausgebildten Content Reviewer überprüfen, ob Videos gegen Community-Richtlinien verstoßen."

Auch jetzt sind auf YouTube noch zahlreiche Videos mit fragwürdigen Cheat-Versprechen online. Teilweise versuchen auch YouTuber ihre Fans über die Maschen aufzuklären, in dem sie Videos hochladen, die ähnliche Titel haben wie die Videos der Scammer | Screenshot: YouTube

Doch das passiert einigen nicht schnell genug. "Habe gerade einen Raum voller YouTube-Chefs zusammengebrüllt", twitterte Mark Rein, Vize-Präsident von Epic Games im Mai. Vielleicht hat die Tirade Wirkung gezeigt. Sieben der populärsten Fortnite-Scam-Videos, die Motherboard im Juni einsehen konnte, sind inzwischen offline. Doch neue Videos haben ihren Platz eingenommen. Eine schnelle YouTube-Suchanfrage von Motherboard nach "Free V-Bucks" oder "Fortnite Cheat" zeigte am 11. Oktober zahlreiche Videos, die immer noch alte Betrugsmaschen bewerben. Malwarebytes Labs spricht von Tausenden neuen Videos, die als Spam und Betrugsmaschen eindeutig gegen YouTubes Richtlinien verstoßen.

Fortnite ist mit fast 80 Millionen Spielerinnen und Spielern eines der größten Videospiele der letzten Jahre. Für die Entwickler ist es extrem wichtig, dass sich Fans sicher fühlen. Immer wieder warnen sie vor neuen Betrugsmaschen. Dabei liegt die Verantwortung nicht nur bei YouTube, das als wohl wichtigste Videoplattform maßgeblich zur Verbreitung der Betrugsmaschen beiträgt. Auch Nutzer können sich schützen. So wurde ein junger Gamer in Florida einfach von einem anderen Gamer im Spiel nach seinem Passwort gefragt. Er gab es heraus und verlor seinen Account. Dagegen hilft weder eine bessere Löschpraxis von YouTube noch eine Anti-Viren-Software.

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<![CDATA[Deshalb könnte dein Schädel bei einem Vulkanausbruch explodieren ]]>https://motherboard.vice.com/de/article/zm98e9/darum-explodiert-schaedel-bei-vulkanausbruch-vesuv-pompejiThu, 11 Oct 2018 05:00:00 +0000Als der Vesuv 79 Jahre nach Christus ausbricht, begraben Lava und Asche die umliegenden Siedlungen und hilflosen Bewohner. Die in Gestein konservierten Toten der Stadt Pompeji zeigen, wie unvorbereitet die Naturkatastrophe die Menschen damals traf. Italienische Forschende haben nun rekonstruiert, auf welch grausame Weise einige andere Bewohner rund um den Vulkan starben.

Die Forschenden unter der Leitung des Biologen und Anthropologen Pierpaolo Petrone von der Universität Neapel untersuchten mehr als Hundert Skelette aus der Stadt Herculaneum, die etwa 15 Kilometer von Pompeji entfernt liegt. Durch den Vulkanausbruch starben hier schätzungsweise 300 Menschen , die in den Bootshäusern am Wasser Schutz suchten. Bisher vermutete man, dass sie an der Asche erstickten. Aber das Forschungsteam um Petrone kommt zu einem anderen Schluss: Offenbar wurden sie von einer extremen Hitzewelle getroffen, sodass ihr Blut verdampfte und ihre Schädel durch den dabei entstehenden Druck explodierten.

Bruchstellen an den Schädeln, die in Herculaneum gefunden wurden.
Die Schädel weisen klare Bruchstellen auf | Bild: P. Petrone et al
Skelette aus Herculaneum.
Skelette aus Herculaneum | Bild: P. Petrone et al

Durch spektroskopische Untersuchungen im Labor fanden die Forschenden im Inneren einiger Schädel Rückstände von Eisen. Sie könnten nach Annahme der Forschenden entstanden sein, als das Blut verdampfte und ein Loch in die Schädeldecke sprengte. Zu dieser Annahme sollen auch die Bruchstellen passen, die bei einigen Schädeln aus Herculaneum festgestellt wurden.

Schuld an diesem grausamen Tod ist den Forschenden zufolge der sogenannte pyroklastische Strom, ein extrem heißer Strom aus Gas und Gestein, der bei einem Vulkanausbruch entsteht. Dieser Strom war vermutlich zwischen 200 und 500 Grad Celsius heiß und soll die Schutzsuchenden mit einer Geschwindigkeit von 130 Kilometern pro Stunde getroffen haben.

Der Vesuv könnte erneut ausbrechen

Der Gipsabdruck einer Person, die durch den Vesuvausbruch starb.
Viele Bewohner von Pompeji wurden offenbar unter der Asche begraben. Hier der Gipsabdruck eines antiken Opfers des Vulkanausbruchs | Bild: Shutterstock | wjarek

Dieser extreme Hitzestrom dürfte die Menschen sofort getötet haben. Petrone und sein Team schreiben: "Die Körperhaltungen sind nicht abwehrend oder vor Schmerz gekrümmt." Das deute darauf hin, dass die Körper die lebenswichtigen Funktionen einstellten, bevor die Menschen überhaupt wussten, wie ihnen geschah.


