Schwindelerregende Zahlen und Dimensionen, die dir den Magen umdrehen: Jedes Mensch-Symbol steht für 1000 Tote. Bild: Neil Halloran/Vimeo

Diese erschütternde Animation zählt alle Toten des 2. Weltkriegs

Dass im 2. Weltkrieg mindestens 71 Millionen Menschen starben, ist noch immer eine unbegreifliche Zahl. Neil Halloran versucht die Dimensionen des Schreckens mit einer brillianten und nüchternen Datenvisualisierung darzustellen.

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Juni 9 2015, 10:20am

Schwindelerregende Zahlen und Dimensionen, die dir den Magen umdrehen: Jedes Mensch-Symbol steht für 1000 Tote. Bild: Neil Halloran/Vimeo

Schwindelerregende Zahlen und Dimensionen, die dir den Magen umdrehen: Jedes Mensch-Symbol steht für 1000 Tote. Bild: Neil Halloran/Vimeo

In keinem Krieg der Geschichte starben mehr Menschen als im 2. Weltkrieg. Wie oft haben wir das schon gehört, ohne eine menschliche Reaktion darauf zu zeigen? Das liegt nicht unbedingt daran, dass wir herzlose, abgestumpfte Monster sind, sondern, weil die schieren Dimensionen dieses Massenmordens so schwer zu begreifen sind. Hinter den nackten Zahlen stehen jedoch keine Maßeinheiten wie Meter oder Lichtjahre, sondern Menschenleben. Genau das will uns der Datenjournalist Neil Halloran mit einer brillanten und aufwändig recherchierten Arbeit zeigen.

The Fallen of World War II ist eine interaktive Datenvisualisierung, die die menschlichen Tribute des 2. Weltkriegs unter die Lupe nimmt und aufschlüsselt. Das Video kommt sogar zu einem Schluss, der unter anderen Umständen als Happy End durchgehen könnte: In der fünfzehnminütigen Animation wird am Ende auch der weltweite Rückgang an Kriegsgefallenen in den letzten Jahrzehnten vorgerechnet.

Keine Worte können die Realität des 2. Weltkriegs beschreiben, und auch nüchterne Zahlen versagen manchmal ihre Wirkung ob ihrer schieren Größe. Neil Halloran, der sich für das Video durch zum Teil höchst umstrittene Datenmassen wälzen musste, hat es trotzdem versucht.

Schaut man sich das Video an, denkt man beizeiten, der Browser sei hängengeblieben—so lange klettert die Säule der Gefallenen weiter und weiter nach oben. Ein kleines Männchen-Symbol steht dabei für 1000 Tote, sowohl zivil als auch militärisch. Kein Land hat in absoluten Zahlen mehr Tote zu beklagen als die Sowjetunion: zwischen zehn und 20 Millionen Menschen. Aber

Schaut man sich das Video an, denkt man beizeiten, der Browser sei hängengeblieben—so lange klettert die Säule der Gefallenen weiter und weiter nach oben. Ein kleines Männchen-Symbol steht dabei für 1000 Tote, sowohl zivil als auch militärisch. Kein Land hat in absoluten Zahlen mehr Tote zu beklagen als die Sowjetunion: zwischen zehn und 20 Millionen Menschen. Aber auch unfassbare 16 Prozent der polnischen Bevölkerung ließ in der Zeit von 1939 bis 1945 ihr Leben, wenn man Zivilisten und militärische Tote zusammenrechnet.

Ganz besonders ruft uns die Animation in Erinnerung, wie sehr Kriege auf dem Rücken der Bevölkerung ausgefochten werden: Der Autor zählt 41 Millionen Gefallene in Europa, darauf entfallen fast 22 Millionen auf Zivilisten. Sie wurden als menschliche Schutzschilder benutzt, ausgebombt, auf offener Straße erschossen, in Arbeits- und Konzentrationslagern vernichtet oder verhungern lassen.

