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Die tragische Geschichte des Mannes, der mit seinem "Killdozer" die Bürokratie zerstören wollte

Am 4. Juni 2004 setzt sich Marvin Heemeyer fest entschlossen ans Steuer seines gepanzerten Bulldozers. Sein Ziel: Rache an den Behörden, die ihn seit Jahren drangsalieren.

Genono

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Der "Killdozer" | Wikipedia | Cathy Harms, Associated Press | Lizenz: Fair Use

Jeder hat sich schon mal ein Scharmützel mit Behörden geliefert: Monatelang wartet man auf einen Termin beim Bürgeramt oder das Finanzamt meckert, Zeile 43 der Anlage N in der Einkommensteuererklärung sei nicht schlüssig. Die meisten Leute werden mit dem Behördenfrust fertig, indem sie ein Tässchen Beruhigungstee trinken, sich im Fitness-Studio austoben oder ein paar Runden WoW zocken.

Wenn es ganz mies gelaufen ist, kann sich auch schon mal die ein oder andere Gewaltfantasie breit machen. Man träumt davon, die gesammelten Formulare des deutschen Behördenapparats auf einem großen Scheiterhaufen zu verbrennen und die ganze Nacht darauf herumzutanzen.

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Doch die allermeisten Menschen belassen es bei diesen Fantasien. Nicht so Marvin Heemeyer. Der frustrierte Mann aus Colorado setzte seine Rachefantasien in die Tat um: Um die unüberwindbaren Mauern der Bürokratie einzureißen, baute er kurzerhand einen riesigen gepanzerten Super-Bulldozer, seinen "Killdozer".

Das Grundstück und die neuen Nachbarn: Marvins Frust beginnt

Eigentlich beginnt die Geschichte von Marvin Heemeyer wie die eines jeden Kleinunternehmers: Heemeyer ist Mechaniker, spezialisiert auf Schalldämpfer. Im Jahr 1992 kauft er sich für wenig Geld ein verwahrlostes Grundstück in der Kleinstadt Granby im US-Bundesstaat Colorado. Ein kleines, aber für den weiteren Verlauf wichtiges Detail: Das Grundstück hat keinen eigenen Zugang zur Straße, Heemeyer kommt nur über ein Nachbargrundstück auf sein Gelände. Das stört anfangs niemanden, denn das Stück Land steht leer und gehört der Kommune. Schnell verdoppelt sich der Wert von Marvins Grundstück, und in der Umgebung siedeln sich zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen an. Zu seinen Nachbarn hat Marvin ein gutes Verhältnis.

Da Heemeyers Werkstatt ziemlich gut läuft, wird der Kommune irgendwann klar, dass auch das verlassene Nachbargrundstück Potenzial hat, das man nutzen sollte. Eines Tages lässt sich dann eine regionale Betonfirma namens Mountain Park Concrete auf Marvins Nachbargrundstück nieder. Ab sofort kann er die Straße nur noch erreichen, wenn Mountain Park Concrete ihm die Durchfahrt genehmigt. Was die Firma natürlich nicht tut.

Marvin Heemeyer | Wikipedia | Lizenz: Fair Use

Man bietet Marvin ein nettes Sümmchen nach dem anderen, um ihn davon zu überzeugen, sein Grundstück zu verkaufen. Doch der Mechaniker lehnt jedes Mal ab und verlangt immer höhere Beträge. Eines Tages schaffen es die Leiter von Mountain Park Concrete dann, die Kommune auf ihre Seite zu ziehen. So steht Marvin am Ende mit seiner Firma auf einem Grundstück da, das niemand erreichen kann. Ohne Kunden bricht sein Geschäft natürlich ein.

Erste Runde im Kampf gegen die Behörden

Also beginnt Marvin eine juristische Schlacht gegen die Behörden, die von vornherein zum Scheitern verurteilt scheint: Er beantragt, dass die Stadt einen Zugang von seinem Grundstück zur Straße baut – abgelehnt. Immer noch nicht entmutigt, schlägt er vor, selbst eine Zugangsstraße zu seinem Grundstück zu bauen. Er beginnt sogar mit den entsprechenden Arbeiten und kauft sich einen Bulldozer. Ein Gericht entzieht ihm jedoch die Baugenehmigung und droht mit Geldstrafen in Höhe von Tausenden Dollar, sollte er weiterbauen. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wird Heemeyer wegen angeblicher Ordnungswidrigkeiten ein Bußgeld von 2.500 Dollar aufgebrummt. Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2001.

