Warum eine 14-Jährige von ihrer Präsidentin verlangt, endlich sterben zu dürfen

Nach der Facebook-Todesbitte von Valentina Maureira treiben chilenische Teeanager jetzt die Sterbehilfe-Debatte in ihrem konservativen Land voran.

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05 März 2015, 1:00pm

Foto: Johannes Hausen

Update, 15.5.15: Rund drei Monate nachdem Valentina die chilenische Präsidentin per YouTube-Video darum gebeten hatte, sterben zu dürfen, ist sie gestern in der Klinik der Universität Católica ihrer Krankheit erlegen. Noch am Vorabend ihres Todes hatte Präsidentin Bachelet die 14-Jährige im Krankenhaus besucht.

Es ist ruhig auf den Straßen rund um die Universität Católica im Herzen von Santiago de Chile. Da das neue Semester noch nicht begonnen hat, ist von den Menschenmassen, die sich sonst zwischen den zahlreichen Straßenhändlern zum zentralen Campus der Hochschule drängen, nicht viel zu sehen.

Wenige Tage zuvor sah diese Szenerie noch ganz anders aus: Fernseh-Teams bevölkerten die Straßen vor der Universitätsklinik und das ganze Land stellte sich vor allem eine Frage: Wie geht es Vale?

„Gott hat eine Lunge, eine Leber und eine Bauchspeicheldrüse für dich. Du musst ihn einfach darum bitten."

Die 14jährige, todkranke Patientin des Hospitals hatte am Abend des 22. Februars von ihrem Krankenbett aus eine kurze, aber gravierende Videobotschaft auf ihrem Facebook-Profil veröffentlicht:

„Ich bin Valentina Maureira, 14 Jahre alt, und leide an Mukoviszidose. Ich bitte dringend darum, mit der Präsidentin sprechen zu dürfen, denn ich bin es müde, weiter mit dieser Krankheit zu leben. Sie kann mir die Injektion genehmigen, die mich für immer schlafen lässt. Mein großer Bruder Michael ist bereits an derselben Krankheit gestorben."

Die Unterstützung, die Valentina von Gleichaltrigen bekam, war enorm: Das Video wurde bis heute über 3.500 Mal geteilt.

Schließlich gründeten chilenischen Teenager eine eigene Facebook-Gruppe, die mit über 14.000 Mitgliedern innerhalb weniger Tage eine kontroverse Debatte um Sterbehilfe angestossen hat.

Teenager stoßen kulturelle Debatte an

Neben der überwältigenden emotionalen Unterstützung und zahlreichen Initiativen zur Spendensammlung haben die Jugendlichen aber vor allem eins geschafft: Sie haben gleich mehrere politische und kulturelle Debatten in die noch immer von katholischem Konservatismus geprägte Öffentlichkeit des Landes zurückgeholt.

Eine Öffentlichkeit, in der die sichtlich von ihrer Krankheit gezeichnete und gerade einmal 32 Kilogramm wiegende Valentina mit unschönen Antworten auf ihre Bitte um Sterbehilfe leben muss: „Gott hat eine Lunge, eine Leber und eine Bauchspeicheldrüse für dich. Du musst ihn einfach darum bitten."

Die Teenager haben nicht nur potentielle, internationale Organspender für Vale erreicht, sondern vor allem eindrucksvoll bewiesen, dass eine politische Diskussion um medizinische Sterbehilfe auch von jungen Menschen entscheidend geprägt werden kann.

In Chile werden aktuell selbst die zaghaften Reformversuche, mit denen Präsidentin Michelle Bachelet die konservative Grundstimmung des Landes verändern will, blockiert. So reagieren große Teile der Öffentlichkeit auf Bachelets Vorschlag eines der striktesten Anti-Abtreibungsgesetze der Welt zu reformieren, vor allem agressiv und mit entschiedener Zurückweisung.

„Es ist deine Entscheidung."

Vor allem Gleichaltrige sprachen sich auf Facebook dagegen für eine Unterstützung Valentinas aus und forderten, das Gebot, Leben um jeden Preis zu erhalten, nicht mehr uneingeschränkt zu akzeptieren.

So schreiben Unterstützer von Vale auf Facebook:

„Leute, man spricht von Leben, wenn man sein Leben lebt, aber nicht, wenn man die ganze Zeit im Krankenhaus verbringt und leidet. Sie möchte sich einfach von ihrem Leiden befreien und frei fühlen."

