"Suizid-Challenge" Blue Whale: Was dahinter steckt und wie Eltern dagegen kämpfen

"Wir hätten auch anders dagegen vorgehen können – aber wir wollten keine Verbrecher werden wie die Betreiber der Todesgruppen"

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Juni 20 2017, 11:18am

Dieses stilisierte Bild erscheint oft bei der Blue Whale Challenge | Bild: Screenshot Motherboard

Seit 2015 geistert eine Story über manipulative Todesgruppen durchs Netz, die eigentlich zu sehr nach urbaner Internetlegende klingt, um wahr zu sein: In der Blue Whale Challenge, einem Spiel in sozialen Netzwerken, treiben "Kuratoren" Teenager durch eine Reihe von Aufgaben und psychologischen Druck in den Selbstmord. Über hundert Jugendliche in Russland sollen so bereits gestorben sein.

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Zwar erschienen immer wieder reißerische Berichte über das "Internet-'Spiel', das Leute in den Selbstmord treibt", doch gleichzeitig gab es auch erhebliche Zweifel an der Existenz der Blue Whale Challenge und ihrem Ausmaß. Doch jetzt zeigt eine Doku von Spiegel TV, die ausführlicher in Russland recherchiert hat: Ja, es gab tatsächlich Selbstmorde, die mit Blue Whale zusammenhingen, auch wenn es sehr schwierig ist, genaue Zahlen zu nennen. Und: Es gibt Eltern, Angehörige und Freiwillige, die versuchen, gegen die Betreiber der Gruppen vorzugehen.

Was Blue Whale mit dem Suizid von Teenagern zu tun hat

"Das ist kein Spiel, das ist Mord." Sergei Pestov findet klare Worte zu der Challenge, als wir ihn am Telefon zu dem Phänomen interviewen. Er selbst wurde durch einen schmerzhaften Einschnitt in seinem Leben auf die Challenge aufmerksam: durch den Suizid seiner Tochter Diana Anfang 2016. Für den Russen aus dem etwa 200 Kilometer südlich von Moskau gelegenen Ryazan ist die Lage klar: Die Todesgruppen sind verantwortlich, auch für den Suizid seiner Tochter.

Im Fall von seiner Tochter Diana lassen vom Ort ihres Selbstmordes zwei Zeichen auf eine Verbindung zur Challenge schließen: In Sichtweite befindet sich das Schwimmbad "Delfin", sowie das Einkaufszentrum "Wal". Solche symbolischen Botschaften zu hinterlassen gehört zur perfiden Logik, die in manchen der Blue Whale Challenge-Gruppen propagiert wird.

Weitere Hintergründe zur Blue Whale Challenge findet ihr in diesem englischsprachigen Motherboard-Artikel

Bei der Blue Whale Challenge geht es darum, 50 Aufgaben zu erfüllen, eine pro Tag. Die meisten Aufgaben sind banal, bei einigen geht es um Selbstverletzung, die letzte ist der Suizid. Die Doku von Spiegel TV berichtet über den Fall der 15-jährigen Angelina. Sie stirbt genau 50 Tage nach ihrer Anmeldung in einer Todesgruppe. Die Eltern erfahren von all dem erst nach ihrem Tod, als sie sich in ihre Accounts einloggen.

In Deutschland gab es bisher keine Fälle, die mit Todesgruppen wie Blue Whale in Verbindung gebracht werden konnten, doch es gibt einen Todesfall in Italien, sowie versuchte Selbstmorde in Argentinien und Brasilien, die in Verbindung mit der Blue Whale Challenge stehen könnten, ansonsten scheint das Phänomen auf Russland beschränkt. In den beiden südamerikanischen Ländern sowie in England gab es auch Warnungen der Polizei vor dem Phänomen.

