Folgenreicher Freundschaftsvorschlag: "Facebook enthüllte meine Familiengeheimnisse"

Einer Nutzerin wurde von Facebook eine Verwandte vorgeschlagen, die sie selbst noch nicht kannte. Der Fall wirft die Frage auf: Wie errechnet Facebook die "Personen, die du kennen könntest"?

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Aug. 29 2017, 9:47am

Die alte russische Adelsfamilie Romanow wurde der Nutzerin nicht als Verwandtschaft vorgeschlagen | Bild: imago | imagebroker ; Facebook-Symbol: Shutterstock 

Habt ihr euch schon mal gewundert, warum Facebooks Vorschläge für "Personen, die du kennen könntest" auf so erstaunliche Weise akkurat sind? Bei den Kollegen fünf Meter neben dir, mit denen du nie über "Hallo & Tschüss" hinausgegangen bist, oder längst und zurecht vergessene Jugendfreunde ist es ja noch einigermaßen nachzuvollziehen, warum Facebook sie mit uns in Kontakt bringt: Das Netzwerk gleicht vom Nutzer freiwillig eingetragene Informationen wie den Arbeitgeber oder die einst besuchte Schule miteinander ab.

Wenn deinen Facebook-Freunden dann plötzlich dein letztes Tinder-Match vorgeschlagen wird, wirkt das dagegen schon leicht befremdlich. Wahrscheinlich hast du aber einfach die Kontakte deines Smartphones auf Facebook importiert – oder dein Tinder-Match tat dies.

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Geradezu "unheimlich" wird es aber, wenn Facebook für dich Verwandte aufspürt, von denen du gar nicht wusstest, dass es sie gibt. Der Facebook-Nutzerin und Journalistin Kashmir Hill ist genau das passiert: Das Soziale Netzwerk hat ihr in der "Personen, die du kennen könntest"-Sektion vorschlagen, ihrer Großtante eine Freundschaftsanfrage zu schicken.

In dem skurrilen Fall, den Hill auf dem Techblog Gizmodo schildert, scheint Facebook tatsächlich mehr Informationen gehabt zu haben, als die Betroffene selbst: Denn die Journalistin kannte ihre Großtante im echten Leben gar nicht; noch wusste sie, dass sie überhaupt eine Großtante hat. Wie sich später herausstellte, handelte es sich bei der Frau namens Rebecca P. um die Lebensgefährtin des Bruders von Hills Opa. Dieser hatte sich kurz nach der Geburt von Hills Vater aus dem Staub gemacht.

Stattdessen empfahl der Facebook-Sprecher Vorschläge zu "Personen, die du kennen könntest" einfach zu löschen, wenn sie einem nicht gefallen

Dass die Journalistin sich überhaupt die Mühe machte, zu überprüfen, wer die vorgeschlagene Facebook-Freundin Rebecca P. überhaupt ist, war einem journalistischem Vorhaben geschuldet: Hill hatte eines Tages beschlossen, sich die Freundes-Vorschläge von Facebook einmal genauer anzusehen: Sie begann, alle von Facebook vorgeschlagenen Personen zu speichern und in einer Liste anzulegen. Auf insgesamt 1.400 Personen sei die Liste im Laufe des Sommers angewachsen, so Hill. Ihre Großtante P. war eine von ihnen.

Facebook verweigert die Auskunft

Facebook hatte die beiden Damen also auf einen ihnen unbekannten Familienzweig aufmerksam gemacht. Hill war so verstört, dass ihr die ungeahnte Verwandtschaft auf Facebook vorgeschlagen wurde, dass sie fortan über Wochen versuchte, dem Geheimnis von Facebooks Algorithmen auf die Spur zu kommen.

Wie kam der Konzern auf die Verbindung zwischen Hill und ihrer Großtante, obwohl die beiden weder gemeinsame Facebook-Freunde haben, noch auf irgendeine andere Art über das Netzwerk verknüpft sind? Das nüchterne Ergebnis von Hills Recherchen: Der Konzern verweigert ihr bis zuletzt schlicht und einfach eine entsprechende Auskunft.

Wie die Großtante in Hills Vorschlags-Feed gespült wurde, will das Netzwerk einfach nicht konkret beantworten. Sonst würden alle anderen User kommen, die einen unerwarteten Freundes-Vorschlag bekommen und nach einer Erklärung fragen, so ein Facebook-Sprecher schnippisch gegenüber Hill.

Grundsätzlich kann Facebook aus zahlreichen Datenquellen schöpfen, um Informationen über Nutzer und deren mögliche Beziehungen zueinander zu aggregieren: Standortinfos, Gesichtserkennung auf Fotos, Aktivität auf anderen Apps, Telefonnummern aus WhatsApp – weitere persönliche Daten, die Facebook nicht selbst sammelt, bezieht der Konzern über Datenhändler wie Acxiom.

Im Fall von Hill und der plötzlich aufgetauchten Großtante will Facebook aber ganz ohne die zugekauften Daten von kommerziellen Anbietern eine Freundschaft vorgeschlagen haben: "Facebook benutzt keine Informationen von Datenhändlern für [die] 'Personen, die du kennen könntest'[-Funktion]", erklärte ein Facebook-Sprecher der verwunderten Journalistin.

Facebooks Algorithmus nutzt bis zu 100 Hinweise, um mögliche Verbindungen aufzuspüren

Insgesamt 100 "Signale" und Faktoren sollen in Facebooks Vorschlags-Algorithmus einfließen, so der Sprecher weiter. Lediglich fünf dieser Faktoren gibt Facebook auf der offiziellen Hilfe-Seite bekannt: darunter etwa gemeinsame Freunde oder Tags auf gemeinsamen Fotos. Doch keine dieser Kriterien kann erklären, warum Facebook von der Verwandtschaft Hills zu ihrer Großtante wusste.

Denn im realen Leben kam es schon früh zu einer familiären Trennung: Hills Vater wurde von ihrem Großvater verlassen, als dieser ein Baby war. Erst vor wenigen Jahren traf ihr Vater bei einem Familientreffen seinen eigenen Vater wieder. Bei dem Treffen war auch sein Bruder und dessen Ehefrau zugegen – Hills verschollene Großtante. Keine der zwischen den beiden stehenden Personen benutzt Facebook: Weder Hills Vater noch Hills Großvater, und auch nicht dessen Bruder, Hills Großonkel.

Facebook wollte auch auf wiederholte Anfragen von Hill keine näheren Angaben dazu machen, wie das Familiengeheimnis in dem Sozialen Netzwerk landete. Stattdessen empfahl der Facebook-Sprecher Vorschläge zu "Personen, die du kennen könntest" einfach zu löschen, wenn sie einem nicht gefallen. "Leute mögen die Vorschläge für PYMK-["Personen, die du kennen könntest"] nicht immer. Daher können User bei den Vorschlägen, die sie nicht interessieren, einfach ein 'X' machen", so der Sprecher laut Hill. "Das Feedback hilft uns dabei, dass wir unsere Vorschläge im Laufe der Zeit verbessern können."

So erwartbar die Reaktion von Facebook ausfiel, so wenig zufriedenstellend ist sie für Hill und auch alle anderen Nutzer. Kashmir Hill wird wohl in Zukunft jeden noch so wahllos erscheinenden Freundschaftsvorschlag genauer unter die Lupe nehmen – denn es könnte sich ja ein Verwandter hinter dem Profil verbergen, von dem sie im echten Leben noch nie etwas gehört hat.