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Die Forschenden weisen in ihrer Arbeit auch darauf hin, dass auch heute noch drei Millionen Menschen in der Gefahrenzone rund um den berüchtigten Vulkan wohnen, die bei einem heftigen Ausbruch in ernster Gefahr sein könnten. "Unsere Funde über die Auswirkungen des Vesuvausbruchs sind wichtige Informationen, die in die Evakuationspläne mit einbezogen werden sollten", schrieb Petrone Motherboard in einer E-Mail. Momentan würden die Notfallpläne nämlich nur rund 700.000 Menschen berücksichtigen, die in unmittelbarer Nähe des Vesuvs leben.

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Dieser Artikel ist zuerst auf der englischsprachigen Seite von Motherboard erschienen.

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<![CDATA[Vergesst Darwin: Diese Grafik zeigt die wahren Helden der Wissenschaft]]>https://motherboard.vice.com/de/article/43e5yw/infografik-muslimische-forschende-waren-darwin-kopernikus-vorausWed, 10 Oct 2018 08:27:43 +0000Evolutionstheorie? Charles Darwin ist der Mann, der das Konzept der natürlichen Selektion groß gemacht hat. Amerika? Der alte Kolumbus hat's "entdeckt". Und dass wir wissen, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt? Das haben wir natürlich Kopernikus zu verdanken. Das ist Allgemeinwissen – und es ist falsch. Denn Jahrhunderte vor den großen Entdeckern des Westens haben Forschende aus der islamischen Welt ihre Erkenntnisse dokumentiert. Wie weit sie dem Westen voraus waren, zeigt jetzt eindrücklich eine Infografik der Seite Information Is Beautiful.

Die Grafik trägt eine Reihe von Entdeckungen und Erfindungen in den verschiedensten Bereichen der Forschung zusammen, die während der islamischen Blütezeit entstanden sind. Als Blütezeit oder auch "Goldenes Zeitalter" wird die Periode zwischen 750 und 1258 nach Christus bezeichnet, in der Metropolen und Wissenszentren in Zentralasien entstanden. Insbesondere im heutigen Irak wurden große Erkenntnisse gewonnen, vor allem in den Bereichen der Medizin, Biologie, Mathematik und Physik.

In der Grafik zeigt ein Klick auf einzelne Entdeckungen, welcher Forscher sie zuerst beschrieben hat – und welcher großer Name westlicher Wissenschaft teils Jahrhunderte später den Ruhm dafür einheimste. Ruhm, der zum Teil bis heute anhält. Die Fakten dazu stammen aus anerkannten Büchern über die Geschichte der Wissenschaft der islamischen Blütezeit: "House of Wisdom" von Jim al-Khalili, "Lost History" von Michael Hamilton Morgan sowie die Encyclopedia Britannica.

Im Vergleich zu Nasīr ad-Dīn at-Tūsī war Kopernikus ein Spätzünder

Das "heliozentrische" Weltbild, also die Erkenntnis, dass die Erde um die Sonne kreist, wird heute gemeinhin Nikolas Kopernikus zugeschrieben. Doch bereits Hunderte Jahre vor Kopernikus entwickelte der persische Forscher Nasīr ad-Dīn at-Tūsī revolutionäre Modelle über Sternenbewegungen, die eine Erde beschrieben, die um die Sonne kreist. Und über 1000 Jahre bevor Darwin seine "Entstehung der Arten" verfasste und das Konzept der Evolution und natürlichen Selektion groß machte, veröffentlichte der Autor und Biologe Abū Uthmān al-Jāhith in Bagdad ähnliche Erkenntnisse. Über 400 Jahre bevor Kolumbus in See stach, um Amerika zu "entdecken", schätzte der Perser Abū Rayhān al-Bīrūni, wo sich Amerika befindet – indem er mit mathematischen Methoden die Erde vermaß.

Auch teils obskure Erfindungen lassen sich in der Grafik entdecken. So soll etwa Muhammad ibn Musa al-Khwarizmi in seinem "Buch Genialer Erfindungen" einen programmierbaren Flötenspieler-Automaten beschrieben haben. Der wohl erste Roboter der Welt – und das um das Jahr 850 herum. In vielen Teilen Europas herrschten zu dieser Zeit die Karolinger, und die Wikinger bereisten die Flüsse.

Blinde Flecken der Geschichte

Nicht gezeigt werden in der Grafik noch frühere Beiträge zur Wissenschaft, etwa aus dem antiken Griechenland oder China, auf denen die Forschenden der Islamischen Blütezeit oft ihre eigenen Erkenntnisse aufbauten. Wissenschaft ist eben ein Prozess – und keine Erfindung einer einzelnen Gruppe.



Inzwischen befassen sich auch in Deutschland zahlreiche Forschende damit, dass unsere Geschichtsschreibung blinde Flecken hat. Der Fokus zum Beispiel auf europäische Gelehrte wird als Eurozentrismus bezeichnet. "Die eurozentrische Weltsicht betrachtet Europa als den einzig aktiven Gestalter der Weltgeschichte, gewissermaßen als ihren 'Urquell'", fasst der Historiker Robert Marks das Problem in einem Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung zusammen.

