Amazon verkauft immer noch jede Menge rechtsextreme Shirts und Nazi-Souvenirs

Verkäufer dürfen bei Amazon keine Produkte anbieten, die den Nationalsozialismus verherrlichen. Wie schlampig die Plattform das kontrolliert, zeigt eine schlichte Suchanfrage mit dem Wort "Hakenkreuz".

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Aug. 6 2018, 11:40am

Amazon-Chef Jeff Bezos | Bild: Imago | Future Image

Amazon wirft Nazi-Produkte aus dem Sortiment – das war an diesem Wochenende in US-amerikanischen und deutschsprachigen Medien zu lesen. Wie unter anderem Buzzfeed News , die New York Times und später Spiegel Online berichteten, hat das zweitwertvollste Unternehmen der Welt unter anderem Produkte mit Hakenkreuzen aus seinem Shop entfernt.

Motherboard-Recherchen zeigen aber, dass Amazon offenbar nur einen Bruchteil von Produkten entfernt hat, die eindeutig rechtsextreme oder nationalsozialistische Bezüge haben. Innerhalb von zehn Minuten konnte Motherboard Dutzende Amazon-Produkte finden, die offenbar als Fanartikel für rechtsextreme Bands verkauft werden, Aufdrucke mit rassistischen und nationalistischen Sprüche beinhalten oder deutsche Soldaten des Zweiten Weltkriegs darstellen. Um die Produkte zu finden, reicht eine simple Suchanfrage mit den einschlägigen Begriffen.

Ursprünglich hatte Amazon in den USA auf die Beschwerde eines US-Kongressabgeordneten reagiert. Der hatte sich im Juli per Brief an Amazon-Chef Jeff Bezos gewandt und ihn gebeten, keine Nazi-Produkte zu verkaufen. "Wir nehmen diese Sache sehr ernst", schrieb Amazon in einem Antwortbrief vom 31. Juli, den Buzzfeed News veröffentlichte.

Amazon verbietet rassistische und rechtsextreme Produkte

Prinzipiell kann sich jeder bei Amazon als Verkäufer registrieren und selbstständig Produkte online stellen; Amazon verdient dabei durch Gebühren mit. In Deutschland dürfen laut Verkäufer-Richtlinien auf Amazon keine Produkte verkauft werden, die "den Nationalsozialismus verherrlichen oder verharmlosen". Wer sich nicht an diese Regeln hält, könne sein Recht verlieren, auf der Plattform zu verkaufen, heißt es.

Konkret verbietet Amazon unter anderem "das Anbieten von Artikeln, die den Nationalsozialismus oder verfassungswidrige Organisationen verherrlichen, unterstützen, gutheißen oder verharmlosen" sowie "Medienartikel, Bekleidung, Fahnen oder sonstige Accessoires, die einer rechtsextremen Gruppierung oder Gesinnung zuzuordnen sind". Amazon fasst es sogar noch allgemeiner und verbietet es, "Gegenstände anzubieten, die verrohend wirken, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizen sowie den Krieg verherrlichen".

Offenbar ergreift der Konzern durchaus Maßnahmen, um die eigene Plattform von nicht erlaubten Inhalten frei zu halten. So gibt es im US-Shop von Amazon Produkte mit nationalsozialistischen Bezügen, die nicht im deutschen Amazon-Shop zu finden sind. Während beispielsweise mit einer simplen Suchanfrage im US-Shop Swastika-Schmuck zu finden ist, förderte eine entsprechende Anfrage im deutschen Shop bei unserer Recherche keine solchen Ergebnisse zutage.

T-Shirts von rechtsextremen Bands auf Amazon

Anders sieht es aus, wenn man im deutschen Amazon-Shop nach dem Wort "Hakenkreuz" sucht. Auf der ersten Seite mit Suchergebnissen fand Motherboard am 6. August unter anderem eine Plastikfigur, die einen deutschen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg darstellte, Lego-Imitate von Wehrmachtsoldaten im Schützengraben sowie ein schwarzes T-Shirt mit Eisernem Kreuz und dem Spruch "Kameradschaft ist mehr als nur ein Wort" in Frakturschrift. Wer den Produktempfehlungen dieser Suchergebnisse folgt, findet Dutzende weitere Soldatenfiguren, Shirts und Accessoires. All das ist zunächst nach deutschem Recht offenbar nicht verboten – zeigt aber, dass Wehrmachtfans und Personen mit nationalistischen Interessen auf Amazon voll auf ihre Kosten kommen.

Motherboard konnte auch innerhalb von wenigen Minuten Amazon-Produkte mit eindeutigen Bezügen zur gegenwärtigen rechtsextremen Szene finden. Bei unserem Test haben wir die Namen von bekannten Neonazi-Bands in die Amazon-Suchmaske eingegeben. Die Namen stammen aus einer Broschüre des Verfassungsschutzes über rechtsextremistische Musik und einer Liste rechtsextremer Bands der Bundeszentrale für politische Bildung. Ein Teil der Musik dieser Bands ist indiziert und darf in Deutschland nicht verbreitet werden.


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Dabei fand Motherboard etwa T-Shirts mit dem aufgedruckten Namen der Band "Landser" und dem Abbild eines deutschen Soldaten mit Stahlhelm; zu finden waren auch Kapuzenpullis mit dem Namen dieser Band. Auch Shirts mit dem Namen der Bands "Sleipnir" und "Kategorie C" erschienen in der Amazon-Suche. "Unsere Regeln, unsere Tradition" steht auf dem Kategorie-C-Shirt. Der Verkäufer des Landser-Shirts präsentiert auf Amazon auch ein Shirt mit der Aufschrift "Ich liebe dieses Land, aber ich hasse diesen Staat". Ein anderes Shirt des Herstellers ist braun, auf der Brust prangt in Frakturschrift der eindeutig rassistische, nationalistische Spruch: "Warum ich braun bin? Weil es mir langsam zu bunt wird!"

Amazon nimmt das Thema ernst und verweist auf "intelligente" Tools

Wir haben Amazon Deutschland die Ergebnisse unserer Recherche vorgelegt und um eine Stellungnahme gebeten. Das Unternehmen erbat sich per Telefon zunächst Zeit zur Beantwortung; wir werden den Artikel aktualisieren, sobald wir eine Antwort erhalten. Im englischsprachigen Antwortbrief an den US-Abgeordneten, den Buzzfeed News veröffentlicht hatte, betonte der Konzern bereits, dass er sich um solche Probleme kümmern wolle.

"Wir verfolgen genau, wenn Produktseiten gegen das Gesetz oder unsere Richtlinien verstoßen, und wir reagieren direkt auf Kundenfeedback und Hinweise von außen", heißt es in dem englischsprachigen Brief. Außerdem wende der Konzern "mithilfe von intelligenten Technologien proaktiv Maßnahmen an, um die Richtlinien durchzusetzen".

Zu diesen "intelligenten Technologien" heißt es weiter, es handele sich um Tools, die mithilfe von maschinellem Lernen Amazons Produktlisten scannen und "automatisch Inhalte entfernen, die gegen die Richtlinien verstoßen". Der Konzern investiere "signifikant" in diese Technologien und setze die Richtlinien für Verkäufer "streng" durch. Die Namen von rechtsextremen, deutschen Bands haben diese intelligenten Algorithmen aber anscheinend noch nicht gelernt.

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