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Gesundheit

Sind E-Zigaretten wirklich gesünder als Tabak? Das sagt die Wissenschaft

Ist Passivdampfen gefährlich? Sind E-Zigaretten eine gefährliche Einstiegsdroge für Jugendliche? Wir haben die sieben wichtigsten Mythen rund um E-Zigaretten und Vapen auf Wissenschaftlichkeit geprüft.

Enno Park

Bild: flickr | Vaping Post | Lizenz: CC BY 2.0

Sieht aus wie ein ganz normaler USB-Stick, ist aber eine E-Zigarette und dazu eine besonders starke: Wenn es danach geht, was Teenies an US-Highschools cool finden, hat das sogenannte Juuling inzwischen das Vaping abgelöst. Zumindest wenn man Medienberichten und allerlei Posts auf Snapchat und Instagram glaubt. Nach Europa wird der Trend allerdings nicht allzu schnell überschwappen. Jedenfalls nicht legal, denn Juul und die dafür zum Rauchen notwendigen Liquid-Kartuschen dürfen wegen ihres hohen Nikotin-Gehaltes von bis zu 50 Milligramm nicht in der EU angeboten werden. Die stärksten Liquids dürfen hierzulande 20 Milligramm pro Milliliter Liquid enthalten.

Auch wenn Juuling einen noch härteren Nikotin-Kick im Vergleich zum Vaping verspricht: Seit E-Zigaretten vor einigen Jahren auf den Markt gekommen sind, wird diesseits und jenseits des Atlantiks die gleiche Debatte geführt. Die eine Seite warnt vor nicht abschätzbaren Gefahren für die Gesundheit und ist besorgt, dass eine ganze Generation Jugendlicher in die Nikotinsucht getrieben wird. Die andere Seite argumentiert, dass Juul, E-Zigaretten, und Tabakverdampfer weitaus weniger gesundheitsschädlich sind als klassische Zigaretten und viele Erkrankungen und Todesfälle verhindern können. Was den Streit so kompliziert macht, ist, dass beide Seiten aus ihrer Perspektive recht haben. Um zu klären, welche Seite die besseren Argumente hat, haben wir uns die häufigsten Mythen und Gerüchte um E-Zigaretten angeschaut und gecheckt, was die Wissenschaft dazu sagt.

Mythos 1: E-Zigaretten sind genauso ungesund wie Tabakzigaretten

Zigaretten (und natürlich Zigarren und Pfeifen) zu rauchen, gehört zu den gesundheitsschädlichsten Dingen, die du tun kannst. Das liegt weniger am Stoff Nikotin selbst, sondern daran, dass der Tabak verbrannt wird. Der inhalierte Rauch enthält neben Nikotin vor allem Teer, Hunderte giftige und krebserregende Stoffe und allerlei Feinstaub. Rauchen ruiniert die Lunge, ist vielen Studien zufolge Hauptverursacher für eine ganze Reihe von Krebsarten, verursacht Durchblutungstörungen, die zum Beispiel ein Raucherbein oder Impotenz nach sich ziehen können, und erhöht das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Statistisch verkürzt Rauchen das Leben um durchschnittlich 10 Jahre, wie eine britische Studie zeigt, die über einen Zeitraum von 50 Jahren ihre Probanden beobachtete. Und besonders übel ist, dass du nicht einfach nur dir selbst schadest, sondern auch deinen Mitmenschen: Passivrauchen ist nach einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation für jährlich 600.000 Todesfälle verantwortlich.

Viele Menschen glauben, dass E-Zigaretten genauso schädlich sind. Das ergab unter anderem eine Umfrage, die der Verband für E-Zigarettenhandel in Auftrag gegeben hat. Dabei können E-Zigaretten in Sachen Schädlichkeit nicht mit der alten Fluppe mithalten. Der Grund liegt in ihrer völlig anderen Funktionsweise: Sie verbrennen nichts, sondern erhitzen eine Flüssigkeit bis sie verdampft. Inhaliert wird ein Aerosol, das je nach Sorte zu unterschiedlichen Anteilen aus Propylenglycol, Glycerin und Wasser besteht. In seiner Zusammensetzung ähnelt es künstlichem Nebel, der unter anderem auf Bühnen und in Clubs verwendet wird. E-Zigaretten enthalten also wesentlich weniger Schadstoffe als klassische Zigaretten. In einer Studie trug die britische Gesundheitsbehörde zusammen, welche gesundheitsschädlichen Stoffe der E-Zigarette im Vergleich zur herkömmlichen Zigarette fehlen, und kam auf dieser Basis zu der Einschätzung, dass Dampfen um etwa 95 Prozent weniger schädlich ist als Rauchen.

