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#metoo

Wir haben mit Frauen über sexuelle Belästigung in der Hacker-Szene gesprochen

Die #MeToo-Debatte ist in der Hackerszene angekommen. Belästigungsvorwürfe kursieren immer wieder in der Community. Der Chaos Computer Club wird kritisiert und will das Thema jetzt aufarbeiten.

Theresa Locker

Theresa Locker

Carolin Sinders | Bild: Alannah Farrell | Mit freundlicher Genehmigung

Hack all the things – dieses Mantra hat die Forscherin Mahsa Alimardani verinnerlicht und gleich am ersten Tag des weltgrößten Hackertreffens ihren eigenen Vortrag gehackt. Aus Protest gegen den Umgang mit sexuellen Übergriffen.

Nach außen wirkt alles prima: ein "galaktischer Kongress, der alle Lebensformen toleriert" will das Jahrestreffen des CCC sein. Ein bunter Haufen voller Spezialinteressen, in dem sich jeder wohlfühlen kann und ungestört seinen Nerdismus ausleben kann. Credo: "Be excellent to each other."

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Doch das Thema #MeToo ist auch auf Europas größtem Hackerkongress mit großer Wucht angekommen: Unter den Organisatoren und 15.000 Besuchern gab es kurz vor dem Jahreswechsel heftige Debatten darüber, ob die Szene ein Problem mit Sexismus hat. Nicht alle, die den Kongress besuchen wollen, fühlen sich willkommen. Dazu kommt: Keiner der Talks beschäftigte sich explizit mit Sexismus, mindestens neun Vorträge zum Thema sollen abgelehnt worden sein.

Die Hacker-Szene hat immer wieder über sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt diskutiert. 2016 postete jemand anonyme Vergewaltigungsvorwürfe gegen Jacob Applebaum, einen der weltweit bekanntesten Hacker und Tor-Aktivisten. Er musste später von seinen Ämtern bei der Tor Foundation zurücktreten. 2017 wurde bekannt, dass der gefeierte Hacker Morgan Marquis-Boire in Chat-Logs zahlreiche sexuelle Übergriffe gestanden hat.

Auslöser des Streits beim Congress Ende 2017: Einem der eingeladenen Speaker wird im Internet vorgeworfen, im vergangenen Jahr an einer Gruppenvergewaltigung beteiligt gewesen zu sein. Der Vorfall wurde nicht angezeigt. Das ist nicht verwunderlich: Vergewaltigungsopfer scheuen oft den Schritt zu Polizei – und Hacker misstrauen staatlichen Institutionen. Die Tor-Programmiererin Isis Agora Lovecruft schrieb in einem viel geteilten Blogbeitrag, der Speaker habe den Vorfall eingeräumt und sich beim Opfer entschuldigt. Lovecrufts Blogpost endet mit dem Satz "Conclusion: CCC hates all women".

Weil der CCC ihn trotzdem einlud und sich nicht dazu äußerte, blieben einige Teilnehmerinnen dem Congress fern. Und da sein Klarname in ihrem Blogpost genannt wurde, trägt dieser Mann ab sofort einen Stempel: Sexualverbrecher, unverurteilt.

Die Speakerin Mahsa Alimardani kürzte ihren Talk zum Thema Online-Zensur im Iran deshalb ab, um gegen die Einladung zu protestieren. "Ich bin stolz, hier zu sein, aber ich kenne Leute, die nicht kommen, und bin enttäuscht, wie das gehandhabt wird", schloss sie unter Applaus – und forderte den CCC auf, Stellung zu beziehen und einen Code of Conduct einzurichten, eine Art Regelwerk für Teilnehmer: Wer sich nicht daran hält, fliegt.

Für diese Geschichte haben wir mit 18 Personen gesprochen, um herauszufinden, wo das Problem in der Szene liegt und was man tun könnte, um es zu lösen: Ältere und jüngere Frauen, Transsexuelle, queere Männer, Vortragende, Organisatoren, Hackerinnen, Congress-Veteraninnen und solche, die zum ersten Mal den Congress besuchen. Und mit denen, die sich gar nicht hintrauten. Sie alle haben gemeinsam, dass sie nicht zu der einen Gruppe gehören, die in der Hacker und Tech-Szene im Allgemeinen dominiert: weiße Hetero-Männer.

