Warum schlägt Facebook uns Tinder-Matches als Freunde vor?

Immer mehr Nutzer berichten, dass in den Freundschaftsvorschlägen von Facebook bekannte Gesichter auftauchen, an die sie sich lieber nicht erinnern würden. Tauschen die Apps heimlich Daten aus?

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28 Oktober 2015, 2:15pm

Bild: Connie Ma/Flickr

Vor einem Jahr entschied sich Emma Lauren für eine Rückkehr zum Online-Dating. Kurz nach der Trennung von ihrem langjährigen Freund meldete sie sich bei OkCupid an. Ihr erstes Date endete desaströs: Ihre Verabredung erschien mit großer Verspätung, hatte keinerlei Ähnlichkeiten mit seinem Profilbild und verbrachte den ganzen Abend damit, über 9/11-Verschwörungstheorien zu sprechen. Schließlich maßregelte er sie, weil sie eine Zigarette rauchte, bevor er sie am Ende des Abends noch zu küssen versuchte.

Lauren hat seit diesem Abend nicht mehr mit ihm gesprochen. Nachdem er sich im Tonfall vergriff, als seine Nachrichten unbeantwortet blieben, blockierte sie seine Telefonnummer. Nach diesem katastrophalen Kurzausflug in die Dating-Welt entschied sich Lauren, dass sie für Online-Dating noch nicht recht wieder bereit war, löschte ihren Account und machte sich nichts weiter aus der Sache. Sie hätte nie wieder einen Gedanken an den unschönen Abend verschwendet—bis ihre unverhoffte Bekanntschaft plötzlich vor einigen Wochen in den Freundesvorschlägen von Facebook auftauchte.

Das „Personen, die du vielleicht kennst"-Feature zeigt dir Nutzer, die Facebooks Algorithmus für dir bekannte Menschen hält. Die Berechnungen basieren auf „gemeinsamen Freunden, Ausbildungs- und Berufsinformationen, Netzwerken, denen du angehörst, Kontakten, die du importiert hast, und vielen anderen Faktoren", wie Facebook auf seiner Hilfsseite erklärt. Das Tool kann praktisch sein, um dich mit alten Uni-Freunden auszutauschen oder alte Bekannte aus deiner Heimatstadt wiederzufinden. Aber das Feature kann auch zu einer gespenstischen Ansammlung längst verdrängter One-Night-Stands und gescheiterter Tinder-Dates mutieren, die plötzlich neben deinem täglichen Facebook-Feed herumspuken.

Das Problem unerwünschter Freundschaftsvorschläge taucht in den vergangenen Monaten bei Nutzern von Tinder oder OkCupid mit alarmierender Häufigkeit auf. Auch Nutzer der Gay-Dating-Apps Grindr oder Jackd haben sich bereits über Facebook-Vorschläge von App-Bekanntschaften beschwert. Ich habe mit knapp einem Dutzend Frauen gesprochen, denen kürzlich Dating-Site-Matches von Facebook aufgetischt wurden.

„Meine „People You May Know"-Liste besteht überwiegend aus Leuten von OkCupid, was ziemlich eigenartig ist", fand Dani Rose, die in New York lebt und die App nutzt, um neue Leute kennenzulernen. „Die Vorschläge sind keine in meinem Telefon abgespeicherten Kontakte; vielleicht habe ich ihnen mal eine SMS geschrieben, aber ihre Nummern befinden sich nicht im Telefonbuch."

„Es sind immer Leute, mit denen ich überhaupt nicht mehr rede."

Maria Ledbetter sind in den vergangenen Monaten sechs von Facebook vorgeschlagene Tinder-Dates aufgefallen—unter anderem ein Match, der so spät zu ihrer Verabredung aufgetauchte, dass sie schon längst wieder gegangen war. Die Freundschaftsvorschläge sah sie meist eine Woche, nachdem sie den Fremden über Tinder ihre Nummer geschickt hatte, aber berichtete auch, dass sie in den seltensten Fällen nach der Verabredung überhaupt noch einmal mit den Matches gesprochen hat.