Die Infografik wird also bei vielen an ihrem Geschichtsbild rütteln, denn nicht nur in der Mathematik waren muslimische Forschende schneller. Klinische Studien, Anästhesie bei OPs, Behandlungen für den Grauen Star: Sie alle entstanden in der Blütezeit des Islams und dienten vielen Forschenden im Westen als hilfreiche Vorlage. Dabei wissen heute viele Kinder in Europa zwar, wer Darwin war, haben wohl aber noch nie von Abū Uthmān al-Jāhith gehört.

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<![CDATA[Die Geschichte des rumänischen Arztes, der sich zwölf Mal erhängte]]>https://motherboard.vice.com/de/article/yw4wag/rumaenischer-arzt-der-sich-zwoelf-mal-erhaengte-nicolae-minoviciWed, 10 Oct 2018 07:25:50 +0000Gefährliche Selbstversuche haben in der Medizin eine lange Tradition. Isaac Newton steckte sich eine Nadel ins Auge. Frederick Prescott ließ sich das Nervengift Curare spritzen. Und der rumänische Arzt Nicolae Minovici erhängte sich selbst. Zwölf Mal.

Minovici praktizierte Anfang des 20. Jahrhunderts als Rechtsmediziner in Bukarest. Er stellte Untersuchungen in Anatomie, Psychologie und Anthropologie an. Auch für Kriminologie interessierte er sich sehr, ebenso wie sein Bruder, Mina Minovici, der als Gründer der Rechtsmedizin in Rumänien gilt.

Zu einer Zeit als sich in Rumänien vor allem von der Gesellschaft ausgeschlossene Menschen wie Matrosen oder Sexarbeiterinnen tätowieren ließen, untersuchte Nicolae Minovici den Zusammenhang zwischen Tattoos und Kriminalität. Die Schlussfolgerung seiner Studie aus dem Jahr 1899: Es gebe keinen Zusammenhang. Später gründete Minovici eine Vereinigung für Rechtsmedizin in Rumänien und ein Fachjournal für Rechtsmedizin. Trotzdem ist sein Name vor allem für eine Arbeit in Erinnerungen geblieben: eine Studie über das Erhängen.

Als Gerichtsmediziner hatte Minovici häufig mit Suiziden durch Erhängen zu tun. Weil Minovici mehr über diese Todesart erfahren wollte, startete er eine Reihe gefährlicher Selbstversuche. In seinem ersten Versuchsaufbau wollte der Wissenschaftler die Blutzufuhr zu seinem Kopf durch Ziehen an einer Seilschlinge selbst unterbrechen. Nach sechs Sekunden verlor er das Bewusstsein.


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Nach mehreren Versuchen dieser Art führte er ein noch riskanteres Experiment durch: Von seinen Assistenten ließ er sich an einer Schlinge vom Boden heben. Obwohl er sich dabei am Kehlkopf und Zungenbein verletzte, ließ er auch diesen Versuch mehrmals wiederholen.

In der Studie über das Erhängen, Etude sur la pendaison von 1905, weist Minovici mehrmals auf die Gefahr seiner Versuche hin. Trotz seiner Verletzungen wertete er seine Experimente als Erfolg: Er konnte die Symptome, die beim Erhängen auftreten, detailliert beschreiben und korrigierte die bis dahin herrschende Annahme, dass Erhängte ersticken würden. Minovici schlussfolgerte, dass der Tod eintritt, weil die Blutzufuhr zum Gehirn unterbrochen wird.

Der Forscher hatte ein besonderes Interesse daran, den Schwachen und Armen zu helfen, die in Rumänien zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur wenig Unterstützung von den Behörden erhielten. Er gründete die erste Notaufnahme im Land und richtete Anlaufstellen für alleinstehende Mütter ein, in denen sie vor und nach der Geburt Hilfe fanden. Außerdem wurde er 1934 Bürgermeister von Băneasa, einem Stadtteil Bukarests. Dort modernisierte er die Kanalisation, Trinkwasserbrunnen und Notunterkünfte für Bedürftige.

Als Minovici im Jahr 1941 starb, vermachte er seine Villa in Bukarest und seine große Sammlung rumänischer Volkskunst dem Staat; die Villa ist heute ein Museum.

Ivan Cenzi betreibt seit 2009 den italienischsprachigen Blog Bizarro Bazar, ein Sammelsurium für alles "Seltsame, Makabre und Wundervolle". Seit 2014 erscheint Bizzarro Bazar auch in Buchform bei Logos.

Bei Depression oder akuten Suizidgedanken gibt es zahlreiche Stellen, die professionelle Hilfe anbieten und das eigene Leid lindern helfen. Die Hotlines sind Tag und Nacht erreichbar. Auch wer Opfer von Mobbing wird, findet in Deutschland bei vielen Stellen Hilfe.

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Dieser Artikel ist zuerst auf der italienischsprachigen Seite von Motherboard erschienen.

