Was ich lernte, als ich mit einem echten Bauern Landwirtschafts-Simulator gezockt habe

Schmeißt die Diesel-Motoren an, wir fahren Traktor. Um mir die besten Pro-Tipps für das Spiel Landwirtschaftssimulator zu holen, bin ich auf einen echten Bauernhof gefahren.

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Aug. 2 2017, 12:33pm

Zu seinen Bossgegnern gehören Papierkram und Borkenkäfer: Jungbauer Christoph Ertl | Bild: Motherboard/Christian Alt

Der Landwirtschaftssimulator ist eins der erfolgreichsten Videospiele, die es überhaupt gibt. Die letzte Version, Landwirtschaftssimulator 2017, hat sich bislang auf allen Plattformen rund zwei Millionen Mal verkauft – das schaffen sonst nur Blockbuster wie Fallout oder andere Spiele, über die jeder spricht.

Über den Landwirtschaftssimulator spricht aber niemand. Hardcore-Gamer verstehen den Hype oft nicht, sie fragen sich: Wer kauft denn sowas? Denn statt fremde Welten zu entdecken oder Aliens den Kopf wegzuschießen, haben Fans des Landwirtschaftssimulators lediglich Bock auf Kartoffelernte.

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Die Fans halten trotzdem zusammen. Auf Youtube gibt es eine riesige Community von virtueller Bauern: Hier werden Mods getauscht, Düngemittel empfohlen, und echte Simulatoren in den Hobbykeller gebaut. Aber wie nah dran an der Wirklichkeit ist der Simulator eigentlich? Wir fragen nach bei einem echten Bauern.

Haus- und Hof-Besuch bei Christoph Ertl. Der ist zwar kein Gamer, aber dafür absoluter Landwirtschafts-Spezialist. Christoph ist Jungbauer, Mitte 20 und steht, seit er denken kann, auf dem Feld. Seine Eltern besitzen einen mittelgroßen Bauernhof in Schäftlarn, im Süden von München. Die Ertls machen den Job schon lange, seit 1700 wird hier
gewirtschaftet – 10 Generationen an Ertls, die pflügen und sähen, mähen und ernten.

Im Spiel und in Wirklichkeit: Traktor ist kompliziert

Als ich auf dem Hof ankomme, liegen draußen ein paar Dutzend Kälbchen faul in der Sonne rum, es riecht nach der guten Sorte Landluft. Der Hof besteht aus einem großen Wohnhaus und einem riesigen Stall – hier steht ein großer Traktor, ein paar Landmaschinen und jede Menge Heu. Massentierhaltung gibt es keine, die Kühe stehen den ganzen Tag friedlich auf der Wiese, und abends geht es in den geräumigen Stall zum Abmelken.

Chillende Großvieheinheiten | Bild: Motherboard/Christian Alt

Christoph freut sich über den Besuch: "Bei uns darf jeder gerne vorbeikommen. Es gibt so einen Jungen aus dem Dorf, der kommt gerne vorbei und hilft. Und wenn er dann zwei bis drei Tage da war, dann merkt er schon, dass das schlaucht."

Zum Glück müssen wir heute nur virtuell die Mistgabel schwingen. Wir starten das Spiel und stehen auf dem Hof, vor uns der Traktor Marke Fendt. Ich drücke E und der Traktor gibt ein wohliges Knattern von sich. Wie in einem Rennspiel tuckern wir über den Hof, aber einfach ist das alles nicht: Jede Funktion hat einen eigenen Knopf. Entsprechend rumpelig ist der Start: Wie koppelt man noch mal den Anhänger an? Wie lässt man das Mähwerk runter? Und wie bekomme ich das Zeug jetzt zum Verkaufen? Nach fünf peinlichen Minuten hab ich den Dreh raus und kann Christoph endlich die Spielwelt zeigen.

