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Warum der mutmaßliche Kindermörder von Herne auf 4chan gefeiert wird

Jemand, der sich als Marcel H. ausgibt, versorgt ein Messageboard mit unzähligen Details, Bildern und Updates zu vermeintlichen Morden. Die Reaktion der Nutzer: „Cool, bitte filmen :-)“ Wie kann das sein – und wer inszeniert hier wen?

Der grausame Mord an einem 9-jährigen Jungen aus Herne am Montagabend hat landesweit Entsetzen ausgelöst. Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger sprach von einer „perfiden" Tat, der selbst die Ermittler fassungslos mache. Ein Teenager hatte seinen kleinen Nachbarsjungen erstochen und dann Fotos davon über WhatsApp verschickt – nicht ohne einen Hinweis darauf, wo die Bilder gepostet werden sollen. Seither ist er auf der Flucht – und doch im stetigen Austausch mit seinem selbstgewählten Publikum; zuletzt kursierte ein Foto, das ihn am Bahnhof Mönchengladbach zeigen soll.   

Doch nicht überall herrscht Betroffenheit über die Tat. In einem bestimmten Teil des Internets wird der mutmaßliche Täter, der 19-jährige Marcel H., gerade heftig gefeiert. Nein, es handelt sich nicht um das Darknet, wie die Polizei zunächst bekannt gab, sondern um das Messageboard 4chan, das als anonyme Plattform für Bilder und Memes groß wurde, zwischendrin Anonymous, unendlich viele Slang-Begriffe und kürzlich die sogenannte Alt-Right hervorgebracht hat und mittlerweile zu den meistbesuchten Internetseiten überhaupt gehört – und zwar auch, weil es die hemmungslose Abweichung von gesellschaftlichen Normen zelebriert und etablierte Regeln umkehrt: Wer gewöhnliche Reaktionen oder Vorlieben an den Tag legt, wird als „Normie" abgestempelt und hat hier nichts zu suchen. 

In dem Random-Board mit dem Kürzel /b/ (in dem im hauptsächlich Pornobilder, absurder Humor, Getrolle und Beleidigungen ausgetauscht werden), übertreffen sich die User also wie immer gegenseitig mit empathielosen Kommentaren: Statt schockiert zu sein angesichts des Mordes an einem unschuldigen Jungen, reagieren die meisten 4Chan-Nutzer zwischen begeistert und fasziniert. Was davon erst gemeint ist und was nur unterkühlte Provokation, ist allerdings nicht klar. Manche gratulieren dem mutmaßlichen Mörder, andere verlangen weitere Details und Beweise der Tat (die geliefert werden), wieder andere kreieren glorifizierende Memes von H. ("Don't mess with the Hesse"). Ein Mord als Event – allerdings einer, der drei Tage später selbst die vermeintlich so abgestumpften Anons an ihre Grenzen bringt.

„Endlich bin ich ein Meme geworden"

Dass die Tat(en) als eine Art morbides, digitales Live-Entertainment auf 4Chan abläuft, ist kein Zufall: Im Gegenteil zu anderen Bereichen des Internets feiert 4chan das Ausgestoßensein und überzeichnet es bis ins Komische. Das Board /b/ warnt den Besucher selbst per Popup, dass hier „nur ein Narr" Wahrhaftigkeit erwarten würde. Entsprechend ironisch können viele Posts gewertet werden. Genauer gesagt: Alles andere wäre ungewöhnlich gewesen. Wenn damit ein sehr realer, sehr gestörter und sehr kommunikativer mutmaßlicher Kindermörder, der nach Aufmerksamkeit und Zuspruch lechzt, rund um die Uhr gebauchpinselt wird, ist das allerdings kein Trost – sondern genau das, was ihn gerade bestätigt und bestärkt.

Dass die Flucht Heßes ausgerechnet auf /b/ abläuft, hat neben den sehr berechenbaren Anons auch damit zu tun, dass zuvor ein Freund H.s die ersten Hinweise auf den Mord auf 4Chan postete: Screenshots einer Whatsapp-Unterhaltung mit Heße, in der dieser zunächst von seinem geplanten Suizid erzählt und kurz darauf von seinem Mord an einem Nachbarsjungen. Der „Freund", der Heße zunächst zu dem Selbstmord ermutigt, antwortet dem mutmaßlichen Mörder laut dem geposteten Whatsapp-Chatprotokoll: „Was soll ich machen? Ich frage /b/."