Mythos 2: E-Zigaretten sind unbedenklich

Ein Mann mit einer E-Zigarette.
Um E-Zigaretten ranken sich viele Mythen | Bild: Wikimedia Commons | TBEC Review | Lizenz: CC BY 2.0

Doch die Zahl 95 Prozent heißt noch nicht, dass E-Zigaretten gesund sind oder dass Dampfen völlig unbedenklich wäre. Dem Liquid sind Lebensmittelaromen beigefügt, die eigentlich mal dafür gedacht waren, gegessen oder getrunken zu werden. Welche Effekte diese Aromen langfristig haben, wenn du sie inhalierst, ist bisher kaum erforscht. Genau hier liegt ein Problem, das den wissenschaftlichen Vergleich von E-Zigaretten und traditionellen Kippen so schwer macht: Während es zu Zigaretten jahrelange Forschung, Meta-Studien und Experimente gibt, steht die Wissenschaft bei E-Zigaretten gerade erst am Anfang. Und um die gesundheitlichen Langzeitfolgen zu untersuchen, braucht es Jahrzehnte. So schreibt auch die britische Gesundheitsbehörde in der zuvor zitierten Studie, dass weiterer Forschungsbedarf besteht.

Es ist durchaus möglich, dass beispielsweise ein Sahnebonbon-Liquid ein gutes Stück schädlicher ist als das Mangoliquid – oder umgekehrt. Die Zahl der Liquid-Sorten ist so groß und die Angebote wechseln so schnell, dass hier auf Jahre hinaus nicht mit vernünftigen Studien und Zahlen zu rechnen ist. Auch wenn E-Zigaretten als vergleichsweise weniger schädlich gelten, gibt es erste Fälle von allergischen Reaktionen auf Aromen oder Propylenglycol. Das ist weniger harmlos als es klingt: Die Folgen für Allergiker können zum Beispiel chronische Lungenentzündungen sein.

Damit Dampfen einigermaßen unbedenklich ist, ist es wichtig, dass die Liquids und Verdampfer nicht verunreinigt sind. Aber genau solche Verunreinigungen konnten Forscher der Genfer Universität bei ungefähr der Hälfte der getesteten Liquids feststellen. Zum Beispiel giftige Alkaloide, die neben Nikotin in Tabakpflanzen vorkommen und offenbar bei der Produktion in kleinen Mengen ins Liquid geraten. Die Messwerte liegen höher als bei Tabakprodukten erlaubt, aber niedriger als die Grenzwerte, die als gesundheitsschädlich gelten.

Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum weist gegenüber Motherboard darauf hin, dass im Dampf von E-Zigaretten je nach Liquid und Bauart des Verdampfers diverse giftige oder krebserregende Stoffe nachgewiesen werden konnten, etwa Aldehyde und Metalle wie Chrom, Nickel und Blei. Zwar seien laut Schaller die Schadstoffmengen erheblich niedriger als bei herkömmlichen Zigaretten. Aber ihrer Auffassung nach gibt es noch nicht genügend Daten, um verlässlich zu sagen, wie viel weniger schädlich E-Zigaretten wirklich sind. Insbesondere Schwangere sollten nicht nur das Rauchen sondern auch das Dampfen sicherheitshalber bleiben lassen, wie Tierversuche nahelegen.

Mythos 3: Bereits wenige Milligramm Nikotin sind tödlich

Nikotin ist das Zeug, auf das du vermutlich scharf bist, wenn du rauchst oder dampfst. Im Gegensatz zu vielen anderen Stoffen in der klassischen Tabakzigarette ist Nikotin selbst nicht krebserregend. In niedrigen Dosen wirkt es anregend, in höheren Dosen entspannend. Lange Zeit ging man davon aus, dass bereits das Verschlucken von 60 Milligramm Nikotin tödlich sei. Der Pharmakologe Bernd Mayer von der Karl-Franzens-Universität in Graz forschte nach und fand heraus, dass diese Angaben auf einem sehr ungenauen Selbstversuch Mitte des 19. Jahrhunderts basieren und 1906 in einem Lehrbuch abgedruckt wurden. Offenbar haben Wissenschaftlicher und Mediziner mehr als hundert Jahre lang diese Zahl ohne weitere Forschung immer wieder voneinander abgeschrieben. Mayer selbst kalkuliert die tödliche Dosis vorsichtig auf 500 Milligramm.