Vale du verdienst es nicht, mit dieser Krankheit zu leben. Niemand verdient es. Du kannst nicht mit Freunden ausgehen, tolle Erfahrungen sammeln und die Jugend so genießen, wie es sein sollte. […] Ich bin sehr gläubig und bete jede Tag für dich, aber niemand kann dir vorzuschreiben, was du zu tun hast. Lass dich nicht dazu zwingen, ein Leben zu leben, das du nicht leben willst. Es ist deine Entscheidung."

Foto: Johannes Hausen


Im Turbokapitalismus breitet Jesus seine Arme nicht für jeden aus

Sinnbildlich für den in Chile dominierenden Katholizismus thront ein die Arme ausbreitender Jesus auf dem Hauptgebäude der Universität Católica. Doch das Bildungsinstitut ist nicht nur durch seine katholische Prägung ein Spiegel der chilenischen Gesellschaft.

Der Hilferufe ist auch eine Anklage gegen ein Gesundheitssystem, in dem Therapieerfolge vom Geldbeutel abhängen.

An der Hochschule im Herzen Santiagos wird deutlich, dass Jesus im Turbokapitalismus eben nicht für jeden seine Arme ausbreitet. Die Studenten der medizinischen Fakultät, deren Krankenhaus sich dieser Tage der Gesundheit von Valentina annimmt, zahlen monatlich rund 500 Euro für ihr Studium. Mehr als dreimal so viel muss Valentinas Vater für jeden Tag berappen, den seine Tochter auf der Intensivstation der Católica verbringt.

Dass Valentina überhaupt hier gelandet ist, schuldet sie nicht nur ihrer Krankheit, sondern auch dem Umstand, dass ihrer Familie eigentlich das Geld für eine angemessene Behandlung der Mukoviszidose fehlt. Vier Monate im staatlichen Krankenhaus Calvano Mackena konnten Valentina nicht helfen und so entschied Freddy Maureria sich doch noch dazu, seine Tochter in der privaten Klinik der Católica unterzubringen. Bereits Mitte Februar war er mit umgerechnet 20.000 Euro verschuldet.

Foto: Valentina Maureira

Valentinas Hilferuf ist also nicht nur der Hilferuf eines todkranken Teenagers, der für sich in Anspruch nimmt, in Würde sterben zu dürfen, sondern auch die Anklage eines Gesundheitssystems, in der der Behandlungserfolg einer Krankheit von der Zahlungsfähigkeit des Patienten abhängig ist.

Präsidentin Bachelet besucht Valentina im Krankenhaus

Das Aufbegehren der jungen Patientin und ihrer Altergenossen schlug schließlich derart große Wellen, dass die chilenische Präsidentin Valentina am vergangenen Samstag in der Klinik besuchte. Viel von dem, was bei dem 70-minütigen, unter Ausschluss der Presse stattgefundenen Treffen besprochen wurde, ist auch Tage später nicht an die Öffentlichkeit gedrungen.

Doch schnell machte ein zweites Video von Valentina die Runde, indem sich die 14-jährige erstaunlich optimistisch gibt. Fast als hätte sie niemals daran gedacht, eine öffentliche Todesbitte an ihre Präsidentin zu richten.

„Ich möchte der Präsidentin danken, dass sie gekommen ist und mir zugehört hat. Wir haben eine Stunde geredet. Ich möchte mich bei allen Leuten bedanken, die mich unterstützt und mir Nachrichten geschrieben haben und mir die ganze Zeit zur Seite standen", erklärt die 14-jährige so, als hätte sie einen großen Schritt in Richtung Heilung ihrer Krankheit getan.

Vielleicht hat sie das auch, denn wie ihr Vater Freddy—der das Anliegen seiner Tochter mit schwerem Herzen öffentlich unterstützt hatte—berichtet, wird in der Familie nun wieder über die Möglichkeit einer Organspende geredet, deren Umsetzung bisher an fehlenden Spendern, Valentinas nicht vorhandenem, gesetzlich vorgeschriebenem Mindestalter und vor allem auch den entsprechenden Kosten gescheitert ist.

Valentina hat rund eine Woche nach ihrer Todesbitte nun neuen Mut geschöpft und ist bereit, weiter gegen die Hindernisse des medizinischen Systems anzukämpfen. Die öffentliche Unterstützung und der Besuch der Präsidentin haben ihr gezeigt, dass ihr Anliegen ernst genommen wird und der Fall auf aufrichtiges Interesse stößt.