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Neue Studie zeigt, wer die größten Player im Darknet-Waffenhandel sind

Die erste offizielle Untersuchung des Waffenhandels im Darknet bringt überraschende Zahlen ans Tageslicht. Auch Deutsche mischen kräftig mit.

Joseph Cox

Joseph Cox

Bild: lookcatalog | flickr | Lizenz: CC BY 2.0

Der Waffenhandel im Darknet ist nur schwer zu durchschauen: Einerseits scheinen die Deepweb-Märkte von Betrügern überlaufen zu sein, die spurlos verschwinden, sobald Kunden ihnen Geld überwiesen haben. Gleichzeitig liest man immer wieder von angeblichen Sonderermittlern, die sich als Waffenhändler ausgeben. Trotzdem werden jährlich zahlreiche Schusswaffen über das Darknet verkauft. Immer wieder mischen dabei auch deutsche Händler mit, wie unsere Recherchen zeigen und auch der Fall des Amoklaufs in München vergangenes Jahr unter Beweis stellt.

Nun bringt eine neue Studie der gemeinnützigen Forschungsgruppe RAND Europe etwas Licht in die undurchsichtigen Wege des Darknet-Waffenhandels. Tatsächlich scheint das Geschäft größer zu sein, als oft vermutet: Die Forscher schätzen nach ihrer umfassenden Analyse, dass die Verkäufe von Schusswaffen und Zubehörartikeln monatlich mehrere Tausend Euro generieren.

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Bei ihrer Untersuchung wandten die Forscher Methoden an, die sich schon in früheren Analysen des Drogenhandel im Darknet bewährt haben: Sie lasen Daten von Marktplätzen aus, die für gewöhnlich nur über das Tor-Netzwerk zugänglich sind. Laut ihres Papersidentifizierten die Forscher 52 einzelne Händler, die Waffen oder verwandte Artikel wie Munition, Sprengstoffe oder Zubehör wie Schalldämpfer verkauften. Die insgesamt 811 Angebote erstreckten sich über 18 Darknet-Marktplätze.

Für ihre Analyse machten sich die Forscher ein wichtiges Feature des Darknet-Handels zu nutze: Genau wie bei einem Onlinekauf im Clearnet werden Käufer auch im Darknet darum gebeten, ihre Transaktionen zu bewerten. Das soll Kunden dabei helfen, abzuschätzen, ob ein Händler vertrauenswürdig ist – und auch für die Forscher sind diese Ratings Gold wert. Denn eine Kundenbewertung ist der beste Indikator dafür, dass ein Verkauf tatsächlich stattgefunden hat. Jedes einzelne Feedback hilft dabei, abzuschätzen, wie viel Geld für bestimmte Artikel ausgegeben wird. Auch in den Angeboten finden sich weitere wertvolle Informationen, beispielsweise woher ein Händler Ware verschickt und in welche Länder er liefern kann. So können die Forscher erkennen, welche Zielorte besonders beliebt sind und woher die Artikel stammen.

Der Haken bei dieser Methode: Es ist schwer zu erkennen, ob es sich um eine echte Bewertung oder einen Fake handelt. Händler könnten ihr Ranking beispielsweise künstlich in die Höhe treiben, indem sie ihre eigene Ware "kaufen" und sich dann eine gute Bewertung da lassen.

Aufgrund der ausgewerteten Daten schätzen die Forscher, dass jeden Monat 136 Kaufgeschäfte mit Waffen oder verwandten Artikeln im Darknet abgewickelt werden. Pro Monat würden diese etwa 69.000 Euro Umsatz generieren. Die meist angebotenen Artikel waren Pistolen, gefolgt von Gewehren und Maschinenpistolen, heißt es im Bericht weiter.

Europa im Fokus

Aus der Studie geht außerdem hervor, dass ein großer Teil der über das Darknet gehandelten Ware nach Europa verkauft wurde, während die USA scheinbar der Hauptlieferant für Schusswaffen ist. "Sowohl im Hinblick auf bestätigte Transaktionen als auch im Hinblick auf den Umsatz war Europa einer der Hauptempfänger", erklärt Giacomo Persi Paoli, einer der Autoren des RAND-Berichts, gegenüber Motherboard.

Diese Versandwege wären laut den Darknet-Händlern möglich | Screenshot aus der Studie Behind the curtain, Paoli et.al.

Laut den Daten der Forscher nehmen auch deutsche User eine nicht unerhebliche Rolle als Lieferanten ein: Sie rangieren in ihrer Auswertung auf Rang drei der Länder, aus denen die meisten identifizierbaren Waren abgeschickten wurden. Hinter den Vereinigten Staaten, aus denen mit Abstand am meisten Waffen versendet werden, und Dänemark kommt in der Analyse auch schon die BRD.

Dass Waffen aus Deutschland sich im Darknet durchaus großer Beliebtheit erfreuen können, zeigte auch der Fall eines 26-jährigen Schweinfurter Studenten: Aus dem fränkischen Schweinfurt lieferte Christoph K., der in den Waffen-Sektionen des Darknets als "Max Mustermann" bekannt war, an dutzende Kunden in Europa, in einem Fall sogar bis nach Australien, wie Motherboard-Recherchen zeigen. Schließlich kamen ihm Ermittler auf die Schliche und nahmen ihn in einer spektakulären Aktion auf dem Campus fest.

Auflistung der Länder, aus denen die Schusswaffen laut der Händler verschickt werden. Deutschland steht auf Platz 3 | Screenshot aus der Studie: Behind the curtain, Paoli et.al.

Wie groß der Waffenhandel im Vergleich zu den Drogengeschäften ist

Vergleicht man die Waffen-Verkaufszahlen mit dem Gesamtumsatz, der im Darknet generiert wird, wirken die Zahlen der Forscher allerdings wie Peanuts – zumindest wenn man sie neben dem florierenden Drogengeschäft betrachtet. So machten die 811 Waffen-Listings, die die Forscher analysierten, gerade mal ein halbes Prozent der Angebote auf den untersuchten Marktplätzen aus. Dennoch zeigt die Studie auch, dass der Waffenhandel im Darknet umfangreicher ist, als viele Leute bisher vermuteten und auch Berichte über sogenannte Scammer immer wieder nahelegten.

"Der Umfang kann als besorgniserregend für Politiker und Strafverfolgungsbehörden eingestuft werden", heißt es im Bericht. Wie Paoli klarstellt, haben die Forscher mit ihrer Untersuchung ein zentrales Ziel: Den vielen Mythen, die sich um den Waffenhandel im Darknet ranken, ein paar Fakten entgegenzusetzen.