Denn kein normaler Mensch würde auf die Idee kommen, einen riesigen gepanzerten Super-Bulldozer zu bauen, um eine ganze Stadt zu zerstören. Niemand außer Marvin.

Doch Marvin gibt nicht auf. Er versucht mit allen Mitteln, dem amerikanischen Behördenapparat Paroli zu bieten: Eine Petition, die von der Mehrheit der Bewohner der Stadt unterzeichnet wird, bleibt erfolglos. Eine Kampagne in den lokalen Medien, mit der er für seine Rechte kämpfen möchte, bringt ihm nichts als schlechte Publicity ein. Es folgen zahlreiche Klagen, Geldbußen, Schlichtungsversuche – Marvin verliert alles und muss sein Stück Land schließlich zu einem Spottpreis verkaufen. Am Ende bleiben ihm sechs Monate, um das Grundstück zu räumen.

An diesem Punkt hätte der Mechaniker einfach aufgeben und akzeptieren können, dass er nichts gegen die allmächtigen Behörden ausrichten kann. Doch Marvin ist weiter fest entschlossen, für sein Recht zu kämpfen. Er ist kein Mensch wie jeder andere, er ist der Auserwählte, dessen Schicksal es ist, sich gegen die behördliche Matrix aufzulehnen. Denn kein normaler Mensch würde auf die Idee kommen, einen riesigen gepanzerten Super-Bulldozer zu bauen, um eine ganze Stadt zu zerstören. Niemand außer Marvin.

Start der Aufrüstung: Nacht für Nacht tüftelt Marvin an seinem "Killdozer"

Im Jahre 2003 beginnt Marvin beginnt damit, den Bulldozer, den er gekauft hatte, aufzurüsten. Mit dem Betonmischer vom Nachbargrundstück baut er sich Nacht für Nacht eine ultraharte Panzerung: eine Schicht Stahl, eine 30 Zentimeter dicke Schicht Beton und eine weitere Schicht Stahl. Damit verkleidet er den Motor, die Laufkette und das Fahrerhaus seines Bulldozers. Da das Fahrerhaus somit komplett von Beton umgeben ist, stattet Marvin sein Kampfgefährt mit drei Außenkameras aus, die er mit Bildschirmen im Inneren des Bulldozers verknüpft.

Natürlich verpasst er auch den Kameras eine 70 Zentimeter dicke Schutzschicht aus Plastik. Außerdem installiert er ein Druckluftsystem, um die Kamerasensoren von Staub und Dreck zu befreien. In die Verkleidung des Fahrerhauses lässt er drei Öffnungen ein: eine für ein Scharfschützengewehr mit Kaliber .50, eine für ein halbautomatisches Sturmgewehr und eine für ein Gewehr mit Kaliber .22 lr. Alle Waffen schützt er natürlich ebenfalls mit einer mehrere Zentimeter dicken Stahlschicht.

"Manchmal müssen vernünftige Menschen Unvernünftiges tun" – Marvin beginnt zu wüten

Anstatt also die letzten sechs Monate auf seinem Grundstück damit zu verbringen, es zu räumen, feilt Marvin an seiner Kamikaze-Mission. Damit die Nachwelt seine geplante Tat versteht, hinterlässt er ein paar Aufnahmen auf seinem Diktiergerät; darunter ein Satz, der auch auf seinem Grabstein stehen könnte: "Manchmal müssen vernünftige Menschen Unvernünftiges tun."

Am 4. Juni 2004 macht sich Marvin Heemeyer schließlich auf den Weg. Sein Killdozer ist mit Essens- und Wasservorräten beladen und so ausgestattet, dass man monatelang darin überleben könnte. Marvin verschweisst den Eingang zum Fahrerhaus. Er kann nicht mehr raus, und niemand kann von außen rein. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Marvin macht sich auf den Weg, um seine Würde wiederzuerlangen, die ihm die US-Behörden nahmen.

Marvin walzt alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Nachdem er zur Aufwärmung sein eigenes Geschäftsgebäude zerstört hat, nimmt er Ziel auf seinen Nachbarn Mountain Park Concrete– für Marvin der Hauptverursacher seiner Misere. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits Schäden in Höhe von mehreren Tausend Dollar verursacht hat, kennt er kein Halten und fährt weiter zum Rathaus der Stadt. Dort macht er zuerst ein paar städtische Fahrzeuge platt und zerstört dann das komplette Gebäude.

