Steam lässt hasserfüllten Neonazi-Gruppen freien Lauf

Schon wenige Suchbegriffe verraten uns: Auf der weltgrößten Spiele-Plattform tummeln sich tausende rassistische, antisemitische und homophobe Gruppen.

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Okt. 20 2017, 1:06pm

Bild: shutterstock | g0d4ather

Steam ist die weltweit größte Plattform für Videospiel-Downloads – und extrem unübersichtlich. Damit sich die 125 Millionen Nutzer im Chaos besser zurechtfinden, führte der Betreiber Valve 2014 ein neues Feature ein: die Steam-Kuratoren.

Mit Hilfe dieser Funktion können Nutzergruppen oder einzelne Nutzer Videospiele weiterempfehlen. Motherboard könnte beispielsweise eine Steam Kuratoren-Seite erstellen, auf der wir Spiele auflisten, von denen wir denken, dass sie unseren Lesern gefallen könnten.

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Um diese Funktion zu bewerben und Steam-Nutzern neue Spiele vorzustellen, präsentiert Steam momentan jeweils sechs wechselnde Kuratoren auf seiner Startseite. Am Dienstag postete Joe Parlock, Chefredakteur der Games-Seite Let's Play Video Games, einen Screenshot von seiner Steam-Startseite auf Twitter. Unter den sechs ausgewählten Steam-Kuratoren befand sich auch eine Seite namens "dank memes for faggots". Über das homophobe Schimpfwort "faggot" auf Steams Startseite war Parlock sichtlich irritiert.

Auf unsere Anfrage, wie ausgerechnet dieser Steam-Kurator auf der Startseite des Stores landen konnte, hat Valve bisher nicht reagiert.

Aufgrund seiner großen Nutzerzahlen hat Steam einen großen Einfluss auf die Gaming-Szene. Dass auf seiner Startseite also eine homophobe Beleidigung prangt, sieht für den Spielegiganten nicht gerade elegant aus. Bedenkt man jedoch, wie viele Millionen Menschen Steam nutzen und mit eigenen Inhalten füllen, wirkt dieser Ausrutscher gar nicht mehr so verwunderlich. Allerdings hat Valve sowieso schon den Ruf, die Inhalte auf seinen Seiten weitestgehend unmoderiert zu lassen. Dabei zeigt nicht nur das "faggot"-Beispiel, dass Valve diese Policy mal dringend überdenken sollte.

Denn was Parlock auf seiner Startseite entdeckte, war offenbar nur die Spitze eines sehr hässlichen Eisbergs. Tippt man die Schlagworte "Nazi", "Jew" und "Trump" in die Suchleiste der Steam-Kuratoren ein, findet man Gruppen, in denen es von diskriminierenden Ausdrücken, antisemitischen Karikaturen und Hakenkreuzen nur so wimmelt:

Screenshot Steam
Screenshot Steam
Screenshot Steam
Screenshot Steam

Auf unsere Anfrage, warum auf der Steam-Plattform so viele rassistische, homophobe und antisemitische Kuratoren, Gruppen und Inhalte zu finden sind, erhielten wir von Valve ebenfalls keine Antwort.

Die Nummern neben dem Kuratoren-Namen zeigen an, wie viele Leute der jeweiligen Seite folgen. Wie man sieht, haben die oben gezeigten Gruppen allesamt eine recht kleine Anhängerzahl. Außerdem scheint es eine große Anzahl an Gruppen zu geben, die die rassistischen Äußerungen als eine Art Scherz verstehen oder dies zumindest behaupten – ein aktueller Trend unter Steam-Gamern.


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Nutzer können auf Steam auch Gruppen erstellen, in denen sich Gamer mit ähnlichen Interessen und Vorlieben austauschen können. Wenn man die Steam-Gruppen nach dem Schlagwort "Nazi" durchsucht, stößt man auf Gruppen, die ganz und gar nicht scherzhaft wirken. In der Beschreibung der Steam-Gruppe "Nationalsozíalismus -Neo-Nazis-" steht beispielsweise: "Group for all Neo-Nazis and White Supermacists…Fuck jews. Fuck Blacks. Fuck Islam." Das Logo der Gruppe ist ein Reichsadler mit Hakenkreuz.

Screenshot Steam

Die Gruppe "┼NAZI" bringt es mit dem SS-Logo als Gruppenbild und ohne Beschreibung auf 104 Mitglieder. Da die Suche nach dem Schlagwort "Nazi" 7.897 Ergebnisse bringt, würde es wohl mehrere Woche dauern, alle Gruppen einzeln durchzugehen. Sucht man nach dem N-Wort, erhält man 4.520 Ergebnisse.

Als wir die Steam-Gruppen nach dem Begriff "white power" durchsuchten, stießen wir auf eine Gruppe namens "Power to Whites", also "Macht den Weißen", die 85 Mitglieder zählt und ein Hakenkreuz als Symbolbild trägt. Das selbsterklärte Ziel der Gruppe ist es laut Beschreibung, "Juden, Krüppel, Schwule und Schwarze" zu töten.

Screenshot Steam

Am Ende der Beschreibung steht der Satz "Wenn du glaubst, dass diese Gruppe ernst gemeint ist" mit einem Link, der zu einer Wiki-Anleitung für das Knüpfen einer Schlinge führt.

Eigentlich positioniert sich Valve in seinen eigenen "Richtlinien für Nutzerinhalte" ganz klar gegen Hass und Gewalt. Hier steht, dass Nutzer andere Mitglieder nicht beleidigen dürfen und dass Inhalte weder "Rassismus" noch "Diskriminierung" enthalten dürfen. Offensichtlich ist Valve jedoch nicht in der Lage, die Einhaltung dieser selbst vorgegebenen Regeln auch durchzusetzen.

Das kommt nicht sehr überraschend, wenn man bedenkt, dass Valve dafür bekannt ist, kaum auf Steam zu intervenieren. In den letzten Jahren haben wir mehrfach über den unterirdischen Kundenservice auf der Plattform berichtet und über Valves fruchtlose Versuche, Ordnung in den unübersichtlichen Steam Store zu bringen.

Valve zeigte sich ebenfalls machtlos dagegen, dass Gamer Spielehersteller im Steam-Forum mit negativen Spielkritiken regelrecht bombardieren, ein Vorgehen, das auf Englisch als "review bombing" bezeichnet wird. Die Firma kündigte in der Vergangenheit an, mehr Mitarbeiter einstellen zu wollen, um ihren Kundenservice zu verbessern. Doch die Verbesserungen, die Valve tatsächlich umsetzt, stützen sich meist auf neue Algorithmen oder die Interaktion des automatisierten Systems mit der Community.

Unseren Informationen zufolge beschäftigt Valve momentan gerade mal 360 Mitarbeiter. Diese betreiben nicht nur die Steam-Plattform, sondern entwickeln auch Spiele und arbeiten an der Entwicklung und Umsetzung neuer Projekte wie SteamVR.

Es ist nicht ganz klar, wie Valve momentan die riesige Aufgabe bewältigt, eine Community von über 125 Millionen zu moderieren. Auf der Unternehmensseite heißt es vage, dass "große Teile der Steam-Community aus einer Kombination von offiziellen Valve-Mitarbeitern, Community-Moderatoren und Vertretern der Spieleentwickler und -herausgebern moderiert werden". So viel ist jedoch offensichtlich: Mit dem jetzigen System wird Valve seiner verantwortungsvollen Rolle nicht gerecht.