Eine Erkenntnis der Recherche: Es gibt ein Problem mit Belästigung und Sexismus, das sich online und offline im Kongress- und CCC-Umfeld abspielt und von dem wenige das Gefühl haben, dass es ausreichend adressiert wird. Und es gibt im CCC Organisationsstrukturen, die viele als intransparent ansehen.

Der Chaos Computer Club antwortete uns, man wolle die Sache intern aufarbeiten, sich aber nicht öffentlich zu den Vorwürfen äußern. "Wir befinden uns gerade in Diskussions- und Entscheidungsprozessen zu dem von Ihnen angesprochenen Themenfeld", schrieb CCC-Sprecherin Constanze Kurz auf Anfrage von Motherboard Anfang Januar. "Wir melden uns, wenn wir dazu Konkretes zu sagen haben."

Eine weitere Erkenntnis: Viele haben Angst, offen über das Thema zu sprechen. Leise getuschelt und laut getwittert wird viel, geredet eher wenig. Angst vor "Ausstoßung" oder Phrasen wie "man muss wahnsinnig aufpassen, was man sagt" fielen oft. Mehrere Quellen zogen nach dem Interview ihre Statements wieder zurück und begründeten das mit "Panik". Manche unserer Gesprächspartner waren nur bereit, mit Journalisten über das Thema zu sprechen, wenn ihre Aussagen nicht unter ihrem Namen veröffentlicht werden.

Jillian C. York, Leiterin der Meinungsfreiheits-Programme der Electronic Frontier Foundation: "Ein paar Eingeweihte entscheiden, was ok ist und was nicht"

Bild: Adam Berry | Mit freundlicher Genehmigung

Motherboard: Welche Erfahrungen hast du hier gemacht?

Das war mein vierter und bester Congress bislang. Ich war nach ein paar Vorfällen in der Vergangenheit zunächst ein bisschen nervös, aber hab' mich am Ende doch sehr sicher und willkommen gefühlt.

Ich stehe allerdings in der Öffentlichkeit und muss anerkennen, dass ich dadurch hier privilegiert bin. Ich denke schon, dass sich einige Leute entmutigt und abgeschreckt gefühlt haben, die sich gegen Missbrauch ausgesprochen haben. Nichtsdestotrotz finde ich, dass der Congress ein unglaubliches Event mit wahnsinnig tollen Teilnehmern ist. Ich möchte mich hier weiter beteiligen und daran arbeiten, dass er sicherer für alle wird und sich jeder hier willkommen fühlt. Dafür brauchen wir aber unbedingt einen Code of Conduct.

Wieso?

Meiner Meinung nach reicht das "be excellent to each other" nicht aus. Es ist die Tyrannei der Strukturlosigkeit: Ein paar Eingeweihte entscheiden, was ok ist und was nicht. So ein Code of Conduct kommuniziert an alle – und das sind schließlich mittlerweile fast 16.000 Menschen! – welche Art von Verhalten akzeptabel ist und welche Konsequenzen sie bei Fehlverhalten erwarten. Es ist einfach unvernünftig, von allen zu erwarten, dass sie verstehen, was "Exzellenz" bedeutet.

Yella*, Hackerin: "Man muss aufpassen, was man sagt"

Das Bild täuscht – bei der Diskussion um einen Code of Conduct waren am Ende rund 120 Menschen im Saal. Bild: Theresa Locker | Motherboard

Du warst schon öfter auf dem Congress. 2017 bist du aber nicht nach Leipzig gekommen. Warum?

Man muss wahnsinnig aufpassen, was man sagt, deswegen will ich auch meinen Namen hier nicht lesen. Einige, die früher Kritik geübt haben, mussten sich komplett zurückziehen, um den Anfeindungen zu entgehen. Deswegen bin ich dieses Jahr gar nicht erst gekommen.

Was müsste passieren, damit du wiederkommst?

Der Congress muss deutlich machen, dass Übergriffe nicht geduldet werden. Wiederholte klare Ansagen könnten das Vertrauen stärken, dass Opfer nicht alleine gelassen werden. Aber auch eine angemessene Arbeit mit den Tätern finde ich wichtig.

