Wie "Kopfgeldjäger" das Schiff der rechtsextremen "Identitären Bewegung" finanzieren

Ohne die rechte Crowdfunding-Plattform WeSearchr könnte die IB ihre Anti-Flüchtlings-Aktion im Mittelmeer kaum finanzieren. Doch wer steckt hinter der Seite?

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10 August 2017, 1:50pm

Bild: Screenshot WeSearchr

Europa retten, "Illegale" stoppen, das Sterben auf hoher See beenden – unter diesem Motto tuckert derzeit eine Handvoll rechter Aktivisten auf einem Boot durch das Mittelmeer. Dabei hat es die hinter der Aktion "Defend Europe" stehende "Identitäre Bewegung" (IB) vor allem auf die Rettungsschiffe der NGOs abgesehen, die in Seenot geratene Flüchtlinge aus dem Wasser fischen.

Denn mit dem Aufsammeln der Schiffbrüchigen würden die NGOs nur dem afrikanischen Schlepperwesen helfen und sich damit an der "Invasion" Europas durch Migranten mitschuldig machen, argumentiert die IB. Den "kriminellen Schlepper-Wahnsinn beenden", lautet daher eines der Kernanliegen der rechten Seemannstruppe.

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Die Aktion im Mittelmeer hat sogar Rechte aus den USA auf den Plan gerufen. Auf der Crowdfunding-Plattform WeSeachr.com hat die IB für ihr Projekt bislang umgerechnet knapp 180.000 Euro eingesammelt. Die Summe setzt sich maßgeblich aus Kleinspenden zusammen. Die höchste Einzelspende betrug 2.500 Euro, der anonyme Spender kommentierte dazu "god save the trip" – "Gott beschütze die Reise".

Wer steht hinter WeSearchr?

WeSeachr ist laut eigenen Angaben eine Crowdfunding-Plattform, auf der politische Themen und Fragestellungen von "journalistischer Relevanz" von der Community finanziert werden können. Gegründet wurde die Plattform von dem Aktivisten und Journalisten Charles C. Johnson. Er steht der amerikanischen Alt-Right-Bewegung nahe, unter der verschiedene rechte und konservative Strömungen zusammengefasst werden.

Auf der Plattform können Nutzer einen "Bounty", also ein Kopfgeld, hochladen: Sie stellen eine Frage in der Hoffnung, aus der Community eine zufriedenstellende Antwort zu erhalten. Durch Spenden wird die Relevanz der jeweiligen Frage erhöht und damit wiederum der Anreiz für den potentiellen Antwortgeber. Wer eine Frage löst, bekommt den Löwenanteil der eingesammelten Spenden.

So lautet zumindest die Idee laut den FAQ auf der Seite. Tatsächlich ist die Plattform übersäht mit Aufrufen, rechte Projekte zu finanzieren oder Kameraden bei ihren Alltagsproblemen zu helfen. Etwa dem nationalistischen Twitterer "Based Stick Man" die Prozesskosten zu erstatten, weil er laut Aufruf einem Antifa-Aktivisten mit dem Stock auf den Kopf geschlagen hat und nun verklagt wird.

Bild: Screenshot WeSearchr

Auch bei den anderen Vorhaben ist der vorgeblich angestrebte "journalistische Wert" der Beiträge mehr als zweifelhaft, etwa wenn linke Demonstranten an den Pranger gestellt werden ("Gebt diesem einheimischen Terroristen einen Namen") oder das Oeuvre eines Alt-Right-Künstlers ("Make Art Great Again") finanziert werden soll.

Die fremdenfeindliche Mittelmeer-Mission ist der größte Crowdfunding-Erfolg auf WeSearchr

Die aktuell beliebteste Kampagne auf der US-Plattform ist jedoch keine inneramerikanische Angelegenheit, sondern das "Defend Europe"-Projekt der "Identitären Bewegung". Auf der Plattform bewirbt die IB ihre Bootstour damit, Europa vor der "Invasion illegaler Immigranten" schützen zu wollen und zugleich das massenhafte Sterben auf dem Mittelmeer zu beenden. Europa retten, Flüchtlingssterben beenden – für die Volksgenossen der IB zwei Seiten derselben Medaille.

Auch der libyschen Küstenwache wolle man unter die Arme greifen, Informationen über NGO-Boote zur Verfügung stellen und "eingreifen, wenn etwas Illegales passiert". Dazu muss man wissen: Die libysche Küstenwache ist in der Vergangenheit mehrfach für ihre unmenschliche Behandlung und Folter von Flüchtlingen sowie ihrer Verwicklung in den Menschenhandel kritisiert worden.

Dass das europäische Projekt auch in rechten US-Kreisen Widerhall findet, dafür sorgten prominente Alt-Right-Figuren in den sozialen Medien. So hatte der rechte US-Aktivist und Ex-Ku-Klux-Klan-Mitglied David Duke bereits Ende Juni auf Twitter dazu aufgerufen, die rechte Seereise mit Spenden zu unterstützen. Auch die rechtskonservative Nachrichtenseite Breitbart News und die populäre Alt-Right-YouTuberin Lauren Southern trommelten eifrig für die Aktion.

Wie eng ist die Verbindung der amerikanischen Alt-Right und der deutschen Neuen Rechten?

Dass die identitären Zeit-Matrosen eine derart große finanzielle Unterstützung der amerikanischen Alt-Right erhalten haben, dürfte angesichts bisheriger Entwicklungen erstaunen. Denn die Schützenhilfe aus dem Mutterland der Alt-Right-Bewegung war bislang eher ideeller Natur. So verkündete der antisemitische US-Hacker und 4chan-Aktivist Andrew Auernheimer im April, rechte Kräfte in Deutschland mit Blick auf die Bundestagswahl unterstützen zu wollen. Gegenüber dem Magazin Politico sagte Auernheimer aka "Weev", die Erfahrungen aus dem Pro-Trump-Wahlkampf zu nutzen und sogar eigene Teams in Deutschland auf den "Meme-Krieg" vorzubereiten. Davon war bislang jedoch wenig zu spüren.

Auch andere Kontaktpunkte zwischen amerikanischer Alt-Right und deutscher Neuen Rechten waren bis dato eher sporadisch. Ein Buch des Alt-Right-Aktivisten Jack Donovan ("Der Weg der Männer") wurde im Verlag von Götz Kubitschek veröffentlicht, einer Schlüsselfigur der deutschen Neuen Rechten. Anfang des Jahres folgte der Paukenschlag des Leib- und Magenblattes der Alt-Right: Breitbart News verkündete, nach Deutschland expandieren zu wollen. Doch wenig später wurden die Pläne gecancelt.

Die finanzielle Unterstützung über umgerechnet knapp 180.000 Euro dürfte eine neue Qualität im rechten Transatlantik-Bündnis darstellen. Dass eine derartige Summe auf einer US-Plattform für ein europäisches Projekt zustande kommt, dazu auf Crowdfunding-Basis, dürften wohl die Fundraiser selbst überrascht haben. "Absolutely amazing", schreibt sich die Truppe in einem ihrer Updates auf der Plattform.

Obwohl die Deadline des Aufrufs bereits vor knapp 27 Tagen auslief, sammelt die Kampagne weiter Spenden ein.