Dieser Brandenburger verhütet mit seinem DIY-Samenleiterventil auf Knopfdruck

Ein 48-jähriger Tischler hat einen implantierbaren Hodenschalter als Pille für den Mann entwickelt—und die Erfindung als Versuchskaninchen gleich erfolgreich an sich selbst getestet.

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02 Oktober 2015, 9:00am

Das Bimek SLV.

Clemens Bimek wird vielleicht die Welt verändern. Der Tischler hat in seiner Freizeit einfach mal ganz nebenbei eine praktische Verhütungsmethode für den Mann erschaffen, die sich je nach Bedarf ein- und ausschalten lässt. Dabei handelt es sich um ein Ventil, das in den Samenleiter eingesetzt wird und den Spermienfluss bei der Ejakulation komplett aufhalten kann. Da jeder Mann natürlich auch bei seinem Samenleiter ganz individuell beschaffen ist, gibt es das Implantat in den Größen XS, S, M, L und XL.

Nachdem der 48-Jährige seine Erfindung namens Bimek SLV über lange Jahre geheim gehalten hat („Wegen des Patents und weil Männer ja nicht so gerne über dieses Thema reden"), tritt er nun damit an die Öffentlichkeit. Der Grund: Er sucht Probanden und Investoren, die ihm dabei helfen sollen, das Verhütungsventil auf den Markt zu bringen.

Der einzige Mann, der bisher in den Genuss von Bimek SLV kam, ist der 48-jährige Brandenburger selbst: Als Versuchskaninchen hat sich Bimek im Laufe der Zeit alle drei Prototypen seiner Erfindung in den Hodensack einsetzen lassen und mit der neusten Version bereits auch im Praxistest beste Erfahrungen gemacht. Allerdings sind seine Samenleiter durch die ganzen Eingriffe überstrapaziert, wie er Edition F erzählte. Normalerweise müsste die Implantation insgesamt jedoch nur ein einziges Mal durchgeführt werden müssen, denn das Ventil braucht keine spezielle Wartung und kann ein Leben lang im Körper bleiben.

Sollte sich diese Erfindung tatsächlich im Massenmarkt durchsetzen, so hätte der Brandenburger ein langewährendes Dilemma der Verhütungsforschung gelöst: Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler und Firmen wie Vasalgel vergeblich ein zugelassenes operatives Verhütungsverfahren auch für Männer zu entwickeln, das sich durch einen Eingriff an- und später wieder abstellen lässt.

So weit ist die Forschung in Sachen Verhütung für den Mann

Bimek hat mit Hilfe einer Kommunikationsagentur bereits eine Indiegogo-Kampagne ins Leben gerufen, bei der sich jeder an der Verwirklichung der Revolution beteiligen kann. Dort sucht er Investoren und interessierte Privatpersonen, die eine geplante klinische Studie unterstützen, die nötig zur Marktreife wäre. Ab einer Investition von umgerechnet 1250 Euro kann man sich dort auch schon heute sein eigenes Bimek SLV als Vorbestellung sichern.

Gespannt, mehr über dieses wundersame DIY-Genie zu erfahren, haben wir den Rüdersdorfer, der inzwischen in der Schweiz lebt, natürlich umgehend angerufen.

Motherboard: Sie sind eigentlich Tischler, wie kamen sie dazu, ein Samenleiterventil zu entwickeln?

Clemens Bimek: Ich habe damals in der Medizinsendung des SFB einen Beitrag über Vasektomie gesehen und mich gefragt, 'Warum baut man da denn kein Ventil ein?'. Ich hatte zwar keinen eigenen Bedarf, aber ich war schon immer sehr vielseitig interessiert, mein Meisterstück bestand auch fast mehr aus Elektronik als aus Holz. Da ich auf meinem Weg zur Arbeit sowieso am Berliner Patentamt vorbei kam, habe ich dort einfach mal angehalten und mich informiert.

Der Ventil-Erfinder Clemens Bimek.

Es gab zwar schon einige Erfindungen in dem Bereich männlicher Verhütung, aber die waren alle extrem kompliziert. Ich habe es also einfach mal selbst versucht und 1999 mein erstes Patent eingereicht. Schon ein Jahr später, im Jahr 2000, hatte ich dann mein eigenes deutsches Patent in der Hand.

Sie haben das also einfach mal so erfunden?

Ich habe mich natürlich erst einmal in das Thema einarbeiten müssen, ich hatte ja gar keine Ahnung davon. Ich habe mich in Uni-Bibliotheken eingetragen und Fachliteratur gewälzt. Je tiefer ich in die Materie eindrang, umso klarer wurde mir, dass es funktionieren muss.

Es gibt noch mehr Möglichkeiten für den Mann: Verhütung durch Gelinjektion

Als ich dann versucht habe, Ärzte zu kontaktieren und mit ihnen über meine Ideen zu sprechen, taten sich lauter Schwierigkeiten auf. Sie glauben ja nicht, wie viele verbohrte Urologen es gibt. Ich habe mich dann einfach zu einem in die Sprechstunde gesetzt, ohne vorher etwas von meinem Vorhaben zu erzählen. Er meinte dann, wenn er gewusst hätte, warum ich gekommen bin, hätte er mich gar nicht drangenommen. Andererseits gab es aber auch einige Chef- und Oberärzte urologischer Kliniken, die mich ermutigten, weiter zu forschen und mir mit Tipps und Weiterempfehlungen an Kollegen gewaltig unter die Arme griffen.