Ich glaube, viele haben einfach Angst, "diese Feminist*innen" würden ihnen etwas verbieten oder wegnehmen wollen. Dabei geht es um Dinge, die sie vermutlich selbst vertreten würden. Es sollte zum Beispiel klar sein, dass Menschen tabu sind, die offensichtlich nicht nüchtern sind. Es müssen effektive Strategien gefunden werden, mit übergriffigen Menschen umzugehen. Es wäre gut, da Menschen einzubeziehen, die in diesem Bereich Erfahrung haben.

Snieb, Student: Keine Sorgen wegen der Regenbogensocken

Bild: Theresa Locker | Motherboard

Du bist keine Frau, aber warst gerade bei der Diskussion über einen Code of Conduct und hast interessiert nach meinen Notizen gefragt – wie geht es dir hier auf dem Congress?

Der 34C3 war mein erster Congress, und ich persönlich habe mich sehr sicher und wohl gefühlt. Ich konnte am Rand von trubeligen Orten alleine ein Nickerchen machen; mit anderen freundliche Konversationen anfangen ... generell kann ich mich an kein Verhalten erinnern, das nicht "excellent" war.

Mir ist aufgefallen, dass ich keine Gedanken daran verschwendet habe, wie es auf Außenstehende wirkt, wenn ich mich an einen Freund kuschele oder sichtbar Regenbogen-Socken trage – das sind Sorgen, die mir sonst in der Öffentlichkeit als bisexueller, queerer und generell manchmal seltsamer Mann eher durch den Kopf schießen, auch wenn sie mich meistens von nichts abhalten.

Sowohl offene Homophobie als auch körperliche Gewalt vom Typ "Wie du bist, passt mir nicht, deshalb kriegst du jetzt aufs Maul" fühlen sich hier unvorstellbar an. Beides scheint nicht mit Hackern, Nerds oder Linken zusammenzupassen; weder von meinen Erfahrungen, dem Selbstverständnis oder Klischees her. Ich fand es auch beruhigend und schön, viele andere offen queere Menschen zu sehen.

Wenn du entscheiden könntest, wie sähe der ideale Code of Conduct aus?

Null Toleranz gegenüber gewalttätigen Menschen. Bei einer Größe von Tausenden von Leuten sind formal festgehaltene, transparente Mechanismen nötig, damit ich die Sicherheit habe, dass das ernst genommen wird, wenn ich mich wegen einem Problem mit Belästigung oder Gewalt an Helfer wende, und nicht irgendwie informell-schaun-wir-mal behandelt.

Im Zweifelsfall kann auch gegen die beschuldigte Person entschieden werden; der Congress ist ja nicht der Staat. Hier geht es nicht um Gefängnis. Momentan benachteiligten Gruppen diese kleine formale Macht zu geben, die auch missbraucht werden könnte, ist meiner Meinung nach derzeit die bessere Alternative, als dass viele Menschen sich nicht trauen, zu kommen.

Und das alles sage ich, obwohl ich Probleme mit linken und feministischen politischen Echo-Kammern sehe und gerne mehr ideologische Offenheit zwecks Wahrheitsfindung hätte.

Arikia Millikan, Journalistin und Gründerin des Tech-Magazins LadyBits: "Pussy-Belohnung für genügend Bitcoin"

Bild: Gabrielle Motola | Mit freundlicher Genehmigung

Was ist deiner Meinung nach das Problem auf dem Congress?

Das Problem ist diese Rockstar-Mentalität – manche Männer glauben, sie müssten nur genug Ruhm oder Bitcoin anhäufen und würden sich damit automatisch für eine Art Pussy-Belohnung qualifizieren. Jetzt melden sich immer mehr Frauen lautstark zu Wort und sagen: Sorry, so läuft das nicht. Wir kommen nicht zum CCC als Objekte oder feuchter Traum irgendwelcher Narzissten – wir sind Menschen, wir haben genauso viel beizutragen wie die Typen hier und sind ebenso Teil dieser Gemeinschaft.

