Bild: Shutterstock.com | Protestierende in Zagreb, Kroatien, 2016 | Goran Jakus | Mädchen isst Maiskolben | Vladimir Wrangel

Macht genetisch verändertes Essen krank? Das sagt die Wissenschaft

Genfood ist unberechenbar, verursacht Krebs und verändert unsere Gene: So oder so ähnlich sprechen viele Genfood-Kritiker – und liegen oft falsch. Antworten auf die sieben größten Gentech-Mythen.

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12 Oktober 2018, 5:00am

Bild: Shutterstock.com | Protestierende in Zagreb, Kroatien, 2016 | Goran Jakus | Mädchen isst Maiskolben | Vladimir Wrangel

"Pfui! Ekelhaft!" Das ist die erste Reaktion vieler Menschen, wenn es um Gentechnik geht. Hat das nicht mit unappetitlichen Experimenten zu tun, in denen Wissenschaftler mit Gott-Komplex die DNA von Lebewesen vermischen, bis Frankenstein-Zombies entstehen? Wissen wir nicht spätestens seit Jurassic Park, dass die Sache mit den Genen irgendwie gefährlich ist?

Wie bei jeder neuen Technologie muss man auch bei der Gentechnik Vorteile und Risiken sorgsam abwägen. Aber das ist mittlerweile geschehen. Das Wissen über genetisch modifizierte Organismen ist sehr umfassend, ernste Gefahren hat man nicht entdeckt. Trotzdem warnen Umweltschutzorganisationen noch immer vor Genfood und besorgte Konsumenten machen sich Sorgen über mögliche Gesundheitsgefahren. Dabei hat die Wissenschaft auf viele dieser Genfood-Mythen klare Antworten.

Mythos 1: Gentechnik ist gefährlich, weil sie völlig neue Lebewesen hervorbringt

Genetisch veränderte Nahrungsmittel werden von Genfood-Gegnern als "Frankenfood" bezeichnet. Gentechnik wird als viel zu starker eingriff in die Natur empfunden. Dabei greift der Mensch drastisch in die Gene von Tieren und Pflanzen ein, seit es Ackerbau und Viehzucht gibt. Die Pflanzen, die wir heute essen, haben mit ihren Vorfahren aus prähistorischer Zeit kaum noch etwas zu tun. Ihre Gene sind von Menschen durch Züchtung und Kreuzung mit anderen Sorten radikal verändert worden.

Die Gentechnik macht etwas Ähnliches – nur auf zielgerichtete und schnellere Weise. Egal ob wir Pflanzen züchten oder gentechnisch verändern: Das Ergebnis ist ein Organismus mit einer Kombination von Genen, die es vorher nicht gegeben hat, und der ohne menschlichen Einfluss wohl auch nie entstanden wäre. Beim gewöhnlichen Züchten geschehen genetische Veränderungen eher zufällig, bei Gentechnik gezielt. Warum sollte das gezielte Verändern eines Gens schädlich sein, wenn man dieselbe Veränderung als harmlos betrachtet, sofern sie durch bloßen Zufall entstanden ist?

Besonders kurios erscheint die Angst vor neuen Methoden der Gen-Veränderung, wenn man bedenkt, auf welche Weise bisher viele neue Pflanzensorten entwickelt wurden: Man kann zum Beispiel Obst gezielt radioaktiv bestrahlen oder chemisch behandeln, um genetische Mutationen auszulösen. Diese Technik bezeichnet man als Mutagenese. Welche Gene dabei verändert werden, lässt sich nicht vorhersagen. Es ist ein reines Glücksspiel.

Manche der mutierten Pflanzen-Nachkommen können durch puren Zufall positive Eigenschaften aufweisen – vielleicht eine längere Haltbarkeit oder besseren Geschmack. So entstanden neue Sorten, die in jedem Bioladen verkauft werden dürfen, auch wenn niemand ganz genau weiß, welche Gene durch die Bestrahlung oder Chemie-Behandlung geändert wurden und welche Konsequenzen das haben kann. Verglichen damit ist die Gentechnik eine präzise Methode, um Pflanzen zu verbessern, robuster zu machen oder den Ertrag zu erhöhen.