„Es sind immer Leute, mit denen ich überhaupt nicht mehr kommuniziere, deren Nummer ich gelöscht habe und mit denen ich keine gemeinsamen Freunde habe", berichtete sie mir. „Es ist echt frustrierend."

Aber was könnte die Erklärung für die eigentümlichen Freundschaftsvorschläge sein? Emilio Ferrara, ein Datenwissenschaftler und Experte für Maschinelles Lernen, der sich ausführlich mit sozialen Netzwerken beschäftigt hat, hält es für möglich, dass die Apps untereinander Informationen sammeln und austauschen. „Es ist denkbar, dass diese Social-Media-Unternehmen voneinander Daten kaufen. Facebook könnte also bestimmte Informationen oder Daten über Nutzeraktivitäten von anderen Plattformen kaufen. Sollte das der Fall sein, wäre ein Crossmatchen äußerst einfach. Das ganze könnte auch ein Zufall sein, aber ich glaube nicht an Zufälle."

Angesichts der zunehmenden Menge an Informationen, die Facebook über unser Leben sammelt, liegt die Vermutung nahe, dass die Seite auch einiges über unser Dating-Verhalten wissen könnte. Doch sowohl Tinder als auch OkCupid haben eindeutig widersprochen, dass sie Nutzerinformationen mit anderen teilen.

„Nur wenn du zustimmst, greift Tinder auf deine Facebook-Freundesliste zur Überprüfung gemeinsamer Bekanntschaften mit einem potentiellen Tinder-Match zu", erklärte ein Tinder-Sprecher Motherboard gegenüber. „Tinder hat nicht direkt etwas mit dem „Suggest Friend"-Feature von Facebook zu tun und kann nichts über die Informationen sagen, die diesen Freundschaftsvorschlägen zugrunde liegen."

OkCupid beantwortet unsere Anfrage ähnlich und teilte mit „dass das nichts ist, was wir machen." Eine Facebook-Sprecherin wiederum sagte Motherboard: „Wir nutzen keine Informationen von dritten Apps, um dir Freundschaftsvorschläge im „People You May Know"-Feature anzuzeigen."

Auch der Programmierer Brian Hamachek erklärte, dass es tatsächlich keinen Grund zu der Annahme gebe, dass Facebook und Tinder Daten abgleichen. Hamachek hatte für eine Untersuchung die Programmierschnittstelle von Tinder reverse-engineered und ist auch wohlvertraut mit der API von Facebook.

„Tinder redet nach dem Login nicht einmal mehr mit Facebook—und selbst, wenn sie doch noch kommunizieren, gibt es keinerlei Programmierschnittstellen, die darauf hinweisen würden, dass Tinder Informationen für Facebook-Freundschaftsvorschläge weitergeben würde", erklärte er mir. „Es erscheint mir ziemlich unwahrscheinlich, dass sie diese Daten austauschen und ich wüsste auch nicht, welchen Vorteile die beteiligten Unternehmen hätten."

Die Antwort auf die mysteriösen Vorschläge könnte in unseren Smartphones versteckt sein: Facebook selbst räumt ja ein, dass Vorschläge auch auf den „importierten Kontakten" basieren. Die Nutzer müssen dem jedoch in der App oder in der Desktop-Version von Facebook aktiv zustimmen. Allerdings könnte es einfacher sein, als man denkt, hier seine Zustimmung zu geben. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, jemals einen solchen Import aktiviert zu haben. Als ich jedoch meine „Invite History" checkte, wurde ich eines Besseren belehrt: In der Liste waren über 900 Kontakte abgespeichert, die sich kontinuierlich synchronisierten und aktualisierten. Ich habe die Liste sofort komplett geleert und alle Kontakte daraus entfernt—Facebook warnte mich daraufhin, dass meine Freundschaftsvorschläge „weniger relevant" werden könnten.

