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Wie aus einer Kunstaktion ein toter Briefkasten für Bombenbauer und Drogenköche wurde

In Köln hat die Polizei einen Dead Drop von Aram Bartholl aus der Wand gebrochen—auf ihm sollen sich PDFs mit Bombenplänen befunden haben, dabei geht es dem Künstler nur um ein DIY-Netzwerk, das nicht in der Cloud verschwindet.

Alle Bilder: Aram Bartholl / FlickR. Mit freundlicher Genehmigung. Courtesy DAM gallery & xpo gallery.

„Verstecken Terroristen in Köln tatsächlich geheime Botschaften in Hauswänden?" 

Eine bedeutende Frage, die Frauke Ludowig da gestern in den RTL-Nachrichten aufwarf, als sie über den Fund von Bombenplänen auf einem öffentlich zugänglichen Flashspeicher berichtete. Mittlerweile hat die Polizei den Stick aus der Wand gebrochen und ans LKA zur Analyse geschickt.

„Fakt ist: Unbekannte haben USB-Sticks in Wände einbetoniert", erklärt Ludowig noch, doch auch das stimmt auch nicht ganz: „Diesen Dead Drop habe ich vor vier Jahren in Köln noch eigenhändig installiert", erzählte uns Aram Bartholl, der im Rahmen seines Kunstprojekts Dead Drops das Konzept entwickelte. Dank DIY-Anleitung sind schon hunderte solcher Sticks weltweit im öffentlichen Raum aufgetaucht—und auch wieder verschwunden: „Eigentlich cool, dass dieser Stick in Köln so lange durchgehalten hat."

Schon 2010 verbaute der Berliner Künstler die ersten USB-Sticks in New York, um mit den toten Briefkästen 2.0 ein Statement über selbst gemachte Netzwerke abzugeben, die sich der Massenüberwachung entziehen können. Außerdem wollte er zeigen, wie einfach auch ein Gebäude zu einem Datenträger und Fileharing-Medium für alle werden kann.

Es geht nicht um die Crystal-Rezepte, sondern um ein experimentelles IRL-Datennetzwerk.

Die Standorte der Sticks, die jeder mit ein bisschen Plastilin einfach selbst installieren kann, landen schließlich (in den meisten Fällen) auf der Dead Drops-Homepage—inklusive Geodaten für die IRL-Filesharing-Schnitzeljagd. Inzwischen sind sogar in China Deaddrops aufgetaucht.

Spätestens in unserer Post-Snowden-Welt reicht das Interesse an seinem Projekt weit über Hacker-Kreise oder Freunde der Medienkunst hinaus. Nun fuhr in Köln ein Freund des Express-Journalisten Carsten Rust alle in der Stadt verbauten USB-Sticks ab und fand einige erstaunliche Dateien auf dem Stick in der Volksgartenstraße: Unter anderem mehrere PDFs mit 100-seitigen Bauplänen für Bomben und eine Anleitung zum Kochen von Crystal Meth, wie auch die taz berichtet.

Schließlich rief der hauptberufliche Polizeireporter nach Durchsicht der Dateien selbst die Polizei. Unter der Überschrift „Bomben-Bauplan auf öffentlichem USB-Stick in der Kölner Südstadt" wurde daraus eine formschöne Express-Story und ein ungewöhnlicher Arbeitsauftrag für die gerufenen Beamten: Sie versuchten mit großer Mühe den Stick aus der Wand zu stemmen.

„Beim Rauspulen haben die Polizisten wohl Kontakte beschädigt, jedenfalls ließ sich der Stick nicht mehr auslesen", erzählte uns Carsten Rust, der die Dateien auf dem Stick zuvor noch eingesehen hat.

Mittlerweile versucht das LKA, die Dokumente auf dem Stick zu rekonstruieren. Erfolgsaussichten ungewiss, wie Polizeisprecher Christoph Gilles dem Kölner Stadtanzeiger berichtete: „Vielleicht gelingt es den Spezialisten, die Dateien zu rekonstruieren."