Mythos 2: Gentechnik ist nicht ausreichend erforscht

Klar, mit neuen Technologien sollte man vorsichtig sein. Doch die Gentechnik ist nichts völlig Neues mehr: Gentechnisch veränderte Pflanzen werden in der Landwirtschaft in vielen Ländern der Welt seit Jahrzehnten eingesetzt. Es gibt inzwischen umfangreiche Studien über verschiedene Sicherheitsfragen rund um Genfood – und die Studien geben Entwarnung.

"Alle seriösen wissenschaftlichen Studien, also jene, die in angesehenen Journalen veröffentlicht wurden, zeigen, dass die Pflanzensorten, die durch gentechnische Methoden hergestellt wurden, nicht gefährlicher sind als die, die durch traditionelle Züchtung verfügbar gemacht wurden", schreibt Richard Roberts, Molekularbiologe und Nobelpreisträger. "Wenn überhaupt, dann sind gentechnisch veränderte Sorten wahrscheinlich sicherer als herkömmlich gezüchtete Sorten, weil sie viel genauer kontrolliert werden."

Roberts verfasste einen offenen Brief an Greenpeace, die Vereinten Nationen und die Regierungen der Welt, in dem er sich für Gentechnik in der Landwirtschaft ausspricht. Dieser Brief wurde inzwischen von insgesamt 134 Nobelpreisträgern unterzeichnet.

Mythos 3: Gentechnik bedeutet mehr Pflanzengift

Ein wichtiges Anwendungsgebiet der Gentechnik ist heute die Produktion pestizidresistenter Pflanzen: Man kann gentechnisch Pflanzen herstellen, die gegen bestimmte Pflanzengifte immun sind. So gibt es Mais, Weizen und Reis der Firma Monsanto, denen der aggressive Giftstoff Glyphosat nichts ausmacht. Wenn Bäuerinnen und Bauern also ihr Feld mit Glyphosat besprühen, stirbt jedes Unkraut ab und nur die genmanipulierte Nutzpflanze bleibt übrig.

Im Einzelfall könnte das Bauern tatsächlich dazu verleiten, noch mehr Gift zu versprühen. Doch insgesamt sieht die Sache anders aus: Die Gentechnik hat dazu geführt, dass Bauern sehr viel weniger Pestizide verwenden.

Schon lange werden sogenannte "Bt-Sorten" hergestellt – das sind Pflanzensorten, in die man Gene des Bakteriums "Bacillus thuringiensis" eingebaut hat. Dieses Bakterium produziert nämlich ein Protein, das zwar für Menschen ungefährlich ist, im Magen von bestimmten Insektenarten aber in ein Insektengift umgewandelt wird.

Dieses Bakterium wird auch im Bio-Landbau eingesetzt, um Insekten zu bekämpfen. Dank Gentechnik können nun auch Nutzpflanzen wie Mais oder Baumwolle dieses Protein herstellen. So schützt sich die Pflanze aus eigener Kraft vor gefährlichen Insekten, es ist nicht mehr nötig, größere Mengen an Insektengift am Feld zu versprühen.

Aber wenn die Pflanze nun ihr eigenes Gift produziert – kann sie dann nicht vielleicht auch für Menschen gefährlich werden? Nein. Insektengifte in Pflanzen sind etwas völlig Natürliches und Normales. Auch wenn wir uns von Bio-Obst ernähren, nehmen wir jeden Tag viele verschiedene Gifte auf, die von den Pflanzen produziert werden, um Insekten zu bekämpfen. In großen Studien konnte gezeigt werden: gentechnisch veränderte Bt-Sorten stellen kein Risiko dar, nicht für Mensch und nicht für Umwelt.

Mythos 4: Genfood schadet der Gesundheit

Über gesundheitliche Gefahren im Zusammenhang mit Gentechnik wird oft gesprochen. Viel seltener wird diskutiert, wie man mit Gentechnik die Gesundheit verbessern kann – dabei eröffnen sich hier hochinteressante Möglichkeiten.

Gentechnik kann zum Beispiel dabei helfen, die Menge an Schimmelpilz-Giften in unserer Nahrung zu verringern. Schimmelpilze können sich etwa bei Getreide bilden, das von Schädlingen angeknabbert wurde. Sie können Allergien auslösen und sogar Krebs fördern. In "Gen-Mais" sind deutlich weniger Pilzgifte zu finden, weil sie weniger stark von Schädlingen befallen werden,.