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<![CDATA[Rotten.com: Die Geschichte der Ekel-Website, die eine Generation schockierte]]>https://motherboard.vice.com/de/article/3kmjp3/rottencom-die-geschichte-der-ekel-website-die-eine-generation-schockierteTue, 09 Oct 2018 08:40:13 +0000"Hast du das gesehen?" "Boah, ist das echt?" "Ehhh-keeeel-haft!" – Wer um die Jahrtausendwende auf Schulhöfen unterwegs war, erinnert sich an solche Gespräche. Sie drehten sich um eine Website, die einer ganzen Generation junger Nutzer den Appetit verdarb und sie ebenso schockierte wie faszinierte. Sie war der digitale Autounfall, bei dem man nicht wegsehen konnte. Ihr Name: rotten.com.

Schon kurz nach dem Start im Jahr 1996 und über viele Jahre hinweg galt rotten.com als die krasseste, in jedem Fall aber ekligste Seite im Internet. Hinter der unscheinbaren Aufmachung steckten Bilder von Promi-Leichnamen, Fotos von Menschen, deren Gesichter von Schrotflintenschüssen zerstört wurden, Babys in Einmachgläsern und Männern, die ihre Penisse in Fische stecken, alles garniert mit süffisant-ironischen Kommentaren der weitestgehend anonymen Betreiber. Das selbsternannte "Archiv verstörender Illustrationen" wurde zum Synonym für die dunkle und hässliche Seite des World Wide Web. Erfolgreich war sie trotzdem – oder gerade deshalb: In seinen besten Zeiten begrüßte rotten.com täglich hunderttausende Besucher.

Seit Ende 2017 aber ist rotten.com offline und nur noch über das Internet Archive einsehbar. 20 Jahre lang versuchten Anwälte, Politiker und Jugendschützerinnen vergeblich, die Seite dichtzumachen. Am Ende war es ein Ausfall der Technik, der die Seite in die Knie zwang, die ohnehin seit Jahren nicht mehr aktualisiert wurde.

Doch rotten.com ist mehr als eine Fußnote der Internethistorie. Die Ekel-Seite aus den 90er Jahren nahm große Teile der modernen Netzkultur vorneweg.

Rotten.com sollte ein Symbol für Meinungsfreiheit im Netz sein

Dieses unterschiedlich interpretierbare Bild gefiel Gläubigen gar nicht | Bild: Screenshot | rotten.com | Wayback Machine

Dabei war das so gar nicht geplant. 2001 sagte der Betreiber im Gespräch mit dem Online-Magazin Salon, er wollte ursprünglich bloß einige Bilder zum Spaß auf die Seite stellen. Er habe schon immer das Makabre gemocht. Die einprägsame Adresse von rotten.com habe sich dann aber schnell in der Internet Community und darüber hinaus verbreitet: Schon kurz nachdem die Seite online ging, erwähnte sie der Radiomoderator Howard Stern in seiner Show und stellte sie somit einem größeren Publikum neuer und vor allem neugieriger Nutzer vor.

Aufgrund der kontroversen Inhalte geriet rotten.com schnell in die Schlagzeilen. Der Gründer und später auch ein Team von Unterstützern sammelten die Bilder aus alten Büchern, Zeitungen oder anderen Websites. Manche Inhalte kamen auch per Leserpost: Grausame Aufnahmen aus dem Drogenkrieg, von Motorradunfällen und Kriegsverbrechen, wissenschaftliche Experimente, offizielle Tatortfotos, auf denen die aufgedunsenen Leichen von Marilyn Monroe und Chris Farley zu sehen waren. Aber eben auch Fotos von absurden Tätowierungen und kuriosen Illustrationen, die man heute auch auf Facebook teilen würde, konnten die Besucherinnen finden.

"Kein Kind sollte allein im Internet sein"

Das Team von rotten.com wählte die Inhalte zwar aus, scherte sich aber herzlich wenig über Persönlichkeits- und Urheberrechte. Alles wurde veröffentlicht. Hauptsache, es war heftig oder absurd und "regte die Leute" auf, wie es in den FAQ hieß.

"Rotten.com beweist, dass Zensur im Internet nicht praktikabel, unethisch und falsch ist", stand in einem Manifest. Hinter dem Vorhang einer Schock-Website präsentierten sich die Betreiber als Verfechter einer radikalen Free-Speech-Politik. Kurz bevor die Website online ging, wurde in den USA der umstrittene Communications Decency Act verabschiedet. Das Gesetz sollte die Verbreitung von Pornografie im Internet regeln, wurde aber ein Jahr später wieder gekippt weil es das Recht auf freie Meinungsäußerung einschränkte. Eine Entscheidung, die rotten.com Auftrieb gab: Nach Ansicht der Betreiber verstießen sie selbst nie gegen Pornografie- oder Obszönitätsgesetze. Und gegen den Jugendschutz? "Kein Kind sollte allein im Internet sein", schrieben sie.

Überhaupt erschien die Website zu einer Zeit, in der die Regeln des World Wide Web noch längst nicht fest geschrieben waren. Die Grenzen des Erlaubten, Akzeptierten, Angemessenen mussten Ende der 90er noch ausgelotet werden: Fotos abgeschossener Gliedmaßen und toter Promis mögen damals wie heute die Grenze des guten Geschmacks überschritten haben, aber sollte man sie deshalb vor der Öffentlichkeit verstecken? Wer sollte entscheiden, was im Internet gezeigt werden kann und was nicht?