Virtuelle Hofbegehung: Multiplayer ist Pflicht

Der Hof im Landwirtschaftssimulator ist RIESIG. Hier gibt es alles: Vier Traktoren, jede erdenkliche Landmaschine, ein dutzend Felder, große Ställe, Waldstücke, sogar eine Imkerei. Eine halbe Stunde brauchen wir alleine, um den Hof auf dem sanft tuckernden Traktor zu umrunden. Der Landwirtschaftssimulator ist das Disneyland für Dorfkinder. "Das ist ein bisschen so, wie Landwirtschaft früher einmal war. Damals hat jeder noch alles gemacht, heute geht das nicht mehr."

Wichtig: Immer gerade Bahnen mähen, sonst bleibt Korn auf dem Feld | Bild: Screenshot, Astragon

Denn die großen Maschinen sind einfach zu teuer geworden. Auf Christophs Hof stehen eben nicht dutzende Maschinen rum, sondern nur ein paar. Falls die eigenen Geräte nicht reichen, dann ruft man einen Kollegen an, der dann mit seiner Mäh-, Säh- oder Was-auch-immer-Maschine vorbeikommt.

Landwirtschaft im Jahr 2017 bedeutet: Sich auf andere verlassen können und ein gutes Netzwerk haben. Alleine geht's nicht. Im Spiel gibt's dafür den Multiplayer. Ich kann mit meinen Freunden über die Felder cruisen, bis uns der Hafer sticht. Im Multiplayer macht der Simulator, der sich manchmal recht einsam anfühlen kann, noch mehr Spaß. Aber er ist nur ein nettes Add-On. Im echten Leben machen gute Freunde oder Kollegen, die mal aushelfen, den Unterschied zwischen Erfolg und Pleite.

Ein typischer Tag im Simulator: Mono(tonie)-Kultur

Ein typischer Tag von Christoph sieht so aus: Schon um 6:30 Uhr geht's in den Stall, dann werden Kühe gefüttert, gemolken, ausgemistet. Gegen 9 Uhr gibt es ein kurzes Frühstück, und den restlichen Tag verbringt er meistens auf dem Feld. Zehn bis zwölf Stunden dauern seine Tage. "Aber ich bin ja selbstständig, also wenn ich mal Urlaub machen will, dann kann ich das." Passiert das denn oft? "Nein."

They see me rollin' – mit meiner Vitasem-Saatgutmaschine | Bild: Screenshot, Astragon

Landwirtschaft ist ein Knochenjob. Und wenn die Arbeit nicht anstrengend ist, dann ist sie monoton. In Erntezeiten sitzt Christoph zehn Stunden am Tag auf dem Traktor und fährt von A nach B. Das sieht mit modernen Traktoren fast so aus wie im Simulator, nervt aber trotzdem: "Du kannst ja mal versuchen, zehn Stunden nur WASD zu drücken und dabei keinen Fehler zu machen. Das ist schon anstrengend."

Wir versuchen den Arbeitstag im Simulator nachzubauen, fahren mit dem Fendt herum, mähen ein ganzes Feld ab und bringen die Körner zum Verkauf. Mühsam richten wir den Stutzen des Mähdreschers auf einen Hänger aus und lassen dann die Körner in den Hänger rieseln. Den fahren wir dann zum Großhandel, kippen alles in ein riesiges Loch und zack: Wir sind 5000 Euro reicher.


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Im echten Leben dauert das einen ganzen Tag, im Spiel sind nur ein paar Stunden vergangen. Also weiter: Wir schaffen uns Kühe an, kümmern uns um den Stall und füttern sie. Die Kühe, ich habe sie Ilsebill und Mitzi gekauft, kosten jeweils 2500 Euro und werden nicht in einem Stall ausgesucht, sondern in einem kahlen Menü. Transportieren müssen wir sie nicht, sie werden einfach in den Stall teleportiert. Praktisch. Auch die Stallarbeit geht eigentlich vollautomatisch – die Kühe gehen selbstständig in den Melkroboter, wo sie gefüttert werden.