Dass es problematisch sein kann, Gentechnik völlig abzulehnen, zeigt auch das Beispiel vom "Goldenen Reis": Ein schwerwiegendes Gesundheitsproblem in Entwicklungs- und Schwellenländern ist Vitamin-A-Mangel. Davon sind kleine Kinder am schlimmsten betroffen. Weltweit sterben oder erblinden jedes Jahr Millionen Kinder, weil sie nicht genug Vitamin A bekommen.


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Die Biologen Ingo Potrykus von der ETH Zürich und Peter Beyer von der Universität Freiburg beschlossen, dagegen etwas zu unternehmen. Sieben Jahre lang arbeiteten sie daran, Reispflanzen gentechnisch so zu verändern, dass sie Beta-Carotin produzieren. Dieses Provitamin, das beispielsweise auch in der Karotte vorkommt, wird vom menschlichen Körper in das lebenswichtige Vitamin A umgewandelt – der "Goldene Reis" war erfunden. Die Idee der beiden Erfinder war, den Reisbauern in den betroffenen Gebieten die neue Reissorte zur Verfügung zu stellen, und so den Vitamin-A-Bedarf zu decken, ganz ohne teure Vitaminpräparate. Es handelt sich nicht um ein profitorientiertes Projekt. Die Bauern hätten keine Lizenzgebühren zahlen müssen; sie hätten den Reis ernten, im nächsten Jahr wieder aussäen, verkaufen und tauschen dürfen.

Doch der lebensrettende Reis darf derzeit nicht angepflanzt werden. Gentechnik-Gegner wie Greenpeace sehen im Goldenen Reis ein "Trojanisches Pferd", das bloß die Akzeptanz von genveränderten Pflanzen erhöhen soll. Auf den Philippinen wurden versuchsweise angelegte Felder mit dem Goldenen Reis von Gentechnik-Gegnern gestürmt und verwüstet. Patrick Moore, einer der Gründerväter von Greenpeace und ehemaliger Chef von Greenpeace Kanada, hat sich nicht zuletzt wegen der Gentechnik-Diskussion von Greenpeace abgewandt. Heute setzt er sich vehement für den Goldenen Reis ein – die Politik von Greenpeace konnte er damit bisher aber auch nicht ändern.

Mythos 5: Gentechnisch veränderte Pflanzen verursachen Krebs

Es waren entsetzliche Bilder, die 2012 um die Welt gingen: Vom Krebs deformierte Mäuse wurden gezeigt, sie hatten grauenvolle Tumore entwickelt, nachdem sie vom Molekularbiologen Gilles-Éric Séralini mit gentechnisch verändertem Mais gefüttert worden waren. Die Studie veröffentlichte er in einem wissenschaftlichen Journal, die internationale Aufregung war groß. Hatte Séralini den Beweis erbracht, dass Gentechnik Krebs verursachen kann?

Nein, das hatte er nicht. Die Studie wurde bald von anderen Forschenden heftig kritisiert. Sowohl Séralinis Studiendesign als auch seine Schlussfolgerungen entsprachen nicht den wissenschaftlichen Standards. Das Journal selbst zog die Studie ein Jahr später wegen schwerer Mängel wieder zurück – doch die Bilder von den Krebsmäusen blieben im Gedächtnis, auch heute noch argumentieren Gentechnik-Gegnern immer noch mit der Séralini-Studie.

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Séralini hatte mit einem speziellen Rattenstamm gearbeitet, der eigens dafür gezüchtet wurde, eine hohe Krebsanfälligkeit aufzuweisen. Auf völlig natürliche Weise erkrankt ein großer Teil dieser Mäuse an Krebs – ganz egal, womit man sie füttert. Horror-Bilder lassen sich auf diese Weise sehr leicht erzeugen.