Im Gespräch mit Motherboard sagte er, Nikotin mache sich lange vor einer gefährlichen Überdosis mit Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen bemerkbar. Außerdem sei es falsch, die Nikotinmenge aller konsumierten Zigaretten oder Liquids zusammenzurechnen, da Nikotin sehr schnell vom Körper verstoffwechselt und abgebaut wird. Aber auch wenn Nikotin längst nicht so giftig ist, wie bisher angenommen, hat es negative Auswirkungen auf den Körper. Beispielsweise hebt es den Blutdruck und steht nach Tierversuchen mit Ratten unter Verdacht, die Gehirnentwicklung bei Heranwachsenden zu stören.

Auch um das Suchtpotenzial von Nikotin ranken sich allerlei Mythen. So glauben viele, Nikotin mache ähnlich abhängig wie Heroin. Tatsächlich wird die Suchtwirkung von Tabakrauch zwischen der von Alkohol und Kokain eingestuft. Damit es so stark abhängig machen kann, muss das Nikotin allerdings mit anderen Stoffen des Tabakrauchs gemeinsam wirken. Tierversuche deuten darauf hin, dass pures Nikotin weniger stark abhängig macht. Für den Menschen lässt sich das derzeit aber noch nicht näher beziffern. Wahrscheinlich ist also das Suchtpotenzial von E-Zigaretten niedriger als von Tabakzigaretten – aber wie sehr, kann noch nicht gesagt werden.

Mythos 4: Passiv-Dampfen ist nicht ungesund

Tatsächlich enthält der Dampf aus E-Zigaretten wesentlich weniger Schadstoffe als Zigarettenrauch, besonders nachdem er ausgeatmet wurde. Der Nebenstrom einer vor sich hin glimmenden Tabakzigarette fällt bei E-Zigaretten vollständig weg. Wie sehr die Raumluft vom Dampf belastet wird, haben Forscher am Fraunhofer Wilhelm-Klauditz-Institut untersucht. Dazu haben sie eine Testperson gebeten, in einer Prüfkammer aus Stahl E-Zigaretten mit drei verschiedenen Liquids sowie eine normale Tabakzigarette zu rauchen.

Ergebnis: Die Raumluft wird vom Dampf wesentlich weniger belastet als von Tabakzigaretten, aber vorhanden ist der ausgeatmete Dampf natürlich trotzdem. Zwar konnten darin keine Aldehyde mehr nachgewiesen werden, sehr wohl allerdings der Propylenglycol-Nebel und sehr feine Partikel, deren Auswirkungen bisher nicht bekannt sind. Auch wenn Propylenglykol oder Aromen für die meisten Menschen unproblematisch sind, reagieren manche allergisch darauf. Schon deshalb ist es auch beim Dampfen grob unhöflich, andere Menschen mit Passivrauch einzunebeln, ohne vorher gefragt zu haben, ob es sie stört.


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Mythos 5: Tabakverdampfer sind genauso unschädlich wie E-Zigaretten

Dass allein in Deutschland etwa 3,7 Millionen Menschen ganz oder teilweise auf E-Zigaretten umgestiegen sind, hat die Tabakindustrie offenbar als Bedrohung aufgefasst. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sie ihrerseits entsprechende Produkte auf den Markt warf. Der Tabakkonzern Philip Morris vermarktet seinen Verdampfer "Iqos" als Ausstieg aus der Zigarette. Bei diesen Verdampfern handelt es sich aber nicht um herkömmliche E-Zigaretten. Statt Liquids erhitzen sie Tabak, allerdings ohne ihn zu verbrennen. So vermeiden sie ebenfalls die vielen schädlichen Verbrennungsprodukte, aber dennoch finden sich in ihrem Aerosol mehr und andere Stoffe als bei E-Zigaretten.

Eine vorläufige Einschätzung des Bundesinstitutes für Risikobewertung bestätigt, dass solche Tabakverdampfer etwa 90% weniger Schadstoffe produzieren als klassische Zigaretten. Die Experten gehen aber davon aus, dass Tabakverdampfer immer noch schädlicher als E-Zigaretten auf Liquid-Basis sind. Genaueres lässt sich derzeit nicht sagen: Tabakverdampfer sind schlicht zu neu, können aber nicht mit E-Zigaretten gleichgesetzt werden.