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Besonders in Polen und Jugoslawien haben die Nazis die Zivilbevölkerung auf das Grausamste behandelt, doch nicht nur da mussten Zivilisten leiden: Als das russische Leningrad (heute St. Petersburg) eingenommen wurde, sollte die Stadt ausgehungert werden. 1,5 Millionen Menschen verreckten, als die Nazis die Stadt einkesselten und die Versorgungswege für unfassbare 900 Tage abschnitten. Auch Stalin erlaubte seinen eigenen Bürgern häufig nicht, Städte zu evakuieren, die kurz vor der Invasion durch feindliche Armeen standen und ließ eine Millionen Bürger der UdSSR in den staatseigenen Gulags sterben. Die US-amerikanischen Atombomben auf Nagasaki und Hiroshima sollten die unbewaffnete Bevölkerung ausrotten. Und auch auf deutscher Seite mussten nach Zusammenbruch des NS-Regimes zwischen 600 000 und drei Millionen Menschen aus den besetzten Gebieten vor der anrückenden Sowjetarmee fliehen und starben.

Weniger geläufig für uns, die sich in der Schule häufig auf die europäischen Kriegsschauplätze fokussiert haben, ist die asiatische Perspektive im Weltkrieg: China hatte beispielsweise die zweithöchsten menschliche Verluste aus dem 2. Weltkrieg zu verzeichnen (nach der Sowjetunion), auch, weil die Regierung bereitwillig ihre eigene Bevölkerung opferte. Die unglaublichen Dimensionen können einzelne Anekdoten veranschaulichen: Als chinesische Nationalisten einen Damm am Gelben Fluss öffneten, um die fortschreitende Invasion der japanischen Armee aufzuhalten, starben allein eine halbe Millionen Zivilisten in den Fluten— das sind dreimal so viele Tote wie bei dem verheerendem Tsunami in Südostasien 2004.

Anzahl der Gefallenen nach Konflikt. In keinem Krieg starben mehr Menschen als im 2. Weltkrieg. Bild: Neil Halloran/Vimeo

Am Ende fragt man sich, was trauriger macht: All die 71 Millionen abrupt und verfrüht beendeten Leben in anonymen Blöcken kleiner Toilettenmännchen zusammengepresst (in Reih und Glied aufgestapelt wie bei einem Soldatengrab)—oder die dummen, agitierten und kleingeistigen Kommentare auf Hallorans Seite fallen.io. So schreiben zum Beispiel Experten der Marke „St. Petersburger Trollfabrik", dass Stalin doch eigentlich ein umgänglicher Typ gewesen sei und ergehen sich in Haarspaltereien ob des genauen Wortlauts eines Zitats, wenn es doch um die Ermordung mehrerer Dutzend Millionen Menschen geht.

So stolz, wie dieserlei politische Diskussionen oft geführt werden, würde man denken, die Menschheit habe nichts über ihr Zusammenleben gelernt. Doch Hallorans Daten wissen auch etwas zu berichten, das ein positives Licht auf unsere Lernfähigkeit wirft:

Es gibt vielleicht nicht immer weniger Kriege, aber die menschlichen Tribute werden weniger. Bild: Neil Halloran/Vimeo

Denn die Gefallenen werden weniger. Es gibt einen deutlichen Abwärtstrend der Kriegstoten in Relation zu der Weltbevölkerung, die sich seit dem 2. Weltkrieg fast verdreifacht hat. 44 der reichsten Länder der Erde haben sich seit 1945 nicht bekämpft. Die europäischen Staaten stehen seit dem Zweiten Weltkrieg in einem relativen Frieden zueinander. Eine solche Aussage bleibt angesichts zunehmend asymmetrischer Konflikte natürlich häufig Interpretationssache—man erinnere sich nur an den Jugoslawienkonflikt.

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Selbstverständlich gibt es auch heute immer noch Kriege, die viel zu viele Menschenleben kosten: Es gibt noch Bürgerkriege mit und ohne Fremdintervention, Kriege reicher Länder gegen arme (USA vs. Afghanistan, Vietnam, Irak) und versteckte Kriege (aktuelles Beispiel: der Russland/Ukraine-Konflikt).

Trotzdem: Wir leben in einer Zeit des relativen Friedens, auch wenn das Wort so umstritten ist wie die Definition von Krieg. Und während uns Arbeiten wie Hallorans Datenvisualisation helfen, nie zu vergessen, was passiert ist, wird es ebenfalls Zeit, diese unsere Welt wertzuschätzen, schützend zu erhalten und noch besser zu machen.