Die Organisatoren scheinen gedacht zu haben, dass man ein Problem wegzaubern kann, indem man es einfach nicht anerkennt. Nun, es gibt aber ein Problem, und es wird nicht verschwinden, bis Männer einen Schritt zurücktreten und denen zuhören, die nicht hierherkommen wollen, wenn sich niemand um ihre Sicherheit schert. Wenn das klappt, wäre es toll, Frauen einzuladen, denen die Community immer noch am Herzen liegt (so wie mir), und sie in den Führungsprozess einzubinden.

Es sollte niemals nur Männern die Entscheidung überlassen werden, was am besten für alle ist. Niemand sollte aus Sorge um Missbrauch gezwungen sein, eine Gemeinschaft zu verlassen. Dafür wäre der Code of Conduct ein Anfang, zumindest theoretisch. Dass man einen Code ablehnt, klingt, als ob die Orga sagt, "Ach nee, wir machen einfach weiter wie bisher, weil es uns egal ist, dass Frauen leiden", und das ist doch scheiße.

Arikias Statement findet sich im englischen Original inzwischen auch auf ihrer Website.

Silke Holtmann, Hackerin und Sicherheitsforscherin: Kampfsport hilft

Bild: Max Hoppenstedt / Motherboard

Spielt Harassment in der Tech-Szene eine große Rolle?

Ich arbeite seit 17 Jahren in der Tech-Branche – klar bin ich schon belästigt worden im Beruf. Aber ich kann mich gut zur Wehr setzen, bin sehr sportlich und nicht der ängstliche Typ. Das hilft enorm: selbstbewusst auftreten. Frauen sind manchmal auch einfach zu schüchtern, finde ich. Man muss klarstellen: Hier bin ich, das gehört mir. Ich fürchte, das ist leider etwas, das man lernen muss, wenn man in einer männerdominierten Domäne arbeitet.

Wie waren deine Erfahrungen hier auf dem 34c3?

Hier auf dem Congress hatte ich keine Probleme. Aber ich habe drauf bestanden, dass mein Doktortitel in der Ankündigung meines Vortrags erwähnt wird, weil ich meine technische Qualifikation immer wieder beweisen muss. Da hat sich nicht viel geändert in den letzten Jahren. Wenn mich jemand anruft, gehen viele Männer, aber auch manche Frauen erstmal davon aus, dass ich die Sekretärin von Dr. Holtmann bin.

An der Uni hab ich früher Tutorenkurse in Informatik gegeben, und auf dem Kursplan standen nur die Nachnamen. Im Übungsraum waren nur Jungs. Einer von ihnen sagte zu mir, als ich reinkam: "Die Grundschullehrerinnen sind nebenan, du bist hier falsch." Ich meinte: "Ich bin hier genau richtig, ich bin nämlich Ihr Tutor." Er hat hörbar geschluckt. Danach hatte ich null Probleme mehr mit der Gruppe.

Manchmal ist die Diskriminierung auch 'gut gemeint': Als ich nach der Geburt meines Kindes in den Job zurückkam, habe ich plötzlich keine größeren Projekte mehr bekommen und meinen Chef gefragt, was da los ist. "Ja, du hast doch jetzt ne Tochter und so ...", – "Hör mal", sagte ich, "der Kollege, dem du das gegeben hast, der hat vier Kinder. Ich bin genauso Mutter wie er Vater, wo ist da die Logik? Ich will die interessanten Sachen machen!"

Ob ein Code of Conduct wirklich hilft, weiß ich nicht. Wenn jemand ein nicht so netter Charakter ist, hilft ein Code nur, wenn es dann auch Konsequenzen gibt.

Caroline Sinders, Machine-Learning-Expertin bei Wikimedia: Nicht nur ein amerikanisches Problem

Bild: Alannah Farrell | Mit freundlicher Genehmigung

Es wurde auf dem Congress viel über Sexismus und Belästigung diskutiert. Kannst du dich an einen konkreten Vorfall bei diesem Congress erinnern?

Ja. An Versuche, Leute zum Schweigen zu bringen – sowas passiert tatsächlich. Ein gutes Beispiel ist Mahsa Alimadari. Sie ist eine iranische Forscherin, die am Ende ihres Vortrags den CCC aufgefordert hat, sich nächstes Mal in Sachen Anti-Harassment mehr anzustrengen. Hier, unter ihren Vortrag im Online-Programm hat direkt jemand geschrieben, jemand wie sie sollte nie mehr kommen dürfen.

