Diese Doku zeigt, was die Löscharbeiter von Facebook ertragen müssen

Junge Menschen auf den Philippinen schauen die schlimmsten Gewalt-Videos, die man im Internet finden kann. Zwei Deutsche haben sie für den Film "The Cleaners" besucht – und erzählen Motherboard von ihren Begegnungen.

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Mai 16 2018, 10:35am

Eine Löscharbeiterin sichtet Inhalte | Bild: The Cleaners | Gebrüder Beetz Filmproduktion

Was wir auf Facebook lesen, ist gefiltert – und Filterblasen haben damit erstaunlich wenig zu tun. Wichtiger sind junge Menschen, die etwa auf den Philippinen zehn Stunden täglich damit verbringen, Facebook-Inhalte zu sichten und zu löschen. Sie sind "Content Moderatoren", kurz: Löscharbeiter, und ihr Job ist umstritten.

Denn die Regeln, nach denen sie Inhalte auf dem sozialen Netzwerk löschen, bestimmt der Konzern. Je wichtiger Facebook als Nachrichtenplattform wird, desto stärker prägen Löscharbeiter auch unsere Wahrnehmung der Welt. Etwa dann, wenn Falschmeldungen online bleiben dürfen, aber Bilder von Krieg und Grausamkeiten verschwinden, bevor Nutzer sie zu Gesicht bekommen.

Für den Film "The Cleaners" reisen die beiden Regisseure Moritz Riesewieck und Hans Block in die philippinische Hauptstadt Manila und sprechen dort mit zahlreichen Löscharbeitern aus einem der größten Löschzentren der Welt. "The Cleaners" kommt am 17. Mai in deutsche Kinos. Motherboard hat Moritz und Hans zum Interview getroffen.

Die Regisseure von "The Cleaners", Moritz Riesewieck (links) und Hans Block | Bild: Gebrüder Beetz Filmproduktion

Motherboard: Wer sind die Leute, die in Manila Facebook-Posts sichten und löschen?

Moritz: Es sind vor allem junge Uni-Absolventen und sie sind stolz, so einen Job zu machen. Manila ist ein dreckiger Ort. Viele dort leben vom Müllsammeln, sie trennen etwa Plastik von Papier. Löscharbeiter zu sein bedeutet da Prestige. Du sitzt in einem sauberen Büro, Klimaanlage, 24. Stock, Blick über die Stadt.

"Die grausamsten Sachen, die Menschen hochladen, landen bei den Löscharbeitern"

Hans: Was uns überrascht hat: Neunzig Prozent der Menschen auf den Philippinen sind Christen. Das ist ein Erbe der Kolonisation. Die Outsourcing-Firmen werben damit, dass die Angestellten deswegen unsere "westlichen" Werte besser nachvollziehen können. Die Kolonisation wird also erneut genutzt, um Leute auszubeuten.

Werden Facebooks Löscharbeiter denn wirklich ausgebeutet?

Moritz: Der Lohn von ein bis drei Dollar die Stunde ist im Vergleich mit anderen Drecksjobs nicht so schlecht. Damit kann man sogar den Teil der Familie, die auf dem Land lebt, finanzieren. Anders als bei den Müllsammlern, die von Ratten gebissen werden können, sind die Gefahren für Löscharbeiter längst nicht so einfach zu identifizieren.

Ihr meint vor allem: psychische Gefahren. In eurem Film müssen sich Löscharbeiter etwa ein Video anschauen, in dem ein Kind vergewaltigt wird. Ist sowas eine Ausnahme?

Moritz: Das ist die Regel.

"Es bedeutet Prestige, in so einer Firma zu arbeiten"

Hans: Die grausamsten Sachen, die Menschen hochladen, landen bei den Löscharbeitern. Es gibt zwei Wege, wie der Content zu den Content-Moderatoren gerät. Wenn wir als User auf eine Taste drücken und sagen "Das soll nicht online sein", dann wird das auf die Philippinen zur Prüfung geschickt. Und es gibt den Algorithmus. Erkennt er Blut im Bild oder nackte Haut, wird das automatisch zu denen geschickt und geprüft. Die Palette ist breit: Terrorismus, Kriegsvideos, Vergewaltigung – auch von Kindern. Die Löscharbeiter sehen das dort komprimiert in acht- bis zehnstündigen Schichten.

Wie gehen die Löscharbeiter damit um?

Moritz: Ganz unterschiedlich. Eine Löscharbeiterin sagte uns, sie würde sich nicht mehr in Menschenmassen trauen, weil sie sich den ganzen Tag Terrorattacken anschaut. Andere verlieren ihre Libido. Die Suizidrate ist riesig in dieser Industrie. Psychologen beschreiben das als eine Art posttraumatische Belastungsstörung. Wie bei Soldaten. Nur, dass die Öffentlichkeit das bei Soldaten besser mitbekommt. Wenn Soldaten aus dem Krieg kommen, dann ist es öffentlich anerkannt, dass sie psychische Probleme haben. Auf den Philippinen gibt es dafür kein Bewusstsein. Es bedeutet Prestige, in so einer Firma zu arbeiten, in einem Land, wo noch Menschen verhungern. Es ist eine krasse Überwindung dann zu sagen: Ich gebe den Job auf, der meine Familie ernährt, der sich abhebt von anderen Drecksjobs, nur weil der einen Schaden in mir anrichtet. Die Folgen davon zeigen sich oft erst viel später.

Im Film sagt ihr, diese Arbeit ist nicht nur schädlich für die Löscharbeiter, sondern auch für die Demokratie. Könnt ihr das erklären?

Hans: Eine Moderatorin sagte zu uns, auf unserer Plattform gibt es das Recht der freien Meinungsäußerung, selbst wenn du lügst. Aber wenn sich diese Lügen in kürzester Zeit millionenfach verbreiten können, dann birgt das eine Riesengefahr für die Demokratie, dann können politische Situationen kippen.


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Moritz: Wir haben es mit einer Outsourcing-Industrie zu tun. Und auch wir sourcen immer stärker unsere Verantwortung aus. Wir lehnen uns zurück und sagen: Die Firmen im Silicon Valley sollen was machen. Und die Firmen im Silicon Valley sagen: Machen wir nicht, das machen die Leute in Manila. Und zu wenige stellen sich noch hin und sagen: Ich will das selbst in die Hand nehmen, ich will Teil einer Bewegung sein, die das nicht von sich schiebt. Eine Bewegung, die sagt: Wir wollen Demokratie gestalten – und zwar für den digitalen Raum.

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