Bis heute bleiben solche Fragen unbeantwortet: Während Plattformen wie WikiLeaks und sein Gründer Julian Assange sich als radikale Verfechter der Informationsfreiheit sehen, stehen soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook im Spannungsfeld zwischen dem Ruf nach freier Meinungsäußerung und dem Vorwurf der Zensur. Der Fall von rotten.com beweist, wie lange sich manche Debatten um Inhalte im Internet nun schon ziehen.

Der Gründer von rotten.com hatte Verbindungen zu Hackern

So sah Rotten noch im Jahr 2011 aus | Bild: Screenshot | rotten.com | Wayback Machine

Hinter rotten.com stecken Menschen, die tief in der Hacker-Kultur verankert sind. Ihre Geschichte beginnt in den 80er Jahren. Damals bildete sich in den USA eines der ersten weltweit bekannten Hackerkollektive, die Legion of Doom. Zwei ihrer ehemaligen Mitglieder, Patrick Kroupa (alias Lord Digital) und Bruce Fancher (Dead Lord) gründeten 1991 die Firma MindVox als damals zweiten Internetprovider in New York City. Ebenfalls bei der Gründung dabei: Der Kalifornier Thomas E. Dell, der die MindVox-Software und das integrierten Forensystem entwickelte, wie Dokumente aus der Zeit belegen.

Der gleiche Thomas E. Dell gilt heute relativ sicher als Gründer von rotten.com. Nicht nur sind sein Name, ein Postfach im Silicon Valley und seine heutige Firma namens Soylent Communications als Besitzer der Domain und anderer Schwesterseiten eingetragen. Er antwortet auch dem Online-Magazin The Outline im vergangenen Jahr persönlich auf die Situation der Seite – ein seltener Auftritt, denn Dell reagiert gewöhnlich nicht auf die Anfragen von Journalisten. Ein frühes Easter-Egg auf rotten.com verwies zudem auf das Halluzinogen Ibogain, das der MindVox-Gründer Patrick Kroupa regelmäßig einnahm.

Der Salon-Artikel aus dem Jahr 2001 beschreibt den Gründer von rotten.com unter dem Pseudonym Soylent als damals 34-jährigen Entwickler mit gräulichem Haar und einer sanftmütigen Art, der zuvor unter anderem auch für Netscape gearbeitet habe – ein Detail, das zwischenzeitlich auch auf einer Google+-Seite eines gewissen Thomas E. Dell auftauchte. Wie er Salon sagte, habe er Mitte der 90er Jahre mit Domains gehandelt und rotten.com für sich behalten, einfach weil er den Namen mochte.

Thomas Dell war einerseits ein talentierter Programmierer, der offenbar Verbindungen zu ehemaligen Hackern hatte, die in Systeme eindrangen, die Grenzen des Erlaubten teilweise überschritten und mit ihren Entwicklungen die "Evolution des Cyberspace" vorantreiben wollten, wie es auf der Seite von MindVox hieß. Andererseits war er Teil des Dotcom-Booms im Silicon Valley, war also nah dran an der Weiterentwicklung des Internets und am Puls der Zeit. Es ist kein Zufall, dass aus dieser Mischung schließlich rotten.com entstand: Eine Website, die ebenso anarchistisch wie zukunftsweisend war.

In Deutschland steht rotten.com seit 1999 auf dem Index

Die Betreiber nahmen Klagen nicht sehr ernst | Bild: Screenshot | rotten.com | Wayback Machine

In Deutschland steht rotten.com seit 1999 und bis heute auf dem Index - eine Indizierung hält 25 Jahre an. 2001 ordnete ein Gericht in Düsseldorf 56 Internetprovider aus Nordrhein-Westfalen per "Sperrungsverfügung" an, den Zugang zu rotten.com und anderen Seiten zu sperren. Die Entscheidung sorgte für Kritik von Netzaktivisten und Branchenverbänden. Sie warnten davor, Websites pauschal zu sperren anstatt einzelne Inhalte. Tatsächlich wurde rotten.com nach der Kritik von der Verfügung ausgenommen.

Die Website stand somit im Mittelpunkt der Debatte über Sinn und Unsinn von Netzsperren, die seitdem immer wieder geführt wurde. 2009 etwa, als die Bundesregierung mit Stoppschildern auf Websites die Verbreitung von Kinderpornografie eindämmen wollte. Oder bald wieder, wenn die EU neue und umstrittene Verbraucherschutzregeln einführt.

Alle diese Versuche, rotten.com abschalten zu lassen, überlebte die Schock-Seite. Jahrelang sammelten die Betreiber auf der Website Unterlassungserklärungen und Klagen, die entweder vor Gericht oder meist schon vorher scheiterten. Für die Betreiber wurden diese Klagen zu Trophäen, die Kritiker und Kläger abschrecken sollten. Wobei die Seite durchaus einzelne Inhalte löschte - wenn ihr Anwalt denn ein "überzeugendes Argument" lieferte.