Und wie sicher fühlst du dich hier?

Ich fühle mich ziemlich wohl hier, aber das geht längst nicht jedem so. Als über mögliche Gewalttäter unter den Gästen diskutiert wurde, war die allgemeine Reaktion tatsächlich eher: "Vielleicht sollten einfach weniger Leute von 'draußen' hier aufkreuzen!" Und ich hab nicht nur einmal zu hören bekommen, dass die amerikanischen Besucher das eigentliche Problem seien.

Hacker glauben, dass es das Problem hier eigentlich nicht gibt, sondern mit den Besuchern aus den USA importiert wurde?

Das musste ich mir öfter anhören, ja. Aber wer hat schon Lust auf eine Konferenz, wo Harassment und Missbrauchsvorwürfe nicht ernst genommen werden. Und dann auch noch gesagt zu bekommen, der CCC sei eine deutsche Konferenz und andere Kulturen müssten da einfach mit klarkommen. So etwas hab ich echt noch nie erlebt – nicht als Speakerin in Großbritannien, Finnland, Schweden, auch nicht bei anderen deutschen Konferenzen. Noch nie!

Tabea, Programmiererin, Heart of Code: "Totschweigen ist der falsche Weg"

Bild: Theresa Locker | Motherboard

Wie fühlst du dich hier?

Das ist mein erster Chaos Communication Congress und ich bin auch noch nicht ewig in der Szene aktiv. Dass es im größeren Maße Sexismus-Probleme und Harassment gab, habe ich erst in den letzten Wochen mitbekommen. Das war vorher nie Thema. Zwei Wochen vor dem Congress habe ich die erste Tweet-Kette gesehen, wo die Organisatoren beschuldigt wurden, weil sie jemanden eingeladen hatten, gegen den Vorwürfe sexuellen Missbrauchs erhoben wurden.

Ich habe mir dann wirklich Sorgen um die Dynamik vor Ort gemacht. Hier sind ja extrem viele Männer und sehr wenige Frauen. Aber: Ich habe hier bisher keine negativen Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil: Ich bin in mindestens drei Leute reingerannt und die haben sich dann bei mir entschuldigt. Viele Menschen fühlen sich hier auch wohler als in ihrem normalen Kontext.

Was hättest du dir vom Congress gewünscht?

Es gab kein Statement zu diesen Vorwürfen vom Organisationsteam, das sehe ich kritisch. Ich verstehe, dass sie eine Plattform bieten wollen, die nicht so stark reglementiert sein soll, aber auch so eine Entscheidung kann man begründen und in einem Blogpost transparent darstellen. Zumindest das hätte ich wichtig gefunden.

Man hätte der betroffenen Person außerdem Unterstützung und Schutz anbieten sollen. Klar ist es nicht so leicht: Wo setzt man bei 15.000 Leuten den Maßstab an, was nicht ok ist? Vor allem, weil vieles auf Partys passiert und nicht auf dem Congress-Gelände. Aber sexuelle Übergriffe totzuschweigen, ist der falsche Weg.

Was Mahsa Alimardani gemacht hat, finde ich deshalb mega wichtig. Vielen Leuten hier ist die Problematik ja gar nicht bewusst. Die freuen sich über die Technik hier und sind in ihrer eigenen kleinen Blase. Aber Fakt ist, dass wir das Credo "be excellent" auf der einen Seite haben und auf der anderen Seite Leute, die sich hier nicht wohlfühlen.

Daniela*, 26, Programmiererin: "Es mischen hier auch Trolle mit, die sich auf jede Schwäche stürzen"

Bild: Theresa Locker | Motherboard

Was hindert die Community am Vorankommen?

Die Organisationsstruktur ist intransparent und Menschen sitzen in informellen Machtpositionen. Klar, Harassment findet niemand gut, aber: Im Club und dessen Umfeld gibt es einen Bruch zwischen jenen, denen es nur um "Spaß am Gerät" – also politikfreies Freizeithacken – geht und jenen, die eine politische Haltung einnehmen. Dieser Konflikt wird seit Jahren überspielt und nicht ausgetragen, um zu verhindern, dass die Community zerbricht. Und am Ende spinnt man aus dem kollektiven Wegsehen einen flauschigen Erfolg.

