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Wir haben mit dem Krypto-Wunderkind über das spannendste Projekt seit Bitcoin gesprochen

Jordan Pearson

Jordan Pearson

In einem seltenen Interview erzählt Vitalik Buterin von seiner Philosophie und den Zukunftsplänen für Ethereum.

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Vitalik Buterin ist 23 Jahre alt, hat raspelkurze Haare und trägt am liebsten Accessoires mit Katzen drauf. Der gebürtige Russe mit dem Einhorn-Pullover redet schnell und scheint nie ganz zu wissen, wo er seine Hände lassen soll. Man sieht es dem schlaksigen Programmierer nicht an, doch die Technologie, die er bereits vor vier Jahren entwickelt hat, ist heute über vier Milliarden US-Dollar wert.

Auch wenn sein Name den meisten Menschen vielleicht kein Begriff ist, ist Buterin in Tech- und Finanzkreisen ein echter Rockstar. Als der junge Coder am vergangenen Freitag die Bühne einer überfüllten Halle in Toronto betrat, zückten Anzugträger, die doppelt so alt sind wie er, ihre Smartphones, um ein Foto von ihm zu erhaschen. Und das aus gutem Grund: Mit 19 Jahren entwickelte Buterin die Code-Plattform Ethereum mit der dazugehörigen Kryptowährung Ether, die man als Cousin von Bitcoin beschreiben kann. Bitcoin ist momentan zwar wesentlich verbreiteter, doch das könnte sich bald ändern – denn Ethereum ist im Aufschwung.

Seine Anhänger bezeichnen ihn als "Visionär", "Genie" und "Anführer". Ein Teilnehmer ging sogar so weit, ihn als gütigen Diktator zu beschreiben.

Zwischen den beiden Kryptowährungen gibt es entscheidende Unterschiede; der größte davon liegt in ihrer Gründungsgeschichte. Das Konzept für Bitcoin wurde 2008 von Satoshi Nakamoto in einem White Paper auf einer Mailingliste für Kryptographie vorgeschlagen. Ob es sich bei Nakamoto um eine Person, ein Pseudonym oder eine Gruppe handelt, ist bis heute nicht geklärt, auch wenn es zahlreiche Spekulationen gibt. Ende 2012 verschwand Nakamoto schließlich spurlos von der Bildfläche. Auch heute noch finden treue Bitcoin-Anhänger, dass das Protokoll genauso bleiben sollte, wie Nakamoto es im White Paper beschrieben hat. Buterin hingegen leitet Ethereum aktiv und schreckt auch nicht davor zurück, den Code umzubauen, um das Projekt voranzubringen.

Wie zentral Buterins Person für das Projekt ist, wurde beim Ethereum Hackathon am vergangenen Wochenende in Toronto deutlich. Die Veranstaltung wurde vom Blockgeeks Lab ausgerichtet, das Buterins Vater, dem Investor Dmitry Buterin, gehört. Auf dem Kongress habe ich mit Entwicklern über ihre Projekte und über ihre Einstellung zu Buterin gesprochen. Eins wurde schnell klar: Viele fühlen sich vor allem von der Persönlichkeit des 23-Jährigen angesprochen. Sie bezeichnen ihn als "Visionär", "Genie" und "Anführer". Ein Teilnehmer ging sogar so weit, ihn als gütigen Diktator zu beschreiben.

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Im persönlichen Gespräch mit Buterin wird deutlich: Er weiß, dass sich viele Leute gerade wegen ihm – dem Wunderkind, dem ungewöhnlichen Anführer – zu Ethereum hingezogen fühlen. Und ihm ist auch klar, dass das nicht ewig so bleiben darf:

"Ich weiß, dass ich für das Wachstum der Plattform wichtig bin", erklärt Buterin, während er mit seinen Fingern in den Löchern des Plastiktisches herumspielt, an dem wir unser Interview führen. Dabei wirkt er eher energiegeladen als nervös. Sein kurzfristiges Ziel ist es, mehr Leute einzubinden, die zum Erfolg des Ethereum-Protokolls beitragen. Um immer mehr Personen für sein Vorhaben zu begeistern, reist der Russe mit Wohnsitz in der Schweiz durch die ganze Welt. Er erzählt mir, dass er nur wenige Wochen im Jahr zu Hause verbringt.