Wer bei Instagram nach #bluewhalechallenge und #f57 (einem verwandten Hashtag, das einer der inzwischen festgenommen Betreiber benutzt hat), bekommt Warnungen angezeigt und wird auf Hilfsangebote verwiesen. | Bild: Screenshot Instagram

In der Doku erzählen die Eltern von Angelina von einem ganz normalen Kind, das sich in seinen letzten Tagen aber immer mehr zurückgezogen und ganze Nächte am Rechner verbracht hat. "Eltern denken dabei: Das Kind ist bloß in der Pubertät, das ist normal", erzählt Pestov gegenüber Motherboard. "Auch bei Diana dachten wir das." Tatsächlich sollen aber zu diesem Zeitpunkt die selbsterklärten Kuratoren, die die Gruppen betreiben, daran arbeiten, das Kind von Eltern, Freunden und Lehrern zu isolieren. Auch am Todesort von Angelina gibt es Referenzen auf Wale, sie finden sich in Sprüchen und Abschiedsbotschaften, die andere nach ihrem Tod auf die Wände geschrieben haben.

Wie die Eltern gegen die Challenge und für das Leben kämpfen

Seit dem Tod seiner Tochter Diana hat es sich Pestov zur Aufgabe gemacht, weitere Suizide zu verhindern. Spasti Detei – "Kinder retten" –, so heißt die ehrenamtliche Organisation, in der laut Pestov inzwischen etwa 150 Eltern mitmachen, deren Kinder Selbstmord begangen haben, sowie über 600 Freiwillige.

Mit den Kindern selbst würde Pestov niemals sprechen

Pestov erklärt Motherboard, wie die ehrenamtliche Organisation versucht zu helfen: "Wir durchsuchen die Netzwerke nach neuen Gruppen, nach ihren Administratoren und den Kindern". Vieles, so Pestov, findet inzwischen in geschlossenen Gruppen statt oder in Gruppenchats, die meisten davon seien Fakes, aber an einigen wäre eben etwas dran. "Dann melden wir uns bei den Eltern der Kinder und geben die Daten der Administratoren weiter an die Behörden". Die Eltern der Kinder sollen sich dann kümmern, Psychologen bemühen oder klärende Gespräche suchen. Mit den Kindern selbst würde Pestov niemals sprechen, denn wenn sie unter dem Einfluss der "Kuratoren" stehen, dann wäre das bereits sinnlos.

Lisa will jetzt nichts mehr mit der Challenge zu tun haben

Diese Methode scheint Wirkung zu zeigen. So zeigt die Doku auch die 11-jährige Lisa. Sie postete mit einem Fake-Profil Bilder in die Challenge-Gruppen, Selfies und Fotos davon, wie sie auf Hochhausdächern sitzt. Ihre Eltern entdeckten die Fotos "gerade rechtzeitig", so die Doku, und konnten sie so zur Rede stellen. Nach einem klärenden Gespräch haben sie die Inhalte gelöscht. Der Fall zeigt deutlich, dass Eltern einen stärkeren Einfluss haben können als Gruppen im Netz.

Dieses Jahr bearbeitete Pestov über 700 Fälle

Lisa erzählt im Interview mit Spiegel TV von einer Freundin, die ihren Account benutzt haben soll, und dass diese Freundin sich gegen das Mitmachen in den Gruppen entschieden hat, als sie Kuratoren überreden wollten, Selbstmord zu begehen.

Alleine dieses Jahr bearbeitete Pestov und seine Freiwilligen laut eigener Aussage über 700 solcher Fälle. Er erzählt uns von einem geplanten Massensuizid in Moskau, den seine Gruppe verhindert haben soll. Mit dem Material, das uns Pestov zeigt, lässt sich das alles aber kaum belegen. Deutlicher sind da schon die Aussagen der Betreiber, die bereits festgenommen werden konnten.

Wer hinter den Todesgruppen steckt und wie auch Ermittler gegen den Wal kämpfen

Bis jetzt konnten russische Behörden zwei mutmaßliche Betreiber festnehmen: Philipp B. und Ilya S. Beide sollen unabhängig voneinander gehandelt haben, es ist aber sehr wahrscheinlich, dass S. von B. inspiriert wurde.

Der 21-jährige Philipp B. wird im November 2016 verhaftet. Schuld ist ein Artikel der Novaya Gazeta, die als erstes das Phänomen der Todesgruppen beleuchtet, und B. als einen der Adminstratoren der Gruppen identifiziert hat. Vor Gericht gibt er zu, tausende Teenager in mehreren Suizidgruppen "betreut" zu haben. Fünfzehn von ihnen hätte er zum Selbstmord angestiftet. In einem Interview mit dem Stadtmagazin Saint-Petersburg.ru, soll er seine Opfer als menschlichen Abfall, "Bio-Müll" bezeichnet haben. Auch er kommt in der Doku von Spiegel TV vor. Die Journalisten besuchen seine Mutter und zeichnen das Bild eines einsamen jungen Mannes ohne Sozialkontakte in einem verwahrlosten Haushalt.