Was ist das besondere am Congress und warum bist du hier?

Für viele ist der Congress eine Mischung aus Festival und Klassenfahrt. Wie sicher ich mich selbst fühle, ist schwer zu sagen. Einerseits habe ich gute Freundinnen im Chaos-Umfeld. Ich finde es hier einfacher, mit Menschen ins Gespräch zu kommen als in anderen Kontexten.

Andererseits habe ich auch schon Sachen erlebt und mitbekommen, die ich ziemlich heftig finde. Es mischen hier auch Trolle mit, die sich auf jede Schwäche stürzen. Es ist fast unmöglich herauszufinden, wer hinter solchen Nachrichten steckt. Ich würde sagen, ich bin vorsichtiger geworden mit der Zeit. Und ich habe das Gefühl, dass viele bei Konflikten lieber wegsehen, als Position zu beziehen.

Katharina Mayer, Moderatorin und Wissenschaftlerin: "Hashtag-Aktivismus kann keine Lösung sein"

Bild: Katharina Mayer | Mit freundlicher Genehmigung

Denkst du, dass Harassment unter Hackern eher ein Problem ist als woanders?

Dass Hacker größere Probleme haben, Grenzübertretungen zu erkennen, glaube ich nicht. Ich denke eher, wir sehen hier Wachstums- und Professionalisierungschmerzen wie in anderen Medien- und Filmbereichen.

Du hast ja sicher die wütende Twitter-Debatte im Vorfeld mitbekommen. Willst du sie kommentieren?

Als Frau, vor allem als eine, die auch Output produziert, bin ich natürlich ungeduldig, manchmal auch wütend und würde mir wünschen, wir wären schon weiter. Deswegen aber in Versalien zu brüllen, der CCC "hasse Frauen", stellt das Problem falsch dar, finde ich. So etwas ist nicht zielführend und außerdem eine berechnende taktische Mediennutzung. Selbst wenn irgendwo auf dem Gelände ein "Make Penis great again" Sticker klebte.

Ich fühlte mich durch den Blogpost "Der CCC hasst Frauen", seinen Schlussfolgerungen und Einschätzungen der Lage als Besucherin des 34C3 jedenfalls nicht repräsentiert. Neue Blickwinkel hat die Debatte dadurch auch nicht bekommen.

"Hashtag-Aktivismus" macht zwar aufmerksam – und das ist ein erster Schritt, aber: Es wird dadurch im realen Leben schwerer, sich an einen Tisch zu setzen und wirklichen sozialen Ausgleich zu erreichen.

Was ist denn nun dran an den Vorwürfen?

Mir ist leider bis zum Ende des 34C3 nicht gelungen, das herauszufinden, um mir ein finales Urteil zu bilden. Ich weiß nicht, welcher der vielen Clubsprecher das gegebenenfalls beantworten könnte und warum entschieden wurde, dazu keine weiteren Angaben zu machen.

Du hast selbst schon riesige Konferenzen wie die re:publica mitorganisiert. Wie sind deine Erfahrungen mit solchen heiklen Themen?

Aus der Organisationsrolle heraus kann ich sagen: Selbst wenn man sich äußert und die Abläufe transparent macht: Man wird im Zweifel nicht gehört. Während man auf den Bühnen und im Bühnenvorraum hätte offen debattieren können, schwappte über Twitter eine "Geiferwelle" nach der nächsten.

Generell finde ich es sinnvoll, wenn es den Ansatz der Konflikttransformation gibt – erst recht in einer Community, die dezidiert den Anspruch hat, gesellschaftlich wirksam werden zu wollen – und also in gewisser Weise Vorbild- und Utopiecharakter hat.

Lilith Wittmann, 22, IT-Beraterin: "Ich bin jetzt ein bisschen radikaler drauf"

Bild: Lilith Wittmann | Mit freundlicher Genehmigung

Wie gefällt es dir hier?

Ich bin zum sechsten Mal hier und im CCC-Umfeld groß geworden. Mir hat die Idee sehr gefallen, dass es nicht darum geht, wer du bist, sondern alle cool miteinander umgehen. Als ich noch jünger und neu hier war, waren auf dem Congress auch immer Erwachsene, die uns ein bisschen beschützt haben.