"Sprüht unsere URL an Stadtbusse und ritzt sie mit euren Klappmessern in Schulbänke!"

Gerade in den ersten sieben Jahren, als rotten.com am erfolgreichsten war, umschiffte die Website immer wieder geschickt neue Gesetze und Vorschriften. Sie wurde 1999 vor dem US-Kongress zitiert, als dieser über ein neues Jugendschutzgesetz abstimmte. Der Child Online Protection Act sollte Kinder vor gefährlichen Inhalte im Internet schützen, doch auch dieser wurde schließlich abgelehnt, da er zu weit gefasst war.

Die Betreiber von rotten.com argumentierten, auf ihrer Startseite gäbe es ohnehin keine gefährlichen Inhalte zu sehen. Für einzelne Inhalte schalteten sie eine Altersabfrage vor. Und um den Vorwurf der Obszönität zu umgehen, fütterten die Macher die Bilder mit biografischen Informationen und aktueller Berichterstattung an – denn Inhalte, die einen Bildungsanspruch haben, sind in den USA von manchen Gesetzen befreit. Was in diesem Fall absurd klingt, hielt tatsächlich einige Kläger vor Gericht ab.

Zudem entstanden neue Schwesterseiten, die von der Hauptseite ablenkten: boners.com zeigte Penisse in allen Formen und Farben. Mugshots.org war für Polizeifotos gedacht. Auf Daily Rotten verwies das Team um Thomas Dell ab 1999 vor allem auf externe Quellen wie Nachrichtenseiten. Im Jahr 2000 entstand mit The Gaping Maw ein Satire-Portal mit derben gesellschaftskritischen Kommentaren und Illustrationen. Heute ist von diesen Seiten ebenfalls nicht mehr übrig. Lediglich die Notable Names Database (NNDB), eine harmlose Biografie-Sammlung, ist noch online.

Rotten verbreitete Falschmeldungen und führte Medien vor

Dieses ursprünglich unverpixelt erschienene Fake-Foto ist heute noch immer auf Websites zu finden | Bild: Screenshot | rotten.com | Wayback Machine

Müsste man ein zentrales Ereignis in der Geschichte von rotten.com erwähnen, landet man im September 1997. Zwei Wochen nachdem Diana Spencer, gemeinhin bekannt als Lady Diana, in Paris bei einem Autounfall verstarb, veröffentlichte rotten.com ein Bild, das um die Welt gehen sollte: Es zeigt einen Autounfall und ein Opfer, in der Ecke ein Porträtfoto der ehemaligen Kronprinzessin. Der Titel: "Death of a Princess".

Die Aufnahme sollte den Leichnam von Diana zeigen, doch schnell war klar: Das Bild war eine Fälschung; ein Foto wäre aus diesem Winkel im Tunnel nicht möglich gewesen, und im Hintergrund ist offenbar eine britische Notfallnummer erkennbar. Dennoch griffen Medien von der New York Times bis hin zu Telepolis das Foto und die Reaktionen auf die Fälschung auf. Dabei erwähnten sie diese obskure Website, die es verbreitet hatte. Plötzlich war rotten.com auch außerhalb der Netzkultur ein Begriff.

Wie die Betreiber später schrieben, hätten sie niemals behauptet, dass das Bild echt sei. Es waren also Desinformationen, die rotten.com zu seinem ersten großen Erfolg im Mainstream verhalfen. Viele Jahre, bevor der Begriff Fake News zum geflügelten Wort wurde, legte die Episode die Kräfte offen, die bis heute das Internet bestimmen: Netzwerkeffekte, dank derer sich Inhalte online verbreiten. Der für viele Medien schwierige Spagat zwischen Authentizität und schneller Berichterstattung. Die morbide Sensationsgeilheit der Menschen. Und nicht zuletzt die Macht der Fälschung, die sich heute in Zeiten sozialer Netzwerke nach Anschlägen und vor Wahlen stärker denn je wirkt. Es gab schon vorher Fälschungen im World Wide Web. Aber rotten.com machte deutlich, welche Auswirkungen sie haben konnten.

Rotten war die Petrischale für 4chan, Anonymous, Trollkultur

Bilder der ursprünglichen Bonsai-Kitten-Website | Bild: Screenshot | Know Your Meme

Wie vieles auf rotten.com, war die Veröffentlichung des falschen Diana-Fotos nicht nur dazu gedacht, zu schockieren, sondern auch zu trollen. Immer wieder erschienen auf der Website Inhalte, die gefälscht waren: Fotos von Männern, die angeblich ihre Freunde aßen. Ein Bild von angeblich Rapper Tupac, nachdem er erschossen wurde. Die Köpfe hinter rotten.com wussten, wie sie Reaktionen hervorrufen und die Boulevard-Presse manipulieren konnten. Sie waren Proto-Trolle und ihr FAQ liest sich heute wie ein einzig großes "We did it for the lulz": "Sprüht unsere URL an Stadtbusse und ritzt sie mit euren Klappmessern in Schulbänke! Gratis T-Shirts für alle, die sich rotten.com tätowieren lassen."