Für eine statistische Abschätzung, ob es durch die Fütterung mit gentechnisch verändertem Mais zu einer höheren Anzahl von Krebsfällen kommt, hatte Séralini viel zu wenige Mäuse untersucht. Um sicherzugehen hat man die Frage später in einem großen EU-Projekt noch einmal genau analysiert. Diesmal wurde ein wissenschaftlich solides Studiendesign entwickelt. Das Ergebnis: keine Krebsgefahr durch gentechnisch manipulierten Mais.

Mythos 6: Wenn ich Genfood esse, können sich meine Gene verändern

Könnte sich unsere DNA verändern, wenn wir gentechnisch veränderte DNA essen? Genau das befürchten manche Genfood-Kritiker noch immer. Argumente liefert scheinbar eine Studie, die behauptet, DNA-Bruchstücke könnten durch die Nahrung ins Blut gelangen.

Dabei ist diese Befürchtung schlicht Blödsinn. Wir werden auch nicht zu Bio-Äpfeln, wenn wir einen Bio-Apfel essen. Jedes Nahrungsmittel enthält Gene. Sie werden bei der Verdauung von unserem Körper zerlegt, nicht in unsere DNA eingebaut. Dabei ist es dem Körper völlig egal, ob die DNA durch natürliche Evolution entstanden ist oder technisch verändert wurde.

Mythos 7: Gentechnik nützt großen Konzernen und schadet kleinen Bauern

Früher wurde unsere Nahrung von vielen kleinen Familienbetrieben erzeugt, heute haben wir es mit großen Agrarkonzernen zu tun. Manche Genfood-Kritiker sprechen sogar von einer "Genfood Mafia" und vermuten: Die Gentechnik ist nur ein Trick, um die Interessen der Großkonzerne durchzusetzen und den kleinen Bäuerinnen und Bauern zu schaden.

Studien zeigen aber, dass Bäuerinnen mit genmanipulierten Pflanzen im Durchschnitt mehr Geld verdienen und weniger Pflanzengifte kaufen müssen. Für Bäuerinnen in entwickelten Ländern ist das erfreulich, für Bauern in weniger entwickelten Ländern kann Genfood sogar lebensrettend sein: Denn schon eine einzelne schlechte Ernte könnte eine ernste Hungersnot mit vielen Todesfällen zur Folge haben.

Fazit: Packt euch das Genfood ruhig auf den Teller

Längst sind noch nicht alle Fragen rund um die Gentechnik geklärt. Damit wir uns ein Urteil bilden können, müssen wir nämlich nicht nur gesundheitliche Fragen diskutieren, sondern auch noch ganz andere Themen anschneiden: Welche politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen kann Genfood haben?

Gentechnik ist aufwändig und teuer. Es mag also sein, dass weltweit nur eine kleine Zahl von Anbietern diese High-Tech-Methode anwenden können, um verbesserte Pflanzensorten auf den Markt zu bringen – ähnlich wie es nur eine recht kleine Anzahl von Automarken oder Computerchip-Hersteller gibt. Ist das ein Problem für Artenvielfalt und für die Machtverhältnisse in der globalen Agrarindustrie? Besteht die Gefahr von Monopolen, die ihre Marktmacht ausnutzen?

Es gibt noch mehr Fragen rund um Gentechnik, die ungeklärt sind: Wie gehen wir rechtlich mit den neuen Sorten um? Darf man DNA-Codes patentieren, auch wenn sie auf natürlichem Weg genauso entstehen hätten können? Welche Lizenzbedingungen sollen Bauern unterschreiben, wenn sie gentechnisch verändertes Saatgut kaufen? Welche Lizenz-Vorschriften sollten besser verboten werden?

Wenn wir auf diese Fragen heute noch keine echte Antwort haben, liegt das allerdings nicht an der Gentechnik selbst, sondern an der Art, wie die Agrarindustrie funktioniert. Probleme mit der gesetzlichen Reglementierung muss man ernst nehmen – aber sie sind kein Argument gegen die Gentechnik als solche. Man hat schließlich auch die Erfindung des Autos nicht mit dem Argument bekämpft, dass man nun eine Straßenverkehrsordnung ausverhandeln musste. Die Technik selbst ist aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll. Wie wir als Gesellschaft damit umgehen, ist Sache der Politik. Wenn die Politik noch nicht so weit ist, lässt sich das aber nicht der Gentechnik selbst vorwerfen.

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