"Ich möchte eine der Straftat angemessene Bestrafung"

Ilya S. hingegen ist ein neuerer Fall. Der 26-jährige Postbote hat eine Todesgruppe mit 32 russischen Teenagern betrieben. Eine 14-Jährige in der Gruppe soll versucht haben, Selbstmord zu begehen. Auch S. gestand, dass es sein Ziel war, die Minderjährigen zu töten.

Sergei Pestov erzählt Motherboard, dass er mit den Eltern des Mädchens in Kontakt steht. "Ich möchte eine der Straftat angemessene Bestrafung", fordert er. "Wir könnten auch anders dagegen kämpfen, aber wir Eltern wollen keine Verbrecher wie [die Kuratoren] werden."

Wie Journalismus bei Themen wie Blue Whale helfen kann

Für Medien ist Blue Whale ein kompliziertes Thema. Denn Berichterstattung über Selbstmorde kann dazu führen, dass es noch mehr Selbstmorde gibt. Vor dem Werther-Effekt in diesem Fall warnt uns auch Prof. Dr. Ulrich Hegerl, der Vorsitzende der Deutschen Depressionshilfe: "Es wird da einige geben, die aufgrund der Aufmerksamkeit [für Blue Whale] in eine bestimmte Richtung gepusht werden."

Gerade das detaillierte Beschreiben der Methoden, der Todesarten, der Orte kann auf bereits gefährdete Menschen eine massive Wirkung haben.

Blue Whale zieht seine Wirkung aus der Aufmerksamkeit auf die angeblichen Todesgruppen. Je mehr über Blue Whale gesprochen wird, desto mehr werden Menschen wie Ilya S. und Philipp B. sich an eigenen Gruppen versuchen und desto mehr Teenager werden sich auf die Suche nach diesen Gruppen begeben.

An den 130 toten Teenagern, die der erste Bericht der Novaya Gazeta beschworen hat, gibt es erhebliche Zweifel

Andererseits ist es gerade bei einem Phänomen, das als Mythos online verklärt wird, wichtig aufzuklären: Fakten entgegenzusetzen, die Zusammenhänge dahinter zu erklären und das tatsächlich Ausmaß des Phänomens möglichst gut zu beschreiben – und zu zeigen, dass niemand dem Spiel automatisch ausgeliefert ist und dass es für gefährdete Teenager immer Behandlung und Hilfe gibt, die einen Suizid verhindern.


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Genau das ist aber in vielen anfänglichen Berichten über die russischen Todesgruppen nicht passiert. An den 130 toten Teenagern, die der erste Bericht der Novaya Gazeta beschworen hat, gibt es erhebliche Zweifel. Und auch der Zusammenhang zwischen Blue Whale und dem Tod von Teenagern ist nicht immer zweifelsfrei belegbar. Laut Hegerl ist der soziale Druck aus den Todesgruppen ein möglicher Faktor für den Selbstmord der Teenager, wer das Online-Spiel aber alleine verantwortlich macht, der macht es sich zu leicht. Ein Selbstmord ist fast nie monokausal, hat fast nie nur einen einzigen Auslöser. Und: Es ist in den allermeisten Fällen möglich, ihn rechtzeitig zu verhindern: durch aufmerksame Eltern und durch professionelle Hilfe.

Bei Depression oder akuten Suizidgedanken gibt es zahlreiche Stellen, die professionelle Hilfe anbieten und das eigene Leid lindern helfen. Die Hotlines sind Tag und Nacht erreichbar. Auch wer Opfer von Mobbing wird, findet in Deutschland bei vielen Stellen Hilfe.

Update (20.06.17, 16:20): Die Aussage von Philipp B., seine Opfer seien "Bio-Müll" wurde angepasst. B. machte diese Aussage nicht, wie es missverständlich im Text klang, vor Gericht sondern in einem Interview mit einem Stadtmagazin, dessen Wahrheitsgehalt von den Faktencheckern von Snopes allerdings angezweifelt wird.