Was wie die Lösung für die komischen Freundschaftsanfragen klingt, erklärt aber nicht die Fälle, in denen Kontakte vorgeschlagen werden, die nie im Telefon gespeichert wurden. Mehrere Nutzer hatten mir berichtet, das erlebt zu haben. Woher weiß Facebook von Leuten mit denen ich nur in einer anderen App gechattet habe?

Der Informatiker David Liben-Nowell erklärte mir, dass diese Freundschaftsvorschläge auch auf Facebook-Personensuchen basieren können. Liben-Nowell, der sich ausführlich mit der Struktur und Entwicklung Sozialer Medien beschäftigt hat, vermutet, dass die angezeigten Nutzer schlicht Leute sind, deren Namen du zuvor in die Suchmaske eingegeben hast, bzw. deren Profile du angesehen hast—keine ungewöhnliche Vorsichtsmaßnahme vor einem im Internet verabredeten Date.

„Es wäre fast fahrlässig von Facebook, das nicht zu tun: Wenn du auf Facebook dein Interesse an einer Person signalisiert hast, dann hast du dem Netzwerk eigentlich gerade mitgeteilt, dass du irgendeine Form von Beziehung mit dieser Person haben möchtest—ob das nun eine Beziehung im OkCupid-Style oder eine Facebook-Freundschaft ist, ist eine andere Frage."

„Es könnte auch ein Zufall sein. Aber ich glaube nicht an Zufälle."

Liben-Nowell schrieb per E-Mail außerdem, dass es nicht sicher sei, ob auch Suchen anderen Nutzer vom Algorithmus benachrichtigt würden, aber dass dies durchaus Sinn ergeben würde. Der Informatiker glaubt aber auch, dass auch ein gewisser „psychologischer Effekt" eine Rolle spielen könnte: „Vermutlich werden dir die Unbekannten, die in deinen Freundschaftsvorschlägen auftauchen, niemals im Gedächtnis bleiben. Aber wenn da ein bekanntes Gesicht auftaucht, dann wirst du das vermutlich bemerken. Und wenn das Gesicht ein Tinder-Match ist, dann kommt dir das bestimmt komisch vor—selbst wenn das Ganze nur ein Zufall ist."

Hamacheck wies außerdem darauf hin, dass die Überschneidungen zwischen Facebook und Tinder auch an der Ähnlichkeit der von Facebook und Tinder eingesetzten Algorithmen liegen könnte. „Tinder funktioniert ziemlich ähnlich wie die Freundschaftsvorschläge von Facebook: Es schaut sich deine gegenwärtigen Freunde an und schlägt daraufhin weitere Personen in demselben Kreis vor", erläuterte er. „Beide Apps versuchen etwas sehr ähnliches, also liegt es nahe, dass sich auch die Resultate manchmal ähneln."

Angesichts der zunehmenden Vermischung der analogen und digitalen Spähre, die diese Apps für uns erschaffen, wird es immer schwerer, zu sagen, woher genau wir jemanden überhaupt kennen oder wie genau wir mit ihm verbunden sind.

Jeder der schon mehr als eine Dating-App benutzt hat, kann dir bestätigen, wie häufig man dabei auf dieselben Gesichter trifft, und sie erneut nach links oder rechts wischen muss—potentielle Matches, die sich anscheinend geographisch oder sozial in ähnlichen Kreisen bewegen, aber denen wir noch nicht persönlich über den Weg gelaufen sind.

Ob all das nun reiner Zufall ist oder im gern bemühten Facebook-Algorithmus begründet liegt—wir müssen uns wohl darauf einstellen, dass wir nicht mehr nur in einer Bar oder im Supermarkt missglückten Dates über den Weg laufen, sondern dass wir ihnen auch in unseren digitalen Freundschaftsvorschlägen auf Facebook begegnen.