Von Verschwörungstheorien über Musik bis zu anonymen Tagebüchern ist auf den Sticks alles dabei.

Anschließend riefen die Ermittler beim Galeristen von Aram Bartholl an und ließen sich von ihm das künstlerische Konzept erklären. „Wir können selbstverständlich nichts dazu sagen, was da drauf ist, und ich verstehe auch nicht, warum uns das immer alle fragen."

 Aram Bartholl liest Daten aus einem Deaddrop aus.

Aram Bartholl liest Daten aus einem Dead Drop aus. Alle Bilder: Aram Bartholl / FlickR. Mit freundlicher Genehmigung. Courtesy DAM gallery & xpo gallery

Ein frisch verputzter Deaddrop in New York im Jahr 2010.

Ein frisch verputzter Dead Drop in New York im Jahr 2010.

Auch wenn sich das Projekt seit der ersten Installation längst verselbstständig hat, so hat der Berliner Künstler im Laufe der Jahre doch immer mal wieder einen Blick auf einige der Dead Drops geworfen. Neben dem Tausch von Musikdateien findet sich auch ein angenehmes Maß an Trolling auf den Dead Drop-Sticks:

„Du findest da wirklich eine bunte Mischung an Dateien: Manchmal ist da ein Meme-Bild von Darth Vader drauf, und natürlich immer wieder auch Musik. Ich habe aber auch schon einen stundenlangen Zusammenschnitt von Sonnenuntergängen oder seitenlange PDFs mit Verschwörungstheorien gesehen. Manche Leute legen aber auch eigene Log-Files an und schreiben Tagebuch auf den Deaddrops."

Hier schenkst du deine Dateien nicht einer Apple-Cloud oder der NSA.

Dass sich ein öffentlicher, unvernetzter USB-Stick nicht unbedingt ideal zur massenhaften Verbreitung von strafrechtlich relvantem Material eignet, liegt für den Künstler auf der Hand: 

„Beim Datenabgleich an dem Stick kannst du ja theoretisch auch gefilmt werden. Kinderpornohändler oder Terroristen werden einen Teufel tun, ihr Material hier zu hinterlegen. Für mich geht es um ein spielerisches Projekt und das Experiment ein ganzes Haus zu einem Datenstecker zu machen. Das hier ist ein symbolisches Projekt."

Im übrigen wären die Dead Drops für ein effektives Verbrechernetzwerk alleine schon aus praktischen Gründen eher uninteressant. Bei vielen der Sticks, die angeblich in Berlin noch verbaut sind, liegt ihre letzte aktive Status-Meldung auf der Dead Drops- Homepage schon Jahre zurück. 

Auch unsere gestrige Suche in Neukölln und Kreuzberg ergab entweder, dass die Sticks von ihren Standorten entfernt wurden, oder hoffnungslos und unbenutzbar verbogen sind:

Trotz aller Bombenpanik ist Dead Drops eben nur eins von vielen Kunstprojekten, die sich mit Vernetzung beschäftigen, erklärt Aram. Er wünscht sich mehr DIY-Bastler, die weitere Sticks und Offline-Netzwerke aufbauen. Der durchschlagende Vorteil: „Die Daten auf den Sticks sind nicht in der Cloud, werden nicht von der NSA überwacht, an Apple verschenkt oder getrackt." 

Zumindest für Aram ist klar, was er nach den Dreharbeiten mit RTL jetzt macht (abgesehen von der Arbeit an seinen anderen Projekten): „Ich gucke gleich mal auf dem Spielplatz, auf dem ich vorhin mit RTL an einem Dead Drop gedreht habe, und schaue, ob der Stick jetzt noch da ist, oder was die Kinder daran rumgeprokelt oder hinterlegt haben." 

Diese Artikel wird auch auf funktionierenden Dead Drops in Berlin publiziert.

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