Ich habe dann alles selbständig gemacht und Medizintechnikfirmen abgeklappert, die das Ventil herstellen könnten. Die ersten Versionen waren damals noch aus Stahl und nach der Prüfung auf technische Unbedenklichkeit musste ich hier und da noch etwas verändern, habe die Lizenz dann aber ohne Probleme bekommen.

Woher hatten sie denn das ganze technisch-medizinische Wissen?

Das habe ich mir alles selber drauf geschafft. Wie dick so ein Samenleiter von innen ist, das konnte mir keiner sagen. Ich habe sogar in der Pathologie nachgefragt, ob ich einen Samenleiter von einer Leiche bekommen kann.

Es gibt einfach keine Informationen darüber, das einzige, was mir geholfen hat, sind histologische Bücher mit mikroskopischen Fotos von Samenleitern. Da kann man sehr gut die eingefallene Schleimhautschicht, die Ringmuskulatur und die Längsmuskulatur erkennen. Das habe ich dann ausgemessen und aus den Ergebnissen den Umfang berechnet. Als Tischler weiß ich ja, wie das geht. Bei der ersten Operation hat das Implantat dann auch super reingepasst.

Und als erster Proband haben sie dann selbst hergehalten?

Einer musste es ja versuchen und ich war so überzeugt von der Erfindung, dass ich mich selbst zur Verfügung gestellt habe. Allerdings musste ich erst mal einen Arzt finden, der die Implantation vornimmt, das war ziemlich aufwändig. Der Urologe, der sich dann bereit erklärt hat, fragte dann auch erst einmal bei einem Anwalt und seiner Ethikkommission nach, ob er mit solch einem Eingriff keine Schwierigkeiten bekommt. Die erste OP war dann 2009.

Wie haben sie getestet, ob das Implantat funktioniert?

Ich habe mein Ejakulat unter dem Mikroskop untersucht und berechnete die Spermienanzahl in Anlehnung an die Methoden des „WHO-Laborhandbuchs zur Untersuchung des menschlichen Ejakulats und der Spermien-Zervikalschleim-Interaktion". Zusätzlich ließ ich noch einige Profi-Spermiogramme erstellen, die meine Ergebnisse bestätigten. Beim ersten Ventil gab es dann noch einige Schwierigkeiten, da der Kanal zu dünn war und zu wenig Spermien durchgelassen hat. Der Verschluss hingegen funktionierte einwandfrei.

Aber sie haben ja mittlerweile die dritte Generation implantiert.

Genau und die Entwicklung wurde über die Ventilgenerationen immer ausgefeilter. Bereits das zweite Ventil war schon aus Kunststoff und der Durchgang statt 0,3 Millimetern 0,7 Millimeter breit. Ich lag dann da aufgeschnitten auf dem OP-Tisch und musste sehen, dass es nicht passte. Man glaubt gar nicht, dass der Samenleiter so ein starker, gut ausbegildeteter Muskel ist. Der ist so kräftig wie der Schließmuskel im Darm, der ist die ganze Zeit aktiv. Da haben wir das Implantat einfach nicht draufbekommen. Wir mussten die OP also abbrechen.

Eine Skizze des Verhütungsventils.

Beim nächsten Mal haben wir das Ventil dann mit Gewalt draufgesetzt. Nach 25 Tagen habe ich mich dann zum ersten Mal getraut, zu ejakulieren und das Ejakulat unter dem Mikroskop untersucht. Alles war voller Spermien, ein richtiges Gewusel. Ich war so glücklich, dass es funktioniert und wirklich hundertprozentig sicher, dass es sich für jeden Mann anwenden lässt.

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Wie fühlt sich das denn an, wenn man so ein Ventilimplantat hat?

Man merkt davon überhaupt nichts, der Implantat-Kunststoff PEEK-Optima ist elastisch und trotzdem hochbelastbar. Das Ventil wiegt gerade mal zwei Gramm, ein Päckchen Vanillezucker hingegen wiegt acht Gramm. Im Prinzip ist es auch nichts anderes als ein Piercing. Viele haben ja so ein Intimpiercing, das würde ich zum Beispiel niemals machen. Das ist ja Wahnsinn, was da alles passieren kann.

Sobald es um einen Eingriff in den Samenleiter mit dem Messer geht, ziehen sich viele Männer sofort zurück. Wie wollen sie denen die Angst nehmen?

Erst mal ist das ja total harmlos. Ich habe in den ganzen sechs Jahren mit dem Ventil keine Probleme mit meiner Libido oder Potenz gehabt. Und Männer sind einfach Memmen, die haben ja sogar Angst vor dem Zahnarzt. Die müssen sich einfach mal überwinden.

Und wir müssen uns da nichts vormachen, jeder möchte Sex haben. Aber wie oft will jemand beim Sex auch ein Kind zeugen? Mit dem Ventil ist der Mann die ganze Zeit steril, und sobald er ein Kind möchte, macht er das einfach auf. Ist die Frau dann schwanger, verschließt er es wieder und spätestens wenn das Kind auf der Welt ist, ist er auch wieder steril. Man sagt bei einer Vasektomie, dass es drei Monate bzw. 30 Samenergüsse braucht, bis die Spermien versiegt sind. Die Frau hat ja eh genug zu tun mit Stillen und dem Baby, da braucht sie sich nicht auch noch darum kümmern. Das ist eine total sichere Sache.