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Warum der 6-Stunden-Arbeitstag nur unter bestimmten Voraussetzungen funktioniert

Zwei Stunden weniger Arbeiten soll Mitarbeiter glücklicher, gesünder und loyaler gegenüber dem Arbeitgeber machen. Neurologe Dr. Wolfgang Lalouschek erklärt, wann das tatsächlich der Fall ist.

In Skandinavien ist alles irgendwie lockerer, fortschrittlicher und sozialer– so zumindest die gängigen Klischees. Auch in Sachen Arbeitszeitreform hat das Land mit der laut Gini-Index weltweit fairsten Einkommensverteilung in den letzten Wochen eine soziopolitische Vorreiterrolle eingenommen. Denn Schweden sägt an den Fundamenten des seit gut 100 Jahren etablierten 8-Stunden-Arbeitstags.

Das neue Konzept ist dabei so simpel wie attraktiv: Sechs statt acht Stunden pro Tag arbeiten und bei gleichbleibendem Einkommen mehr Zeit mit der Familie, den Kindern und Freunden verbringen. Jeder, der täglich von 09:00 bis 18:00 Uhr am Schreibtisch klebt, schielte im Zuge der Berichterstattung in den letzten Tagen neiderfüllt nach Schweden. Dabei ist die Idee des 8-Stunden-Tags dort gar nicht so neu.

Die Toyota-Niederlassung in Göteborg, der zweitgrößten Stadt Schwedens, hat bereits vor 13 Jahren mit 6-Stunden-Schichten begonnen, ohne die Bezahlung der Mitarbeiter herunterzusetzen. Seit Februar 2015 testet ein Seniorenheim im Westen des Landes ebenfalls die reduzierten Arbeitszeiten, und ein Startup sowie ein Krankenhaus in Göteborg haben ähnliche Pilotprojekte gestartet.

Führt eine Reduzierung auf sechs Stunden Arbeitszeit pro Woche automatisch zu mehr Glück und Motivation? Foto: Imago/Westend61

Auch wenn die schwedischen Arbeitgeber, die diese Idee tatsächlich umsetzen, eine deutliche Minderheit darstellen, klingt das Konzept für viele Menschen sehr verlockend. Und das allem Anschein nach völlig zu Recht: Es ist von gleichbleibender oder sogar gestiegener Produktivität die Rede, von gesünderen, glücklicheren, motivierteren und dem Unternehmen gegenüber loyaleren Mitarbeitern.

„Objektiv betrachtet, wäre es aus gesundheitlicher Sicht sehr begrüßenswert, wenn Menschen nur sechs anstatt acht Stunden am Stück arbeiten. Ich habe in meiner Praxis eine Masse an Patienten, die durch Arbeit psychisch krank wurden. Viele von ihnen arbeiten fünf mal die Woche acht Stunden ohne Pause durch und sind auch danach noch via Smartphone erreichbar", erzählt mir der Wiener Neurologe Dr. Wolfgang Lalouschek.

„Mein Eindruck ist, dass es einfacher fällt, sich intensiver auf jene Arbeit zu fokussieren, die erledigt werden muss. Du hast dafür die nötige Ausdauer und verfügst noch über Energie-Reserven, wenn du aus dem Büro gehst."

Linus Feldt, CEO des schwedischen App-Entwicklers Filimundus sagte in einem Interview, dass sein Unternehmen schon 2014 auf 6-Stunden-Arbeitstage gewechselt sei und dabei keine größeren Veränderungen in Sachen Produktivität bemerkt habe. „Mein Eindruck ist, dass es einfacher fällt, sich intensiver auf jene Arbeit zu fokussieren, die erledigt werden muss. Du hast dafür die nötige Ausdauer und verfügst auch noch über Energie-Reservern, wenn du aus dem Büro gehst", so Feldt.

Dr. Lalouschek sieht die Zeit als alleinigen glücks- und motivationsstiftenden Faktor allerdings etwas differenzierter: „Die Arbeitszeit selbst ist ein Faktor, aber nicht der Kern des Problems. Dass Menschen erschöpft aus dem Büro gehen und sich auf dem Heimweg fragen, was sie eigentlich erledigt haben, ist fatal." Laut dem Neurologen sorge aber eher allgegenwärtiges Multitasking dafür, dass im Arbeitsalltag der Eindruck entstehe, ins Leere zu arbeiten.

„Multitasking widerspricht den Gesetzen unseres Gehirns. Wir sind sehr gut darin, fokussiert eine Tätigkeit auszuüben. Es ist also eher entscheidend auf welche Weise gearbeitet wird und nicht zwingend, ob es sechs oder acht Stunden sind", so Dr. Lalouschek weiter.

