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Warum du dich jetzt zur passenden Partei tindern solltest

Die neue App WahlSwiper verspricht dir, eine glückliche, vierjährige Beziehung zu finden.

Richard Diesing

Screenshots: WahlSwiper | Montage: Motherboard

Bei Tinder findet man für gewöhnlich eher einen One-Night-Stand als eine langfristige Beziehung. Mit der App WahlSwiper, die das Wisch-Prinzip von Tinder kopiert, entscheidet ihr euch im Zweifel für eine vierjährige Verbindung: Die Partei, der ihr bei der Bundestagswahl eure Stimme gebt. Okay, gewählt wird letztlich in der Wahlkabine; allerdings verspricht euch WahlSwiper eine Entscheidungshilfe, um die Partei zu finden, mit der ihr inhaltlich am meisten übereinstimmt.

Um meine ganz persönliche Tinderella unter den deutschen Parteien zu finden, lud ich mir die neue App also herunter.

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Ganz im Tinderstyle ging es sofort ans Eingemachte: Sollte Cannabis kontrolliert freigegeben werden? Soll eine Vollverschleierung in der Öffentlichkeit verboten werden? Soll ein bedingungsloses Grundeinkommen als Ersatz für andere Sozialleistungen eingeführt werden? Kontrovers diskutierte Fragen wie diese muss ich auf WahlSwiper mit einem klaren "Ja" oder "Nein" beantworten - anders als beim bekannten Wahl-O-Mat, wo man sich einem Thema gegenüber auch neutral verhalten kann.

Sollen Flüchtlingsboote zurück nach Afrika geschickt werden?

Um die Nutzer mit derart klaren Bekenntnissen zu polarisierenden Themen nicht zu überfordern, kann zu jeder der insgesamt 30 Fragen ein kurzes Erklärvideo abgespielt werden. Hier wird das Thema dann aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, so dass auch Fragestellungen deutlich werden, die mitunter etwas konfus formuliert sind: Sollen Boote mit Flüchtlingen aus Afrika zunächst zurück nach Afrika geschickt werden, bevor sie die Europäische Union erreichen?

Welche Idee dahinter steckt, wird mir erst klar, als ich das Video schaue: "Es wird der Vorschlag diskutiert, dass im Mittelmeer gerettete Flüchtlinge zunächst in ein sicheres afrikanische Land gebracht werden." Dort könnten sie dann in extra eingerichteten Lagern einen Asylantrag stellen und bei positivem Bescheid per Flugzeug nach Deutschland gebracht werden. Wie die Stimme eine jungen Frau im Video erklärt, erhoffen sich Befürworter des Vorschlags, dass so weniger Flüchtlinge die gefährliche Bootsreise in Kauf nehmen. Kritiker dagegen befürchten eine unmenschliche Behandlung der Asylsuchenden in den Lagern.

Falls die Antwort trotz eines Erklärvideos dann noch immer zu schwer fällt, kann eine Frage auch übersprungen werden – sie fließt dann dementsprechend nicht in die Auswertung ein, wenn es darum geht, die Partei zu finden, die am besten zu dir passt.

Enthalten gilt nicht: Wie Parteien zu einer "klaren Kante" animiert wurden

Hinter der App steht das Berliner Agentur-Startup Movact. Wie die Macher der App gegenüber Motherboard erklären, baten sie für WahlSwiper alle zur Bundestagswahl zugelassenen Parteien, die Fragen zu beantworten – entweder mit Ja oder mit Nein. Während die Nutzer Fragen überspringen können, hatten Parteien diese Möglichkeit nicht: "Damit wollen wir vor allem die Parteien zu einer klaren Kante animieren, die letztendlich auch den Wählern eine Entscheidung leichter macht", erklärt Max Mitschke, der App-Entwickler und Geschäftsführer der Agentur.



Insgesamt 23 Parteien haben die von Movact ausgewählten Fragen mit einem klaren Ja oder Nein beantwortet. Meist lieferten sie gleich auch eine Begründung für ihre Antwort mit. Diese Begründungen konnte ich mir, nachdem ich alle 30 Fragen beantwortet hatte, auch selbst in der App ansehen. So kann man sein Ergebnis auch gleich dahingehend überprüfen, ob man sich tatsächlich aus denselben inhaltlichen Überzeugungen genauso wie eine Partei entschieden hat.

Neben den großen Parteien wie CDU, SPD oder FDP sind auch Kleinstparteien wie BüSo oder DGP beim WahlSwiper vertreten. Und während man beim Wahl-o-Mat höchstens acht Parteien auswählen kann, mit denen das eigene Ergebnis abgeglichen wird, gibt es beim WahlSwiper keine Einschränkungen. Interessant, denn so kann ich zum ersten Mal erfahren, wo ich inhaltlich auch mit Kleinstparteien übereinstimme.

Nach rund 15 Minuten habe ich viele überraschend schwierige Entscheidungen rund um Asyl-, Umwelt-, Sozial- und Finanzpolitik getroffen, und sogar außenpolitische Fragen nach bestem Gewissen beantwortet.

So wurden die Themen für die Wahlentscheidungs-App ausgewählt

Aber nach welchen Kriterien wurden die Themen ausgewählt, frage ich mich. Was ist so relevant, dass mir aufgrund meiner Meinungen zu genau diesen Themen eine zu meinen Ansichten passende Partei geliefert wird, und was nicht? "Zum einen haben wir die sich überschneidenden Themen der Parteien ausgewählt", erklärt mir Matthias Bannert, Projekt-Manager von Movact.

Auch sei wichtig gewesen, dass die Themen in den Medien präsent und Fragen in der App enthalten seien, die die verschiedenen Themenbereiche wie Umwelt, Soziales oder Finanzen abbilden. "Außerdem haben wir darauf geachtet, dass wir auch Themen in die App mit aufnehmen, für die eine oder wenige Parteien besonders brennen", so Bannert.

Für die Auswahl der Themen, so erzählt Mitschke von Movact, durchforsteten Politikstudenten verschiedener deutscher Universitäten die Partei-Wahlprogramme und arbeiteten die 30 relevantesten Themen heraus. Abschließend überarbeitet wurden die Fragen dann von Politikwissenschaftlern des Geschwister-Scholl-Instituts der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Wenn ihr also noch nicht wisst, wen ihr am 24. September wählen wollt, oder eure aktuelle Entscheidung noch einmal überprüfen möchtet, könnt ihr den WahlSwiper hier für Android und IOS herunterladen.