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Krypto-Drama

95 Mio. Euro für die Tonne: Bitcoin-Besitzer will komplette Mülldeponie nach alter Festplatte umgraben

Als Bitcoin-Pionier machte er alles richtig, bis er eines Tages zu Hause ausmistete.

Johannes Hausen

Johannes Hausen

Symbolbild | Foto: Imago | Grafik: Shutterstock | Bearbeitung: Motherboard 

Es sind lediglich ein paar alphanumerische Zeichen, die James Howells von einem gewaltigen Vermögen trennen. Rund 95 Millionen Euro sind die 7.500 Bitcoin heute wert, die der Informatiker aus Wales vor acht Jahren am heimischen Rechner selbst gemint hatte. Doch an den privaten Schlüssel zu seinem Krypto-Schatz kommt Howells nicht mehr – denn der liegt auf einer Festplatte irgendwo auf einer Mülldeponie in der walisischen Stadt Newport City begraben.

Als wäre das nicht schon tragisch genug, muss Howells sich dazu auch noch mit der Stadtverwaltung herumschlagen. Die will ihm einfach nicht erlauben, auf der Deponie nach dem wohl wertvollsten Datenträger des Vereinigten Königreichs zu suchen. Dabei könnte auch die Stadt von der Bergung des verlorenen Bitcoin-Schatzes profitieren.

Als das Minen von Bitcoin noch lukrativ war

Als "Bitcoin-Pionier", wie sich Howells selbst auf Twitter bezeichnet, nutzte der 32-Jährige bereits 2009 seinen eigenen Laptop, um zuhause Bitcoin zu generieren. Die Zeiten, in denen ein handelsüblicher Prozessor ausreichte, um Bitcoin zu erzeugen, sind heute längst vorbei. Der immense Nutzerzulauf in die Mining-Netzwerke hat das Bitcoin-Schürfen mittlerweile so komplex und langwierig gemacht, dass die dabei entstehenden Stromkosten von einzelnen Nutzern kaum noch aufzubringen sind.

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Howells hatte also eigentlich alles richtig gemacht: Er fing früh an zu minen, und stieg auch früh wieder aus. Nach nur einer Woche habe sich seine Freundin beschwert, dass Howells Rechner zu laut sei und heiß laufe, wie der Informatiker dem Guardian erzählte. Howells zerlegte den Laptop schließlich in seine Einzelteile und verkaufte diese – bis auf die interne Festplatte, auf der sich der private Schlüssel zu seiner Bitcoin-Wallet befand. Diese verstaute Howells in einer Schublade seines Schreibtischs. Für den "Tag, an dem Bitcoin wertvoll sein würde", so Howells.

Alles richtig gemacht, doch alles für die Tonne

Doch dann unterlief dem Informatiker ein folgenschwerer Fehler: Als er vier Jahre später seinen Schreibtisch ausmistete, schmiss er auch die Festplatte in den Müll. Es dauerte bis zum aktuellen Bitcoin-Rekordhoch, dass Howells realisierte, was er da eigentlich zum Newport Household Waste Recycling Centre gefahren hatte. Dass er den Müll selber wegbrachte und nicht in die Tonne vor seinem Haus warf, um ihn abholen zu lassen, ist heute sein letzter Anhaltspunkt, um vielleicht doch noch an die Bitcoin-Millionen zu kommen: "Ich weiß, dass die Festplatte auf dieser bestimmten Deponie liegt, weil die Mülltüte dort hingebracht wurde. Sie landete im Hausmüll-Container. Als der Container voll war, wurde er auf der Mülldeponie vergraben", erzählt Howells Motherboard in einer E-Mail.

Auch wenn ihm bewusst sei, dass die Festplatte nach vier Jahren auf der Deponie mittlerweile beschädigt oder komplett korrodiert sein könnte – die durchschnittliche Lebenszeit einer kleinen Festplatte liegt bei rund sechs Jahren –, klammert er sich an die Hoffnung, dass zumindest das Innere noch intakt ist: "Es ist sehr schwierig, Daten von einem Laufwerk vollständig zu zerstören." Als Beispiel nennt er uns die Festplatten an Bord der Raumfähre Columbia. Diese war 2001 beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre explodiert, landete im Ozean und sank bis auf den Grund. "Trotzdem gelang es Datenexperten, 99 % der Daten an Bord wiederherstellen", schreibt uns ein optimistischer Howells.

Die Stadtverwaltung ziert sich – doch Howells hat einen Plan

Für den Bitcoin-Millionär in spe ist die Sache also klar: Es muss nach der Festplatte gegraben werden. Auf einer Fläche in der Größe eines Fußballfeldes einen wenigen Zentimeter großen Gegenstand aus 350.000 Tonnen Müll zu fischen, ist dabei aber nicht die größte Herausforderung, die Howells meistern muss. "Alles hängt davon ab, ob die Stadtverwaltung mir die Genehmigung erteilt, zu graben", erklärt er uns. Denn die Mülldeponie befindet sich in öffentlichem Besitz, und die Behörden machen bisher keine Anstalten, Howells auf das Gelände zu lassen.

Ein Sprecher der Stadtverwaltung erklärte dazu gegenüber Wales Online : "Die Ausgrabung hätte einen gewaltigen Effekt auf die Umwelt in der Gegend. Außerdem könnten die entsprechenden Kosten schnell in die Millionen-Höhe gehen – ohne eine Garantie, dass die Hardware gefunden wird oder noch funktioniert."

"Sie haben alle meine Versuche, die Situation zu diskutieren, abgeblockt"

Doch selbst für diesen Fall hat Howells bereits vorgesorgt: "Ich habe Investoren, die bereit sind, das Projekt zu finanzieren. Ich sichere [der Stadtverwaltung] vertraglich zu, dass ich das Gelände auf professionelle Art und Weise umgrabe, mit angemessenen Gerätschaften und unter Berücksichtigung der notwendigen Vorschriften."


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Doch während Howells schon mehrmals auf die Stadtverwaltung zuging, hat diese ihm immer wieder abgesagt. "Sie haben alle meine Versuche, die Situation zu diskutieren, abgeblockt", beschwert sich Howells. "Ich habe Ihnen schon 10 Prozent der Bitcoins angeboten". Bisher jedoch erfolglos.

Doch Howells, der überzeugt ist, dass die Kryptowährung auch weiterhin steigt, hat es auch gar nicht so eilig, sondern will einen langen Atem beweisen: "Ich habe jetzt einige Teile des Puzzles [um den verlorenen Bitcoinschlüssel] zusammengefügt, und hoffe, dass ich eine professionelle Präsentation zusammenstellen kann, um sie der Stadtverwaltung und den Umweltbehörden zu präsentieren."

Das letzte Wort ist also möglicherweise noch lange nicht gesprochen – und der Bitcoin-Kurs kann in der Zwischenzeit weiter steigen.