Mythos 6: E-Zigaretten sind eine Einstiegsdroge für Jugendliche

Forscher und Mediziner mögen sich mit den Befürwortern der E-Zigarette über die Details der Schädlichkeit streiten. Fast alle stimmen jedoch zu, dass es für Raucher sehr viel Sinn ergeben kann, auf E-Zigaretten umzusteigen, wenn sie es nicht schaffen, ganz mit dem Rauchen aufzuhören. Gesundheitspolitiker wie die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler befürchten jedoch, dass E-Zigaretten Jugendliche dazu verleiten könnten, überhaupt mit dem Dampfen anzufangen – und eventuell danach mit dem Rauchen. Dafür spräche auch die aggressive Vermarktung von Juul an Teenager in den USA.

Gemäß einiger Studien dampfen US-Teenies, weil es "cool aussieht". Selbst Philip Drögemüller, der als Sprecher des "Bündnis für tabakfreien Genuss" die Hersteller von E-Zigaretten und Liquids vertritt, sieht das kritisch. "Jugendliche oder Kinder sollten weder zur Tabakzigarette noch zur E-Zigarette greifen", antwortet er in einer E-Mail an Motherboard.

Ob Jugendliche wirklich durchs Dampfen an die Tabakzigarette kommen, konnte zumindest in einer Studie des Bundesministeriums für Gesundheit nicht bestätigt werden. Beginnen Jugendliche also zu dampfen und bleiben dann dabei? Auch dafür finden sich bisher kaum Belege. Griechische Forscher, die weltweit 19.000 Konsumenten von E-Zigaretten befragten, kamen zu dem Ergebnis, dass nur 0,5% von ihnen als Nichtraucher mit dem Dampfen angefangen hatten.

Die Frage ist, ob sich das durch Trends wie Juuling in Zukunft verändert. In der EU könnten Jugendschutzgesetze und die Begrenzung der Nikotin-Menge im Liquid eine solche Entwicklung verhindern. Den sogenannten Gateway-Effekt, wonach der Konsum von Drogen den Konsum anderer Drogen nach sich ziehen kann, gibt es aber wirklich. Das zeigt eine Studie der amerikanischen School Health Association, in der junge Erwachsene nach ihrem Drogenkonsum gefragt werden – einmal in der zwölften Klasse und ein weiteres mal vier Jahre später. Danach ist die wichtigste Einstiegsdroge immer noch Alkohol.

Mythos 7: E-Zigaretten explodieren leichter als andere Gadgets

Dass E-Zigaretten explodieren können, ist tatsächlich kein Mythos. Wer es spektakulär mag, findet auf Youtube mühelos entsprechende Videos. Was da explodiert, ist allerdings nicht die E-Zigarette sondern der Akku. Immer wieder gibt es dementsprechend auch Meldungen über andere explodierende Geräte wie etwa Smartphones. Ursache kann das Aufladen mit einem falschen Ladegerät sein oder ein Produktionsfehler im Akku.

Das hat aber nichts mit E-Zigaretten im Speziellen zu tun: Bei starker Belastung entwickeln einige Akkus Gase, die nicht entweichen können, bis der Akku schlicht explodiert. Das ist auch der Grund, warum die meisten Geräte mit Akku auf Flugreisen nur im Handgepäck mitgenommen werden dürfen, nicht jedoch im Frachtgepäck, wo Brände nicht ohne weiteres gelöscht werden können.

Leider gibt es keine verlässlichen Zahlen darüber, wie häufig (oder selten) das passiert. Aber es gibt erste Anzeichen, wann ein Akku defekt ist. Er wird beim Laden oder Nutzen ungewöhnlich heiß, entlädt sehr schnell oder lässt sich nicht mehr richtig aufladen. Wenn ein Akku sich aufbläht, sollte er schnellstens von Fachleuten entsorgt werden. Wer es vermeiden will, legt seine Geräte nicht in die pralle Sonne, benutzt nur passende Ladegeräte und kauft keine Billigakkus unbekannter Herkunft – egal, ob der Akku in die E-Zigarette, ins Smartphone oder in ein anderes Gerät kommt.

Fazit: Dampfen kann eine gute Idee sein – zumindest für Raucher

Explodierende Akkus sind mit Sicherheit das geringste Problem, wenn es um die Gesundheitsgefahren von E-Zigaretten geht. Vapen ist nicht gesund, aber nach Stand der Forschung weitaus weniger schädlich als das Rauchen von Tabakzigaretten. Ganz aufhören ist besser, aber wer das nicht schafft und als Raucher auf E-Zigaretten umsteigt, tut sich und seinen Mitmenschen damit einen großen Gefallen. Die langfristigen Gesundheitsrisiken kann derzeit niemand wirklich genau einschätzen. Fest steht: Wer weder raucht noch dampft, sollte deshalb gar nicht erst damit anfangen. Am gesündesten ist es immer noch, gar nicht zu rauchen.

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