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Reddit-Historiker: Warum bombardierten die Alliierten nicht einfach die Auschwitz-Schienen?

Lehrreicher als viele Geschichtsstunden—danke, Reddit.

Theresa Locker

Theresa Locker

Die Schienen zum Eingang des Vernichtunglagers Auschwitz-Birkenau. Bild: Imago

Der freundliche Öko-Radikalo Papst Franziskus hat neulich der spanischen Zeitung La Vanguardia ein Interview gegeben. Darin äußert er sich zur unrühmlichen Rolle der katholischen Kirche zur Zeit der NS-Diktatur und nimmt den hochumstrittenen damaligen Papst Pius XII. (der sich ohne nennenswerten Widerstand als willfähriger Helfer Hitlers einspannen ließ) in Schutz. Soweit nicht überraschend—die beiden spielen schließlich im selben Verein. Viel interessanter ist aber, was er danach sagt:

„Ich will nicht behaupten, dass Pius keine Fehler gemacht hat—ich selbst mache auch viele— aber man muss seine Rolle im historischen Kontext sehen. (…) Manchmal bekomme ich eine Krise, wenn ich sehe, wie jeder immer gegen die Kirche angeht und die [Rolle anderer] Großmächte vergisst. Wussten Sie, dass sie [die Alliierten] das Eisenbahnschienennetz der Nazis kannten, das die Juden in die Konzentrationslager transportierte? Sie hatten die Bilder. Aber sie haben diese Schienen nicht bombardiert. Warum? Es wäre am besten, wenn wir ein bisschen mehr über das Gesamtbild reden könnten."

Was wussten die Alliierten über den Holocaust und warum haben sie nicht mehr getan, um ihn aufzuhalten?

Ein Bombardement der Schienen klingt zupackend, einfach und kosteneffektiv—wäre das Eisenbahnnetz zerstört worden, hätten schließlich auch keine Juden mehr zur Vernichtung in die Lager transportiert werden können, so scheint die Argumentation.

VICE: Die schwule Geschichte des Holocaust

Reddit-Historiker versuchen nun im Unterforum /r/AskHistorians einige der Fragen zu erläutern, die Papst Franziskus' Rede aufwirft: Was wussten die Alliierten über den Holocaust? Was taten sie, um ihn aufzuhalten? Und hätten sie die Schienen nicht unbenutzbar machen können, um das Massentöten aufzuhalten? Ihre Antworten sind sowohl lehrreich als auch fundiert und hochspannend:

Tatsächlich hatten die kleineren Bomber im 2. Weltkrieg einfach nicht die Reichweite und Ausstattung, um diesen taktischen Schachzug ohne weiteres bewerkstelligen zu können. Sie waren nicht dafür ausgelegt, um aus der Luft ein so punktuelles Ziel wie eine Schiene akkurat treffen zu können. Die meisten Bomben endeten irgendwo in der ungefähren Nähe ihres eigentlich anvisierten Ziels. Ganze Fabriken, sogar komplette Städte wurden verfehlt. Und erst in der Spätphase des Krieges konnten Bomben des Typs Grand Slam oder Tallboy effektiv ganze Brücken und Viadukte in Schutt und Asche legen.

Tatsächlich gab es von Seiten der Alliierten auch Bemühungen, das deutsche Eisenbahnnetz zu zerstören. Leider waren die Deutschen aber sehr geschickt darin, die Schienen schnell zu reparieren, falls doch mal etwas kaputt ging. Meist dauerte es nur ein paar Stunden, bis die Strecken wieder instand gesetzt wurden. Binnen maximal eines Tages, so schreibt User Domini_canes unter Berufung auf mehrere Quellen, konnten in den meisten Gebieten selbst nach einem Bombardement wieder Züge ungehindert passieren.

Touristen laufen auf den Schienen zum Eingang des ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz. Bild: imago

TheYellowClaw wirft die Frage auf, warum nicht eigentlich die Sowjets für diese Bombardierung zuständig waren, wo sich doch die meisten Konzentrationslager näher an der Ostgrenze Deutschlands befand, als dass sie von den britischen oder sonstigen Flugplätzen der Westalliierten zu erreichen gewesen wären. Die Antwort von vigil1 lautet: Die sowjetische Luftflotte sollte vor allem die Bodentruppen der Roten Armee unterstützen und versorgen. Ihre Bomber waren zu leicht gebaut, als dass sie mit genügend Munition hätten beladen werden können, um gegen das Jagdgeschwader 52 der NS-Luftwaffe etwas ausrichten zu können. Ungeschickterweise war gerade die Eliteeinheit der Luftwaffe mit über 10.000 bestätigten Tötungen aus der Luft nahe der Ostgrenze stationiert.

Die elitäre Ausstattung der Fliegerstaffel bedeutete auch, dass Nazi-Deutschland bei Tageslicht kaum bombardiert werden konnte—zumindest nicht ohne begleitende Fliegereskorte, sonst wären die Verluste auf alliierter Seite zu groß gewesen. (Das mussten zuerst die Briten, dann die USA schmerzlich erfahren).