Ein Beispiel für Rottens Vorliebe zum Trollen ist der Fall von Bonsai Kitten. Im Jahr 2000 zeigte die Website, wie man angeblich Katzen in Gläsern aufziehen sollte, damit sie, ähnlich wie Melonen, in eine bestimmte Form wachsen. Die Sache war natürlich nicht ernst gemeint, aber schnell verurteilten Tierrechtsorganisationen die Website; selbst das FBI ermittelte. Nachdem das MIT die Seite von seinen Servern nahm, landeten die Bonsai Kitten schließlich bei rotten.com und lebten fortan als Meme weiter.

Womit wir beim Einfluss von rotten.com angekommen wären. In seinem Buch Epic Win For Anonymous schreibt der Autor Cole Stryker: "Für Teile meiner Generation war Rotten eine Einstiegsdroge, die uns später an Orte wie 4chan führte." Tatsächlich bediente die Seite eine eigene Subkultur, wie man sie heute auf 4chan, auf Reddit oder speziellen Foren findet: Auf ihr fanden sich Inhalte, die zu extrem für das "normale Internet" waren. Für viele Menschen war rotten.com bloß eine Seite, über die man den Kopf schüttelte und sich mit Freunden davor ekelte. Für andere aber war sie auch eine Bestätigung, dass im Internet wirklich fast alles geht.

Mit seiner Mischung aus subversiver Fuck-You-Attitüde und kalkulierten Tabubrüchen ebnete rotten.com anderen Plattformen den Weg: 2003 ging 4chan online und gab die Auswahl schockierender Inhalte seinen Nutzern und Nutzerinnen in die Hand.

rotten.com wurde Opfer seines eigenen Erfolgs

2012 endeten die Beiträge der Schwesterseite Daily Rotten | Bild: Screenshot | Daily Rotten | Wayback Machine

Rotten.com hatte es spätestens ab 2005 wie andere frühe Schockseiten schwer, gegen neuen Plattformen wie Reddit, YouTube und sozialen Netzwerke wie Facebook zu bestehen. Die Website war technisch wie optisch um die Jahrtausendwende stehen geblieben. Aber auch inhaltlich hatte es seinen Reiz verloren: Was einst schockierend war, konnte man längst auch über Googles Bildersuche finden. Schockierende Fotos gab es auch auf Reddit, für Pornografie und Fetisch entstanden bessere Plattformen, und wer trollen wollte, fand auf 4chan eine nur allzu willige Community.

Es ist ironisch, aber rotten.com wurde gewissermaßen ein Opfer seines eigenen Erfolgs. Es wollte schockieren, half aber gleichzeitig, die gezeigten Grausamkeiten zu normalisieren, indem es die Inhalte, die bis dato in obskuren Foren und Usenet-Gruppen geteilt wurden, befreite und allen Nutzerinnen und Nutzern präsentierte. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung sagte ein früherer Mitarbeiter: "Wenn du heute auf etwas wie Rotten stößt, würdest du kurz klicken, gucken und dann fragen: 'Okay, und was jetzt?'"

Ab 2005 sanken die Nutzerzahlen von rotten.com und ab 2009 spielte die Seite praktisch keine Rolle mehr in der Netzkultur. Die letzte Aktualisierung auf Daily Rotten war im Februar 2012: mit Links auf Drohnengesetze in den USA und zu Leichenfunden aus dem Ersten Weltkrieg. Seitdem war die Seite buchstäblich nur noch ein Archiv verstörender Illustrationen. Als sie im vergangenen Jahr schließlich nicht mehr erreichbar war, bemerkte das kaum jemand. Auf den heutigen Schulhöfen bestimmen andere Themen das Gespräch, wenn es um das Internet geht. YouTube-Dramen etwa oder der neue Instagram-Post von Lisa und Lena. Auch das ist für manche wohl auf gewisse Weise schockierend. Aber eindeutig weniger blutig.

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<![CDATA[Peinliches Musikvideo: Physik-Nobelpreisträger ließ Forscherinnen für sich tanzen]]>https://motherboard.vice.com/de/article/9k7zm5/peinliches-musikvideo-physik-nobelpreistrager-liess-forscherinnen-fur-sich-tanzenMon, 08 Oct 2018 12:19:03 +0000Ein ergrauter, weißer Mann tänzelt in seinem Forschungslabor, umringt von jungen Wissenschaftlerinnen, die ihre Hüften schwingen und sich leidenschaftlich die weißen Kittel vom Leib reißen. Das Musikvideo könnte eine Satire auf Sexismus in der Wissenschaft sein – war es aber nicht. Und der Mann in der Mitte ist kein geringerer als der neue Physik-Nobelpreisträger Gérard Mourou.

Das auf YouTube verfügbare Video aus dem Jahr 2010 tauchte auf, kurz nachdem vergangene Woche bekannt wurde, dass Mourou den Physik-Nobelpreis 2018 erhalten wird. Für das Video wurde Mourou inzwischen von seinen Kolleginnen und Kollegen stark kritisiert. Auch wenn Mourou sich inzwischen öffentlich für das Video entschuldigt hat – es zeigt, dass Sexismus in der Wissenschaft immer noch ein großes Problem ist.