Das tragische Ende des Mannes, der die Bürokratie zerstören wollte

Die Polizei ist angesichts des Angriff des "Killdozers" restlos überfordert. Mit leichten Geschossen versuchen die Beamten vergeblich, die 30 Zentimeter Betonschicht zu durchdringen. Marvins nächstes Ziel ist der Sitz von Sky-Hi News, die Lokalzeitung, mit der er im Clinch lag. Dieses Mal bleibt wirklich nichts vom Gebäude stehen. Danach klappert Marvin mit seinem Killdozer alle Gebäude von Institutionen ab, die ihm bei seiner administrativen und juristischen Odyssee das Leben zur Hölle machten: das Haus eines Richters, die Bank und alle Behörden der Stadt.

Wie in jeder guten Runde GTA sammelt Heemeyer in kürzester Zeit immer mehr Sterne und hat neben der Polizei schnell ein SWAT-Team im Nacken. Doch nicht einmal die Spezialeinheit kann den unglaublichen Beton-Bulldozer aufhalten: Selbst drei Sprengsätze und Hunderte abgefeuerter Schüssen können Marvin nicht aufhalten. Mehrere Beamte klettern sogar auf das Gefährt, um es aus nächster Nähe zu beschießen – ohne Erfolg. Nicht einmal der Versuch, die Kameras zu zerstören und Marvin damit die Sicht zu nehmen, gelingt.

Insgesamt zerstört Heemeyer auf seiner Walz-Tour 13 Gebäude – dazu kommen noch unzählige Autos inklusive des vollständigen Fahrzeugarsenals der kommunalen Polizei. Wie durch ein Wunder wurde bei der wahnwitzigen Aktion niemand verletzt oder getötet. Denn trotz seiner Zerstörungswut achtete Marvin anscheinend darauf, keine menschlichen Opfer zu fordern. Während der Ermittlungen behauptete der Sheriff der Stadt allerdings vehement, dass es reines Glück gewesen sei, dass kein Mensch zu Schaden kam. Marvin hat mit seinen Waffen gut 50 Schuss abgefeuert – auch auf Trafos und Propantanks. Wäre einer davon explodiert, hätte er alles und jeden in der Umgebung mit in die Luft reißen können.

Die Behörden rücken mit einem Kampfhubschrauber an

Der Gouverneur von Colorado sieht sich schließlich am Ende seiner Möglichkeiten und willigt ein, einen Kampfhubschrauber des Modells AH-64 Apache auszusenden. Er will den Killdozer mit einer Panzerabwehrrakete aufhalten und seine Panzerung – zumindest teilweise – zerstören. Möglicherweise nicht die cleverste Idee, schließlich hat eine Rakete solchen Kalibers genug Sprengkraft, um die Hälfte der Stadt zu zerstören und somit mehr Schaden zu verursachen, als der Bulldozer selbst.


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Doch zu dem ultimativen Duell Kampfhubschrauber vs. Killdozer kommt es nicht mehr. Denn plötzlich wird Heemeyers Randale-Wahn ein jähes Ende gesetzt: Der Boden des dreizehnten Gebäudes, das er zerstört hat, bricht ein, und die Laufkette des Killdozers greift ins Leere. Der Rächer an der Bürokratie sitzt in seinem Fahrerhaus in der Falle und hat zudem mit einem beschädigten Kühler zu kämpfen, der nicht aufhört, zu rauchen. Marvin wird klar, dass seine beispiellose Zerstörungstour ein Ende gefunden hat. Anstatt sich aber nun der Justiz zu stellen, wählt er den einzigen für ihn ehrenhaften Ausweg: Der Polizist auf dem Dach des Bulldozers hört nur eine dumpfe Explosion aus dem Inneren des Fahrerhauses. Marvin hat sich einen Kopfschuss verpasst.

Da man die extreme Betonpanzerung nicht sprengen kann, lässt man einen Kran und einen Brennschneider anrücken, um Marvins Leiche aus dem Fahrerhaus zu befreien. Es dauert geschlagene zwölf Stunden, bis die Spezialisten die Panzerung des Bulldozers durchbrechen können. Wahrscheinlich hätte der Killdozer sogar dem Kampfhubschrauber standgehalten. Doch die wohl unglaublichste Episode des Kampfs zwischen Bürgern und Bürokratie hat bereits ihr bitteres Ende gefunden.

Wenn euch also irgendein Amt das nächste Mal bittet, das verklausulierte Anlageformular doch bitte in dreifacher Ausfertigung abzugeben, atmet einmal kurz durch und denkt an Marvin. Ihm erging es noch viel, viel schlimmer.