Motherboard-Dokumentation: Das tragische Schicksal eines Veteranen des US-Drohnenkriegs

Wie unglaublich ineffizient die Bilanz der Bomber aus heutiger Sicht tatsächlich ausfällt, verdeutlicht eine kleine Aufrechnung von Redditor GTFErinyes: Es hätte 16 britische Flugzeuge des Typs B-17 gebraucht, um die Bombenladung eines einzigen B-52 aus den USA zu transportieren. Und noch ein Vergleich: Allein die erste Bombennacht der Operation Desert Storm im 1. Golfkrieg traf mehr Ziele als die gesamte Bomberoffensive 1942 und 1943.

Dass es verdammt schwierig gewesen sein muss, einen Zug in den 40er Jahren entgleisen zu lassen, zeigt dieser ebenfalls quälend langsame US-Militärtrainingsfilm:

Letztlich war selbst die flächendeckende Bombardierung deutscher Gebiete militärisch kein entscheidender Faktor in der Beendigung des Krieges. Das Rückgrat der Nazis wurde an der Ostfront gebrochen, wo 90% Prozent der Verluste in der Wehrmacht zu verzeichnen waren, wie TheYellowClaw anmerkt.

Um also die Schienen zu den Konzetrationslagern effektiv zerstören zu können, müssten sie wiederholt angegriffen werden, und das bedeutete, dass sich die Flieger in dieser Zeit keinen anderen Zielen widmen konnten. Es wäre nur unter enormem Einsatz möglich gewesen, hätten die Alliierten überhaupt von allem Schrecken gewusst, schließt Domini_canes. „Die Alliierten hätten einen riesigen Teil ihrer Bomber darauf verschwenden müssen, die Kosten wären explodiert. Und jeder Zwangsarbeiter mit einer Schaufel kann die Schienen binnen weniger Stunden wieder reparieren—die Operation hätte am nächsten Tag von vorn beginnen müssen."

Das brutal ehrliche Reddit-AMA einer 92-jährigen NS-Zeitzeugin

Wie dem auch sei: Vollkommen ahnungslos gegenüber dem Holocaust kann die internationale Gemeinschaft zumindest in der Spätphase des Krieges aber nicht mehr gewesen sein. Ein Beispiel: 1942 wandte sich der polnische Widerstandskämpfer und spätere Georgetown-Professor Jan Karski mit einem Eilbrief an die Vereinten Nationen. Sein Appell trug den unmissverständlichen Titel „Die Massenvernichtung der Juden im deutsch besetzten Polen" und beschrieb detailliert den unermesslichen Schrecken, den Karski (in falscher Uniform eingeschleust) in Konzentrationslagern und Ghettos gesehen hatte.

Karski trug seine warnenden Augenzeugenberichte ein Jahr später sowohl der polnischen Exilregierung in London als auch dem amerikanischen Präsidenten Roosevelt in einer persönlichen Audienz vor. Dieser jedoch ging kaum auf Karski ein: Die Befreiung der Lager hatte letztlich keine unmittelbare Priorität. Zuallererst sollte die Kriegsmaschinerie der Nazis aufgehalten werden. In diesem Interview für den Dokumentarfilm Shoah erinnert sich Karski an Roosevelts stoische Antwort: „Die Alliierten werden diesen Krieg gewinnen!"

Die hauptsächlichen Argumente zur unterlassenen Bombadierung der Lager und der Zufahrtswege bestätigt auch der Professor für Sozial- und Politikgeschichte Christoph Mauch von der Uni München in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Im Prinzip gab es ein einziges übergreifendes Kriegsziel, nämlich, den Krieg so schnell wie möglich zum Abschluss

Die hauptsächlichen Argumente zur unterlassenen Bombardierung der Lager und der Zufahrtswege bestätigt auch der Professor für Sozial- und Politikgeschichte Christoph Mauch von der Uni München in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Im Prinzip gab es ein einziges übergreifendes Kriegsziel, nämlich, den Krieg so schnell wie möglich zum Abschluss zum bringen. Die Konzentrationslager hatten die meisten Amerikaner eigentlich gar nicht auf dem Radar."

Ob die Bombardierung der Schienen angesichts der Hinweise auf die Verbrechen des Holocausts, die den Alliierten später also durchaus vorlagen, nicht zumindest hätte versucht werden müssen, ist eine andere Frage. Moralisch lässt sich das Dilemma auch auf der Grundlage der heutigen Informationen nur schwer bewerten.

Krautrock: Die Noisey-Doku über die musikalische Emanzipation von der deutschen NS-Geschichte

Der Reddit-Thread widmet sich noch weiteren hochspannenden Folgefragen, wie zum Beispiel: Was wusste der Vatikan über die Rattenlinie? Und: Welche zivilen Maßnahmen hätten die Alliierten ergreifen müssen, um das Massensterben zumindest einzudämmen? Wer Interesse hat, kann den kompletten Thread hier nachlesen.

Du brauchst kein Historiker sein, um dir einer schrecklichen Realität gewiss zu sein: Die mörderische Nazimaschine hätte schnell einen anderen Weg gefunden, um sich der Juden und angeblicher Staatsfeinde zu entledigen. Und dennoch: Dass die Menschheit das Morden so lange nicht aufhalten konnte, bleibt einer der größten Makel und quälendsten historischen Fakten des 20. Jahrhunderts.

Facebook-Vorschaubild: Wikimedia Commons, Ben Brooksbank, CC BY-SA 2.0