„E-Mails, Meetings, Abstimmungsgespräche, Hierarchie-Stufen.. Menschen verzweifeln an der Absurdität des Systems", ist sich Neurologe Dr. Latouscheck sicher. Foto: Imago

Diesem Aspekt ist sich auch der schwedische CEO Linus Feldt durchaus bewusst. Denn jene zwei Stunden, die seine Mitarbeiter weniger arbeiten, machen sie durch den Verzicht auf diverse Ablenkungen wie Facebook und die Optimierung von Arbeitsprozessen in Form einer reduzierten Anzahl an Meetings wieder wett.

Ein 6-Stunden-Arbeitstag ist etwa auch in Österreich keine Utopie, sondern war in Krankenhäusern lange Zeit Realität. „In Österreich gibt es reichlich Erfahrungswerte, weil in Spitälern ein fünf bis sechs Stunden Tag lange Zeit etabliert war. Ärztinnen und Ärzte haben damals immer bis 13 Uhr gearbeitet. Ich selbst war damals selbst mit diesen Arbeitszeiten im Krankenhaus tätig und habe das extrem geschätzt, es war eine tolle Work-Life Balance", erzählt Lalouschek.

Allerdings habe er auch seine Zweifel, ob das Konzept des 6-Stunden-Tages in gewinnorientierten Unternehmen überhaupt funktionieren kann: „Wer täglich 200 Mails schreibt, seine Zeit nur mehr in Meetings verbringt und an zehn Dingen gleichzeitig arbeitet, geht erschöpft und gleichzeitig unbefriedigt nach Hause."

„E-Mails, Meetings, Abstimmungsgespräche, Hierarchie-Stufen ... Menschen verzweifeln an der Absurdität des Systems."

Daran würde auch ein 6-Stunden-Tag nichts ändern, sondern sogar für noch mehr Stress sorgen. Viele Menschen haben außerdem All-In Verträge, mit denen sie 50 Stunden oder mehr arbeiten und auch in der Freizeit per Mail und Telefon erreichbar sein müssen, so Dr. Lalouschek. „Mit dem Versprechen des 6-Stunden-Arbeitstages bei vollem Gehalt verhält es sich für mich so wie mit dem modernen Dieselmotor: kraftvoll, sparsam und umweltfreundlich zugleich sollte er sein – dass die Realität eine andere ist, sehen wir jetzt gerade."

Laut Dr. Lalouschek sind Belastungen durch Multitasking die klare Nummer eins in seiner Praxis: „E-Mails, Meetings, Abstimmungsgespräche, Hierarchie-Stufen ... Menschen verzweifeln an der Absurdität des Systems. Das bestätigen auch eine Reihe von wissenschaftlichen Studien zum Thema."

Ideal wäre es hingegen, wenn sich Arbeitgeber um die Optimierung von Prozessen und um die Minimierung von störenden Faktoren kümmern würden. Dazu zähle etwa ein Fokus auf Single-Tasking, das durch bessere Arbeitsteilung im Büro erreicht werde. „Wenn Aufgaben strukturiert nach der Reihe abgearbeitet werden, sorgt das bei Menschen für deutlich mehr Befriedigung und Motivation. Kombiniert mit ausreichenden Pausen hat man so laufend kleine Erfolgserlebnisse, fühlt sich selbst wichtig und bekommt den Eindruck, dass man sein Leben aktiv gestalten kann", so Lalouschek.

Auch das österreichische Startup BikeCitizens, in dem seit einem Jahr mit einer 4-Tage-Woche mit 36 Stunden gearbeitet wird, hat das Konzept nur durch Prozessoptimierungen umsetzen können: „Vormittags arbeiten wir still, am Nachmittag gibt es Meetings. Und man reißt sich einfach stärker am Riemen", sagt Co-Founder Andreas Stückl in einem Interview mit Gründerszene.de. Die rund 20 Mitarbeiter seien als Resultat seltener krank, glücklicher und würden sich der Firma gegenüber loyaler fühlen – also in etwa die gleichen positiven Effekte, die auch der 6-Stunden-Tag verspricht.

Es sieht also danach aus, als wäre eine reine Reduktion der Arbeitszeit nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aus Sicht der Work-Life-Balance wäre es begrüßenswert, allerdings wird das Konzept ohne Prozessoptimierung nicht aufgehen. Die Lösung könnte sein, zunächst an der Qualität und nicht der Quantität der Arbeit zu schrauben.

Laut Dr. Lalouschek gibt es dazu bereits eine Reihe von Modellprojekten: „Wir arbeiten mit namhaften Unternehmen zusammen, die derartige Prozessoptimierungen vornehmen, mit mathematischen und statistischen Modellen Arbeitsabläufe analysieren, damit Menschen auch tatsächlich wieder zum Arbeiten kommen."