„Für Normies und die Medien: 4Chan ist das Darkweb"

Damit bedient der „Freund" die Wünsche des mutmaßlichen Mörders und tut sich selbst keinen Gefallen: Denn /b/ gibt keinen Rat in Notlagen. Die Anons schreiben: „Omg ist das real? Ist das mein erster Mord auf /b/ fuck yeah!!" Ein weiterer skandiert im Hinblick auf die Fahndungsmeldung der Polizei: „Freiheit für Marcel!"

Das Perfide daran ist die Feedbackschleife zurück zu Marcel H., sobald er sich seiner Wirkung bewusst wird. Denn er selbst (oder jemand, der sich überzeugend als H. ausgibt) meldet sich in einem der zahllosen Threads in den vergangenen Tagen zu Wort und versorgt die Community ständig mit weiteren Details – und möglicherweise weiteren Taten. Gemütlich beantwortet er Fragen, nimmt Glückwünsche entgegen und postet immer wieder Referenzen an die eigene Board-Zugehörigkeit – wie zum Beispiel seinen eigenen Namen in Hiragana-Schriftzeichen, die an die Anime-Liebe vieler User erinnern sollen. Nur, dass dieser Timestamp neben einer Leiche zu liegen scheint.

4Chan – „Sie wollen nicht glauben, dass sowas im 'normalen Internet' passiert"

Klar ist: Der mutmaßliche Täter hatte eine besondere Beziehung zu 4Chan. So fragte er den Freund, der später die Whatsapp-Unterhaltung auf dem Board öffentlich machte, ob er "4chan reife bilder" (sic) von seinem Selbstmord haben will. Der antwortete ihm "Klar".

So bizarr und krank die Nutzerbeiträge auch sein mögen, wirklich überraschen tun sie niemanden, der 4Chan kennt. Das Board /b/ ist ein Tummelplatz für Internettrolle aller Art, ein Sammelbecken für sexistische und rassistische Sprüche, für schlechte Witze, Anime-Pornos und abgründige menschliche Fantasien, ein Raum totaler Anarchie und ohne moralische Grenzen. 4Chan-Nutzer riefen schon mal Justin-Bieber-Fans dazu auf sich zu verletzen oder feuerten einen Studenten an, sich selbst anzuzünden. Wer auf 4Chan seine dunklen Fantasien oder kranken Neigungen teilt, gilt nicht als anstößig, sondern als Beweis dazuzugehören.

Dass viele 4Chan-Nutzer durchaus kein Problem mit dieser Charakterisierung zu haben scheinen, zeigen weitere Beiträge. Medienberichte, in denen 4Chan als Forum für „Abstoßendes, Rassistisches und Pornographisches" bezeichnet wird, kommentiert ein Nutzer knapp: „Warum glauben die bin ich hier?" Ein Zweiter meint zustimmend: „Ohne diese ganze politische Korrektheit würde die ganze Welt so aussehen."

Die derzeit kursierenden Gerüchte, Marcel H. hätte doch ein Video oder zumindest Bilder von der Tat im Darknet gepostet, werden nüchtern abgetan. Mehr noch: Es scheint am Stolz so mancher Nutzer zu kratzen, dass die digitale Inszenierung eines Mordes irrtümlicherweise dem Darknet zugeschrieben wird, und nicht 4Chan, dem eigentlichen "dunklen Web": „Es war nie irgendwas im Darknet, schon gar kein Video. Für Normies und die Medien: 4Chan ist das Darkweb: Sie wollen nicht glauben, dass sowas im „normalen Internet" passiert."

In einem seiner bisher letzten Posts auf 4Chan zeigt sich der Nutzer, der sich als H. ausgibt, sichtlich erfreut über so viel Anerkennung. „Endlich bin ich ein Meme geworden", schreibt er – wenige Zeilen unter der Behauptung, er hätte einer Frau ihre Bankdaten aus dem Leib gefoltert.

Der Community gefällt das.

Update vom 10. März: Marcel H. wurde am Donnerstagabend in einem Schnellimbiss in Herne festgenommen. Zwischenzeitlich hat sich ein Jugendlicher bei der Polizei gemeldet, der am Bahnhof Mönchengladbach fotografiert und im Netz für H. gehalten wurde. Wir haben den Text entsprechend aktualisiert.