Ilsebil hat echten Kühen gegenüber viele Vorteile – wie die Melkautomatik | Bild: Screenshot, Astragon

Und es ist immer noch nicht Feierabend. Wir müssen noch mehr Zeit totschlagen: Wir pflügen das eben geerntete Feld und säen gleichzeitig neuen Weizen aus. Es ist gerade mal Mittag. Wenn das echte Leben auch so wäre, dann hätte Christoph keinen Vollzeitjob, sondern nur ein Hobby.

"Wenn ich Getreide verkaufe, dann weiß ich nie, wie viel ich dafür bekomme."

Geld verdienen im Landwirtschaftssimulator ist erschreckend einfach: Ich lasse Getreide wachsen, dann setz ich mich auf den Ernter, farme alles ab, bringe es zum Händler, kippe alles ins Lager und zack, fertig: mehrere tausend Euro auf dem Konto. In Wirklichkeit ist das gar nicht so einfach: "Wenn ich Getreide verkaufe, dann weiß ich nie, wie viel ich dafür bekomme. Ich weiß nie, wie viel am Ende des Monats auf meinem Konto landet." Das eine Superkraut, das zehn Mal mehr Geld einbringt als alle anderen, das gibt es nicht. Und selbst wenn Christoph auf ein anderes Saatgut umstellen will, dauert so etwas ein bisschen.

Ich versuche mit dem Rohr den Hänger zu treffen | Bild: Screenshot, Astragon

Das Leben als echter Bauer ist geprägt von Unsicherheiten, selbst große Betriebe sind vor Misserfolg nicht gefeit: "So große Höfe wie den im Spiel, die gibt's schon. Meistens im Osten Deutschlands, wo es viel zusammenhängende Fläche gibt. Aber auch die haben es nicht leicht. Neulich hat ein Betrieb mit 2500 Kühen dichtgemacht. Konnte die Mitarbeiter nicht mehr zahlen."

Von Großvieheinheiten bis Düngemittelverordnung: Bürokratiesimulator 2017

Der Landwirtschaftssimulator ist natürlich kein perfekter Simulator, sondern immer noch ein Spiel. Wäre er wirklich ein Simulator, dann gäbe es hier auch den ganzen unangenehmen Mist, mit dem man sich als Bauer so rumschlagen muss: jede Menge Bürokratie. Ein Beispiel: Auf dem Hof von Christoph stehen 80 Kühe rum – oder wie es im Beamtendeutsch heißt: Großvieheinheiten. Diese Großvieheinheiten muss man anmelden. Hätte er jetzt noch vier Hühner auf dem Hof rumlaufen, dann wären das 0,04 Großvieheinheiten extra.

Dieses Beamtendeutsch muss man drauf haben, um heutzutage Bauer zu sein, das merke ich schnell. Denn lukrativ ist Landwirtschaft nur, wenn man Subventionen bekommt. Und die gibt es eben nur auf Antrag. Düngemittelverordnung, Flächennutzungsplan, Agrarstrukturerhebung. Im Landwirtschaftssimulator bleibt man von solchen Wortmonstern verschont.

Keine Bürokratie, nur Traktor: Die Fantasiewelt des Landwirtschaftssimulators | Bild: Screenshot, Motherboard

Während wir reden, ist Christophs Bruder draußen damit beschäftigt, große Holzscheite auf einen Hänger zu laden. Holzwirtschaft macht Christoph auch, weil sich Milchwirtschaft immer weniger lohnt. "Gerade hab ich sehr viel zu tun, wegen dem Borkenkäferbefall. Ich bin den halben Tag nur am Holz machen." Borkenkäfer, Pilzbefall, Ernteausfälle – auch das gibt es natürlich nicht im Simulator. Im Vergleich zu echter Landwirtschaft spielt sich der Simulator fast von alleine, egal was man hier macht, reich wird man immer. Im echten Leben hat man nicht das Ziel, reich zu werden, sondern den Hof zu behalten.

Nach einer Stunde klappe ich den Laptop zu – es reicht jetzt mit dem virtuellen Traktorfahren. Wir gehen raus, streicheln ein bisschen die Kälbchen und schauen uns die Landmaschinen an. Ich frage Christoph, was er heute noch macht, als er anfängt zu grinsen. "Urlaub".