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Gibt es in der Gaming-Community ein Sexismusproblem?

Die Hetzkampagnen der vergangenen Woche gegen eine feministische Videobloggerin und eine Indie-Game Entwicklerin zeigen, welche Probleme ein überlauter Troll-Teil der Games-Community immer noch hat.

Stefanie Lohaus

Ausschnitt aus Sarkeesians YouTube-Analyse sexistischer Frauenbilder in Games und Medien. Screenshot: Feminist Frequency / YouTube.

Bei einer Betrachtung der Ereignisse der letzten Wochen muss die Antwort darauf lauten: Ja, bei einer viel zu großen (und lauten) Zahl von Gamern, gibt es immer noch ein Sexismusproblem.

Manchmal führen schon sachliche Hinweise auf sexistische Verhaltensweisen zu unangenehmen Abwehrreflexen—im Falle von Anita Sarkeesian reichten sie in der vergangenen Woche bis zu Gewalt- und Morddrohungen. Die US-Motherboard Kollegen wiederum durften erleben, wie ihr Bericht über eine hässliche Verleumdungskampagne gegen die Indie-Game-Entwicklering Zoe Quinn zahllose weitere unschöne Kommentare anti-feministischer Gamer nach sich zog—von problemresistent bis persönlicher Beleidigung gegen die Autorin.

Anita Sarkeesian kann von all dem ein trauriges Lied singen, mittlerweile in der x-ten Strophe. Der erste Shitstorm gegen sie begann, als sie nach dem Crowdfunding-Prinzip bei Kickstarter.com Geld für ihre Webserie Tropes vs. Women einsammelte. Ihr Anliegen: auf ihrem medienkritischen YouTube-Vlog Feminist Frequency die westliche Popkultur—Videospiele, Filme, Werbung, Musik etc.—nach stereotypen Frauenbildern und Sexismen zu untersuchen.

Sarkeesians unglaublicher Erfolg—in kürzester Zeit erreichte sie ihr selbstgestecktes Ziel von 4.500 Euro,insgesamt sammelte sie knapp 120.000 Euro von fast 7.000 Unterstützer_innen ein—rief ihre Gegner auf den Plan, die sie und ihre Filme mit Hasskommentaren überschwemmten. Doch Sarkeesian machte weiter, bis heute.

In der aktuellen Folge „Women as Background Decoration" erklärt sie etwa wie weibliche Charaktere in Videospielen gleichzeitig als übersexualisierte Wesen und Opfer sexualisierter männlicher Gewalt dargestellt werden. Dadurch werden Frauen zu handlungsunfähigen Objekten degradiert, die lediglich dazu dienen, Gewalthandlungen des – heterosexuellen, männlichen – Spielcharakters zu rechtfertigen.

Sarkeesians Analysen sind pointiert, messerscharf und sachlich. Sie richten sich nicht gegen Männer, sondern gegen eine Kulturindustrie, die dumme, sexistische Mythen reproduziert, um die maximale Kohle zu verdienen. Ihre Videos sind ausgewogen und schlau und werden an Universitäten und Schulen als Lehrvideos gezeigt. Trotzdem, oder genau deswegen wird Sarkeesian immer wieder Opfer von Angriffen. Und zwar in einer Vehemenz die sogar Games-Journalisten ihre geliebte Profession in Frage stellen lässt.

Morddrohungen sind dabei gerade mal die Spitze des Eisbergs: Unter der Oberfläche wabert ein Meer von Beleidigungen denen Sarkeesian und viele andere feministische Aktivistinnen täglich ausgesetzt sind.

Der öffentliche Internet-Stammtisch

Dass es Männer gibt, die es nicht ertragen können, wenn Frauen in ihre Territorien eindringen oder diese kritisieren, ist bei weitem kein neues Phänomen. Die Games Community ist mit Sicherheit nicht sexistischer als der Rest der Welt, nur steht ihr Stammtisch eben öffentlich im Internet. Dabei gilt: Ob Frauen und Autos, Frauen und Fußball oder Frauen und Games, der Sermon ist allzu oft derselbe: Frauen hätten „davon" eben keine Ahnung und sollten mal schön die Klappe halten. Schon in Homers Odyssee erklärt Telemachus seiner Mutter Penelope, dass Diskutieren Männersache sei, und sie sich gefälligst zu ihrem Webstuhl trollen solle.