Eigentlich sollte das Musikvideo auf scherzhafte Weise für ein europäisches Forschungsprojekt mit Lasern werben: Extreme Light Infrastructure, kurz: ELI. Das Video sollte mit dem ernsten Bild brechen, das viele Menschen mit Physik verbinden, wie Mourou am 5. Oktober in einem Statement erklärte, das die École Polytechnique Motherboard schickte. Das Video greift auch Szenen aus der Popkultur auf. So trägt eine Darstellerin auf ihren Augenlidern die Aufschrift "I Love ELI" – eine Anspielung auf den Kinofilm Indiana Jones – Jäger des verlorenen Schatzes. Die sexistische Tanzszene ist erst nach rund zweieinhalb Minuten zu sehen.

Die Akademie betont, Mourou habe den Nobelpreis trotzdem verdient

Mourou entschuldigte sich in seinem Statement auch ausdrücklich für das sexistische Bild, dass durch das Video vermittelt werde. Er sagte, das Video sollte dazu dienen, das ELI-Projekt bekannt zu machen. "Es ist wichtig, dass die wissenschaftliche Community alle Forschenden für ihre Rolle und ihren Beitrag anerkennt, ganz egal, welches Gender sie haben", sagte er.

Das Video wurde zunächst unter Mitarbeitern und Professorinnen des französischen Forschungsinstituts École Polytechnique, an dem Mourou unterrichtet, herumgereicht. Erst am 2. Oktober erlangte es öffentliche Aufmerksamkeit, nachdem der 74-jährige Mourou gemeinsam mit Arthur Ashkin und Donna Strickland als diesjährige Nobelpreisgewinner bekannt gegeben wurden. Strickland ist erst die dritte Frau, die mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wird.

Ein Sprecher der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften, die den Nobelpreis für Physik vergibt, sagte gegenüber Motherboard, dass Mourou den Preis auch erhalten hätte, wenn die Akademie früher von dem Video erfahren hätte – auch wenn sie das Verhalten im Video nicht unterstütze. "Professor Gérard Mourou erhält den Nobelpreis für seine bahnbrechenden Beiträge zur Laserphysik", sagte der Sprecher. Der Preis würde für wissenschaftliche Errungenschaften vergeben, andere Aspekte würden dabei nicht berücksichtigt, fügte er hinzu.

Auch Göran K. Hansson, der Generalsekretär der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, der Nobelpreis sei "kein Preis für Videos oder Filme, sondern ein Preis für Wissenschaft".

Das Video wurde 2013 mit dem Titel "Have You Seen ELI" anonym auf YouTube hochgeladen, hatte aber laut Le Monde nur ein paar Hundert Views, bevor Leonid Schneider es vergangene Woche auf seiner Website For Better Science aufgriff. Inzwischen wurde das Video rund 365.000 Mal aufgerufen.


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Andere Forschende finden Mourous Video "peinlich"

In der Physik-Community war das Video anscheinend seit einigen Jahren bekannt, wie mehrere Forschenden gegenüber Motherboard berichteten. "Es sorgte für Aufruhr in der Community", sagte Christian Rödel, Postdoktorand am Helmholtz Institut in Jena. Viele Leute waren der Meinung, dass Mourou mit dem Video zu weit gegangen war, sagte Rödel, der das Video 2011 von einem anderen Doktoranden auf einem USB-Stick erhalten hatte. "Niemand fand das tatsächlich lustig."

Der Physiker Álvaro Peralta, der auch am ELI-Projekt mitgearbeitet hat, sagte, dass der Clip unter Physikern bekannt war. "Wir fanden das Video peinlich", sagte er. Er glaubt, dass es in diesem Zusammenhang wahrscheinlich auch Beschwerden über Morou gab.

Derzeit ist unklar, wer das Video finanziert hat. Obwohl die französische Forschungsorganisation CNRS in den Credits gelistet ist, streitet sie ab, an der Entwicklung des Videos beteiligt zu sein. Auch der Generaldirektor des ELI Delivery Consortiums, Allen Weeks, sagte gegenüber Motherboard, dass das Video nicht vom ELI-Projekt finanziert worden sei.

Auch die École Polytechnique distanzierte sich von dem Video und sagte, dass es ein degradierendes Frauenbild zeigen würde. Sie hätten das Video weder in Auftrag gegeben, finanziert oder produziert.

Diskriminierung in der Physik ist ein großes Problem

Mourous Video ist nur ein kleines Kapitel in der Debatte um Sexismus, grenzverletzendes Verhalten und die Herabwürdigung von Frauen in der Physik. Anfang Oktober wurde der CERN-Physiker Alessandro Strumia nach einem Vortrag suspendiert, in dem er behauptete, "dass die Physik von Männern geschaffen worden sei" und Frauen ihren männlichen Kollegen unterlegen seien.

Eine Untersuchung des Pew Research Centers ergab 2018, dass die Hälfte der Frauen im Bereich Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwesen und Mathematik bei ihrer Arbeit Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts erlebt hatten.

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Dieser Artikel ist zuerst auf der englischsprachigen Seite von Motherboard erschienen.

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