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Seine persönliche Philosophie erklärt mir Buterin wie folgt: Er glaubt, dass sich Menschen durch wirtschaftliche Anreize, nicht durch soziales Handeln motivieren lassen. Auf meine Frage, für welche politischen Autoren er sich interessiert, rattert er sofort die großen Denker des (Neo-)Liberalismus herunter: Mises, Hayed, Friedman, Sowell, Rothberg und Rand. Seine Einstellung habe sich in den letzten Jahren gewandelt, erklärt er: Früher habe er geglaubt, dass die Welt aus "zentralisierten, bösen" Politikern und Unternehmen auf der einen Seite und der "guten, rechtschaffenden" Bevölkerung auf der anderen Seite bestehen würde. Doch die politischen Unruhen von 2016 hätten seine Sichtweise verändert. Er sagt, dass er inzwischen mehr mit Angela Merkel gemein habe als mit Trump-Wählern oder militanten Antifaschisten. Heute glaubt er nicht mehr daran, dass jeder Mensch gut ist. Vielmehr glaubt er jetzt, dass die Welt in einzelne Splittergrüppchen unterteilt ist und es nur einen Weg gibt, sie zur Zusammenarbeit zu bewegen: Geld.

"Ich sehe das so: Wirtschaftliche Anreize sind oft der kleinste gemeinsame Nenner", also der einfachste Weg, Leute zu motivieren, erklärt Buterin. "Vor zwei, drei Jahren dachte ich: nett zueinander zu sein und seinen Nachbarn zu helfen wäre, was uns alle eint. Aber dann wurde mir klar, dass Menschen schnell bereit sind, Leuten außerhalb ihrer Gruppe richtig miese Dinge anzutun." Der Ansatz hinter Ethereum ist die sogenannte Krypto-Ökonomie, wie Buterin sie bezeichnet. Dahinter steckt die Idee, dass man mit Mathematik und Geld konkurrierende und sogar widersprüchliche Interessen in Einklang bringen kann. Geld ist also der rote Faden, der den Menschen Glauben an sein System schenken soll.

Es bringt auch gewisse Risiken mit sich, die Galionsfigur einer Krypto-Bewegung zu sein. Auch wenn Buterin heute bejubelt wird, könnte sich die Community schon morgen gegen ihn wenden – es wäre nicht das erste Mal. Die einflussreichen Bitcoin-Entwickler Gavin Andresen und Mike Hearn wurden nach einem langen, öffentlichen Streit über eine Code-Änderung hochkant aus der Kryptowährungs-Community geschmissen. Buterin hätte an ihrer Stelle anders gehandelt: Seiner Meinung nach würde es Bitcoin heute besser gehen, wenn Andresen und Hearn die Änderung damals einfach umgesetzt hätten, ohne lange darüber zu diskutieren. Ich frage Buterin, ob er sich Sorgen macht, dass ihm eines Tages ein ähnliches Schicksal droht.

"Es gibt immer wieder Leute, die mir in technischen Angelegenheiten widersprechen. Die Hälfte der Zeit bin ich im Recht und manchmal haben die anderen Recht. Doch wenn jemand mich persönlich angreift, gibt es meist viele Menschen, die mich verteidigen", erklärt Buterin. "Dieses Bündnis erscheint mir ziemlich stabil."

Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Aber eigentlich sollte es kein Bündnis um eine einzelne Person herum geben. So etwas sollte sich eher um das Protokoll selbst bilden."

Somit befindet sich das Krypto-Wunderkind in einer Zwickmühle, schließlich sind seine Persönlichkeit und Vision wichtige Katalysatoren für Ethereums Erfolg. Damit die Plattform in Zukunft weniger von seinem Gründer abhängig ist, hat Buterin einen Plan: Er hat die Ethereum Foundation gegründet, die Programmierer bei der Code-Entwicklung finanziell unterstützt. Außerdem denkt Buterin darüber nach, Stipendien und Uni-Partnerschaften einzurichten. So will er eine Entwickler-Community aufbauen, die in Zukunft die Verantwortung für Ethereum mittragen kann. Buterin hofft, dass sich Ethereum bis dahin aus der rasanten Startphase in einen stabilen Zustand entwickelt hat.

Diese Phase könnte in etwa fünf Jahren erreicht sein, meint Buterin.
Dann wäre er noch nicht mal 30.