Die britische Historikerin Mary Beard, porträtiert im aktuellen New Yorker, hat diese und andere historische Quellen untersucht und so eine Geschichte darüber geschrieben, wie Frauen seit Jahrtausenden zum Schweigen gebracht werden. Dabei ist es laut Beard egal, was die Frauen sagen, der Fakt, dass sie es überhaupt wagen, in einem männlich konnotierten Raum das Wort zu erheben, reiche aus, um ihren Hass auf sich ziehen.

Den Hass gibt es also schon lange, doch es war lange Jahre nicht so einfach, ihn öffentlich und zugleich anonym kundzutun. Im Vergleich zum 19. Jahrhundert, als Sexismus alle Sphären des Lebens durchdrang und Frauen vom öffentlichen Leben nahezu ausgeschlossen waren, ist Sexismus heute geradezu verpönt. Aber eben noch lange nicht ausgestorben. 

Ein Perpetuum Mobile der Scheiße

Das WWW hat nicht nur Utopien einer besseren Internet-Gesellschaft und jüngst auch Überwachungsdystopien hervorgebracht, sondern es auch möglich gemacht, dass misogyne Typen mal so richtig in Echtzeit abhaten können. Langsame und laxe Moderationspolitik von Forenmoderator_innen und Social-Media-Diensten wie Twitter unterstützen sie dabei. Was dann wiederum zu Artikeln wie diesem hier führt, unter dem sich unter Umständen auch wieder gewalttätige Kommentare befinden werden. Ein Perpetuum Mobile der Scheiße also.

Auch die Berichterstattung um Sarkeesians Video in den vergangenen Tagen zeigt den dümmlichen Kreislauf mal wieder. So ist der (relativ unspektakuläre)  Heise Artikel über Sarkeesian einer der meistkommentierten auf der deutschen IT-News-Seite. (Auch unter dem PC Games Artikel dreht sich ein Großteil der Diskussion um den eher unerheblichen Nebenaspekt, ob Sarkeesian denn der Meinungsfreiheit schade, in dem sie die Kommentarfunktion unter ihrem Video reaktivierte). Die Nutzer-Kommentare zum Heise Artikel bieten das bewährte Bouquet verharmlosender, verdrehender und: „[Sie] genießt ihre moralische Überlegenheit als willkommenes Machtinstrument"; Wer profitiert von dem ganzen? klar: Anita Sarkeesian." „Welches Frauenbild will sie denn […] Zigarrenrauchende Kampflesben mit rasierten Köpfen?"

Einige (leider wenige) Kommentatoren nehmen die Leserreaktionen zum Anlass, um zu einer etwas realistischeren Einschätzung zu kommen: 

„Mir wird da als Mann einfach nur schlecht, was hier geschrieben [wird]. Hier werden genau die Stereotype  bedient, die die Welt da draußen von Gamern hat.  Begreift es doch mal—hier will euch niemand etwas wegnehmen, sie  fordert keine Verbote oder so etwas."

Natürlich hat Sarkeesian die Morddrohungen auch nur erfunden, und der Erfolg von Zoe Quinn ist auch nur Beispiel für eine feministische Mainstream-Verschwörung. Alles klar, das ist also das eigentliche Problem. Als hätte es noch einer Bestätigung für die eingespielten sexistischen Automatismen und Reflexe gebraucht.

Zum Schluss aber noch ein positiver Ausblick: Sarkeesians Erfolg zeigt, dass es immer mehr Menschen, egal welchen Geschlechts, gibt, die keinen Bock auf den sich ständig wiederholenden Sexismus in unserer Kultur haben: Gaymer organisieren sich und kämpfen gegen Homophonie in der Videospielindustrie, in den vergangenen Jahren bildet sich eine kleine Szene querer Indie-Game-Entwickler, die Spiele wie Gone Home hervorgebracht hat. Und auf Twitter sympathisieren längst auch Gamer mit Sarkeesian, wie dieser Fan mit einem T-Shirt bei seinem Besuch einer kanadischen Videospielmesse zeigt:

Im März diesen Jahres wurde Sarkeesian für ihre Arbeit als erste Frau von der International Game Developers Association ausgezeichnet. Vielleicht auch deswegen twitterte Sarkeesian kürzlich ein Zitat aus einer der Schlusszenen von Buffy – Im Bann der Dämonen:

Stefanie Lohaus ist Gründern, Redakteurin und Herausgeberin des Missy Magazines. Als Freie Journalistin schreibt sie über Popkultur, Politik und Mutterschaft. Sie bloggt darüber hinaus auf dem FAZ-Blog 10vor8.

Twitter: @slow_haus