German Angst: Bei einem Anti-Terror-Training für Zivilisten

Je diffuser die Bedrohungslage, deste größer die Sehnsucht nach Sicherheit.

|
09 Februar 2016, 12:00pm

Die Dokumentation ist Teil unseres Themenspecials State of Insecurity.

Spätestens seit den Anschlägen von Paris hat auch in Deutschland die Angst vor Terroranschlägen spürbar zugenommen. Während das Innenministerium mit neuen Spezialverbänden bei der Bundesbereitschaftspolizei reagiert, rüstet auch so mancher Bundesbürger auf: Der kleine Waffenschein erlebt eine Renaissance, die Waffengeschäfte kommen kaum mit dem Verkauf legaler Abwehrwaffen hinterher, Bürgerwehren gehen auf Streife und wer will, kann sich in Workshops beibringen lassen, wie sich vermeintlich jeder gegen Terroristen zur Wehr setzen kann.

Motherboard hat einen Anti-Terror-Workshop besucht, bei dem Zivilisten von privaten Sicherheitstrainern und Personenschützern lernen wollen, wie Spezialeinsatzkräfte einem Anschlag entfliehen oder ihm entgegenwirken würden. Oliver Keil und Markus Schütz, die sonst in ihrer Kampfkunstschule Selbstverteidigungskurse anbieten, versuchen bei dem zweitägigen Training eine Taktik zu vermitteln, die sie „Run, Hide, Fight" nennen. Für die Teilnahme an dem Training ist keinerlei militärische Ausbildung nötig—Kostenpunkt: 100 Euro pro Person. Oliver Keil kann dabei auf seine Expertise als privater Personenschützer und Kampfkunstlehrer, so wie seine Erfahrung als Konzern-Personenschützer zurückgreifen, während Markus Schütz sein Wissen als Militärpolizist in Afghanistan einbringen kann.

Die Workshopteilnehmer werden sowohl in Fluchttaktiken trainiert, üben aber auch anhand von Trainingswaffen, wie sie mit einem gefundenen Gewehr zur Not einen Terroristen ausschalten könnten—und zeigen abschließend in einer Art Escape-Game, wie sie vor einem Attentäter sicher aus einem Gebäude flüchten.

Oli und Markus, die den Workshop für Zivilisten anbieten, üben bei einem Training mit ehemaligen Spezialkräften, wie sich Einsatzkräfte in den neuen Bedingungen von Nah- und Straßenkampf verhalten. Alle Bilder: Motherboard.

Eine Auswahl der Trainingswaffen, die die Teilnehmer des Zivilisten-Workshops als Teil ihres Trainings nutzen.

Einige der Workshop-Teilnehmer sichern während des Fluchttrainings den Ausstieg aus einem Fenster.

Für unsere Dokumentation haben wir außerdem mit dem Terrorismusexperten Stephan Humer, ehemaligen Kommando-Ausbildern und der Berliner Polizei über Vertrauensverluste, Herausfordeungen beim Anti-Terror-Wissenstransfer und Angstbewältigung per Wochenendseminar gesprochen. Wie angreifbar macht sich eine Gesellschaft, wenn sie auf eine immer diffusere Bedrohungslage mit der Sehnsucht reagiert, die eigene Sicherheit selbst in die Hand zu nehmen?

Die Dokumentation ist Teil des Motherboard-Themenspecials „State of Insecurity", in dem wir uns ausführlicher mit der neuen in Deutschland grassierenden Unsicherheit beschäftigen, die Skepsis an staatlichen Institutionen beleuchten und uns die neue German Angst anschauen, die den Kampf gegen rationale Argumente zu gewinnen droht und die Politik vor sich hertreibt.

Weitere Reportagen und Artikel des Themenspecials „State of Insecurity" könnt ihr ab heute hier lesen.

Update: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, dass Schütz und Keil beide ausgebildete Polizisten seien; wir haben ihren tatsächlichen beruflichen Hintergrund inzwischen präzisiert und aktualisiert und bedauern die Ungenauigkeit.