Aber vor einigen Jahren ist mir dann aufgefallen: Das funktioniert nicht und es gibt hier die ganze Scheiße, die es auch in der Gesellschaft gibt. Ich habe sehr uncoole Sachen aus CCC-Lokalgruppen mitbekommen. Die haben die Verantwortlichen totgeschwiegen oder jede Aufarbeitung mit "keine Beweise" oder "da können wir nix tun" abgewiegelt.

Letztes Jahr war ich beim Awareness-Team, um das mal aus erster Hand mitzubekommen. Aber viele trauen sich gar nicht erst, das Team zu rufen. Daran muss man arbeiten.

Als am ersten Abend die nach einem CCC-Mitgründer benannte Wau Holland Stiftung eine selbstorganisierte Veranstaltung mit dem Titel "Conduct Free Zone" und dem Untertitel "Enter at your own risk" auf die Beine stellte, hast du kurzerhand den Stand der Stiftung besetzt. Warum?

Ich bin in einer Gruppe namens Geheimorganisation, das sind 40, 50 queere Nerds. Wir sind alle ziemlich jung und kennen uns schon lange. Irgendwann haben wir angefangen, unsere eigenen Aktionsformen auf dem Congress zu finden.

Im Vorfeld dieses Congresses hat die Wau Holland Stiftung provoziert und sich im Congress-Wiki zu einer Code-Of-Conduct-freien Zone erklärt.

Ich dachte: Ok, provozieren wir halt zurück und besetzen ihren Stand. Möglicherweise ist dabei auch das ein oder andere Pro-Assange-Plakat verloren gegangen. Die Security wollte uns gleich rauswerfen, dann kam das Awareness-Team dazu und hat vermittelt.

Wie hat die Wau Holland Stiftung reagiert, als ihr da plötzlich saßt?

Erst sehr aggressiv, das hat sich dann aber entspannt. Später haben wir zwei Stunden mit den Leuten vom Stand geredet und festgestellt: Sie wissen überhaupt nicht, was ein Code of Conduct ist.

Aber sie waren trotzdem dagegen?

Sie hätten auf irgendeiner US-Mailingliste was gelesen über Code of Conducts und schwarze Listen und dachten, sowas sei ganz schlimm und würde den Congress durch lauter Regeln ruinieren. In den Kreisen, in denen ich mich bewege, sind Code of Conducts total selbstverständlich und funktionieren. Außerdem: Natürlich gibt es hier jetzt schon wahnsinnig viele strenge Regeln – versuch mal, hier ein Foto zu machen. Über diese Vorschriften regt sich doch auch niemand auf.

Wir haben dann betreutes Code-Lesen gemacht. Das bei der Stiftung sind ja schließlich alles ältere Männer, die sehen die Probleme nicht, weil es sie nicht betrifft. Die denken halt, dass Belästigung kein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Ich habe das schon tausendmal durchdiskutiert mit irgendwelchen Typen. Deswegen dachte ich mir, ich besetze den Stand erstmal direkt, statt mit denen zu reden. Ich bin jetzt ein bisschen radikaler drauf.

Aber sie haben am Ende echt Verständnis gezeigt. Und darüber freue ich mich.

Ihr habt ja auch ein gemeinsames Statement herausgegeben.

Ja, und zur Besetzung meinten sie später: "Hätten wir früher genauso gemacht."

Sie haben uns am Ende sogar ihre Stiftungsräume zur Zusammenarbeit angeboten. Von ihnen kam auch die Initiative, das Thema am letzten Tag des Congresses auf der Bühne zu diskutieren. Das ist doch toll. Bisher sind solche Diskussionen nur in unseren Filterblasen abgelaufen.

Glaubst du, der Congress wird 2018 einen Code of Conduct haben?

Ganz so zuversichtlich bin ich nicht. Aber ich hoffe, dass wir bis dahin mit vielen im CCC geredet haben und das angestoßen bekommen. Die Besucherzahl des Congress hat sich schließlich in den letzten paar Jahren verfünffacht.

Wir sind nicht mehr ein kleiner Haufen Hacker, der vor dem bösen 'Außerhalb' Angst hat. Mittlerweile ist der CCC in der Mitte der Gesellschaft angekommen – ich meine, wir beraten Leute im Bundestag!